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August Strindberg: Am Meer - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorAugust Strindberg
titleAm Meer
publisherInsel-Verlag
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080303
projectid39c360a5
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Zweites Kapitel

Als der Inspektor nach einem schweren, todesähnlichen Schlaf, eine Folge der Anstrengungen des vorhergehenden Tages und der starken Seeluft, am Morgen erwachte und über die Bettdecke hinweglugte, überraschte ihn zuerst eine rätselhafte Stille, die ihm gestattete, kleine Laute aufzufangen, die er sonst nie zu beachten pflegte. Er hörte selbst die leiseste Bewegung in dem Bettuch, wenn es sich bei seinem Atemzug hob, er hörte das Reiben des Haares gegen den Kissenbezug, den Pulsschlag in der Halsader, des wackelnden Bettes schwache Wiederholung seines Herzschlages. Er hörte die Stille, denn der Wind hatte sich jetzt ganz gelegt, und nur der Schlag der Dünung gegen die in den Aushöhlungen des Strandes zusammengepreßte Luft ertönte jede halbe Minute von neuem. Von dem Bett aus, das gerade vor dem Fenster stand, sah er in der untersten Fensterscheibe etwas Blaues, blauer als die Luft; es bewegte sich leise auf ihn zu, als wolle es durch das Fenster kommen und das Zimmer überschwemmen. Er wußte, daß es das Meer war, aber es kam ihm so klein vor und erhob sich wie eine lotrechte Wand, statt sich auszubreiten wie eine wagerechte Fläche, denn die langen, voll von der Sonne beleuchteten Dünungen riefen keine Schatten hervor, aus denen sich das Auge ein perspektivisches Bild gestalten konnte.

Er stand auf, zog einige Kleidungsstücke an und öffnete das Fenster. Die rauhe, feuchte Luft in der Kammer fuhr hinaus, und von der See her strömte eine warme Treibhausluft herein, die mehrere Stunden lang von der strahlenden Maisonne erwärmt worden war. Unter dem Fenster erblickte er herabgestürzte zerrissene Steinmassen, in deren Spalten kleine staubige Schneewehen lagen, neben denen weiße Gänseblümchen, gut beschützt von einem Mooslager, blühten, und bescheidene Stiefmütterchen mit des Hungers gelbem und der Kälte blauviolettem Aussehen die armseligen Farben ihres armseligen Landes bei der ersten Lenzsonne hißten. Weiter unten kroch das Heidekraut, und das Moosbeergestrüpp guckte über die Abhänge hinweg, unterhalb welcher eine Schicht weißen Sandes lag, das die See pulverisiert hatte und in die vereinzelte Pflanzen von Dünengras hineingesteckt waren. Dann kam der Tanggürtel wie eine dunkle Schärpe oder ein Rocksaum auf dem weißen Sand, ganz oben fast kohlschwarz von vorjährigem Tang, mit trockenen Tannenzweigen und Fischgräten, und an der Wasserkante schmutzigbraun von den letzten frischen Tangpflanzen, die, gekräuselt und knotig, Chenillen an der Garnierung bildeten. Und drinnen auf dem Strandweg lag der Wipfel einer Tanne, ohne Rinde, geschunden, vom Sande abgeschliffen, vom Wasser durchwaschen, vom Winde poliert, von der Sonne gebleicht, dem Brustkasten eines skelettierten Mammuts gleichend. Rings um diese Baumleiche herum ein ganzes osteologisches Museum von ähnlichen Skeletten oder Bruchstücken solcher. Hier lag ein angetriebener Pricken, der Jahre hindurch Wegweiser an der Einfahrt gewesen war und nun mit dem dicken Unterteil aussah wie der Schenkelknochen einer Giraffe mit dem Hüftbecken; hier lag ein ganzer Busch wie der Kadaver einer ertränkten Katze, die weiße, dünne Wurzel als Schwanzknochen von sich gestreckt. Außerhalb des Strandes lagen Riffe und Klippen, den einen Augenblick naß im Sonnenschein glänzend, um im nächsten von den Dünungen ertränkt zu werden, die mit einem Plumps über sie hingingen oder, wenn es ihnen an der erforderlichen Kraft gebrach, zerschellten und einen Wasserfall von Schaum kerzengerade in die Luft hinaufwarfen.

