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Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald

Josef Gangl: Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJosef Gangl
titleAm Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald
publisherJ. Singer & Co. Verlag
year1912
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180425
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Der Bergsee

In dem einstigen Bette des Seebaches hatten wir unser Hütten gebaut. Der Grund der tief ausgewühlten Felsenrinne war vor dem Bergwinde geschützt. Es konnten die Tannenriesen des Hochwaldes über so einen Unterschlupf hinfallen, ohne ihn zu versehren. Ich und Nazi, mein bester Kamerad, nisteten uns in einem breiten Risse des Gesteines ein, das sich hier noch vom Wasser glatt geschliffen zeigte wie Marmor. Gegen den Berg zu bauten wir die Runse mit einer dichten Reisigwand ab. Wir wünschten uns kein wonnigeres Heim. Hinten war das Mooslager, davor der Tisch und etwas außerhalb des Einganges die steinerne Herdstelle. Talwärts von unserer Hütte sprang der Bach über wilde Geröllstufen. Auf seinem Laufe waren erst wenige Tannentempel angesiedelt, während hüben und drüben auf den Hängen schon hohes Stangenholz zu den stolzen Domen des uralten Mutterwaldes emporstrebte.

Aus der Tiefe sah man zwischen den mächtigen Baumsäulen den Riss, welchen wir elf Holzknechte in das feierliche, schwarze Kleid des Berges gemacht hatten: den neuen Holzschlag. Fünf ähnliche Bauschaften wie die unseren reihten sich in dem Einschnitt hinauf. Wir lebten frei nach unserer Seelenwahl je zu zwei unter einem Dache. Nur der alte menschenfeindliche Ginner hauste in der obersten Hütte allein, die ein unnötig weites Stück von der vorletzten, schon nahe an dem alten Auslaufe des Sees lag. Weil zu Regenzeiten noch immer ein überschüssiges Wasser den alten Weg nehmen wollte, so hatten wir den Ausfluss bei unserer Ankunft tüchtig verdämmt. Das neue Bachbett ging jenseits eines reichlich neun Hirschsprünge breiten Steinriegels zu Tal. Den See umstanden graue, schwarzspaltige Felsen, deren Höhe man nicht absah, weil sie oben in dem wilden Grün verschwanden, aus dessen Luken es immer nachtfinster herab gähnte. Es fiel nie ein Sonnenblick in dieses tiefe, stille Wasser, das ganz schwarz schien und doch am Ufer über dem weißen Steingrunde wie eine Kristallplatte anfing. Auch gab es in der kalten, reinen Flut keinen Fisch und keinen Frosch, noch war ein anderes Tierleben an dem Ufer zu spüren, nur ein alter Uhu wohnte drüben als des Ginners nächster Nachbar in einer Felsenhöhle. Ich und der Nazi schwammen aber doch alle Tage in dem Wasser, so kalt es war, oder wir ritten auf einem mächtigen Baumstrunke darauf herum, obwohl wir ein Grauen vor der unheimlichen, schwarzen Tiefe hatten. Mit den anderen vertrugen wir uns recht gut bis zu dem Tage, wo wir zwei das große Holzkreuz zimmerten und oberhalb unserer Hütte in den Boden rammten. Wir hatten keinen Unfrieden damit stiften wollen. Nazi hatte sich nun plötzlich in unserer Wildnis nach so einem Zeichen unseres Christentums gesehnt. Er wollte zum Beten ein anderes Augenziel als nur immer den finstern Waldesdom, durch den man von unserer Hütte gar nicht zum Himmel sah. Ich half dem guten Burschen gerne bei dem frommen, freudigen Werke. Und die anderen hatten anfangs nichts dagegen einzuwenden. Einige halfen uns sogar am Feierabend den langen Waldblumenkranz flechten, mit dem wir das Kreuz verzierten. Aber als wir mit dieser Arbeit fertig waren, schrie der alte Ginner, der niemals mit etwas Neuem einverstanden war, von seiner Hütte herab: »Jetzt schaut unsere Siedelung wie ein Friedhof aus. Die grünen Rasendächer müsst ich immer für Grabhügel ansehen, wenn das Kreuz stehen blieb'. Tut das Holz weg, wenn ihr mich nicht zufleiß an den Tod gemahnen wollt. Tut mir's weg!«

Ich und Nazi antworteten nichts, und die anderen fanden nun wirklich auch, dass unsere Siedlung eine unheimliche Ähnlichkeit mit einem kleinen Friedhof habe.

