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Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald

Josef Gangl: Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJosef Gangl
titleAm Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald
publisherJ. Singer & Co. Verlag
year1912
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180425
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Faschingsbraut

In dem hochgelegenen Böhmerwaldtale war es wieder einmal vor der rechten Zeit Winter geworden. Da blieben nun die Erdäpfel und der Waldhafer bis zum Frühjahr unter dem klafterhohen Schnee, und die armen Bergbauern konnten wieder zeigen, was für tüchtige Hungerkünstler sie waren. Dem Kleppner Festl hatte es sogar seine siebzig Kornmandeln verweht, dass auch nicht ein einziges aus dem Schnee lugte. Der Festl war freilich mit der Not schon so befreundet, dass er den lustigsten Scherz mit ihr trieb.

Aber sein Sohn, der Jürg, murrte den ganzen Winter lang wider sie. Dem ging es nämlich im Sommer gar zu gut. Da war er bei den Holzflößern verdingt und fütterte sich dort so hübsch aus, dass man die Augen auf seinem blühenden Leibe stehen lassen musste. Und jetzt sah er sich hier von seinem schönen Fleische fallen, ohne etwas dagegen tun zu können, denn es gibt im Winter für den Bergbauern so wenig einen Verdienst als für den Hamster. Jürg glaubte, den Essvorrat, welcher bis zum Frühjahr reichen sollte, ohne Mühe in einem Monat verzehren zu können. Nur eine süße Hoffnung verlieh dem Jungen bei der notseligen Hausordnung Mut und Geduld. Das war die Hoffnung auf den Fasching. »Am Faschingsdienstag, da will ich mich anessen«, sagte er mit guter Zuversicht. »Da leg' ich mich an, halb winterlich, halb sommerlich, halb reich, halb arm, halb schön, halb schiech, halb lustig, halb traurig, kurzum – ganz halb, und mit einem Wort – närrisch, und tu auch so. Ein'n strohwer'n Dreschflegel nehm' ich, mit dem derschlag ich ein'n jeden, der über mich nit lacht; einen papierenen Mühlstein, mit dem dersäuf' ich, was über mich nit weint, und einen langen Spieß, an den steck' ich das Fleisch, das der dumme Magen nicht fassen will.«

Der Kleppner Festl ließ seinen Jungen toben. Er dachte daran, dass er auch getobt hatte, als er so heißhungrig und heißfühlend gewesen war. »Traurig genug, dass sich das legt«, sagte er. So ging denn der Junge in einer Maskerade, an welcher er schon lange zuvor gearbeitet hatte, am Faschingsdienstag hinunter in das Kirchdorf, wo man solche Zeiten noch ganz nach dem alten deutschen Bauernbrauch hielt. Das Wetter leistete an diesem Tage der Narretei eigens Vorschub. Ein leuchtender Himmel lag über den Bergen, und damit diese in ihren schwarzen Tannenkleidern nicht gar so ernst und feierlich aussahen, hatte der Westwind einen jeden Baum einseitig angereift und somit den Wald gescheckt. Der Schnee, welcher die Leute noch gestern tief einsinken ließ, »trug« heute, das heißt, er hatte eine feste Eisrinde, auf welcher man von Hof zu Hof konnte, dass es eine Freude war.

In aller Morgenfrühe ging das übliche Treiben los. Zuerst lief des Faschings Büttel mit seinen Schergen herum und tat in den Häusern alles Mögliche, um für diesen einen Tag alle rechte Arbeit und alles gescheite Denken zu verhüten. Was die in den Haushaltungen aufzuführen verstanden, ist nicht zu beschreiben. Sie wussten ebenso fein als derb zu spaßen. Nach dem Büttel ging die »Faschingsbraut« mit dem »Braschenweibl« die Haussteuer absammeln. Die tat nun so bräutlich ehrsam und bescheiden, als ob sie von dem Unfug, der ihretwegen eben getrieben worden war und noch getrieben werden sollte, keine Ahnung hatte. Sie wurde überall mit großen Ehren zu Tisch geladen und mit dem schalkhaftesten Ernste um alles Mögliche befragt, worauf sie lauter ebenso ernsthafte Antworten gab. Und wo sie zum Beispiel aus Geschämigkeit im Reden ermangelte, half das Braschenweibl heraus, beziehungsweise hinein. Sonst war die Braut gewöhnlich ein verkleideter Mann. Aber diesmal hatten sie die Kather überredet, die Braut zu machen. Sie meinten, dass der Spaß besser würde, wenn sich dieses Weib dazu hergab, welches allgemein für einen Halbnarren galt.

