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Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald

Josef Gangl: Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald - Kapitel 14
Quellenangabe
authorJosef Gangl
titleAm Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald
publisherJ. Singer & Co. Verlag
year1912
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180425
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Die Sturmglocke

Es war nach dem Schmelzen des Wintereises, an dem ersten schönen Frühlingstage. Der lehmige Talgrund war noch schwer nass, aber auf den sandigen Bergfeldern hatten Wind und Sonne schon recht hübsch aufgetrocknet. Da zögerten denn die Leute der kleinen Ansiedlung nicht länger mit der Haferaussaat. Niemand blieb in den Hütten zurück, wo es draußen so Wichtiges zu tun galt. Auch die Kinder waren mit ausgezogen und von den Haustieren alles, was dem Menschen gerne folgt.

Die Geißen machte das junge Gras auf den sonnigen Rainen wonnetoll, und die Hühner ließen sich durch nichts von dem Glauben abbringen, dass der schöne Hafer für sie ausgesät würde.

Eine alte, faule, dreischeckige Katze blieb daheim und ein noch älterer, lebensmüder Haushund. Die Katze sonnte sich auf dem niedrigen, steinernen, weiß getünchtem Mauerkranze einer wetterbraunen kleinen Holzhütte. Und der Hund saß vor ihr am Grabenrande des tiefkotigen Dorfweges.

Er hatte ihr den Rücken zugekehrt und schielte voll verächtlicher Ruhe dem sich sonnig dahin tummelnden Wasser nach, gerade als ob er sagen möchte: »Du wirst's errennen.« Und die Katze sah mit halbgeschlossenen Lidern unendlich schläfrig und gleichmütig über ihn hinweg in das Leere.

Die Einsamkeit ihres Alters und diejenige dieser Stunde hatte die beiden einander näher gebracht, als sie sich jemals zuvor stehen mochten.

Sie schienen über die gegenseitige Feindschaft schon endgültig hinaus zu sein. Und über die Möglichkeit einer Freundschaft auch. Ganz wie zwei Menschen sahen sie aus, die schon recht wohl wissen, wie wenig sich aller Ärger und Eifer dieses Lebens verlohnt. Zwischen ihnen pendelte der alte, glitschige Strang der kleinen Glocke, welche unter dem vorspringenden Hüttengiebel hing, leise im Winde. Ehedem war dieses Glöckchen an jedem Morgen, Mittage und Abende zum Ave geläutet worden. Aber seit Jahren wurde es nach Möglichkeit geschont. Es war nämlich nahe daran, ein Loch zu bekommen, und zwar seit jener Zeit, wo am Berghange die große Schneelawine niederging und das Dörflein beinahe völlig begrub. Nur der Giebel mit dem Glöcklein hatte aus dem Schnee gelugt. Und außer dem alten Schönebner waren alle Dorfleute verschüttet gewesen. Der Alte war eben damit beschäftigt, ein Wagenrad auf dem Dache zu befestigen – zum Nestbau für die Störche. Da konnte er dann zu seiner Rettung und zu derjenigen der Verschütteten nichts Besseres tun, als so lange das Glöcklein läuten, bis es der auf dem Berge wohnende Waldheger hörte. Durch zwei Tage und eine Nacht läutete er unausgesetzt, bis dann der Heger wirklich hörte und aus anderen Tälern Hilfe herbeirief. Seit jener Zeit war das Glöcklein von den vielen gewaltsamen Schwengelschlägen, wie die Leute sagten, »auf seiner Herzseite« gar so dünn geworden.

Sie nannten jene Stelle darum die Herzseite, weil dort der feine, künstlerische Schmuck des Gusses das heilige Herz Jesu zeigte. Jetzt wurde das Glöcklein nur mehr zu schweren Zeiten geläutet, zum Beispiel, wenn jemand in den letzten Zügen lag oder wenn der Ansiedlung Not und Gefahr drohten. Unten an dem Glockenstrang war ein kleiner Eisenring, der sonst an einem in der Mauerbank steckenden Nagel lag.

