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August Strindberg: Am Meer - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAugust Strindberg
titleAm Meer
publisherInsel-Verlag
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080303
projectid39c360a5
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Vierzehntes Kapitel

Es war Herbst geworden, aber auf der Schäre konnte man nicht sehen, daß der Sommer geflohen war, denn da gab es keinen Laubbaum, der gelb werden konnte; die Flechtenarten auf den Klippen aber wurden immer üppiger und schwollen von Feuchtigkeit, das Heidekraut und die Moosbeere grünten von neuem, die Wacholdersträucher und die Zwergkiefer, die ewiggrünen Bäume des Nordens, wurden durch den Regen aufgefrischt und vom Staub gereinigt.

Die Fischer waren fortgezogen, nachdem ihre Herbstarbeit beendet war; überall herrschte wieder Stille, und der Kaufmannsladen war geschlossen. Das Gerüst der Kapelle war immer nackter geworden, da die Bretter zu Brennholz oder Tischlerarbeiten gestohlen wurden, so daß nur noch die Pfähle dastanden und einer Sammlung von Galgen glichen.

Den Laienprediger sah man nur noch selten, denn nachdem er Abstinenzler geworden war, hatte er sich derartig mit Chinawein angefüllt, in dem Kognak den Hauptbestandteil bildete, daß er schon an Ohrensausen und Herzklopfen litt und meistens lag und schlief.

Nach Verlauf eines Monats war es dem Inspektor gelungen, seine Seele von der Schußwunde zu heilen, die er bei dem Liebesspiel davongetragen. Er hatte sein Fleisch mit Jodkalium und herabgesetzter Diät kasteit, und wenn die Trübseligkeit der Einsamkeit ihn überkam, stellte er eine Dosis Aufmunterungsgas aus Ammoniumnitrat her, da er schon lange ausfindig gemacht hatte, daß Alkoholberauschung ordinär war und oft starke Niedergeschlagenheit, ja Selbstmordmanie zur Folge hatte. Anfangs hatte das wunderbare Oxydul ihn belebt und ihn zum Lachen gebracht, aber das banale Grinsen hatte alle seine großen Gedanken und Bestrebungen in ein Nichts aufgelöst, über das er lachte; und wenn er sich dann also auf gleicher Höhe mit dem befand, was ihn ausgelacht hatte, fühlte er das Bedürfnis, sich wieder über sich selbst zu erheben, und entbehrte seinen Kummer und seinen Schmerz.

Da er sich aber vollständig isoliert hatte, so daß das Dienstmädchen nur bei ihm reinemachen und die Speisen auftragen durfte, während er sich in die Bodenkammer einschloß, begannen alle Erinnerungen vom Sommer sich ihm als Gespenster zu zeigen. Er entsann sich, ohne es zu wollen, jedes einzelnen Wortes, das gefallen war. Und jetzt erschien ihm das Auftreten des Laienpredigers auf dem Werder im Nebel als etwas im voraus Überlegtes. Die Worte, die der Kolporteur über des Vaters und seine eigenen Verhältnisse hatte fallen lassen, in Verbindung mit Fräulein Marias Äußerung, daß sie sehr wohl wisse, wer er sei, schlugen jetzt Wurzel, wuchsen und wurden groß. Es mußte ein Geheimnis in seinem Leben geben, das alle kannten, nur er selber nicht. Und es währte nicht lange, bis er sich einbildete, in dem Benehmen des Prädikanten draußen auf der Schäre eine organisierte Spionage zu sehen, hinter der Leute standen, die ihn verfolgen wollten. Wenn aber dann sein Gemüt ruhiger wurde, glaubte er das nicht, denn er wußte sehr wohl, daß Verfolgungswahnsinn das erste Symptom der Schwäche ist, die mit Isolierung im Gefolge steht. Die Menschheit war ja eine große, aus vielen Elementen zusammengesetzte elektrische Batterie, und das Element, das isoliert wurde, verlor sofort seine Kraft. Die mit Kupferdraht übersponnene Drahtrolle war ja im selben Augenblick lahm, wo die weiche eiserne Stange weggenommen wurde, und er war ja auf dem besten Wege, lahm zu werden, da seine eiserne Stange stahlgehärtet war.

Ja, aber er hatte nicht diese krankhafte Verfolgungsmanie, die eine Folge körperlicher Schwäche ist, denn er war ja tatsächlich verfolgt worden, man hatte ihm entgegengearbeitet, seit er sich damals in der Schule als eine Kraft erwies, als Begründer einer neuen Art, die aus der Familie hatte hervorbrechen können, und sich so wie die differenzierende Pflanze einen eigenen, selbständigen Namen hatte schaffen können, vielleicht den Namen für eine neue Familie. Er war verfolgt worden, von unten instinktmäßig von den Unterlegenen und von oben von den Mittelmäßigen, die gleich Eichmeistern dasaßen und den Maßstab bestimmten, nach dem die Größe beurteilt werden sollte. Er war gefaßt worden, gehackt wie der gelbe Rassevogel von den Kanarischen Inseln, wenn er sich aus dem Bauer verirrt hatte und in den Wald hinaus unter die Grünspechte geraten war, wo sein allzu prachtvolles Gewand die wilden Vögel reizte.

Aber die Natur, mit der er bisher Umgang gepflegt hatte, war jetzt tot für ihn, denn das Mittelglied, der Mensch, fehlte. Das Meer, das er angebetet hatte und das er als das einzige Großzügige in seinem dürftigen Lande mit den gekritzelten, kleinlichen Sommervillenlandschaften betrachtete, fing an, ihm allmählich, als er selbst wuchs, eng zu erscheinen. Dieser blaue, terpentingrüne oder graue Ring schloß ihn ein wie in einen Gefängnishof, und die einförmige kleine Landschaft hatte dieselbe Plage zur Folge wie die Zelle des Sträflings: Mangel an Eindrücken. Von dem Ganzen wegzureisen, vermochte er nicht, weil er eingewurzelt war in seiner Erde, in seinen kleinen Eindrücken und seiner Diät und nicht mit der Wurzel verpflanzt werden konnte. Es war die Tragik des Nordländers, die sich in der Sehnsucht nach dem Süden äußerte.