»Anders kommst Du eh nimmer zum Heiraten!« sagten sie ihr. »So heirat' doch wenigstens für diesen Tag.« Und sie ließ sich nicht lange bitten. Einen Menschen, der sie abgeredet hätte, besaß sie nicht. Sie war die Tochter eines armen Flickschneiders, mit dem sie auf der »Stör« herumging, bis er starb. Dann ging sie allein nach den Häusern. Von seinem Handwerk hatte sie nichts erlernt. Dafür war sie aber zur groben Bauernarbeit brauchbar geworden. Sie hielt aber bei keiner Arbeit und in keinem Hause stand, weil sie eben das Herumziehen gewohnt war. Sie ging, sobald sie sich irgendeinem Willen fügen oder irgendwo gehorsamen sollte.

»Du brauchst niemand'n z'folgen!« hatte der Flickschneider immer zu ihr gesagt, wenn sich jemand das mindeste Recht oder den geringsten Einspruch auf ihre Erziehung anmaßen wollte. Er war sonst grundgescheit gewesen, aber in der überzärtlichen Liebe zu seinem Kinde war er ein Narr, und damit machte er es auch zu einem Narren. Sie wäre freilich nicht so außergewöhnlich groß und stark geworden, wenn er nicht mit so übertriebener Sorgfalt darauf gesehen hätte, dass man sie in den Bauernhöfen bestens traktierte. Nach seinem Ableben musste sie vieles Liebgewohnte schwer entbehren. Aber im Allgemeinen veränderte sie doch ihren Sinn nicht mehr, als sie sich allein durchschlagen musste. Sie arbeitete jetzt zwar um ihr Brot, ließ jedoch demjenigen die Arbeit leicht liegen, welcher ihr vor derselben zu essen gab. Die Talbauern sahen sie trotzdem immer wieder gerne kommen, denn die Not um Arbeiter und die Freude an einem Menschen, der sich derb hänseln ließ, war hier etwas Beständiges. Und die Kather war just wie geschaffen, den Leuten einen Narren abzugeben. Weil man sich nicht anders als spaßhalber um sie kümmerte, war ihr mit der Zeit auch dieser Verkehr so lieb geworden, dass ihr ordentlich bange ward, wenn man sie in Ruhe ließ. Als sie von dem übermütigen jungen Volk des Dorfes zur Faschingsbraut erkoren wurde, fühlte sie sich über die Maßen geehrt. Man versprach ihr einen Bräutigam herzugeben, an dem sie ihre Freude haben konnte. So viel außerordentlich Liebes wusste man ihr von diesem Bräutigam zu erzählen, dass sie schließlich eine ihr vorher völlig unbekannte Sehnsucht nach ihm empfand.

In ihrem ganzen Leben hatte sie sich auf nichts so gefreut, wie auf diesen Faschingsdienstag. Nun wurde aber der, welcher den »Fasching« ihren Bräutigam machen sollte, in der letzten Stunde krank. Da kam nun der Jürg in seiner Maskerade dem jungen Volk wie gewunschen. Es erkannte ihn niemand in seiner Vermummung. Sie meinten, einer aus dem Dorfe hätte sich so schnell zum Nothelfer gemacht. Und Jürg bewies ihnen auch gleich, dass nicht leicht einer zum »Fasching« so tauglich sei wie er. Seine Braut empfing er mit den spottvollsten Liebesbezeugungen. Sein Jubel war um das zu laut, was der ihre zu heimlich war. Sie vergaß förmlich, dass sie keine wirkliche Braut war, sondern die »Faschingsbraut«. Was ihr die anderen von ihm erzählt hatten, fand sie alles an ihm in einem wundersam verklärten Maße, obwohl sie kaum sein Gesicht hinter dem dreifärbigen, falschen Barte und dem närrischen Farbenanstrich zu erkennen vermochte. Selbst an seinen buntscheckigen Lumpen war ihr alles eitel Reiz und Herrlichkeit. Es stach freilich durch seine Vermummung, dass er der hübscheste von allen Burschen war. Und man sah, dass ihn auch gleich alle für den lustigsten und witzigsten anerkannten. Kather war nicht so dumm, um nicht zu wissen, dass er ihr alles Liebe spaßhalber sagte. Dabei war ihr aber doch alles tiefer Ernst, was sie ihm spaßhalber antwortete. Sie war bei ihrer erwachenden Liebe plötzlich wunderklug geworden.

