Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Josef Gangl >

Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald

Josef Gangl: Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJosef Gangl
titleAm Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald
publisherJ. Singer & Co. Verlag
year1912
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180425
Schließen

Navigation:

Am Ende der Welt

An einem Frühlingstage machte sie ihren ersten Talgang. Schwer genug entschloss sie sich dazu. Sie mochte die Menschen nicht leiden. Alle, die sie noch sah, hatten ihr missfallen. Die waren eben in ihrem Weltleben so verdorben, dass es dem jungen Mädchen unmöglich war, sie für Seinesgleichen zu halten. Alles, was sie taten und sagten, musste Eva für eitlen Wahnsinn, Gemeinheit und Unrecht betrachten. Jeder Blick von ihnen hatte sie erschreckt oder empört. Was sie redeten, von dem verstand sie wenig. Aber so viel verstand sie wohl, dass dieses Reden den rechten Sinn und Wert nicht hatte. Zuerst hatte sie den Pfarrherrn des Tales kennen gelernt. Das war bald nach dem Ableben ihrer Mutter gewesen. Eva zählte damals elf Jahre. Ihr Vater begrub die Tote mitten in der lichten Waldinsel im blumigen Wiesengrunde. Da ließ sich der Pfarrherr die weite, beschwerliche Fahrt durch den Urwald nicht verdrießen, um es dem Einschichtler sagen zu können, dass der Leichnam in geweihte Erde gehört hätte. Es setzte damals einen heißen Streit zwischen den beiden Männern. Eva hatte dem zugehört und gab mit ihrem Kindesverstande dem Vater recht. Der Pfarrer war fluchend abgezogen. Bald darauf kam der Schulmeister des Tales mit einem Gerichtsherrn auf die weltferne Ansiedlung. Die stellten die Enthebung des Kindes von der Schulpflicht fest. Der Gerichtsherr mochte es vorher nicht recht geglaubt haben, dass dem Mädchen ein Schulbesuch unmöglich war. Er überzeugte sich davon fest und bitter genug. Es war ein Jammer, wie ihn die Tagreise aus dem Tale nach der Einschichte hergenommen hatte. Aber der Eingärtler erbarmte sich seiner. Er bewirtete ihn, so fein es nur ging, und fuhr ihn dann mit einem Zugochsen zu Tal. Später hatte Eva die fürstlichen Holzhauer kennen gelernt, welche auf dem Bergbache das Langholz vom Waldteiche bis in das Tal hinüberfuhren. Ihren Vater verdross es nämlich mit der Zeit, das wenige, was sie von den Weltmenschen brauchten, selbst aus der Tiefe heraufzuholen. So brachte er das, was er von dem Ertrag seiner Feldwirtschaft erübrigte, bis an den Waldbach. Und die Flößer brachten ihm dann, was er dafür haben wollte. Sie überhoben ihn damit der ihm lästigen und erniedrigenden, menschenunwürdigen Mühe des Handelns und Zählens. Er nahm niemals das ihm verächtlich erscheinende Spielzeug Geld in die Hand. Im heurigen Winter war er krank geworden. Er hatte sich bei der Herbstarbeit, die das raue Höhenklima recht besonders erschwerte, zu viel geplagt. Da meinte er nun, dass ihm bei seiner großen Müdigkeit Wein gut tun würde. Weil das Bachbett in dem finsteren Tanne noch teilweise vereist lag, kamen jetzt noch keine Holzflößer in den Wald.

Deshalb machte nun Eva in ihrem achtzehnten Jahre den ersten Talgang. Sie trug einen ganzen Rückenkorb voll schönen, vorjährigen Mohnes mit, für den ihr der Krämer Wein geben sollte. Den Weg fand sie leicht. Sie brauchte ja nur immer dem Bach entlang zu gehen. Und den Krämer fand sie auch. Der erkannte sie gleich, als er sie sah. Und er gab ihr ein kleines Fässchen Wein für den Mohn in den Korb. Wer sie sei, das erriet er gleich.

»Du bist des Eingärtlers Hanold Tochter von End' der Welt«, sagte er. Der Volksmund nannte nämlich ihre Heimat das Ende der Welt.

Ehe sie dann auf dem Rückwege aus dem in allen Frühlingsfarben prangenden Tale wieder in finsteren Wald trat, setzte sie sich auf einem breiten Steine zur Rast. Da sah sie nahe auf einem frisch gepflügten und mit Hafer besäten Acker einen jungen, schönen, kraftvollen Menschen, der die Egge selber zog. Er hatte nur Hemd und Hosen an, und doch troff ihm bei der viehischen Mühe der Schweiß vom Leibe.

