Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Josef Gangl >

Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald

Josef Gangl: Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJosef Gangl
titleAm Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald
publisherJ. Singer & Co. Verlag
year1912
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180425
Schließen

Navigation:

Heilsames Verbrechen

In das Moorholz war ein Auerhahn eingefallen. Festl stand gerade dort, wo sich die Bergstraße an der nackten Steinwand über das weit hinziehende Gewipfel des schwarzen Tannes erhebt, und es verdross den Burschen, nun noch einmal zu Tal zu steigen. Der Hahn war ihm am Morgen bei der Balz auch gewiss. Mehr brauchte Festl nicht zu wissen, als wo das Vieh nächtigte. Übrigens machten die aus dem Moorgrunde aufsteigenden Abendnebel das Schießen schon unsicher. Gegen das leiseste Dämmern eines halbwegs klaren Morgenhimmels hob sich das Waldgeäste viel schärfer ab als jetzt gegen den wogenden Erdgeruch. Festl empfand auch heute ein ganz besonders mächtiges Verlangen, zu der jungen Passwirtin hinauf zu kommen. Tagsüber hielt er auf seinen einsamen Waldgängen die Sehnsucht nach ihr zur Not aus. Aber am Abend zog ihn das einschichtige Wirtshaus auf der Passhöhe an, dass ihn nicht so leicht irgendwo eine Macht hätte zurückhalten können. Bisher tat auch die junge Wirtin ihr Möglichstes, damit ihr Festl zufliege. Sie zeichnete ihn vor allen ihren Gästen auf jede halbwegs statthafte Art aus. Er war freilich als gräflicher Waldheger der vornehmste von denen, die bei ihr Einkehr hielten. Seit die Bahn um das Gebirge ging, kamen nur noch zeitweilig arme Holzfuhrleute über den Berg. Und Festl ließ fast seinen ganzen Gehalt in dem Wirtshause. Vor einem Monat war er mit Sack und Pack aus der alten Hegerhütte vom Moorholz heraufgezogen. Er hatte mit seinen mächtigen Schultern dem morschen Holzbau nur einen Ruck geben müssen, um für den Oberförster einen Grund zu der Übersiedelung zu haben.

»Mein Haus ist zusammengefallen«, sagte er dann zu dem Alten. »Wird's wohl wer umgetaucht haben. Der Wind könnt's gewesen sein oder ein Hirsch oder ein Maulwurf.«

»Vielleicht war's der Teufel«, lächelte der Alte, der wohl eine Ahnung von der Liebesleidenschaft des Burschen hatte. »Hüt' dich vor dem.«

»Jetzt zieh' ich halt in Gottesnamen in das Wirtshaus hinauf«, sagte Festl. »Die Wirtin hat leere Stuben. Und von dort oben überseh' ich mein ganzes Revier.«