Und dann begann er nachzugrübeln und Pläne zu machen, wie das Land – Inselland nannte er es, denn daß es in Lappland landfest war, rechnete er nicht mit – mit dem Kontinent zu verbinden sei. Zuerst sollte ein sechsstündiger Blitzzug nach Helsingborg, in Verbindung mit einer Dampffähre über den Sund, die Hauptstadt Dänemarks zum Zentrum des Nordens machen. Eisfreie Häfen bei Djurö und Rynäs sollten mit Hilfe von Eisbrechern das ganze Jahr hindurch Handel und Schifffahrt im Gange halten; der nordische Winterschlaf wurde dadurch abgeschafft, und der Nationalcharakter: Unbeständigkeit, den man dieser sechsmonatigen Unterbrechung von aller Wirksamkeit zuschrieb, würde eine Veränderung erfahren. Der russische Handel auf England sollte über Stockholm und Göteborg geleitet und der alte Plan aus der Zeit Karls XI. und Karls XII.: den Handel Persiens und Indiens über Rußland und Schweden zu führen, verwirklicht werden.

Schweden sollte zu einem Touristenland gemacht und die Ausländer sollten hierher gelockt werden. Stockholm wollte er in eine Salzwasserstadt verwandeln, indem man den Mälar bei Norrbro und »Slusen« verschloß und ein Kanalsystem aus der Strängnäsbucht durch den See Bofven nach Trosavig hinaus eröffnete. Dadurch würde man das Salzwasser bis »Skibsbroen« und Nybroviken hinaufführen, was die atmosphärischen Verhältnisse und damit auch die Menschen verändern würde.

Er dachte an jene Zeit, da Schweden, als es noch der großen katholischen Kirche angehörte, in Verbindung mit Rom stand und dadurch mit zu Europa gerechnet wurde; er wollte deswegen, falls es sich zeigen sollte, daß die Religion von den breiten Schichten der Bevölkerung nicht über Bord geworfen werden konnte, diesen Glauben der Väter wieder einführen, den abzuschwören wir mit Feuer und Schwert gezwungen worden, und dessen Märtyrer Hans Brask, Olaus und Johannes Magnus, Nils Dacke und Ture Jönsson in der Geschichte so schändlich besudelt worden waren. Der Katholizismus, das Römererbe, der erste Bannerträger des Europäertums, war ja jetzt siegreich durch Europa gegangen. Bismarck war im Kulturkampf unterlegen, war nach Kanossa gegangen und hatte den Papst zum Friedensrichter erwählt, nachdem er angefangen, an Schiedsgerichte ohne Stahlkanonen zu glauben. Dänemark hatte katholische Kirchen gebaut, und das junge Dänemark hatte seine Federn in den Dienst der Sache gestellt. Die Germanisierung des Nordens wie auch Norddeutschlands war nur ein Rückfall in die Barbarei nach den Hunnenschlachten von 1870, deren Folgen sich in Form von Lateinverfolgung und Franzosenhaß zeigten, welch letzteres sich in einem Ausrottungskrieg gegen französische Literatur, in norddeutscher Familienpolitik und lutherischer Inquisition mit Ketzergefängnissen und einer allgemeinen Senkung des Intelligenzniveaus äußerte.

Das Luthertum, das war der Feind! Teutonenkultur, Bourgeoisreligion in schwarzen Beinkleidern, sektiererische Kurzsichtigkeit, Partikularismus, Absperrung, Einsperrung und geistiger Tod!

Nein, Europa sollte wieder ein Ganzes werden, und der Weg des Volkes ging über Rom, der der Intelligenz über Paris!

Der schwedische Bauer sollte sich wieder als Weltbürger fühlen und aus seiner Unterklassenstellung heraustreten, wieder den Anstrich von Schönheitskultur erlangen, den die Kirche ehemals in Bildern und Tönen darbot. Sein Gottesdienst sollte ein richtiger Lobgesang in Römersprache sein, von Dichtern, nicht aber von Gesangbuchverfassern gedichtet, und wovon er nur gerade so viel verstehen durfte, daß es seine höchsten Vorstellungen über das wachrufen konnte, was zu fassen er doch nicht imstande war. Seine Hochmesse sollte von wirklichen Geistlichen verrichtet werden, die sich ihr neben der Religion und der Seelenpflege widmeten und nicht dem Ackerbau, dem Molkereiwesen, dem 'Hombrespiel oder kaufmännischen Geschäften. Dann sollte die Frau des Bauern einen Seelsorger bekommen, dem sie im Beichtstuhl ihre Sorgen anvertrauen konnte, statt in die Küche der Frau Pfarrer zu rennen und sie vor den Dienstmädchen auszuplappern.

Und durch die Wiedereinführung des Latein würde gleichsam die Doktorarbeit jedes Upsalaer Studenten von den Gelehrten Europas gelesen werden können, und jeder schwedische Forscher würde sich als Mitglied der universellen Intelligenzkorporation unter dem Pontifikat in Paris fühlen.

Diese und viele andere Gedanken schrieb er nieder und legte sie in seine Tischschublade, denn er kannte nicht eine einzige Zeitung, die sie aufnehmen würde – am allerwenigsten die den Patrioten gehörenden, die »aus Neid keine Vorschläge zur Entwicklung des Vaterlandes zu empfangen wünschten«.

