Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
August Strindberg: Am Meer - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorAugust Strindberg
titleAm Meer
publisherInsel-Verlag
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080303
projectid39c360a5
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel

Am folgenden Morgen gegen sieben Uhr herrschte eine dumpfe Stille auf der Schäre, denn die Fischerei auf den Gründen hatte fehlgeschlagen, so wie der Inspektor es vorhergesagt hatte. Die Schärenbewohner saßen niedergeschlagen in ihren Booten und entwirrten die verfitzten Netze, hin und wieder einen vereinzelten Strömling aus den Maschen zupfend.

Der Handel bei dem Höker hatte mit dem sinkenden Kredit innegehalten; der Laienprediger hatte seine blaue Schürze abgelegt und mit dem Buch in der Hand einen kleinen Kreis verzweifelter Frauen in einer Hütte um sich gesammelt. Mit einer unverständlichen, aber bei seiner Klasse nicht ungewöhnlichen Logik sprach er davon, wie Jesus fünftausend Mann mit fünf Broten und zwei kleinen Fischen speiste. Hier war eine Gelegenheit zu einem annähernden à propos, insofern als da viele Münder waren und wenig Fische, aber wie diese so viele sättigen sollten, konnte er nicht angeben. Es blieb ihm indessen keine Wahl, er mußte eine Erklärung dafür suchen, weshalb sich das Wunder nicht wiederholte, und da suchte er die Ursache in dem herrschenden Unglauben. Hätten sie nur so viel Glauben wie ein Senfkorn, so würde das Wunderwerk sich wiederholen. Und der Glaube konnte nur durch das Gebet erlangt werden.

Darum forderte er die Versammlung auf zu beten.

Obwohl niemand von den Anwesenden an das Wunder mit den beiden Fischen glaubte, von denen die meisten niemals hatten reden hören, weil sie die Geschichte nicht gelesen hatten, so folgten sie der Aufforderung und sagten das Vaterunser her, das sie gelernt hatten, als sie zum Einsegnungsunterricht gingen.

Als sie aber halb damit fertig waren, störte sie plötzlich ein Lärm unten vom Hafen her. Die dem Fenster zunächst Sitzenden sahen jetzt ein Fischerboot, das gerade das Nahsegel strich, bei der Brücke anlegen. Im Vordersteven stand Fräulein Maria mit flatterndem Haar unter der blauen schottischen Mütze, und am Steuer saß der Assistent, der den Hut schwenkte als Zeichen für einen guten Fang. Das Boot war mit Netzen überlastet, durch deren dunkle Maschen ein Fisch neben dem anderen glitzerte.

»Kommt her, dann sollt ihr Strömling haben!« rief Maria mit der Freigiebigkeit des Siegers.

»Laß mich sie erst aufmessen, dann sollen die Leute sie haben«, wandte der Inspektor ein, der die Heimkehr des Bootes von seinem Fenster aus bemerkt und sich nun eingefunden hatte, um das Ergebnis seiner Arbeiten zu sehen.

»Was für einen Zweck soll das haben?« rief Fräulein Maria mit einer guten Portion Wichtigkeit.

»Das soll für die Statistik sein, meine Gnädige«, erwiderte der Inspektor ohne eine Spur von Mißvergnügen, denn er wußte, daß das Ergebnis der Fischerei auf den Mitteilungen beruhte, die er auf Grundlage seiner Kenntnisse über Strömung, Tiefe, Temperatur des Wassers und Grundverhältnisse gemacht hatte.

»Du mit deiner Statistik!« scherzte das Fräulein mit einem Ausdruck der tiefsten Verachtung.

»Na, dann nehmt sie nur! Laßt mich aber nachher nur wissen, wie viele es gewesen sind!« Hiermit schloß der Inspektor die Diskussion ab und ging auf sein Zimmer hinauf.

»Er ist neidisch auf uns«, bemerkte Fräulein Maria zu dem Assistenten gewandt.

»Wohl eher eifersüchtig«, meinte dieser.

»Das kann er wohl nicht werden«, erwiderte diese halblaut, gleichsam für sich, und machte damit dem während mehrerer Tage angesammelten Ärger über die fast unglaubliche Gleichgültigkeit ihres Verlobten dem Nebenbuhler gegenüber Luft, denn sie betrachtete sie als eine verletzende, überlegene Selbstsicherheit.

Die Gebetsversammlung war aufgelöst, und alle Schärenbewohner scharten sich um das heimgekehrte Fischerboot.