»Darübersehen und Darinnenstehen ist freilich zweierlei«, meinte der Alte. Aber er ließ den Burschen hinaufgehen. Der Wirtin war es nicht nur des Geschäftes willen lieb, dass er zu ihr ging. Seit den zwei Jahren ihrer Witwenschaft hatte sie sich schon viel nach einem Freund gesehnt. Und da kein besserer kam, war ihr der Festl eben recht. Sie hätte einen anderen ebenso hoch oder noch höher geschätzt, der das wert gewesen wäre. So eigensinnig wie manche Weiber, welche um eines minderen Mannes willen auf einen bedeutenderen verzichten, war Stani durchaus nicht. Vor der großen, stetig wachsenden Liebe des feurigen Burschen wurde ihr nicht im Mindesten bange. Sie hatte vielmehr eine beinahe grausame Freude daran. Zudringlich war er ihr bisher nicht geworden. Er wagte aus lauter Achtung vor der Witwe von der ihn verzehrenden Glut noch gar nicht zu reden. Aber heute kam sein Feuer auf eine unvorhergesehene Art zum Ausbruch. Er saß mit der Wirtin bis spät nach Mitternacht allein in der Stube. Um die Hahnbalz nicht zu versäumen, durchwachte er die Nacht, und Stani leistete ihm dabei wie schon öfters Gesellschaft. Da kam plötzlich noch ein später Gast, ein schlanker, etwas schwächlicher Bursche mit einem fast weiblich zarten, schönen Gesicht und seltsam träumerischen Blauaugen. Der hatte einen schweren Rucksack angeschnallt, und unter dem Arme trug er einen Zitherkasten. Festl erkannte ihn gleich. Es war der Firnlenz, welcher vor zwei Jahren mit der Zither in die Welt ging. Man hielt ihn schon von klein auf im Waldgau für den besten Künstler auf seinem Instrument. Dem Wildheger fiel es auch gleich ein, dass Lenz der Jugendgeliebte der Wirtin war, die dann einen anderen heiratete. Sie hatte zur Übernahme des elterlichen Hauses Geld gebraucht, und Lenz war ein armer Teufel gewesen. Als Stani heiraten musste, ging er fort. Und jetzt war er plötzlich wieder da. Die Wirtin fuhr bei seinem Anblick von ihrem Sitz auf und blieb hernach eine Weile völlig starr und sprachlos. Festl, der sie scharf beobachtete, wurde nicht gleich darüber klar, ob ihr Empfinden ein mehr schreckhaftes oder freudiges war. Sie hatte an den Musikanten schon lange nicht mehr gedacht. Und ehe sie ihn vergaß, hatte sie sich von ihm vergessen gehalten. Dass der noch einmal zu ihr kommen würde, erwartete sie nicht mehr. Aber weil er nun doch kam, wusste sie auch gleich, was er wollte. Bei ihrem ersten Blick in seine großen, leuchtenden Augen sah sie, dass seine Liebe die alte geblieben war, während die ihre verging. Da fühlte sie beinahe etwas wie Scham, Reue und Rührung. Und sie sah, dass es nun doch viel schöner gewesen wäre, wenn sie durch die Zeit mehr Gefühl für ihn bewahrt hätte. Sie wusste auch gleich, wie sie sich zu ihm stellen würde, wenn die Gründe seines Kommens wirklich diejenigen wären, welche sie so genau zu erraten glaubte. Der Firnlenz vermochte lange keinen Blick von ihr abzuwenden. Er sah noch ganz sein früheres liebes Dirndl in ihr, das er in der Ferne so unwandelbar geliebt hatte. Nur dass sie sein Kommen nicht gleich wie ein schon sicher erwartetes hinnahm, war ihm befremdlich.

»Das hast Du Dir doch wohl denken können, dass ich komme«, sagte er.

»Nein«, sagte sie ehrlich, »auf das hab' ich schon lange nimmer gehofft.« Und fast bittend setzte sie hinzu: »Das musst Du mir schon verzeihen.«

Er lächelte ein wenig wehmütig. »Nun ja, ja, wenn es Dich nur jetzt wieder freut, dass ich da bin.«

»Das gewiss, ganz gewiss«, bekräftigte sie innig.

»Warum ich da bin, das weißt Du aber?« forschte er gespannt. Sie nickte ihm beruhigend lächelnd zu.

»Dann ist's gut«, sagte er, »dann kann ich mich hier mit den rechten Gefühlen zur Rast setzen.«

»Hunger wirst Du wohl haben?« fragte sie.

Lenz schüttelte den Kopf. »Nein. Um jetzt essen zu können, bin ich rein zu glückselig. Aber trinken will ich, trinken!«

»Ich auch!« rief der Wildheger und leerte den noch ziemlich bedeutenden Inhalt seines Glases. Lenz sah der Wirtin mit einem seligen Blicke nach, während sie über die Stube nach der Kellertür ging. Er fand ihre schlanke, stolze Gestalt kaum verändert. Seine Augen waren noch völlig glückstrunken, als sie hernach Festl trafen.

»Sie ist noch immer die Alte«, sagte Lenz in ahnungsloser Innigkeit.

Festl lächelte bitter. »Ja, für Dich ist sie es gerade wieder geworden.«

»Auch recht«, sagte Lenz. Er hatte keine Ahnung, mit welchem Maße von plötzlich entstandener Feindschaft und Eifersucht er es da zu tun hatte. Dann fuhr er fort: »Jetzt steht uns nichts Böses nicht im Wege. Einmal, da waren ihre Schulden und meine Armut. Jetzt ist sie schuldenfrei und auch sonst frei, und ich bin ein tüchtiger Verdiener geworden, der wohl weiß, was er einem Weibe bieten kann.«

»Mit der Zither verdienst Du so viel?« fragte Festl mit spöttischer Geringschätzung.