Am Nachmittag kam der Faschingszug und, was ihm nachlief, an alle Häuser. Überall wurden zuvor die Stuben in Tanzböden verwandelt, und ein Bauer suchte den andern in der Bewirtung des lustigen Schwarmes zu übertreffen. Jürg, der furchtbar hungrig und durstig in das Dorf gekommen war, tat sich nun mit aller Macht gütlich. Das war ja nun endlich ein Tag, an dem er sich sättigen konnte. Es fiel ihm gar nicht ein, sich eine Mäßigung aufzuerlegen. Da war er denn schon im dritten Hause ziemlich angeheitert. Infolgedessen trieb er es auch mit seiner Braut immer toller. Er missfiel ihr aber auch in seinem größten Übermut nicht. Freilich wurde sie fortgesetzt um das stiller, was er zu laut wurde. Da fanden viele, dass sie diesmal doch eine zu langweilige Faschingsbraut hatten. Ihre Vorgängerinnen waren sonst immer recht bald volltrunken und zu den derbsten Späßen aufgelegt gewesen. Jürg durchsah die arme Närrin gleich vom Anfang. Sie tat ihm fast ein wenig leid. Aber er vergaß bald in seinem Taumel der rechten Rücksicht gegen sie und wollte sie dann mit aller Gewalt zum Übermut reizen. Als er dabei, noch halb im Spotte, etwas gar zu zärtlich wurde, lief ihm Kather davon. Er verfolgte sie und holte sie in einer stillen, dunklen Kammer ein. Das hatte sie aber beileibe mit dem Davonlaufen nicht erreichen wollen. Und hier … es hatte wohl sein Rausch die Schuld, dass er ihr von Liebe sprach, bis er selbst daran glaubte.

Sie glaubte ihm nun auch.

Wenn sie da gewusst hätten, wie bald seine Liebe vergehen und wie lange die Ihrige bestehen würde, da wäre es jetzt vielleicht anders gewesen.

Aber da geschah nun dasjenige, was so lustig war und zugleich so traurig. Die Fastnacht verging, ohne dass ein drittes von dem etwas ahnte, dass der Fasching mit seiner Braut inniger verkehrt hatte, als es der Brauch wollte. Der Jürg zog am Aschermittwochmorgen mit einem Spieße voll Selchfleisch seinem Berg zu, und kein Mensch erfuhr, wer der vermummte Spaßmacher gewesen sei. Auch der Kather hatte er seinen Namen nicht gesagt, noch das Geringste von seiner Herkunft. Und sie war gar nicht dazu gekommen, ihn zu fragen. Sie glaubte aber doch erst sicher darauf hoffen zu dürfen, dass er sie bald wieder aufsuchen werde. Aber zu ihrem wachsenden Schmerze blieb er aus. Sie fragte ihm nach, erst verstohlen, und dann, als sie in der beginnenden Verzweiflung der Scham vergaß, öffentlich. Aber es konnte ihr niemand eine Auskunft geben, im folgenden Winter genas sie eines Knaben. Die ehrenbraven Bäuerinnen hatten sich der armen Verlassenen in der Not angenommen, wie es sich gehörte. Freilich den Spott unterließen sie nicht bei dem Werke der Barmherzigkeit. Sie konnten es sich nicht versagen, der Kather immer wieder um dasjenige zu befragen, worauf sie nun eine gar so sonderbar lustige und traurige Antwort gab.

»Sag' doch, Kather, von wem hast denn das Bübl, von wem denn nur?« fragten sie immer wieder.

»Vom Fasching«, antwortete sie in aller Ernsthaftigkeit. Und sie merkte es nun kaum, dass sich die Leute die Zungen verbissen, um nicht hellauf zu lachen.

»Vom Fasching hab' ich 'n«, sagte sie allen Leuten. Und erst seitdem sie das sagte, war sie ein ganzer Narr geworden. Ehedem wäre vielleicht doch ein halbwegs richtiger Mensch aus ihr zu machen gewesen. So ging sie nun mit ihrem kleinen Simerl von Haus zu Haus. Und es dauerte nicht gar lange, da konnte sie es schon den närrisch Lachenden närrisch lachend sagen: »Vom Fasching hab' ich 'n, vom Fasching.« Sooft nun der Faschingsdienstag wiederkam, ging sie mit ihrem Kinde dessen Vater suchen.

»Er ist's heuer wieder nit, der Wahre«, sagte sie dann, als sie den jeweiligen Fasching gesehen hatte. »Vielleicht kommt er doch noch einmal.« So hoffte sie immerfort auf ihn. Aber er kam nicht mehr. Erst schwieg Jürg, noch mit seinem Gewissen kämpfend, aus Scham, Feigheit und noch mehreren Gründen, aus denen sich auch andere in ähnlichen Lagen zu verleugnen pflegen. Und als er dann ein Weib geheiratet hatte, das seiner notigen Wirtschaft mit einer namhaften Mitgift aufhalf, schwieg er erst recht. So blieb denn die Kather die Faschingsbraut bis an ihr Ende.

Und ihren Knaben nannten sie des »Faschings Sohn« und verhöhnten ihn, ehe sie noch wussten, was aus ihm werden mochte.

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