Er hatte jetzt Antworten auf sein Rundschreiben erhalten und die Bodenkammer mit Material für seine europäische Ethnographie angefüllt. Aber jetzt hatte er das Interesse für das Thema verloren; sein Gemüt war wirklich krank geworden, so daß er nicht einmal auszugehen wagte. Der Anblick eines Menschen rief bei ihm einen solchen Abscheu hervor, daß er sofort umkehrte, sobald er jemand begegnete. Gleichzeitig wuchs jedoch bei ihm das Bedürfnis nach Gesellschaft, er hatte das Verlangen, seine eigene Stimme zu hören und durch Kontakt mit einem andern Menschen sein überproduzierendes Gehirn zu entladen und zu fühlen, daß er auf das Dasein anderer einwirkte. Er hatte einen Augenblick daran gedacht, sich einen Hund anzuschaffen, aber Teile seines Seelenlebens, seine Gefühle in einem Tierkörper niederzulegen, war dasselbe wie Trauben auf eine Distel zu pfropfen, und von der Sympathie der schmutzigen, schmarotzenden Tiere hatte er sich außerdem niemals betören lassen.

Da war ein einziger Mann auf der Insel, der eine gewisse Anziehung für Borg hatte, und das war der verheiratete Zollassistent Vestman, dessen Frau in Bigamie lebte, ohne daß der Mann es wußte. Er war ein recht vernünftiger Mensch mit einem offenen und ehrlichen Aussehen, und mit ihm nahm der Inspektor den Verkehr wieder auf, indem er ihm eine Lachsleine mit dazu gehörigen Angelhaken schenkte. Borg hatte ihm im Anfang des Sommers Bücher geliehen und ihn gelehrt, nach Vorschrift zu schreiben, aber nachdem die Fischerei begonnen hatte und die Seefahrt lebhafter geworden war, hatten sich ihre Wege getrennt.

Aber um nun den Mann dazu zu bringen, die Lachsleine richtig zu benutzen, wollte der Inspektor nicht verraten, daß die Fischerei dem Lachs galt, denn dann würde der konservative Fischer sich niemals mit einer seiner Ansicht nach so unsinnigen und unnützen Arbeit befaßt haben; er befand sich daher in dem seligen Glauben, daß es sich um einen neuen und einträglichen Dorschfang handle, wodurch man die allergrößten Fische bekommen konnte.

Als der Inspektor nach einmonatigem Einsiedlerleben zusammen mit Vestman hinausruderte und die eigene Stimme wieder hörte, merkte er, daß sie aus Mangel an Übung die Klangfarbe verändert hatte und dünner geworden war, so daß es ihm vorkam, als höre er einen Fremden sprechen. Und nun berauschte er sich mit Reden. Sein Gehirn, das sich seit langer Zeit nur mit Hilfe von Hand und Feder geäußert hatte, brach nun durch die Schleusen des Kehlkopfes, alle seine Gedanken strömten heraus wie ein reißender Strom, unterwegs neu gebärend. Da er jetzt mit einem menschlichen Ohr als Resonanzboden sprach, ohne unterbrochen zu werden, ohne mit Fragen gequält zu werden, war es ihm, als habe er einen wirklich verstehenden Zuhörer. Und nach ihrem ersten Ausflug fühlte er sich davon überzeugt, daß Vestman die intelligenteste Person war, die er seit langer Zeit getroffen hatte.

So fuhr er eine Woche fort und erzählte auf ihren Segelfahrten von den Geheimnissen der Natur, erklärte die Einwirkung des Mondes auf die Wasserfläche, warnte vor dem Glauben, daß alles, was das Auge sah, wirklich so war, wie es »aussah«; erzählte, daß zum Beispiel der Mond birnenförmig sei, obwohl er aussehe wie eine Kugel, und daß man daher auch nicht mit Sicherheit behaupten könne, daß die Erde eine Kugelform habe ...

Hier verzog Vestmans Gesicht sich, und er wagte zum erstenmal, eine Einwendung zu machen:

»Ja, aber das steht doch auf alle Fälle in meinem Kalender.«

Der Inspektor merkte, daß er zu weit gegangen war und daß er umkehren mußte, aber es war zu spät, denn wenn er eine Darstellung der neuesten Forschungen von der Form der Erde geben sollte, nämlich, daß sie ein dreiachsiges Ellipsoïd sei, so setzte dies Vorkenntnisse bei dem Zuhörer voraus, weswegen er zu einem andern Thema überging. Er sprach von Luftspiegelungen und benutzte die Gelegenheit, um zu fragen, ob man auf Svärdsholmen gewesen sei und gesehen habe, wie er da draußen gehaust hatte.

»Ja, wir haben freilich gesehen, daß man dort gehaust hat, aber jetzt geht niemand mehr auf der Insel an Land; die Fischerei und die Schafweiden liegen da draußen öde« antwortete Vestman ganz treuherzig.

Nach diesem Geständnis zog sich der Inspektor zurück, beschämt, das Opfer der Illusion gewesen zu sein, daß sein Zuhörer verstanden habe, was er gesagt. Er hatte gegen eine Mauer angeredet und sein Echo für die Stimme des andern gehalten.

Acht Tage später herrschte große Aufregung auf der Schäre, denn Vestman hatte einen Lachs gefangen, der sechsundzwanzig Pfund wog. Und da er sich einbildete, der Erfinder dieser Fischerei zu sein, kam bald eine Notiz in die Zeitung über einen neuen Erwerbsquell für die Schärenbewohner, nachdem der Strömling anfange knapp zu werden. Der glückliche Fischer Erik Vestman habe sich dadurch die Achtung und die Dankbarkeit seiner Mitbürger erworben usw.

Bald darauf erschien in einem volkstümlichen Wochenblatt ein ehrenkränkender Aufsatz über Fischereiinspektoren, die nichts verstanden, sich aber trotzdem einbildeten, andere belehren zu können.

Hierauf folgte bald ein Schreiben von der Landwirtschaftlichen Akademie an den Inspektor mit dem Ersuchen um ausführlichere Berichte über die Fischerei und namentlich den Lachsfang. Der Inspektor antwortete lediglich mit Einsendung seines Abschiedsgesuchs.