Eva schnitt es bei dem Anblicke seiner Plage in das Herz. Sie erinnerte sich daran, dass ihre Eltern auch einmal Plug und Egge ziehen mussten, als sie ein krankes Kind hatten. Aber sie waren bei der schweren Arbeit doch ihrer zwei gewesen, und Eva hatte auch schon ein bisschen mitgeholfen. Sie mochte es nicht sehen, wie sich der junge Mensch allein rackerte.

Ohne viel zu überlegen, lief sie zu ihm und wollte ihm an dem Eggenstricke ziehen helfen, als ob das ganz selbstverständlich wäre. Aber er sah sie mit großen, verwunderten Augen an. Das war nun der erste Blick eines fremden Menschen, der ihr nicht wehe tat, sondern ihr vielmehr ein ganz wundersam wonniges Gefühl machte.–

»Wo kommst du denn her?« fragte er. »Vom Himmel vielleicht?« Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein, nein, nur vom Ende der Welt.«

Er verstand sie nicht, weil er von ihrer Heimat nie gehört hatte, darum sah er sie nun fast ein wenig scheu wie etwas Übernatürliches an. Er hatte eben vorher in seiner Mühsal um so etwas wie ein Wunder gebetet. Und da geschah nun eines.

»Vom End' der Welt?« wiederholte er. »Also doch nicht weit vom Himmel?«

Sie lachte. »O doch. Recht weit von dem, an den Ihr da herunten glaubt.«

»Ich verstehe dich nicht«, sagte er kopfschüttelnd und sah dann wieder mit seinen großen Augen bewunderungsvoll an ihr empor.

»Wird auch wohl gar nicht nötig sein«, meinte sie. »Wenn du nur verstehst, dass ich dir Egge ziehen helfen muss, so ist es gut.«

Er schüttelte abermals den Kopf. »Nein. Das verstehe ich auch nicht. Wie kommst du dazu, mir helfen zu müssen?«

»Wie jedes andere, das dich hier so sähe.«

»O, es haben mich schon gar viele so gesehen, und niemand half mir. Vor einigen Wochen ist meine Mutter gestorben. Es hat sie ein fallender Balken getroffen, als da das Haus niederbrannte. Seither geht es mir recht schlecht. Aber niemand kam noch, um mir zu helfen.« Er weinte jetzt fast. Und ihr Herz war gleich eines unsäglichen Mitleides voll.

»Jetzt bin ich gekommen«, sagte sie, ohne noch an etwas anderes zu denken. »Und ich wünsche nur, dass dir das recht ist.«

»Wenn du das wirklich wünschst«, sagte er mit jener Hoffnung und jenen Zweifeln, die man an ein mitten durch ein Meer des grauen Unglücks kommendes Glück setzt.

Es war ihm, als ob sie ihm eine noch viel größere Hilfe als diejenige bei dem Eggenziehen in Aussicht stellte.

»Mit dem Fertigeggen des Ackers ist dir nicht geholfen«, sagte sie. »Komm du mit mir. Mein Vater soll dir geben, was du brauchst. Wir sind nicht arm. Wir haben ein großes Stück Wald mit solchen Stämmen, dass du wohl für einen ein Rind bekommst.«

Und er ging nun in einem ihm ganz neuen Glauben mit ihr. Sie wollte den Rückenkorb wieder aufnehmen. Aber das duldete der Bursche nicht. »Für die Hoffnung, die du mit machst, trüg ich gerne zehnmal so Schweres«, versicherte er. »Ich bin mein Lebtag nicht abergläubisch gewesen«, sagte er dann, als sie voraus und er hintennach einen schmalen, bergigen Steig hinan strebten. Aber jetzt…«

Da erzählte sie ihm nun einfach und klar von ihrer Herkunft und Heimat. Und als sie damit fertig war, hatte er sie aus ihren Worten schon recht gut erkannt. Sie erzählte, dass dereinst ihr Vater voll des bösesten Menschenhasses aus der Welt in die Wildnis ging und dass er in der Einsamkeit die Größe fand, sich von diesem Hasse zu reinigen. Aber in der Welt zurückkehren wollte er nicht mehr, damit der abgetötete Hass nicht wieder lebendig würde. Sein Kind wollte er von jeder Berührung mit der Welt behüten. Und wenn er nicht mehr lebte, dann wollte Eva schon längst in seinen Grundsätzen und Anschauungen so erstarkt sein, dass ihr von draußen her nichts mehr geschehen konnte. Sie wollte dann selbst den Tod in der völligen Einsamkeit nicht mehr fürchten. Der Bursche redete ihr nicht viel in die Erzählung. Er lächelte nur manchmal verstohlen dazu.