Weiter hinaus lag das Meer blank und still, da kam man auf das große Flach hinaus, wie die Schiffer es nannten, und jetzt in den Morgenstunden streckte sich das Meer aus wie ein blaues Tuch ohne Falten, aber wogend wie eine Flagge. Diese große runde Fläche würde ermüdend gewirkt haben, wenn nicht außerhalb der Sandbank eine rote Boje verankert gelegen hätte, die wie das Siegel auf einem Brief wirkte und die einförmige Fläche belebte.

Dies war das Meer, freilich nichts Neues für Inspektor Borg, der verschiedene Teile der Welt gesehen hatte, aber es war das öde Meer und gleichsam in einem »Untervieraugen« gesehen. Es beängstigte nicht wie der Wald mit seinen dunklen Verstecken, sondern wirkte beruhigend wie ein offnes, großes, blaues, treues Auge. Alles konnte auf einmal übersehen werden, hier war kein Hinterhalt, hier gab es keine Schlupfwinkel. Es schmeichelte dem Beschauer, wenn er diesen Rundkreis um sich sah, wo er stets selbst der Mittelpunkt blieb, welchen Platz er auch einnahm. Die große Wasserfläche war gleichsam eine verkörperte Ausstrahlung vom Beschauer, der, solange er an Land stand, sich dieser ungefährlichen Macht vertraut fühlte, überlegen ihren mächtigen Kraftmitteln gegenüber, die ihn jetzt nicht mehr treffen konnten. Als er sich der Lebensgefahren erinnerte, die er am vorhergehenden Abend ausgestanden, der Angst, des Zornes, die er durchgemacht hatte im Kampf mit einem brutalen Feind, den zu überlisten ihm doch gelungen war, lachte er edelmütig nach dem Besiegten hinaus, der nur ein blindes Werkzeug im Dienste des Windes gewesen war und sich jetzt ausruhend im Sonnenschein streckte.

Dies war Österskär, das klassische, weil es seine alte Geschichte hat, seine Blüte- und Verfallperiode; das alte Österskär, das im Mittelalter ein großes Fischerdorf gewesen, bekannt für seine wichtige Strömlingfischerei, und das seine eigenen Gildenabzeichen hatte, die noch aufbewahrt werden.

Der Strömling hat für Oberschweden und Norrland dieselbe Aufgabe gehabt wie der Hering für die Westküste von Schweden und für Norwegen, und ist nichts weiter als eine Heringsart, die den kleinen Verhältnissen der Ostsee angepaßt und ihr Produkt ist. Begehrt, wenn der Hering knapp und teuer, und Gegenstand weniger lebhafter Nachfrage, wenn der Heringsfang reichlich war, hat er lange die Winternahrung Mittelschwedens gebildet, und zwar in dem Maße, daß man in einem Liede noch das Klagelied der von Königin Christine ins Land gerufenen Franzosen über das ewige Flachbrot und den unendlichen Strömling finden kann. Vor einem Menschenalter lohnten die großen Grundbesitzer ihre Fronbauern mit Heringen, als aber der Heringsfang abnahm, wurde die Naturallieferung Hering in gesalzenen Strömling verändert. Die Preise stiegen, und die Fischerei, die früher nur mäßig zum Hausbedarf betrieben worden war, nahm den heftigen Charakter der Spekulation an. Die Fischgründe bei Österskär wurden allmählich in großem Maßstabe ausgebeutet; die Fische wurden in ihrer Laichzeit beunruhigt, die Maschen der Netze wurden enger und enger, und die natürliche Folge hiervon war, daß die Fischerei schlechter wurde, nicht so sehr, weil der Fisch gefangen wurde, als weil er aus den gewöhnlichen Laichplätzen nach der Tiefe hinaus flüchtete, wo die Fischer noch nicht gedacht hatten, den Fliehenden aufzusuchen.

Lange zerbrachen sich die Gelehrten die Köpfe mit der Untersuchung über die Ursache der Abnahme der Strömlingfischerei, bis die Landwirtschaftliche Hochschule durch Ernennung kundiger Fischereikonsulenten oder Inspektoren die Initiative ergriffen, sowohl die Ursachen zu den veränderten Verhältnissen ausfindig zu machen, als auch die Mittel zu finden, wie dem Schaden abzuhelfen sei.

Dies war der Hauptzweck von Inspektor Borgs Sendung nach Österskär, wo er den Sommer über bleiben sollte. Der Platz gehörte nicht zu den lebhaftesten, denn die Schäre liegt nicht an einer der Haupteinfahrten nach Stockholm. Von Süden gehen die großen Schiffe gewöhnlich durch die Landsortschären, vorüber an Dalarö und Vaxholm; von Osten, und mit gewissen Winden auch von Süden, nimmt die Schiffahrt den Kurs durch das Sandhamn-Vaxholmfahrwasser; und von Norrland wie von Finnland aus dringen die Kauffahrteischiffe durch Furusund-Vaxholm ein.