Der geringen Stütze beraubt, die seine frühere Amtsstellung ihm gewährt hatte, sollte er jetzt bald erfahren, daß die Eingeborenen, die gehört hatten, daß er »verabschiedet« worden sei, einen förmlichen Ausrottungskrieg gegen ihn eröffneten. Zuerst begannen sie damit, unter dem Vorwand, daß kein Platz an der Brücke sei, sein Boot loszumachen, so daß es ans Ufer trieb und zerschellte.

Als dann Regenwetter eintrat, merkte er, daß es in die Bodenkammer hineinregnete. Und nachdem er sich bei Oman darüber beklagt hatte, begann es auch in die andern Zimmern hineinzuregnen, ohne daß er entdecken konnte, daß Dachsteine fehlten.

Kurz darauf wurde in seinem Keller eingebrochen; es seien Estländer, sagte man.

Die Absicht: ihn fortzugraulen, war ganz deutlich, aber jetzt belustigte es ihn, zu trotzen, und dies geschah, indem er sich nichts merken ließ, sondern alles erduldete.

Da er sich jetzt aber von wirklichen Feinden umgeben sah und allen Ernstes aus der Gesellschaft ausgestoßen, überkam ihn die Angst des Friedlosen mit verdoppelter Macht. Er schlief des Nachts schlecht, obwohl er sich bemühte, seine Träume zu regulieren, indem er sich starke Suggestionen eingab, ehe er sich schlafen legte. Aber wenn er erwachte, hatte er geträumt, er sei eine losgerissene Heulboje, die trieb und trieb, ohne einen Strand zu erreichen, an den sie angetrieben werden konnte. Und im Schlaf hatte er unbewußt Stütze am Bettrand gesucht, um Berührung mit etwas zu finden, wenn es auch etwas Lebloses war. Zuweilen träumte er, daß er in der Luft schwebe und weder hinauf noch hinab kommen könne; und wenn er schließlich nach einem Ohnmachtsanfall erwachte, hatte er sich mit den Händen in das Kissen gekrallt, auf dem sein Kopf ruhte. Jetzt begann die Erinnerung an seine verstorbene Mutter aufzutauchen. Er erwachte oft, nachdem er geträumt hatte, er liege als Kind an ihrer Brust. Die Seele war offenbar im Rückgang, und die Erinnerung an den Mutterursprung, die Kette zwischen bewußtem und unbewußtem Leben, die Trösterin, die Verbesserin stieg hervor. Kindheitsgedanken an ein Wiedersehn in einem andern Leben wurden wach, und seine ersten Selbstmordgedanken äußerten sich als unbezwingbare Sehnsucht, die Mutter irgendwo in einer andern Welt wiederzufinden, an die er nicht glaubte.

Alle Wissenschaft hatte nicht den geringsten Nutzen einem sinkenden Geist gegenüber, der alles Interesse für das Leben verloren hatte. Das Gehirn hatte gekämpft, bis es müde geworden war und die Phantasie ohne Regulator arbeitete.

Als Weihnachten herankam, ging er noch umher, aber er aß fast nichts, und des Abends betäubte er sich mit Äther. Er empfand Ekel an dem Leben und lachte, wenn er an sein früheres Streben dachte. Das Regenwetter hatte seine Bücher und Papiere verdorben; die Apparate standen voller Grünspan und Rost da.

Die Sorgfalt für seine Toilette hatte sich verloren: der Bart wuchs wild, das Haar wurde nie gekämmt, und er scheute das Wasser. Seit langer Zeit hatte er die Wäsche nicht gewechselt, und er hatte es verlernt, Schmutz zu kennen.

An seinen Kleidern fehlten Knöpfe, und der Rock war vorne immer voller Flecke, beschmutzt, denn die Hand, die Messer und Gabel führte, gehorchte dem Willen nicht mehr.

Wenn er hin und wieder einmal ausging, schrien die Kinder hinter ihm her und gaben ihm Schimpfnamen.

Eines Morgens hatte er den ganzen Kinderschwarm hinter sich her. Sie zupften ihn an den Rockschößen, und als er sich umdrehte, wurde ein Stein geworfen, der ihn am Kinn traf, so daß er blutete. Da brach er in Tränen aus und bat, sie möchten nicht böse auf ihn sein.

»Ja, du sollst weg von hier, Trallerjahn,« rief ein zwölfjähriger Junge, »denn sonst kriegen wir dich hier in Armenpflege!«

Und dann machten sie sich alle daran, ihn zu steinigen. Aber im selben Augenblick kam Omans Dienstmädchen und packte den Jungen bei den Haaren. Und nachdem sie ihn gezüchtigt hatte, ging sie an den Überfallenen heran und trocknete ihm mit der Schürze das Blut vom Gesicht.

»Armer kleiner Kerl!« sagte sie.

Da lehnte er den Kopf gegen ihren üppigen Busen und sagte:

»Ich will bei dir schlafen.«

»Schäm Er sich was!« fauchte das Mädchen und stieß ihn von sich.

»Wie roh du doch denkst! Pfui!«

Eines Abends, einige Tage später, kam Vestmans Mädchen gelaufen und bat den Doktor, doch zu kommen und sich nach der Madame umzusehen, die im Sterben liege. Die Aufforderung erschien dem Inspektor sehr sonderbar, aber mit dem Scharfblick, der, wenn er seine lichten Augenblicke hatte, eine Begleiterscheinung seiner Krankheit war, sah er ein, daß hier ein Mord vorlag und daß man sich seines Namens und Titels statt einer offiziellen Leichenschau bedienen wollte. Die Sache war ihm gleichgültig, strammte ihn jedoch für den Augenblick auf. Es war etwas geschehen, und das Ungewohnte hatte einen lange entbehrten Eindruck auf ihn gemacht. Er ging daher nach dem Zollhause, wo er von beiden Brüdern empfangen wurde, die ihn mit einer ihm sehr verdächtig erscheinenden Höflichkeit in das Krankenzimmer führten. Aber er sagte nichts, fragte nach nichts, denn er wollte das düstere Geständnis hervorzwingen, indem er den Mann dazu brachte, zuerst zu reden, überzeugt, daß er sich durch das erste Wort verraten werde.