An die Unerschütterlichkeit des Alten glaubte er wohl, aber an die Ihrige nicht. Und der Vorsatz, sie anderer Meinung zu machen, wurde recht fest in ihm. Indem er sie kennen lernte auf diesem weiten Wege, lernte er sie auch lieben.

Ihre Sonderbarkeit gefiel ihm tausendmal besser als die Gewöhnlichkeit der Talweiber. Und lange, ehe sie an ihr Reiseziel kamen, wusste er, dass dieses nun das Ziel aller seiner Träume bleiben würde, solange das nicht geschah, was er nun wünschte.

Er ging nun nicht mehr ihrer Hilfe, sondern nur noch um ihrer selbst willen mit.

Und sie sah es schon auf dem halben Wege ein, dass sie sich da auf mehr einlassen musste, als sie gewollt hatte, dass eine Liebe in ihr mächtig wurde, die wohl schwerer abzutöten war als jener Hass, den einst ihr Vater aus der Welt hergebracht hatte.

Es war Nacht geworden, als die beiden in dem kleinen Blockhause ankamen, das in einer sturmgeschützten Ecke der Rodung an einer jäh emporstrebenden Felsenwand lehnte. Der Alte schürte eben das Herdfeuer, als sie in die recht wohnliche Stube traten. »Ich bringe einen Menschen, den ich so, wie ich ihn fand, nicht zurücklassen mochte und dem ich unsere Hilfe versprach«, sagte sie. »Dass du das, was ich von dir erwarte, erfüllst, weiß ich ja und auch, dass du mich vor niemandem mit einem Worte zuschanden werden lässt.« Sie wollte nun gleich frischweg die Lage des jungen Menschen zu schildern anfangen, aber da sah sie, wie dieser über und über schamrot wurde.

»Es ist wahr«, sagte er hastig zu dem ihn scharf betrachtenden Alten. »Ich folgte ihr erst mit dem richtigen Mute zum Betteln und zum Nehmen, aber auf dem Wege bin ich eines besseren Sinnes geworden. Ich sehe, dass es nicht recht wäre, mir etwas schenken zu lassen, was ich mit meiner jungen Kraft selbst erringen könnte.«

Der Alte lächelte. »Ich verstehe dich schon. Du hast auf dem Wege mehr Verlangen nach ihrer Achtung als nach ihrem Erbarmen bekommen.«

Der Bursche nickte. »So ist es.«

»Du sollst nun beides genießen«, sagte Eva.

Der Alte schien nun mit seinen großen, klaren Augen in die Seele seines Kindes zu sehen. »Wem man so gerne gibt, den hat man auch gerne«, sagte er.

Eva hielt den Blick ruhig aus. »Ich leugne nichts vor dir«, entgegnete sie dabei so freimütig.

»Deinem Fühlen kann ich nicht gebieten«, entgegnete der Alte.

»Und wenn du das könntest?« forschte der Bursche begierig.

»Dann sollte sie dich nicht gerne haben.«

»Was hast du gegen mich?« fragte der Junge erschrocken.

»Nichts. Ich habe so wenig für als gegen dich. Mir ist ein Mensch wie der andere. Meine Tochter gebe ich keinem.«

»Wie? Keinem, der sie glücklich macht?«

»Ich glaube an kein Glück. Und sie würde alle Liebe in sich tragen und verbrennen lassen, ohne ihr zu folgen.«

»Das würde ich nie können«, versicherte der Bursche leidenschaftlich. »Und du sollst das auch nicht müssen«, wandte er sich dann an das Mädchen.

»Dein Vater verlangt das Unmenschlichste von dir, was es gibt.«

»Nein, er hat recht«, sagte sie. »Ich bin stark genug, um meines Glaubens willen keiner Liebe nachzugeben.«

»Was ist dein Glaube?« forschte der junge Mensch.