Die Fahrt an Österskär vorbei ist ein Weg, der nur im Notfalle benutzt wird, hauptsächlich von Estländern, die in der Regel aus Südosten kommen, und von andern, die infolge von Wind, Strömung oder Sturm nicht nach Landsort oder Sandhamn hineingelangen können. Das Fischerdorf ist daher nur mit einer Zollstation dritter Klasse unter einem Kontrolleur und mit einer Lotsenabteilung versehen, und beide Institutionen unterstehen Dalarö.

Hier ist das Ende der Welt, stumm, still, verlassen, ausgenommen zur Fischereizeit im Frühling und im Herbst; und kommt im Laufe des Sommers einmal eine vereinzelte Lustjacht da hinaus, so wird sie wie eine Offenbarung aus einer lichteren und froheren Welt begrüßt. Fischereiinspektor Borg aber, der zu anderen Zwecken dahinaus gekommen war, um zu »schnüffeln«, wie die Bevölkerung es nannte, wurde mit einer auffallenden Kälte empfangen, die sich zuerst durch die Gleichgültigkeit am vorhergehenden Abend zu erkennen gab, und sich nun in Form des elenden, eiskalten Kaffees offenbarte, der ihm in sein Zimmer gebracht wurde.

Obwohl im Besitz eines stark entwickelten Geschmacksinns, hatte er sich zugleich durch fortgesetzte Übung die Fähigkeit erworben, unangenehme Gefühle zu unterdrücken. Er goß daher, ohne eine Miene zu verziehen, den unschmackhaften Trunk herunter und ging darauf hinab, um die Umgebung in Augenschein zu nehmen und die Bevölkerung zu begrüßen.

Als er an der Küche des Zollassistenten vorüberkam, wurde es still da drinnen, und die Bewohner schienen sich den Anschein geben zu wollen, als seien sie nicht zu Hause, sie schlossen die Türen und brachen die Unterhaltung ab, um nicht bemerkt zu werden.

Mit dem unangenehmen Eindruck, unwillkommen zu sein, setzte Borg seinen Spaziergang auf die Insel hinaus fort und kam an den Hafen. Hier lag eine Gruppe kleiner Hütten von einfachster Bauart, gleichsam aufgestapelte und zusammengeschrapte Steinbrocken, hier und da mit ein wenig rotem Mauerwerk überkleistert; nur der Schornstein ragte, aus Ziegelsteinen gebaut, über der Brandmauer auf; an einer Ecke war ein Bretterschuppen angebaut, an einer andern nur ein Unterschlupf aus Latten und Reisig, als Koben für die Schweine bestimmt, die während der Fischereizeit zum Mästen hier herausgebracht wurden. Die Fenster waren anscheinend Schiffwracks entnommen und das Dach mit allem möglichen gedeckt, das Regen aufsaugen oder abwehren konnte: mit Tang, Riedgras, Moos, Grassoden und Erde. Das waren die Herbergen, die jetzt leerstanden, die sonst aber ein paar Dutzend Gäste zu behausen pflegten, wenn die große Fischerei begann, zu welcher Zeit jede Hütte eine Winkelschenke war.

Vor der ansehnlichsten dieser Baracken stand der Großbürger der Insel, Fischer Öman, und klopfte ein Flundernetz mit einer Weidengerte aus. Da er in keiner Weise zu den Untergebenen des Fischereiinspektors gerechnet werden konnte, sich aber dennoch durch seine Nähe bedrückt fühlte, setzte er sich in Verteidigungsstellung und bereitete sich vor, scharfe Antworten zu geben.

»Ist der Fang gut?« begrüßte ihn der Inspektor.

»Noch nicht, aber es wird wohl besser werden, nu, wo die Regierung die Sache mit in die Hand nimmt«, antwortete Öman ziemlich unhöflich.

»Wo liegen die Strömlingsgründe?« fragte der Inspektor, indem er die Regierung ihrem Schicksal überließ.

»Ja, sehen Sie, wir glaubten ja nu, daß der Herr Inspektor darüber besser Bescheid wüßt' als wir, weil er dafür bezahlt wird, daß er uns das lernt« – meinte Öman.