»Ja, das gnädige Fräulein ist wirklich ein ganzer Prachtkerl!« schmeichelte der Laienprediger, den Augenblick dazu benutzend, um, wie er glaubte, ein wenig Zwietracht auszusäen.

»Eine Krähe, die stillsitzt, kriegt nichts«, scherzte der Zollkontrolleur.

»Einer, der auf dem Sofa liegt, meint er«, flüsterte der Assistent Fräulein Maria zu.

Sie ward ganz verwirrt von all diesem Lob und teilte die Fische mit runder Hand an die Leute aus, die auf der Brücke standen und nicht müde wurden, den rettenden Engel mit Lobpreisungen und Segnungen zu überschütten.

Aber es war nicht Dankbarkeit über die empfangene Wohltat, was diese schönen Worte hervorrief, es war ein innerer Drang, dem Zwang überhoben zu sein, das Unrecht anzuerkennen, das man dem Inspektor zugefügt hatte, indem man sich über seine Fischereipläne lustig machte. Es war die Kehrseite eines Hasses gegen den wirklichen Wohltäter, dem sie sich nicht in Dankbarkeit beugen wollten.

Als der Fisch aus den Netzen genommen und unter die Ärmsten verteilt war, zeigte es sich, daß zehn Tonnen gefangen waren, die sofort von dem Höker aufgekauft und eingesalzen wurden. Das Geld ward dann in Kaffee, Zucker und Bier umgesetzt. Denn Strömling für den eigenen Winterbedarf meinte man mit Leichtigkeit fangen zu können, nachdem Fräulein Maria alles Erforderliche in bezug auf das Verfahren bei der neuen Fischereimethode mitgeteilt hatte.


Als der Inspektor auf sein Zimmer hinaufkam, fand er einen Brief, den ein kürzlich zurückgekehrter Zollbeamter mitgebracht hatte. Er enthielt eine Einladung für den Inspektor und seine Braut, die Offiziere auf der Korvette »Loke« zu einem Ball an Bord mit ihrer Gegenwart zu beehren. Das Kriegsschiff würde am selben Abend um acht Uhr an der Schäre vor Anker gehen.

Er sah sofort ein, daß jetzt der Augenblick gekommen war, der Verbindung ein Ende zu machen, denn die Mätresse eines andern in die Gesellschaft einzuführen und sie als seine künftige Gattin vorzustellen, wollte er natürlich nicht. Er zog deswegen den Verlobungsring vom Finger, legte ihn in einen für die Kammerrätin bestimmten Brief, den er in der vorhergehenden Nacht geschrieben hatte und in dem er mit den stärksten Ausdrücken der Verzweiflung beklagte, daß seine Verbindung mit Fräulein Maria abgebrochen werden müsse. Da sei eine ältere Verbindung mit einer Frau, die ihm ein Kind geboren habe; sie sei jetzt auf dem Wege des Gerichts mit Forderungen an ihn herangetreten, die, selbst wenn sie ihn nicht zwingen konnten, eine Ehe mit ihr zu schließen, doch hinreichend waren, ihn daran zu hindern, eine andere zu heiraten. Als Gentleman, ohne verletzen zu wollen, erkläre er sich bereit, der benachteiligten jungen Dame sowohl in bezug auf die Bewahrung ihres guten Rufes als auf das, was ihre Subsistenz beträfe, beistehen zu wollen.

Diese erdichtete Geschichte hatte er für den besten Ausweg gehalten, um einen Bruch hervorzurufen, da er die Ehre beider Teile schützte, hauptsächlich jedoch die ihre, und nicht umhinkonnte, entscheidend zu wirken, ohne Hoffnung auf Wiedervereinigung, wie ein unvermeidliches Schicksal.

Nachdem er den Brief versiegelt hatte, rief er seinen Knecht und übergab ihm das Schreiben mit dem Befehl, es der Kammerrätin zu überbringen.

Dann zündete er eine Zigarette an und stellte sich an das Fenster, um die Wirkung des Schusses zu beobachten. Die alte Dame stand draußen auf der Veranda und schüttelte eine Decke aus, als der Bote kam, um den Brief abzugeben. Sie empfing ihn mit einigem Erstaunen, das sich steigerte, als sie mit der linken Hand den Umschlag befühlte, um zu untersuchen, was er enthalten könne. Dann wandte sie sich um und ging ins Haus hinein.

Nach einer Weile sah man Fräulein Marias Gestalt sich im Eßzimmer hin und her bewegen. Sie schien in heftiger Erregung zu sein, blieb zuweilen stehen und focht mit den Armen in der Luft umher, als wolle sie sich gegen Vorwürfe verteidigen, die gegen sie gerichtet wurden.