Da rückte ihm der Alte einen Stuhl an das Herdfeuer. »Setze dich«, sagte er. »Du sollst wissen, wie wir denken. Vielleicht denkst du dann auch wie wir.«

»Wir glauben an kein wahres Glück dieser Welt, an keinen rechten Zweck dieses Lebens und darum auch an den Wert der Liebe nicht. Einst habe ich an all dieses geglaubt wie jetzt du, sonst lebte ich noch draußen in der Welt, hätte wohl auch kein Weib genommen, und es lebte nicht dieses Kind.«

»Bist du denn nicht froh, dass es lebt«, fragte der Junge.

»Nein. Ich liebe es, wie ich es als sein Vater und als Mensch lieben muss. Aber ich bin nicht froh, dass es lebt oder dass ich selbst lebe oder dass irgendetwas anderes lebt. Ich muss lieben und leiden wie ihr alle, weil ich doch wie ihr gemacht bin, aber mein Verstand wird mit dem Fühlen, gegen das ich mich nicht wehren kann, nimmer einig. Ich lasse mich von diesem Verstande führen und trage dabei geduldig mein armes, liebendes, leidendes Herz zu dem Ende hin, in dem für mich allein eine Genugtuung liegt.«

»Ich verstehe dich schon«, sagte der Junge. »Du verachtest die Welt, und wenn du ihr Herr wärest, möchtest du sie aussterben lassen und vernichten.«

Der Alte nickte. »So ist es. Und glaube mir, wenn ich sie vernichtete, so wäre viel mehr Schlechtes als Gutes hin. Wenn du dem Glücklichsten aller Menschen sein Leben übersehen lassen könntest, ehe er in dasselbe tritt, wenn du ihm sagen könntest: Siehe, das wirst du des Guten und das des Schlimmen mitzumachen haben, magst du geboren werden? Und wenn er dir mit Verstand antworten könnte, würde er sagen: Nein! Für die Schrecken der Todesstunde allein steht alles Lebensglück nicht. Keiner, keiner möchte es wagen, auf diese Welt zu kommen. Aber die einmal da sind, täuschen sich eben, so gut es geht, darüber hinweg, dass sie bei diesem Dasein die Betrogenen sind. Jeder möchte sich sträuben, unschuldig hierhergeworfen zu werden, um dann hier nach menschlichen Begriffen – schuldig werden zu müssen. Wir, die wir schon da sind, bleiben die Genarrten dieser unbegreiflichen Natur. Aber wir sollten nicht so schlecht sein, ihr neue Narren zu zeugen. Wir sehen unser Elend und sind so grausam und gewissenlos, neu Kreaturen zu diesem Elende zu erschaffen. Warum tun wir das? Warum streiken wir nicht dieser schrecklichen Natur? Fünfzig Jahre der Entsagung, zu der jeder Gute stark genug sein sollte, und alles Menschenelend ist wohl für ewig vorüber. Siehst du, ich und mein Kind, wir sind zu dieser Entsagung stark genug, werde es auch.«

Der Bursche sah das Mädchen staunend an. »Denkst du wirklich auch so?«

»Ja«, sagte Eva. »Ich will meine Liebe zu dir heldenmütig ertragen, ohne meiner Überzeugung untreu zu werden.«

Es war ihm vorher vieles an ihr so schnell traut geworden. Und jetzt wurde ihm ebenso viel fremd an ihrem Wesen, so fremd, dass er dies nimmer verstehen und achten zu können glaubte. Es ging ihm schon oft schlecht genug, aber das Leben hatte er doch immer geliebt, und es schien ihm eine furchtbare Sünde, es so wie diese hier zu fassen. Er stand langsam auf, um zu gehen, und es war ihm, als ob alles, was ihn noch eben an das Mädchen fesselte, von ihm abfiele.

Eva merkte ihm das wohl an. Sie reichte ihm traurig lächelnd die Hand. »Jetzt tut es dir leid, dass du mit heraufgegangen bist.«

»Nein«, sagte er. »Nicht doch. Der Weg hat mir nicht geschadet. Ich sehe jetzt doch, dass ich glücklicher bin, als ich meinte. Ich kann mich ja bei meinem harten Lose des Lebens freuen. Ihr werdet das für ein Wunder halten. Ich halte es auch für eines. Und ich will lieber an alle Wunder als an eure Erkenntnis glauben.«

An der Türe wandte er sich noch einmal um. Da las er es in Evas Augen, dass sie um ihn trauern, aber ihm niemals folgen würde.

Durch den schlafenden Wald ging er wieder vom Ende der Welt den Stätten der Menschen zu.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.