»Siehst du, ihr wißt bloß, wo die Gründe liegen, aber ich weiß, wo der Strömling steht, und das ist gar nicht so wenig mehr.«

»Ach so!« spottete Öman, »wir soll'n am Ende auf See gehen, um Fische zu kriegen! – Ja, so is es, der Mensch muß lernen, solange wie er lebt!«

Seine Frau kam jetzt aus der Hütte und begann eine lebhafte Unterhaltung mit dem Mann, so daß der Inspektor es nicht geeignet fand, die Unterhandlungen mit dem feindlichen Fischer wieder aufzunehmen, sondern seine Wanderung nach dem Hafen hinab fortsetzte.

Hier saßen einige Lotsen auf der Brücke und gaben sich das Aussehen, als seien sie von einer sehr eifrigen Unterhaltung in Anspruch genommen; niemand zeigte Lust zu grüßen.

Der Inspektor wollte nicht umkehren, sondern setzte seine Wanderung am Strande entlang fort. Es währte nicht lange, bis der bewohnte Teil der Insel ein Ende nahm, und dann lag nur die kahle Schäre vor ihm da, öde, ohne einen Baum, ohne einen Busch, denn alles, was vom Feuer verzehrt werden konnte, war abgebrannt. Er ging hart unten am Wasser, zuweilen in feinem, weichem Sand, zuweilen auf Steinen, und nachdem er eine Stunde gewandert war, beständig nach rechts zu, befand er sich wieder an der Stelle, von der er ausgegangen war, und nun überkam ihn plötzlich das Gefühl, eingesperrt zu sein. Der Höhenzug der kleinen Insel bedrückte ihn, und der kreisförmige Horizont des Meeres schnürte ihn zusammen. Das alte Gefühl, nicht Platz genug bekommen zu können, überkam ihn, und dann kletterte er die Klippenböschung hinan, bis er den höchsten Punkt erreichte, der wohl an hundert Meter über der Meeresfläche lag. Dort legte er sich auf den Rücken und starrte in den Himmelsraum hinauf. Jetzt, wo das Auge nichts mehr aufzufangen vermochte, weder vom Lande noch vom Meer, sondern nur die blaue Kuppel über sich sah, jetzt fühlte er sich frei, isoliert wie ein kosmisches Bruchstück, im Äther schwebend, nur den Gesetzen der Schwerkraft gehorchend. Es war ihm, als sei er völlig allein auf dem Erdball, als sei die Erde nur ein Wagen, auf dem er die Erdbahn durchfuhr, und er hörte in dem schwachen Sausen des Windes nur den Luftdruck, den die Fahrt des Planeten durch den Äther hervorrufen mußte, und in dem Lärm der Wellen nur das Plätschern, in das die Flüssigkeit geraten mußte, wenn der große Wasserbehälter sich um seine Achse drehte. Jede Erinnerung an Menschen, an Gesellschaft, Gesetze, Sitten war wie weggeblasen, da er kein körperliches Teilchen der Erde mehr sah, an die er für ewig gebunden war, und dann ließ er seine Gedanken umherschweifen wie losgelassene Kälber, über alle Zäune, alle Rücksichten hinwegsetzend, und hiermit berauschte er sich bis zur Betäubung so wie die Nabelbeschauer Indiens, die Himmel und Erde vergaßen, indem sie auf einen gleichgültigen Teil ihres eigenen Äußern starrten.

Inspektor Borg betete ebensowenig die Natur an, wie die Inder Nabelanbeter waren, er hegte im Gegenteil, selbstbewußt und als in der tellurischen Schöpfungsentwicklung am höchsten stehend, eine gewisse Geringschätzung für die niedrigeren Daseinsformen, und er verstand sehr wohl, daß die Erzeugungen des selbstbewußten Geistes teils weit sinnreicher waren als die der unbewußten Natur, und namentlich zweckdienlicher für den Menschen, der mit bestimmter Rücksicht auf den Nutzen und die Schönheit, die das Produkt dem Erzeuger leisten kann, erzeugt hatte. Aber von der Natur holte er das Rohmaterial für seine Arbeit, und obwohl man sowohl Licht als auch Luft mit Maschinen hervorbringen konnte, zog er doch die unübertrefflichen Äthervibrationen der Sonne und den unerschöpflichen Säurequell der Atmosphäre vor. Er liebte die Natur als Gehilfin, als Untergebene, als diejenige, die ihm dienen sollte, und es belustigte ihn, diese mächtige Feindin überlisten zu können, so daß sie ihm ihre Kräfte zur Verfügung stellte.