»Jawohl. Die trägt mir jetzt in einer Woche mehr als Dir Deine Wildhegerei in einem Monat.«

»Wenn das wahr wäre – solltest Du Dir's dann so anmerken lassen?« fragte Festl.

»Warum denn nicht?« lachte der andere. »Eine ehrliche Freud' braucht man nicht zu verbergen wie ein schlechte. Ich hab' es der Stani gleich zu erkennen geben müssen, dass jetzt, wenn auch wider ihr Erwarten, doch unsere bessere Zeit gekommen ist.«

»Und sie hat auch gleich gerne daran geglaubt«, sagte Festl mehr vor sich hin als zu dem anderen. Und dann hatte er plötzlich nicht mehr die Kraft, mit seinen Gefühlen an sich zu halten. Mit dem ganzen Ausdruck seines Hasses brannten plötzlich seine Augen auf den anderen los. Und als er sah, wie Lenz erschrak, tat ihm das wohl, wie ihm jetzt alles wohl getan hätte, was den anderen wehe tat. Zu dem Schrecken des Musikanten gesellten sich gleich Mitleid und Erbarmen. »So ist das!« rief er. »Muss denn gleich immer alles Glück gestört sein?«

»Ja – ich könnte es Dir wohl stören«, sagte Festl. »Ich wäre das jetzt wohl auf jede Art imstande – mir ist nicht so, als ob mir etwas zu schlimm wäre für Dich. Es ist nun recht viel Neues los in mir, von dem ich bisher nichts gespürt habe. Es ist etwas, das über die Mordgier des wilden Viehes geht. Ich bin wenigstens offen gegen Dich – gelt? Du bist es ja auch, und vielleicht kannst Du Dich retten.«

»Ich fürchte Dich nicht«, sagte der Musikant ernst und ruhig. »Vielleicht kann ich Dich von diesem Hasse heilen, er ist doch ein Wahnsinn, und so lieb mir jetzt mein Glück war, Du tust mir leid.«

Jetzt kam die Wirtin mit dem Bier. »Wir reden noch allein weiter«, flüsterte der Musikant. Der andere gab kein Zeichen des Verständnisses, sondern sah ihn nur immerfort mit flirrenden Augen an. Stani hatte unterdessen schon fleißig darüber nachgedacht, wie sie nun mit dem Wildheger am besten auskommen würde. Des Geschäftes wegen wollte sie ihn noch halten. Im Übrigen wäre er ihr nun schon ziemlich gleichgültig gewesen, wenn sie nicht hätte fürchten müssen, dass er ihr noch lästig werden konnte. Übrigens pries sie ihre eigene Vorsicht, mit welcher sie bisher die Entwicklung eines offenkundigen Verhängnisses zu dem Heger verzögert hatte. Sie glaubte jetzt noch mit gutem Rechte von dem Minderen lassen zu können, wo der Bessere gekommen war. Wenn sie es nicht deutlich erkannt hätte, dass den Musikanten nicht zum geringsten Teile sein jetziger guter Verdienst zu der Werbung veranlasste, wäre sie nun selbstverständlich nicht so bald entschieden gewesen, denn um ihrer Jugendliebe willen heiratete sie nun nicht mehr.

Als sie das Bier vor den Wildheger hinstellte, sah sie ihn ängstlich prüfend an. Und da erschrak sie nicht weniger als vorhin Lenz. Nur tat ihr Festl nicht auch gleich so leid wie dem jungen Herzen des anderen. Sie begann nun den Heger zu fürchten. Dem Musikanten fiel ein, dass er ihnen allen über das Peinlichste dieser Stunde vielleicht etwas hinüberhelfen könnte. Er holte seine Zither und begann zu spielen, erst ernst, dann lustig, dann toll, kurzum, als ob er sie und sich selber über alle Stimmungen zu der richtigen bringen müsste. Dabei sah er manchmal das eine oder das andere an. Stani folgte ihm – nämlich sie war einmal dem Lachen, einmal dem Weinen nahe, aber Festl flirrte ihn noch immer mit den Augen an wie früher. Er rührte sich durch eine lange Zeit fast nur, wenn er trank. Und er trank fürchterlich viel. Der Musikant hätte ihn schon gerne gewarnt, fürchtete ihn aber damit zu beleidigen. Und die Wirtin hielt es für gut, dass er trank. Sie dachte: »Er vertrinkt seinen Schmerz und sein Geld.« Darum schenkte sie fleißig ein.