Das Kind, das mit einem Talglicht vor sich dasaß und an einem Zuckerkringel knabberte, hatte seine besten Kleider anbekommen, damit es sich feierlich gestimmt fühlen und sich eines passenden Benehmens befleißigen sollte.

Nachdem sich der Inspektor im Zimmer umgesehen und bemerkt hatte, daß die Brüder Vestman hinausgeschlichen waren, trat er an das Bett, wo die Frau lag.

Er sah sofort, daß sie tot war, und erkannte aus ihren zusammengezogenen Gesichtsmuskeln, daß ihr Gewalt angetan sein mußte. Und als er gleichzeitig sah, daß man ihr das Haar sorgfältig über den Scheitel gekämmt hatte, war er sich sofort klar darüber, daß hier die gute alte Sitte mit dem Nagel Anwendung gefunden.

Aber er wollte den Mann dazu bringen, zuerst zu sprechen, und mit halbgeöffneten Lippen und redenden Blicken, als wolle er nach etwas fragen, wandte er sich nach Vestman um. Dieser ließ sich sogleich aufs Glatteis locken, und darauf vertrauend, daß man einem Geisteskranken gegenüber nicht weiter gerissen zu sein brauche, sagte er:

»Der Herr Doktor können ja bescheinigen, daß sie tot ist, dann können wir sie gleich begraben, denn wir armen Leute haben nicht die Mittel, um einen Arzt zu holen.« Mehr bedurfte es nicht, um die Vermutung fast in Gewißheit zu verwandeln. Aber statt zu antworten, wandte sich Borg halb flüsternd an den Mann, der jetzt, nachdem er sein Ansuchen vorgebracht hatte, vollständig beruhigt schien, und fragte:

»Wo ist der Hammer?«

Zuerst fuhr der Mann ein paar Schritte zurück, als wolle er sich über seinen Gegner stürzen und ihn erdrosseln, dann blieb er jedoch stehen, zitternd, entwaffnet durch den Blick, den der Inspektor auf das Kind warf.

»Er weiß nicht, wo der Hammer ist, aber ich weiß, wo der Nagel sitzt«, fuhr der Inspektor mit unbeirrter Ruhe fort. »Überkluge Esel, die nichts Neues erfinden können, sondern sich immer benehmen wie die Kinder, die sich an derselben Stelle verstecken, wenn sie Verstecken spielen! Ich bin überzeugt, daß diese Geschichte mit dem Nagel im Gehirn von einem Edelmann oder einem Priester im Mittelalter erfunden wurde und erst jetzt bis zur Unterklasse herabgesunken ist, wo sie als Beweis für die Gesundheit des Volkes aufgegraben worden ist. Alles kommt von oben her, Lachs, Arsenik, Nägel, Fehlschüsse, Revolutionen, Volksfreiheit, ökonomischer Wohlstand, Volkslieder, Volkssprache, Bauernpraktika, anthropologische Museen, jedoch erst als Diebstahl, denn ihr Pöbel stehlt lieber, als daß ihr Gaben annehmt, weil ihr zu lumpig seid, um danken zu wollen. Und darum bringt ihr eure Wohltäter ins Tollhaus und eure Edelleute aufs Schafott. Schickt mich jetzt in die Irrenanstalt, dann entgehst du dem Gefängnis!«

Als er in sein Haus zurückgekehrt war, fiel ihm ein, daß das Vergnügen, sich auszusprechen, ihn unvorsichtig gemacht hatte, und bei seiner Kenntnis der Bevölkerung wußte er, daß Selbstverteidigung einem gefährlichen Zeugen gegenüber den Mörder dazu reizen konnte, diesen zum Schweigen zu bringen. Er schlief deswegen in der Nacht mit dem Revolver neben sich im Bett und hatte schlimme Träume, die ihn weckten.

Am nächsten Tag hielt er sich eingeschlossen und sah, daß im Zollhause weiße Laken vor die Fenster gehängt waren.

Am dritten Tage wurde die Leiche herausgetragen und in einem Boot weggeführt, und am vierten kam dann der Mann zurück. Borg schlief jetzt nicht mehr, und die Schlaflosigkeit vollendete das Zerstörungswerk. Die Angst, wahnsinnig zu werden und in eine Irrenanstalt zu kommen, gepaart mit der Furcht, meuchlings ermordet zu werden, bestärkte ihn in seinem Entschluß, gutwillig aus dem Leben auszutreten. Jetzt, wo der Tod sich nahte und der Abschluß eines Lebens, einer Familie sich ihm in seiner ganzen Trostlosigkeit zeigte, war es, als breche der Fortpflanzungstrieb hervor, indem er sich in dem Verlangen, ein Kind zu besitzen, äußerte. Aber das Ziel auf dem banalen Wege zu erreichen: eine Frau aufzusuchen, sich durch Familienbände an die Erde und die bürgerliche Gesellschaft zu binden, war ihm jetzt noch mehr zuwider denn je zuvor, und unter dem Einfluß seines schwachen, zerrissenen Gemüts ersann er einen Richtweg, der ihm die Familienfreude, wenn auch nur für einige wenige Stunden, schenken sollte.

Auf Umwegen, gegen die sein Feingefühl sich noch vor wenigen Monaten empört haben würde, schaffte er sich einen Menschensamen, nachdem er unter dem Mikroskop eine Couveuse konstruiert hatte, die auf sechsunddreißig bis einundvierzig Grad erwärmt gehalten werden konnte. Während der Befruchtung sah er die Männchen das unbewegliche Weibchen umschwärmen, das erröten sehen zu können er sich einbildete. Und nun drängten sie sich zusammen, pufften und schlugen einander im Kampf, um den Impuls zu einer Familie zu geben, seine Anlagen zu verpflanzen, seinen lebhaften, produktiven Geist auf eine kräftige, wilde Unterlage zu pfropfen. Aber nicht die gröbsten, die mit den großen, dummen Köpfen und dicken Schwänzen, sondern die lebhaftesten, geschmeidigsten und feurigsten durchdrangen zuerst die Membrane, um in den Kern hineinzugelangen.