Nachdem er indessen eine Weile gelegen und die Ruhe der vollständigen Einsamkeit, die Freiheit von Einflüssen, von Zwang genossen hatte, erhob er sich und ging nach seinem Zimmer zurück.

Als er in die halbleere Stube eintrat, wo sein Fußtritt widerhallte, kam er sich vor wie ein Gefangener, und die weißen Quadrate und Rechtecke, die den Raum einschlossen, in dem er sich aufhalten sollte, erinnerten an Menschenhände, aber an Hände niedrigstehender Menschen, die sich nur innerhalb der einfachen Formen der unorganischen Natur bewegten. Er war in ein Kristall eingeschlossen, in ein Hexaeder oder etwas Ähnliches, und die gleichen Linien, die gleichgroßen Flächen quadrierten gleichsam seine Gedanken, liniierten seine Seele, engten sie aus der Freiheit des organischen Lebens in bestimmte Formen ein, führten seines Gehirns reiche Urwaldvegetation aus wechselnden Eindrücken zurück zu den ersten kindischen Versuchen der Natur, Ordnung zu schaffen.

Nachdem er das Dienstmädchen gerufen hatte, ließ er seine zahlreichen Kisten und Koffer hereintragen und machte sich sogleich an die Verwandlung des Zimmers.

Zuerst und vor allen Dingen suchte er das Tageslicht zu regulieren mittels ein Paar schwerer, fleischfarbener persischer Gardinen, die dem Raum schnell einen weicheren Farbenton verliehen. Dann stellte er einen großen Eßtisch mit aufgeschlagenen Klappen mitten auf den Estrich, wodurch dessen gähnender, leerer Raum ausgefüllt wurde. Aber die weiße Tischplatte wirkte noch störend, weswegen er sie unter einem Stück einfarbigen moosgrünen Wachstuches barg, das mit den Gardinen in Einklang stand. Dann kam die Reihe an die Bücherregale, die er an der schlimmsten Wand aufstellte, an der langen, die freilich dadurch noch nicht verbessert wurde, denn sie glich nun den Abschnitten in einem Vokabelbuch, und der weiße Kalk schrie weit ärger als bisher bei dem grellen Gegensatz des walnußfarbigen Holzes, aber er wollte jetzt erst das Ganze skizzieren, ehe er mit den Einzelheiten begann.

Seine Bettgardinen hängte er an einem Nagel an der Decke auf, wodurch gleichsam eine Stube in der Stube gebildet war, die Schlafstätte war jetzt von der Studierstube abgetrennt, das Bett stand wie unter einem Zelt.

Die langen, weißen Dielenbretter mit ihren parallelen schwarzen Ritzen, in denen Schmutz von Schuhzeug, Staub von Möbeln und Kleidern, Tabakasche, Scheuerwasser und Abfälle von den Scheuerlappen Treibhäuser für Schwamm und Schlupfwinkel für Holzwürmer bildeten, verbarg er unter hier und da angebrachten Teppichstücken von verschiedenen Farben und Mustern, die gleich blühenden Inseln auf der großen, weißen Fläche schwammen.

Als nun Farbe und Wärme in den leeren Raum gekommen war, ging er zu der feineren Arbeit über. Er wollte zuerst einen Herd bauen, einen Altar der Arbeit, der den Mittelpunkt bilden sollte, um den sich alles gruppierte. Deswegen begann er damit, seine große Lampe auf dem Arbeitstisch aufzustellen. Sie war zwei Fuß hoch und ragte wie ein Leuchtturm über der grünen Tischdecke auf; ihre mit Arabesken, Blumen und Tieren bemalte Porzellankuppel, die nicht den gewöhnlichen glich, brachte ein munteres Farbenspiel hervor und erinnerte mit ihrer Ornamentik an die Macht des menschlichen Geistes, die bestehenden, gleichartigen Formen der Natur zu bezwingen. Hier hatte der Maler eine steife Distel in eine Schlingpflanze verwandelt, einen Hasen gezwungen, sich wie ein Krokodil auszustrecken und mit der Flinte zwischen den Tigerkrallen der Vorderpfoten auf einen Jäger mit Fuchskopf zu zielen.

Um und unter die Lampe stellte er das Mikroskop, das dioptrische Fernglas, die Wage, die Tiefenmesser und die Peilstöcke auf, deren lackiertes Messing ein warmes Sonnenlicht ausstrahlte.