Lenz verzweifelte schon daran, dass er mit seiner Musik nur das Mindeste über den anderen vermögen könnte. Aber da – bei einem seltsam süßen, wehmütigen Liede wurde Festl toll und vollbrachte etwas Entsetzliches. Es war das Werk eines Augenblickes gewesen. Festl machte vorher keine verdächtige Bewegung, welche seine Tat hätte vorausahnen lassen können. Der Musikant hatte eben bei dem Spiele den Kopf zu der Zither gesenkt, und Stani sah verträumt in die dunkelnde Leere des großen Stubenraumes, als das Furchtbare geschah. Festl hatte mit seinem scharfen Hirschfänger nach der auf dem Griffbrette liegenden Hand des anderen geschlagen.

»Jetzt spiel! Jetzt verdien!« rief er dabei aus. Von den Fingern des Musikanten blieben drei auf der Zither liegen. Er war zuerst aufgefahren, als er sah, was geschehen war, dann fiel er ohnmächtig auf den Boden hin. Festl sah mit dem Gesichte eines Menschen, der seinen brennendsten Durst stillt, auf das, was er getan hatte. Und er stillte nun wirklich seinen Hass vollständig. Schon in recht kurzer Zeit hatte er sich ganz sattgesehen, dann verglomm der wilde Brand in seinen Augen und sein lechzender Atem stockte. Und vor der Gewalt der nun kommenden Reue vergingen ihm die Sinne. Stani war nun nicht so fassungslos, um das Notwendigste zu vergessen. Ehe der Morgen graute, war die Hand des Musikanten vom Dorfarzte kunstgerecht verbunden. Aber schon vor der Ankunft des Arztes hatten sich die drei teilweise über die Sache ausgesprochen. Der Musikant war bald zur Besinnung gekommen. Er nahm sein Unglück mit einer recht tapferen Ruhe und Geduld hin. Nur gleich nach seinem Erwachen weinte er leise, weil es nun mit dem Spielen aus war. Und Stani weinte laut mit. Dann trat Festl in die Kammer, der erst gerade zuvor draußen in der Wirtsstube wieder zu sich gekommen war.

»Jetzt geh' ich zu Gericht«, sagte er.

»Wird uns das helfen?« fragte Lenz lächelnd.

»Dir freilich nicht mehr«, war die Antwort. »Aber wenn mir noch was helfen kann, so ist's die Strafe.«

»Komm her«, sagte Lenz. »Ich will Dich strafen.«

Da fiel der andere vor dem Bette auf die Knie. Lenz küsste ihn milde lächelnd auf die Stirne. »Ist Dir das genug?«

Festl blieb weinend vor dem Bette liegen. Der Wirtin gefiel das alles nicht. Sie wusste selber nicht ganz genau, warum ihr das nicht gefiel, war es, weil sie das sonderbar veränderte Verhältnis der beiden nicht begriff oder weil sie in demselben eine Gefahr für sich selbst witterte oder weil ihr im Allgemeinen die schlimmste Feindschaft zwischen Männern sympathischer war als so eine Weichheit.

»Nur unter einer Bedingung geh' ich nicht zu Gericht«, sagte Festl. »Wenn Du statt Deiner Hand, die dich Dir genommen hab', meine beiden annimmst, nämlich wenn ich mein Lebtag für Dich arbeiten darf.«

»Zum Biereinschenken bei meinem Weibe werde ich schon noch zu brauchen sein«, meinte Lenz.

Stani staunte nun, dass er noch an so etwas dachte. Ihrer Meinung nach sollte er es doch einsehen, dass er nun keinen Wert mehr für sie hatte. Ihr Geschäft wollte sie schon selbst versehen. Vorderhand mochte sie ihm anstandshalber die eitle Hoffnung noch nicht rauben. Als der Arzt wissen wollte, wie das Unglück geschehen sei, sagte Lenz: »Bei der Häckselmaschine.« Darauf fragte der Arzt nicht weiter. Er sah den Wildheger am Fußende des Bettes sitzen, und da konnte er in seinem hellen Kopfe die Geschichte reimen. Um die Pflege des Unglücklichen brauchte sich dann Stani nicht viel zu kümmern.