»Einesteils hatte der Ginner recht«, meinte einer. »Soll man denn allweil an den Tod denken? Bei unserem harten Holzknechtswerke steht er einem stündlich vor den Augen. So möcht' man doch da bei der Rast zeitweise auf ihn vergessen.« Ich und Nazi fanden, dass ein deutlicher Schimmer des Lebens von dem Kreuze auf unsere Erdhügel fiel, und wir suchten das zu beweisen.

»Wir räumen das Holz jetzt nimmer weg«, erklärte Nazi schließlich. »Und wen es irrt, der soll halt hergeh'n und es umwerfen.«

Darauf kam der Ginner langsam herab und sagte in seiner gewöhnlich spottvoll lächelnden Verbissenheit: »Es wird der Blitz in mich schlagen, wenn ich das Holz wegtue.«

Er legte seine braunen, knochigen Hände an das Kreuz und begann daran zu reißen. Aber wir hatten es gar fest mit Bachkies in einen Steinspalt gekeilt. Es rührte sich nicht.

Da ließ der Alte wieder davon ab. »Plagen will ich mich jetzt nimmer«, sagte er. »Gearbeitet hab' ich mir heut' schon gerade genug. Aber dass der Blitz nicht in mich geschlagen hätt', so viel hat man jetzt schon gesehen.« Dann ging er wieder grinsend hinauf. Uns hatte es weh getan, als er an dem Holze riss. Aber wir wollten nicht streiten, und weil es auch gerade schwer zu regnen anfing, krochen wir in unseren Unterschlupf. Tagsüber gingen etliche Gewitterregen nieder, und jetzt kam bei sinkender Nacht einer, der stärker war und länger anhielt als die vorigen. Als wir kaum eine Weile nebeneinander auf unserem Moosbette lagen, ging schon das Tosen des von den Felsen in den See stürzenden Bergwassers an. Der See war schon vorher übervoll gewesen.

Das vorletzte Sturzwasser hatte viel Holz und Rasen mitgebracht und damit den Ausfluss hoch verschwellt. Wenn dieses Staubwerk plötzlich durchriss, bedeutete das für die Talleute ein schweres Unglück.

Ein ähnlicher Vorfall hatte schon einmal viele Leute im Tale, die gerade im besten Nachtschlafe lagen, jählings mitsamt ihren Hütten in den Wildbach geworfen, auf dem zu solchen Zeiten alle menschliche Schwimmkunst vergeblich war. Uns beiden gab es keine Ruhe, wir mussten sehen, wie es oben stand. In den anderen Hütten war es schon ganz stille, als wir durch die Finsternis hinaufstiegen. Oben hatte sich wirklich eine furchtbare Gefahr für die Talleute vorbereitet. Das Wasser baute aus dem von den Höhen gebrachten Allerlei einen förmlichen Berg vor dem Ausfluss. Unter dem sich kreuz und quer spießenden Holze rann wohl noch immer so viel ab, dass das neue Bachbett davon überlief, aber das hielt kein Maß zu den von den Felsen in den See donnernden Fällen. Wenn der Regen anhielt, erreichte die Flut bald die Höhe unseres Schutzdammes und erfüllte dann auch das alte Bachbett wieder einmal gehörig. Aber ehe dieses geschah, riss wohl drüben die wankende Schwellung durch, und das Verderben fuhr in das Tal. »Wir sollten dem Wasser langsam den Weg öffnen können, damit es das Hemmnis nicht jählings herausdrückt und dann auf einmal in das Tal schießt«, meinte ich. Nazi schüttelte den Kopf. »Wenn du von heraußen an der Stauung reißt und das Wasser von drinnen daran drückt, geht vielleicht der ganze Teufel erst recht auf einmal los. Ich weiß wohl, wie die armen Leute unten am besten zu behüten wären…«