Dies währte ungefähr eine Stunde, worauf sie draußen auf der Veranda erschien und einen rachgierigen Blick zu den Fenstern des Inspektors hinaufsandte. Dann winkte sie dem Assistenten, der vom Hafen herauf kam.

Nachdem sie ins Zimmer gegangen und eine halbe Stunde unsichtbar gewesen waren, erschienen sie wieder und gingen in den Holzschuppen, aus dem sie einen Koffer und eine Reisetasche holten.

Man hatte also einen Entschluß gefaßt und eingesehen, daß ein Verweilen auf der Insel jetzt unmöglich war.

Nach einer Weile erschien der Assistent von neuem, diesmal seine eigene Reisetasche mitbringend, die Borg an dem Messingbeschlag erkannte.

Folglich hatte auch er die Absicht zu reisen.

Bald fand sich der Wirt des Hauses mit dem Gesinde ein, und die ganze Wohnung schien allmählich auf den Kopf gestellt zu werden.

Gegen Mittag sah der Inspektor, der die Zeit mit Lesen verbracht hatte, den Assistenten und das Fräulein auf die Veranda herauskommen, in lebhafter Unterhaltung begriffen, die beständig lebhafter wurde und von Bewegungen begleitet war, die einen heftigen Wortwechsel andeuteten.

»Die sind weit gekommen, da sie sich schon zanken«, dachte der Inspektor.

Am Nachmittag fuhren die alte Dame und der Assistent in dem Lotsenboot nach einem zur Stadt fahrenden Dampfer hinaus. Warum Fräulein Maria allein zurückblieb, konnte er nicht verstehen. Vielleicht eine Hoffnung auf Wiedervereinigung, vielleicht ein Verlangen, ihren Trotz zu zeigen, oder vielleicht etwas anderes.

Sie setzte sich indessen an das Fenster, so daß sie vom Zollhause aus gesehen werden konnte. Und da blieb sie fast die ganze Zeit sitzen, zuweilen gegen die Fensterscheibe trommelnd, zuweilen in einem Buch lesend und hin und wieder das Taschentuch über das Gesicht führend.

Gegen sieben Uhr kam die Korvette von Landsortsfahrwasser hereingedampft und ging gleich darauf zwischen Norstén und Österskär zu Anker. Als sie mit der Dampfpfeife nach dem Lotsen rief, hatte sich das Fräulein erhoben und war hinausgegangen, um nachzusehen, was da los sei. Und wie sie nun da draußen auf dem Hügel stand, das schöne Fahrzeug betrachtend, das für das Fest vom Top bis zur Reling mit Flaggen geschmückt war und mit einem bunten Sonnensegel über dem Mitteldeck, da konnte der Inspektor sehen, wie überwältigt sie von dem lockenden Anblick war. Sie blieb stehen, die Hände auf dem Rücken, bis der Wind die Töne eines Festmarsches nach der Insel herübertrug. Dann begannen zuerst ihre Füße sich zu bewegen, der schlanke Körper beugte sich vornüber, wie von den Tönen der Musik gezogen. Plötzlich aber brach die ganze Gestalt zusammen, das Gesicht barg sich in den Händen, und sie stürzte ins Haus hinein, verzweifelt wie ein Kind, dem ein Vergnügen fehlgeschlagen ist.

Der Inspektor kleidete sich jetzt zum Ball an; an dem schwarzen Doktorfrack befestigte er die Kette mit den sechs Orden in Miniaturformat und band sein Armband um, das er seit dem Verlobungstage nicht mehr getragen hatte. Als er fertig angekleidet war, hatte er noch eine Stunde zur Verfügung, ehe das Boot kam, um ihn zu holen; da beschloß er Fräulein Maria einen Abschiedsbesuch zu machen, hauptsächlich um nicht für feige gehalten zu werden, aber auch, weil er Verlangen hatte, seine Herrschaft über die eigenen Gefühle zu erproben. Indem er in den Flur eintrat, machte er ein wenig Lärm, damit das Fräulein Zeit haben konnte, sich vorzubereiten, und damit er aus dem Ausdruck, den sie anlegen würde, erraten konnte, warum sie zurückgeblieben war, und welche Absichten sie damit hatte.

Er trat in das Zimmer, nachdem er angeklopft hatte, und fand sie mit einer Näharbeit dasitzen, etwas, womit sie sich sonst nie zu beschäftigen pflegte. Ihr Gesicht zeigte Zerknirschung, Reue, Demut, obwohl sie sich anstrengte, gleichgültig auszusehen.