»Meine Hände gehören jetzt ihm«, hatte Festl erklärt. Er lief nur einmal in das Revier zu dem Oberförster hinab, bat um einen Urlaub und wich dann nicht mehr aus der Nähe des anderen. Das war nun zwar dem Musikanten ganz recht, aber einmal sagte er dann lächelnd: »Auf alles denkst Du bei meiner Pflege, nur auf eines nicht. Noch keinen Augenblick hast Du mich mit meiner Braut allein gelassen.«

»Aus Eifersucht ist das jetzt nicht mehr geschehen, sondern aus Vergesslichkeit«, verantwortete sich Festl. Dann ließ er die beiden bei der nächsten Gelegenheit allein. Als er nach einer Weile, die ihm genügend lange erschien, wieder zu Lenz zurückkam, fand er diesen allein und auf eine recht unerwartete Art verändert.

»Jetzt mag sie mich nicht mehr«, sagte der Musikant trotz seiner merklichen Erregung recht selbstbeherrscht. »Jetzt ist nur eine Frage: Wohin? Wohin?«

Festl war einen Augenblick starr vor Schrecken und Staunen. Dann lachte er bitter auf. »So? Jetzt mag sie Dich nicht mehr?« Darauf schlug er sich vor den Kopf. »Und die haben wir so gern gehabt? Derentwillen habe ich Dich so elend gemacht? Siehst Du, Lenz, da ist jetzt meine Lieb' rein wie verflogen.«

»Seltsam«, sagte Lenz. »Und mir scheint, die meine wird jetzt auch um desto lieber verfliegen, weil sie es von der Deinen sieht.«

»Das ist dann nach allem vielleicht noch ein Glück«, meinte Lenz.

»Schon möglich, dass es besser ist, ich hab' drei Finger verloren, als ich heirat' die Stani…«, lächelte Lenz. »Jetzt ist ihr Gemüt aufgekommen.«

»Wir gehen augenblicklich aus dem Haus!« rief Festl. »Du bist zwar jetzt nach dem Wundfieber noch recht schwach, aber ich trag' Dich! Unten bei dem Förster bist Du gut aufgehoben, bis meine Hütte wieder steht und die Deine!«

»Mir ist es recht«, sagte Lenz. »Wie Du halt leichter und lieber mit mir tust, so ist es mir recht.«

In einer Weile darauf trat Festl zu Stani in die Küche. »Zahlen«, sagte er kurz. »Unsere Zeit bei Dir ist aus.«

»Wie? Auch die Deine?« fragte sie erschrocken. »Dir gefällt es nicht, dass ich ihn jetzt nicht heirate«, fuhr sie dann fort. »Jetzt soll mir der noch recht sein, den Du so verstümmelt hast…? Seines Verdienstes wegen hätt' ich ihn genommen. Und jetzt soll ich einen Krüppel heiraten. So etwas verlangt ihr von mir? Ich versteh' Euch nicht! Dich schon gar nicht! Zuerst tust Du aus Eifersucht so etwas, dass man meinen sollte, Deine Lieb' zu mir wär noch so unerhört stark, und dann ist plötzlich wieder keine Spur davon da. Zuvor von einer Liebe kein Zeichen und danach keines.«

»Zuvor?« rief er. »Das musst du doch gewusst haben, wie ich Dich liebte.«

»Nichts hab' ich gewusst«, log sie. »Gar nichts. Sonst wäre ja alles anders geworden. Auch das Unglück wäre nicht geschehen. Ich hätte an keinen mehr gedacht als an Dich.«

»Lügst Du nicht?« forschte er.

»Nein! Glaube mir!« beteuerte sie mit aller Innigkeit, deren sie nur jetzt fähig war, wo es doch galt, sich Festls Besitz zu sichern, der ihr nun wieder wertvoller erschien als alles, worauf sie gegenwärtig Aussichten hatte. Ihrer Lüge glaubte er auch wirklich. Aber deswegen ließ er sich nicht länger aufhalten.

»Ich habe Dich geliebt«, sagte er. »Dass das jetzt vorbei ist, sollte Dich nicht wundern, aber vielleicht ist es gut für Dich, dass Du es nicht begreifst.« Damit ließ er sie stehen. Und in einer Weile darauf trug er den Freund auf seinen starken Armen aus dem Hause.

»Jetzt bin ich durch mein Verbrechen noch froh geworden«, sagte er. »Und Dir soll Gott Dein Elend nicht viel spüren lassen, weil Du es meinetwillen derart auf Dich genommen hast.«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.