»Ich auch«, meinte ich. »Wenn wir unseren Damm und unsere Hütten opfern würden, gelt?«

»Ja«, sagte er. »Auf dem alten Wege hätte das Wasser wohl tausend Gruben und Löcher auszufüllen, da müsste sich der ärgste Schwall gar oft brechen und zuletzt hübsch gelinde verlaufen, ehe er in das Tal käme – der neue Bach ist übervoll – auf dem fährt jetzt schon ein Tropfen immer schneller wie der andere ab.« Das leuchtete mir ein. »Komm schnell«, sagte ich. »Wir holen das Werkzeug und wecken die anderen.« Während wir an den Hütten vorbei eilten, weckten wir deren Insassen mit lautem Geschrei. Wir riefen ihnen in der Schnelligkeit nur zu, was geschehen musste. Dass sie damit einverstanden waren, schien uns selbstverständlich. Aber da hatten wir uns wieder geirrt. Ehe wir in der Hütte die unentbehrlichste Habe zusammenpackten und das Werkzeug suchen konnten, kamen die anderen Kameraden und hatten sich bereits gegen unser Vorhaben einhellig verabredet. Der Ginner war der erste voran. Er trug seine kleine Windlaterne und leuchtete uns damit spöttisch lächelnd an die Köpfe. »Was habt ihr wieder für einen Traum?« fragte er. »Unsere Hütten sollen wir wildfremder Leute wegen preisgeben! Sind wir noch nicht arm genug? Für viel Reichere sollen wir unsere Hütten opfern, für Leute, die uns hernach deswegen verhöhnen würden!«

»So eine Dummheit wäre uns nicht zu verzeihen«, meinte ein zweiter. Und ein dritter: »Da wären wir wohl wert, mit einem Holzschuh erschlagen zu werden.«

»Also wollt ihr zwei euch das aus dem Kopfe schlagen?« fragte der Ginner.

»Nein«, erklärten wir beide. »Es geschieht, wie wir gesagt haben. Es muss so geschehen. Und wenn wir zwei mit euch allen raufen müssten.«

»Was tun wir denn mit den zwei Narren?« fragte einer. »Die sind so verrückt und reißen unseren Damm ab, während wir in den Hütten liegen.«

»Da werdet ihr schon zur rechten Zeit herauskommen«, sagte ich.

»Lasst eine Wacht bei den beiden«, lautete ein Rat.