»Empfangen Sie, Fräulein Maria, oder soll ich wieder gehen?« begann der Inspektor. Er empfand jetzt wieder das unerklärliche Verlangen, sie als Frau über sich emporzuheben, sobald sie mit dem Sondergepräge der Frau auftrat und sich an ihn anlehnte, genau so heftig, wie er sonst eine unwiderstehliche Lust empfand, sie niederzuschlagen, wenn sie mit männlichen Forderungen und Gebärden auftrat. Und gerade jetzt erschien sie ihm so schön, wie er sie lange nicht gesehen hatte, so daß er seinen Gefühlen freien Lauf ließ.

»Ich habe Ihnen Kummer bereitet, Fräulein Maria ...«

Als sie den sanften Tonfall hörte, strammte sie sich sofort auf und entgegnete beißend:

»Aber Sie waren zu feige, es mir selbst zu sagen.«

»Rücksichtsvoll, Fräulein Maria! Es wird mir nicht so leicht wie Ihnen, Leute ins Gesicht zu schlagen. Und Sie sehen ja, daß ich den Mut habe, mich zu zeigen, so wie Sie ihn haben, mich zu empfangen.«

Das letztere war absichtlich zweideutig, um zu hören, ob sie an seine Gründe für den Bruch glaubte.

»Meinen Sie vielleicht, daß, ich mich vor Ihnen fürchte?« fragte sie und machte einen Stich an ihrer Näharbeit.

»Ich konnte ja nicht wissen, wie Sie meine Erklärung aufnehmen würden, obgleich ich geglaubt habe, sehen zu können, daß sie Ihnen keinen untröstlichen Schmerz bereitete.«

Es lag etwas in dem Wort »untröstlich«, was Maria wie eine Anspielung auf den jugendlichen Tröster zu treffen schien, aber offenbar wollte niemand von ihnen sich verraten; der eine fürchtete, Eifersucht zu zeigen, der andere war besorgt, zu erfahren, ob er etwas gesehen hatte.

Fräulein Maria, die über ihre Arbeit gebeugt dagesessen hatte, sah jetzt auf, um in den Gesichtszügen ihres Gegners zu lesen, und bemerkte mit einer Verwunderung, die sie nicht verbergen konnte, die vielen Orden auf seinem Frack. Und mit einer kindischen Bosheit, die Neid verriet, spottete sie:

»Wie fein Sie sind!«

»Ich will auch zu Balle!«

Da fuhr ein Zucken über das Antlitz des Fräuleins, ein so starkes Zucken, daß der Inspektor den Reflex von ihrem Schmerz fühlte und ihre Hand ergriff, in demselben Augenblick, als sie in ein heftiges Weinen ausbrach. Und als er sich zu ihr hin beugte, ließ sie den Kopf an seine Brust gleiten und weinte, so daß sie bebte wie eine Fieberkranke.

»Du bist ein Kind!« hätschelte der Inspektor.

»Ja, ich bin ein Kind! Darum solltest du auch Nachsicht mit mir haben!« schluchzte sie.

»Höre jetzt einmal! Wie lange soll man Nachsicht mit einem Kinde haben?«

»Bis in die Unendlichkeit!«

»Nein! Das habe ich noch nie gehört! Es gibt eine ganz bestimmte Grenze, wo sich die Eigenwilligkeit der verbrecherischen Handlung nähert.«

»Was meinst du damit?«

Und nun brauste sie auf.

»Du weißt, was ich meine; das sehe ich«, entgegnete der Inspektor, der wieder aus dem Zauberbann gelöst war, sobald sie sich hart zeigte, denn dann wurde sie sofort häßlich.

»Du bist also eifersüchtig!« höhnte sie, da sie ihn gefangen zu haben glaubte.

»Nein, denn Eifersucht ist ein unbegründeter Verdacht, zuweilen auch eine Vorsichtsmaßregel; aber mein Verdacht hat sich als begründet erwiesen. Also nicht eifersüchtig!«

»Und auf einen Knaben! Auf einen jungen Hund, über den du himmelhoch stehst«, fuhr sie fort, ohne sich mit der Erklärung zu beschäftigen.

»Um so beschämender für dich!«

»Deine ganze Geschichte war also Unwahrheit«, parierte sie, um nicht von der Beleidigung getroffen zu werden.