Das Tintenfaß, eine große, in Facetten geschliffene Glaskugel, gab das bläuliche Licht des Wassers oder des Eises wieder, die Federhalter aus Stachelschweinborsten verliehen durch ihren unbestimmten, fetten Farbenton einen Anstrich von animalischem Leben; das schreiende Zinnoberrot der Siegellackstangen, die bunten Zierbildchen der Stahlfederschachteln, der kalte Stahlglanz der Schere, die Lackierung und Vergoldung des Aschbechers, die Bronze des Papiermessers – alle diese Kleinigkeiten zum Nutzen und zur Zierde füllten bald den runden Tisch mit einer Menge von Flecken, auf denen der Blick einen Augenblick ruhte, um einen Eindruck, eine Erinnerung, eine Eingebung zu erlangen, so daß er beständig in Tätigkeit gehalten wurde und niemals ermüdete.

Jetzt galt es, die Löcher in den Bücherregalen zu füllen und den leeren Räumen zwischen den dunklen Brettern Leben einzublasen. Und bald stand da, Reihe auf Reihe, die bunteste Sammlung von Handbüchern, aus denen der Besitzer Aufklärung über alles holen konnte, was sich in der Vergangenheit und in der Gegenwart zugetragen hatte: Enzyklopädien, die dem Lufttelegraph gleich antworteten, wenn man auf den richtigen Buchstaben drückte, Lehrbücher in Geschichte, Philosophie und Naturwissenschaften, Reisen in alle Länder der Welt mit dazugehörigen Karten, ja sogar alle ›Bädekers Handbücher‹, so daß der Besitzer dasitzen und den kürzesten und billigsten Weg nach dem und dem Ort ausrechnen, das Hotel bestimmen und wissen konnte, wieviel an Trinkgeldern er zu geben hatte. Da aber alle diese Werke den Samen der Vergänglichkeit in sich trugen, hatte Borg ein besonderes Regal mit einem Beobachtungskorps von Fachzeitungen angefüllt, von denen er sofort Mitteilung über jeglichen, selbst den geringsten Fortschritt, über jede, selbst die unbedeutendste Entdeckung erhielt. Und schließlich stellte er eine Sammlung von Schlüsseln zu dem Wissen der Gegenwart auf: biographische Notizen, Verlagskataloge und Buchhändlerzeitungen, so daß er, obwohl in seinem Zimmer eingesperrt, genau wußte, wie hoch oder wie niedrig das Barometer innerhalb aller der Wissenschaften stand, die ihn betrafen.

Als er die Wand mit dem Bücherregal betrachtete, hatte er eine Empfindung, als sei das Zimmer erst jetzt von lebenden Wesen bewohnt. Diese Bücher machten den Eindruck, Individuen zu sein, denn da waren nicht zwei Arbeiten, deren Äußeres gleichartig war: die eine kam als Bädeker in Scharlachrot und Gold, so wie jemand, der am Montagmorgen die Sorgen von sich abschüttelt und vor dem Ganzen davonreist; andere feierlich und schwarz gekleidet, in einer ganzen Prozession wie die Encyclopaedia Brittanica, oder die muntern, leichten Sommerröcke all der Heftschriften, die lachsrote Revue des deux modes, die zitrongelbe Contemporaine, die gallengrüne Fortnightly und die grasgrüne ›Morgenländische‹. Und von den Rücken grüßten große Namen wie von Bekannten, die er bei sich drinnen im Zimmer hatte, und hier hatte er das Beste von ihnen, viel mehr, als sie einem Reisenden bieten konnten, der zu Besuch zu ihnen kam und ihnen ihr Mittagsschläfchen oder ihre Frühstückszeit verdarb.

Als erst der Schreibtisch und das Bücherregal in Ordnung gebracht waren, fühlte er sich wiederhergestellt von der störenden Einwirkung der Reise; er gewann seine Seelenkraft wieder, nachdem sein Werkzeug zugänglich geworden war, diese Instrumente und Bücher, die in seinem Dasein festgewachsen waren wie neue Sinne, stärkere und feinere Organe, als die Natur sie ihm als natürliches Erbe gegeben hatte.

Der zufällige Anfall von Furcht, den die Abschließung von der Außenwelt, Einsamkeit und Einsperrung zusammen mit Feinden – denn als solche betrachtete er die Bewohner der Schären – hervorgerufen hatte, machte der Ruhe Platz, die die Installierung mit sich brachte, und er begann nun als wohlausgerüsteter General, nachdem das Hauptquartier aufgeschlagen war, den Plan zu dem bevorstehenden Feldzug zu entwerfen.

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