»Warum nicht gar«, lächelte der Ginner. »Die Nacht wird jemand durchwachen der zwei Buben wegen. Bindet sie doch auf einen Klumpen zusammen und lasst sie so liegen bis zum Morgen.« Die anderen warfen sich nun wirklich gleich auf uns. Sie behandelten unsere Unschädlichmachung erst wie einen Scherz, griffen aber doch grob zu, und als wir uns ernsthaft wehrten, stachelten wir damit ihre Grausamkeit auf. Sie banden uns tatsächlich auf einen Klumpen zusammen, warfen uns auf das Mooslager und suchten dann lachend ihre Liegestätten auf. Mit einem der langen Seile, die wir zu unserem Geschäfte brauchten, hatten sie uns fest aneinander geschnürt. Meine Arme waren über den Rücken meines Freundes zusammengebunden und die seinigen über meinem Rücken. Aus dem Seile hatten sie einem jeden von uns einen festanliegenden Gurt gemacht. Dann banden sie meine Füße an seiner Mitte fest und die seinen an die meinigen. Damit war die Weisung der Ginners genau befolgt. Uns schmerzte die Fesselung weniger als das Scheitern des Planes, die Talleute vor dem drohenden Unglück zu behüten. Ich weinte bald vor Zorn. Aber Nazi tröstete mich: »Der, dem wir draußen vor der Hütte das Holz gesetzt haben, der wird uns dafür alles recht machen.« Ich wollte fast daran verzweifeln. »Ja, einmal macht er alles recht«, sagte ich, »aber heute lässt er uns die Nacht hindurch leiden, und die armen Talleute lässt er im Schlafe ertrinken. Einmal macht er gewiss alles recht, aber heute nicht, heute nicht.« Dann weinte ich wieder, und Nazi, der Bessere, Gescheitere, tröstete. Er war mit seinen guten Belehrungen noch lange nicht zu Ende, als wir von oben her ein schweres, tiefes Rauschen hörten, das jäh in ein Dröhnen überging. »Unser Damm!« schrie Nazi, während mir alles Blut in den Adern stockte. »Jetzt reißt er von selber! Und jetzt werden wir wohl sterben müssen, mein lieber Kamerad. Die im Tal bleiben verschont, und uns trifft es, vielleicht nur grad uns zwei. Aber wie der will, dem wir gehören, so ist es recht.« Er fing zu beten an. Ich betete mit, und es kam dabei eine ziemliche Ergebenheit über mich. Dann fiel die fest geflochtene Reisigwand auf uns. Ich glaube, sie zog erst in dem Wasser über uns hinweg, und wir wurden dann von einem Schwalle auf sie hingeworfen. In einigen Augenblicken darauf hing die Reisigflechte an einem Baumstrunke oder einem Steine am Ufer fest. »Wir sind am Ufer«, hörte ich Nazi sagen, der oben auflag. »Jetzt brauchen wir uns nur ein paarmal nach rechts hinauf zu überkugeln.« Das taten wir, dann lagen wir auf festem Boden. Gleich darauf hörten wir eine Stimme unsere Namen rufen, und unmittelbar darauf drangen eine zweite und eine dritte gellend durch das Tosen der Hochflut.

»Sie suchen uns schon«, sagte ich. »Jetzt können wir sie eine Weile in der Angst lassen, dass sie uns dem Tode überliefert haben. Aber so kleinlich sind wir nicht, gelt?« Und wir schrieen nun auch. Da kamen fünf von unseren Kameraden herzu. Sie jubelten und weinten bei unserem Anblick, gaben unsern Gliedern die Freiheit und wollten dann mit Kosen und Schmeicheln ihre Grobheit wettmachen. Wir verziehen ihnen gerne. Indessen hörte man vom anderen Ufer her das Schreien der anderen, die man in der Finsternis nicht zu sehen vermochte. Es stellte sich heraus, dass sich vier auf der drüberen Seite gerettet hatten, der Ginner fehlte. Aber endlich hörten wir ihn auch schreien. Wir meinten erst, sein Ruf tönte mitten aus dem Bache. Aber dann bemerkten wir, dass er rittlings oben auf dem Querholz unseres Kreuzes saß. Wir hatten das Holz mächtig fest in den Boden gekeilt. Die Flut, die alles mitnahm, riss es nicht um. Während des höchsten Schwalles ging das Wasser dem Manne bis an die Brust, aber er hielt sich fest an dem Stamme. Gegen Morgen konnte er dann herabklettern. Er lächelte nun nicht mehr wie vorhin, sondern nahm erst ernst meine Hand und diejenige meines Freundes und sagte: »Ich hab's zuerst nicht geglaubt, dass der, dem ihr das Holz gesetzt habt, davon was gewusst hat – aber jetzt glaube ich daran. Und ich sehe es jetzt wohl ein, dass es traurig für uns wäre, wenn man alle Zeichen, die dem gesetzt sind, umreißen könnte.«

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