Den Daumen auf der Schraube der Spirituslampe und das eine Auge auf dem Thermometer, betrachtete er dieses entschleierte Mysterium der Liebe ein paar Stunden. Er sah, wie die Zelle anfing, sich zu spalten, wie bereits die Arbeitsverteilung zwischen den verschiedenen Keimen stattfand. Unruhig wartete er das Aufschwellen der vordersten Markröhre zu der Blase ab, die das Gehirn bilden sollte, träumte, daß er diesen Sitz des Gedankens sich schon wölben sah, und fühlte eine Sekunde den Stolz über diese seine Schöpfung, die das Problem Homunculus gelöst hatte, als eine Bewegung mit der Lampenschraube das Eiweiß gerinnen und den Lebensfunken erlöschen machte.

Er hatte während dieser Stunden so intensiv das Leben dieses andern Wesens gelebt, daß es ihm jetzt, wo er den milchweißen, runden Fleck auf dem Glas sah, war, als betrachte er ein im Tode gebrochenes Auge. Und der Schmerz hierüber wuchs in seinem krankhaften Gemüt zu einer Trauer – zu der Trauer um sein totes Kind. Das Band zwischen Gegenwart und Zukunft war zerrissen, und er hatte nicht die Kraft mehr, wieder anzufangen.

Als er zum Bewußtsein erwachte, fühlte er den Griff einer starken, warmen Hand in der seinen, und er erinnerte sich jetzt, geträumt zu haben, er sei ein gestrandetes Fahrzeug, das zwischen Luft und Wasser hin und her geworfen wurde, bis er schließlich den Ruck der Ankerkette und eine wohltuende Ruhe empfand, als sei die Verbindung mit dem festen Lande wieder angeknüpft.

Ohne aufzusehen, drückte er die feste Hand, um die Nähe eines lebenden Wesens zu fühlen. Er bildete sich ein, daß er merkte, wie eine Überführung von Kraft durch die Verbindung des schwächeren Nervenstroms mit dem stärkeren vor sich ging.

»Wie geht es Ihnen?« ertönte die Stimme des Laienpredigers über seinem Kopf.

»Wenn du ein Weib wärest, würde ich wieder leben können, denn das Weib ist die Wurzel des Mannes in der Erde«, antwortete der Kranke und sagte zum erstenmal du zu seinem ehemaligen Kameraden.

»Sei du froh, daß du die faule Wurzel verloren hast!«

»Aber ohne Wurzel können wir nicht wachsen und blühen!«

»Aber mit einem solchen Weib, Borg!«

»Mit einem solchen Weib? Weißt du, wer sie war? Ich habe es nie erfahren.«

»Nun, dann genügt es, wenn du erfährst, daß sie eine von denen war, die man nicht heiratet. Jetzt ist sie indessen verlobt ...«

»Mit ihm?«

»Ja, mit ihm! Es stand vorgestern in der Zeitung.«

Es entstand eine Pause, und der Laienprediger wollte sich erheben, um zu gehen, aber der Kranke hielt ihn zurück.

»Erzähle mir ein Märchen«, bat er mit einer kindlich flehenden Stimme.

»Hm! Ein Märchen?«

»Ja, ein Märchen! Zum Beispiel das von Däumelinchen. Wenn ich dich nun bitte, so tue es doch!«

Der Laienprediger setzte sich wieder hin, und als er sah, daß es die ernsthafte Meinung des Kranken war, erfüllte er seinen Wunsch und begann zu erzählen.

Der Inspektor lauschte mit großer Aufmerksamkeit, als aber der Laienprediger nach alter Gewohnheit eine moralische Lehre aus dem Märchen ziehen wollte, unterbrach ihn der Kranke sofort und bat ihn, sich an den Text zu halten.

»Es tut so gut, alte Märchen zu hören,« sagte er; »es ist eine Ruhe, hinabzusinken in die besten Erinnerungen aus der Zeit, wo man ein kleines Tier war und das Unnütze, das Ungereimte, das Sinnlose liebte. Bete mir jetzt das Vaterunser vor!«

»Du glaubst ja nicht an das Vaterunser.«

»Nein, nicht mehr als an die Märchen; aber es tut trotzdem gut, und wenn der Tod nahet und man wieder zurückgeht, wird man konservativ und liebt das Alte. Bete das Vaterunser! Du sollst deinen Schuldschein zurück haben und meine Hinterlassenschaft, wenn du betest!«

Der Laienprediger schwankte einen Augenblick, dann begann er zu beten.

Der Kranke hörte anfänglich das Gebet schweigend an, dann folgten seine Lippen dem Laut und sprachen schließlich die Worte deutlich und mit dem Tonfall eines Betenden aus.

Nachdem sie geendet hatten, sagte der Laienprediger:

»Es tut doch gut, zu beten!«

»Es ist wie Medizin. Die alten Worte wecken Erinnerungen und geben Kräfte, dieselben Kräfte, die sie ehedem den Ichlosen gaben, die Gott außerhalb ihrer selbst suchten. Weißt du, was Gott ist? Es ist der feste Punkt im Raum, den Archimedes sich wünschte, um die Erde heben zu können. Es ist der fingierte Magnet drinnen in der Erde, ohne den man die Bewegungen der Magnetnadel nicht würde erklären können. Es ist der Äther, der erfunden werden mußte, damit der leere Raum gefüllt werden konnte. Es ist das Molekül, ohne das die chemischen Gesetze Wunderwerk sein würden. Gib mir ein wenig mehr Hypothese und namentlich den festen Punkt außerhalb meiner selbst, denn ich bin vollständig lose.«

»Sage mir, soll ich von Jesus reden?« fragte der Laienprediger, der glaubte, daß der Kranke in Fieberphantasien redete.