»Von Anfang bis zu Ende! Aber ich wollte deiner Mutter keinen Kummer bereiten und dich nicht der Schande aussetzen. Verstehst du das Feingefühl?«

»Ja, ich verstehe es, aber ich verstehe mich selbst nicht!«

»Das würde ich können, wenn du mir ein wenig von deinem früheren Leben erzählen wolltest.«

»Von meinem früheren Leben! Was meinst du damit?«

»Du hast also eine Vergangenheit! Den Verdacht habe ich stets gehegt.«

»Du erlaubst dir, zu insinuieren ...«

»Da es mich nichts mehr angeht, wer du bist oder gewesen bist, so ... Jetzt muß ich dir Lebewohl sagen!« unterbrach sich der Inspektor, als er draußen einen Bootsmann gehen sah, der ihn abholen wollte.

»Geh noch nicht von mir!« bat sie und ergriff seine Hand, indem sie ihm mit flehenden Blicken in die Augen sah. »Gehe nicht, denn dann weiß ich nicht, was ich tue!«

»Wozu uns länger quälen, da die Trennung unwiderruflich ist?«

»Wir wollen uns nicht quälen! Du sollst heute abend bei mir bleiben, dann können wir uns aussprechen, ehe wir uns trennen. Ich will dir alles erzählen, was du wissen willst, und hinterher wirst du dann ein anderes Urteil über mich fällen.«

Der Inspektor, der durch diese Äußerungen alles erfahren zu haben glaubte und sicher war, dem Unglück entgangen zu sein, die Geliebte eines oder mehrerer an sich zu binden, hatte jetzt seinen Entschluß gefaßt. Er trat an das Fenster und fertigte den Bootsmann mit dem Bescheid ab, daß er später in seinem eigenen Boot hinauskommen werde.

Als dies geschehen war, setzte er sich auf das Sofa, um die Unterhaltung in Gang zu bringen.

Aber nachdem Maria von ihrer Unruhe befreit worden war, fiel sie zusammen und wurde wortkarg, so daß schließlich ein völliges Schweigen entstand. Sie hatten einander nichts zu sagen, und die Furcht, Sturmvögel aufzuscheuchen, machte allmählich die Stimmung immer gedrückter, so daß die Langeweile sich in all ihrer Unheimlichkeit zu zeigen begann.

Der Inspektor machte sich an einigen Büchern zu schaffen, die auf dem Diwantisch zurückgelassen waren, und erblickte ein Exemplar, in das der Name des Assistenten geschrieben stand.

»Da liegt ›Die Geschichte einer jungen Dame‹, glaube ich! Hast du sie gelesen?« fragte er.

»Nein, ich bin noch nicht dazugekommen! Was ist es denn mit dem Buch?«

»Das Merkwürdige daran ist, daß es von einer Frau geschrieben und dabei doch aufrichtig ist.«

»So? Wovon handelt es denn?«

»Es handelt von der freien Liebe. Ein junger Gelehrter verlobt sich mit einem vorurteilsfreien jungen Mädchen. Und während er sich draußen auf einer Expedition befindet, gibt sie sich einem Künstler hin, um hinterher ihren Verlobten zu heiraten.«

»Nun? Was sagt denn die Verfasserin darüber?«

»Sie lacht natürlich darüber.«

»Pfui!« sagte Maria und erhob sich, um eine Flasche Wein zu holen.

»Warum pfui? Kein Eigentumsrecht in der Liebe! Und der Verlobte war übrigens langweilig, wenigstens wenn er mit ihr zusammen war, wenn man nach der Schilderung in dem Buch urteilen darf.«

»Jetzt fangen wir auch an, langweilig zu werden«, unterbrach ihn Fräulein Maria, indem sie die Gläser füllte.

»Womit wollen wir uns denn amüsieren?« fragte der Liebhaber mit einem zynischen Lächeln, das nicht mißverstanden werden konnte. »Komm und setz dich hier zu mir hin.«

Statt sich von dem brutalen Ton und der Handbewegung, die die Aufforderung begleitete, verletzt zu fühlen, schien sie mit einer gewissen Bewunderung zu dem Manne aufzusehen, den sie bisher wegen seines zu ehrerbietigen Auftretens fast verachtet hatte.

Die Dämmerung hatte sich herabgesenkt, und der Mond warf nur einen gelbgrünen Streifen auf den Estrich, auf dem sich der Schatten der Balsamine in einer Silhouette abzeichnete.

Durch das offene Fenster drangen gedämpfte Töne von dem ersten Walzer »Ballkönigin«, gleich einem Vorwurf, einem Gruß aus dem verlorenen Paradies, gleichzeitig die Hoffnung aufrechthaltend, daß nicht alles vorbei war.

Und in der Hoffnung, ihn durch die Erinnerung an die höchste Seligkeit zu binden, machte sie das letzte Zugeständnis nach einer stürmischen Liebeserklärung von seiner Seite.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.