»Nein, nicht von Jesus! Das ist weder Märchen noch Hypothese. Das ist eine Erfindung von rachsüchtigen Sklaven und bösen Frauen; es ist der Gott der Mollusken im Gegensatz zu dem der Vertebraten... aber warte mal, ich bin ja ein Mollusk. Sprich von Jesus! Sprich davon, wie er mit Zöllnern und leichtfertigen Frauenzimmern verkehrte, wie ich es habe tun müssen. Erzähle von den geistig Armen, die das Himmelreich besitzen sollen, weil sie nicht hier auf Erden herrschten, und wie man Handwerker lehrte, sich als Müßiggänger herumzutreiben, und wie man Bettler, Faulpelze, verlorene Söhne, die nichts besaßen, lehrte, in Gütergemeinschaft mit den Arbeitenden zu leben, die etwas hatten.«

»Nein, du Gotteslästerer, ich will nicht als dein Narr hier sitzen!« rief der Laienprediger aus und erhob sich jetzt allen Ernstes.

»Geh nicht, geh nicht!« rief der Kranke. »Halte meine Hand und laß mich deine Stimme hören. Erzähle wovon du willst! Lies! Lies aus dem Kalender oder aus der Bibel – es ist mir einerlei. Der Horror vacui, die Angst vor dem leeren Nichts muß weg!«

»Siehst du jetzt, daß du bange vor dem Tode bist!«

»Ja freilich, ebenso sehr wie alles andere Lebende, das nicht gelebt haben würde, wenn nicht die Furcht vor dem Tode existiert hätte. Aber das Gericht, mein Freund, das fürchte ich nicht, denn das Werk richtet den Meister, und ich habe mich nicht selbst erschaffen!«

Der Laienprediger war gegangen!

Es war jetzt am Tage vor dem Christabend, als Borg nach einer stürmischen Nacht, in der er Kanonenschüsse und Menschengeschrei gehört zu haben glaubte, auf den frisch gefallenen Schnee hinausging. Der Himmel war schwarzblau wie eine Stahlplatte, und die Wellen brachen sich gegen den Strand, während die Heulboje in einem ununterbrochenen Gebrüll schrie, als rufe sie nach Hilfe.

Und nun sah er in Südosten draußen auf dem Meer einen großen, schwarzen Dampfer, dessen zinnoberroter Boden ihm wie eine blutige, zerrissene Brust erschien. Der Schornstein mit dem weißen Ring lag geknickt nach der einen Seite, und in Masten und Rahen hingen dunkle Gestalten, verrenkt wie Regenwürmer an einem Angelhaken.

Aus einem klaffenden Spalt mittschiffs sah man die Wellen an Stückgut zerren: Packen, Ballen, Schachteln, Pappkasten, die schwersten verschlingend und die leichtesten an Land führend.

Er ging am Strande entlang mit einer Gleichgültigkeit für das Schicksal der Schiffbrüchigen, wie sie nur der empfindet, der es als ein Glück betrachtet, zu sterben, und kam endlich auf die Landzunge hinaus, wo der Steinhaufen mit dem Kreuz stand. Hier schäumte die See gewaltsamer als sonst irgendwo, und auf dem grünen Wasser sah er Gegenstände von wunderlicher Form und Farbe umherschwimmen, während die Möwen sie mit wütenden Schreien umkreisten, als seien sie in ihrer Raubgier enttäuscht worden.

Nachdem er eine Weile die seltsamen Dinger betrachtet hatte, die näher und näher kamen, sah er, daß sie kleinen, feingekleideten Kindern glichen. Einige hatten blondes Stirnhaar, andere schwarzes, ihre Wangen waren blühend rot und weiß, und ihre großen, offnen, blauen Augen wandten den Blick empor zu dem finstern Himmel, unbeweglich, ohne zu blinzeln. Aber als sie näher an den Strand herankamen, bemerkte er, daß, wenn sie auf den Wellen schaukelten, die Augen von einigen unter ihnen sich bewegten, als gäben sie ihm ein Zeichen, sie in Sicherheit zu bringen; und bei der nächsten Dünung wurden fünf auf den Strand geworfen.

Sein Wunsch, ein Kind zu besitzen, war so festgewachsen in seinem weichen Gehirn, daß er gar nicht auf den Gedanken kam, daß es Puppen waren, die das verspätete und gestrandete Schiff für den Weihnachtsmarkt mitgebracht hatte. So sammelte er denn die Arme voll von den kleinen Findelkindern, die das Meer, die große Mutter, ihm geschenkt hatte. Und seine nassen Schützlinge fest gegen die Brust gepreßt, eilte er nach Hause zurück, um sie zu trocknen. Aber er besaß nichts, um Feuer anzumachen, denn die Leute hatten sich geweigert, ihm Feuerung zu verkaufen. Er selber empfand die Kälte nicht, aber seine kleinen Weihnachtsgäste sollten es warm haben. Deswegen zerbrach er eins der Bücherregale und zündete ein flammendes Feuer auf der großen Feuerstätte an, rückte das Sopha herzu und setzte die fünf Würmer in einer Reihe vor das Feuer. Er sah indessen ein, daß sie nicht mit den Kleidern getrocknet werden konnten, und begann daher, sie auszuziehen; als er aber sah, daß es alles Mädchen waren, ließ er sie ihre kleinen Hemdchen anbehalten.

Dann wusch er ihnen die Hände und die Füße, kämmte ihr Haar, kleidete sie wieder an und legte sie schlafen.

Es war, als habe er Besuch in das Haus bekommen, und er schlich auf den Zehen umher, um sie nicht zu wecken.

Er hatte etwas bekommen, wofür er leben konnte, etwas, womit er kramen, dem er seine Teilnahme bezeigen konnte. Und als er die schlafenden Kleinen eine Weile betrachtet hatte und sah, daß sie mit offnen Augen dalagen, glaubte er, daß das Licht sie blendete, weswegen er die Rouleaus herabrollte.

Als es dunkel im Zimmer wurde, befiel ihn eine bedrückende Schläfrigkeit, die eine Folge von Hunger war; aber er konnte jetzt nicht mehr zwischen den Ursachen der Empfindungen unterscheiden und wußte infolgedessen nicht, ob er hungrig oder durstig war. Da indessen das Sopha von den Kleinen in Anspruch genommen war, legte er sich auf den Fußboden und schlief ein.

Als er erwachte, war es dunkel im Zimmer, aber die Tür war geöffnet und eine Frau stand auf der Schwelle, eine angezündete Laterne in der Hand.

»Herrjemine! Er liegt an der Erde!« hörte man Omans Dienstmädchen ausrufen. »Aber lieber, guter Herr, weiß Er denn nicht, daß Weihnachtsabend ist?«

Er hatte vierundzwanzig Stunden geschlafen, bis zum Nachmittag des nächsten Tages.

Ohne zu wissen, was er tat, erhob er sich. Er vermißte etwas, denn die Zollbeamten waren dagewesen und hatten das Strandungsgut konfisziert, aber er konnte sich nicht entsinnen, was er vermißte. Er empfand nur eine entsetzliche Leere, als leide er unter einem großen Kummer.

»Jetzt soll Er zu Omans kommen und Weihnachtsbrei essen, denn am Weihnachtsabend ist man doch ein Christenmensch. Ach, Herr Jesus, so ein Elend!«

Und das Mädchen brach in Tränen aus.

»Zu sehen, wie ein Mensch so zugrunde geht, das ist ja doch, um Blut darüber zu weinen! Kommen Sie jetzt! Kommen Sie jetzt!«

Der halb Wahnsinnige antwortete nur mit einer Bewegung, daß er kommen würde, wenn das Mädchen vorausgehen wolle.

Als sie gegangen war, blieb er noch eine Weile im Zimmer, nahm die Laterne, die sie zurückgelassen hatte, und trat vor den Spiegel. Als er sein Gesicht sah, das dem eines Wilden glich, schien es in seinem Verstand licht zu werden, und sein Wille spannte sich zu einer letzten Anstrengung an.

Er ließ die Laterne stehen und ging hinaus.

Der Wind war nach Westen herumgegangen und ein wenig abgeflaut; die Luft war klar und der Sternenhimmel glitzernd. Von den Lichtern in den Hütten geleitet, ging er an den Hafen hinab, schlich sich in einen Schuppen und nahm die Segel für ein Boot heraus.

Nachdem er die Segel gehißt hatte, stieß er vom Ufer ab, nahm das Steuer und hielt hart am Winde auf die See zu.

Erst machte er einen kleinen Schlag, um noch einmal einen Blick auf das kleine Stückchen der Erde zu werfen, das Zeuge seiner letzten Leiden gewesen war. Und als er ein dreiarmiges Weihnachtslicht in dem Fenster des Zollhauses erblickte, wo der Mörder Jesus feierte, den Verzeiher, den Abgott aller Verbrecher und Elenden, ihn, mit dem alles Böse, das das bürgerliche Gesetz strafte, entschuldigt wurde, da spie er aus, fierte den Schot auf und hielt vor dem Winde auf die See hinaus. Den Rücken dem Lande zugekehrt, steuerte er hinaus unter die große Sternenkarte und nahm einen Stern zweiter Größe zwischen der Leier und der Krone im Osten als Leitmarke voraus. Er fand, daß er stärker leuchtete als irgendein anderer, und als er in seinem Gedächtnis forschte, entsann er sich undeutlich einer Geschichte von dem Weihnachtsstern, von dem Leitstern nach Bethlehem, wohin drei abgesetzte Könige wallfahrteten, um als gefallene Größen ihre Geringheit in dem kleinsten der Menschenkinder anzubeten, das später der erklärte Gott aller Kleinen wurde. Nein, das konnte nicht der Stern sein, denn nach den christlichen Zauberern war als Strafe dafür, daß sie Finsternis über die Erde brachten, nicht ein einziger Lichtpunkt am Himmelsgewölbe genannt, und deswegen feierten sie die dunkelste Jahreszeit – so erhaben lächerlich –, indem sie Wachskerzen anzündeten! Jetzt leuchtete es plötzlich in seiner Erinnerung auf: es war der Stern Beta im Herkules, Hellas' sittliches Ideal, der Gott der Kraft und Klugheit, der die lernäische Hydra mit den hundert Köpfen tötete, der den Stall des Augias reinigte, Diomedes' menschenfressende Pferde einfing, der Amazonenkönigin den Schwertgürtel entriß und Zerberus aus der Hölle zog, um schließlich der Dummheit einer Frau zu erliegen, einer Frau, die ihn aus lauter Liebe vergiftete, nachdem er der Nymphe Omphale drei Jahre wie ein Wahnsinniger gedient hatte.

Hinaus zu dem im Himmel Aufgenommenen, der sich nie schlagen oder ins Gesicht speien ließ, ohne die Schläge oder den Speichel zurückzugeben wie ein Mann! Hinaus zu dem Selbstverbrenner, der von seiner eigenen starken Hand fallen konnte, ohne um Befreiung von dem Kelch zu bitten! Hinaus zu Herakles, der Prometheus, den Lichtbringer, befreite, selbst Sohn eines Gottes und einer Weibmutter, und den die Wilden zu einem Jungfrauensohn verfälschten, dessen Geburt von milchtrinkenden Hirten und schreienden Eseln begrüßt wurde!

Hinaus zu dem neuen Weihnachtsstern ging die Fahrt, hinaus über das Meer, die Allmutter, aus deren Schoß der erste Funke des Lebens entzündet wurde, der Quell der Fruchtbarkeit, des Lebens Ursprung und des Lebens Feind.

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