Heute baumelte der Strang einmal zufällig in der Luft. Vielleicht hatte ihn der Wind losgerissen, vielleicht hatte auch die Katze damit gespielt. Aber die sah wahrlich nicht aus, als ob sie zu dergleichen noch überhaupt gelaunt sein könnte.

Durch die noch frostbraunen Talwiesen kam jetzt ein großer, starker Mann den schmalen, radschundigen Weg heraufgegangen.

Er ging langsam wie einer, der durchaus nichts zu versäumen hat, obwohl seine Kleidung gar sehr danach aussah, dass er sich von Rechts wegen eilig um eine neue bemühen sollte. In seinen großen, schwarzen Augen lag aber, trotzdem er sich so Zeit ließ, etwas gierig Suchendes. In die lebenatmende Ruhe der Frühlingsnatur passte nichts so wenig als diese friedlosen, sengenden, mordgierigen Augen. Von dem oberen Talende aber eilte ein Jüngling herab mit fliegendem Atem, brennenden Wangen und angstvoll suchenden Augen, wie einer, der all sein Glück auf die Hoffnung setzt, mit dem Aufwande aller Kraft dasjenige vielleicht noch retten zu können, was er jetzt in der ärgsten Gefahr weiß und das ihm das Liebste ist.

Die Katze schien eine Ahnung zu haben, was den jungen Menschen so mächtig antrieb. Als ob sie ihm auf dem Orte um den Glockenstrang so recht Platz machen wollte, stand sie auf, ging ruhig einige Schritte auf dem Mauersockel dahin und setzte sich dann wieder gemächlich. Genau eben so weit wie sie ging der Hund auf dem Erdboden hin und setzte sich hernach wieder vor ihren Augen nieder.

Mit den beiden Tieren zugleich schien es auch der von untenher kommende finstere Mann zu erraten, dass es das Bestreben des jungen Burschen war, nur schnell genug zu dem Glockenstrang zu kommen. Da war es, als hätten plötzlich seine bösen gierigen Augen dasjenige, was sie suchten, gefunden. Der sich eben noch so lässig gehabende Körper schnellte aus seiner Trägheit auf wie derjenige einer Schlange, die eine flüchtige Beute gewahrt.

Noch vor dem Jüngling war er bei dem Glockenstrang und hob denselben mit eitler Hand hoch empor. Der Heranstürmende wollte den Strang im Sprunge erhaschen. Aber der Mann stieß ihn lachend zurück. Der Bursche fiel hart auf den Boden hin. Das brach so ziemlich den Rest seiner Kraft. Aber er rankelte sich doch noch mit verzweiflungsvoller Mühe an dem Manne empor. Seine Lage gebot ihm, den um Gnade zu bitten, welchem er jetzt im gerechten Zorne gerne Gleiches mit Gleichem vergolten hätte.

»Lass mich doch um Gotteswillen läuten!« bat er. »Du weißt nicht, was du tust, wenn du mich da abhältst. Aber du könntest das in Ewigkeit nicht verantworten. Das Hab und Gut der armen Ansiedler ist verloren, wenn du mich nicht gleich läuten lässt. Sie sind alle da oben auf den Bergfeldern und ahnen nicht das kommende Unglück. Die Glocke soll sie rufen, dass sie hier bergen, was zu bergen ist. Im oberen Waldtale will der Teich, den das von den Bergen kommende Eiswasser überfüllt, den Damm brechen. Da kann jetzt jeden Augenblick der erste Schwall mauerhoch daher sausen und alles, alles wegfegen, was hier durch lange, blutige Menschenmühe entstanden ist. Begreife doch, dass du mich läuten lassen musst, wenn du ein Mensch und nicht der Teufel bist!«

Während er das schrie, riss er immer wieder an dem felsenfest stehenden Manne und strebte an ihm empor, um ihm den Strick zu entreißen. Er hätte aber auch bei dem Besitze seiner ungeschwächten Rüstigkeit mit seinen noch knabenhaften Gliedern gegen die ungewöhnliche Stärke des Mannes nichts zu richten vermocht, der ihn jetzt von Neuem niederstieß und sich dann auf ihn warf, um ihn am Boden festzuhalten.

»Glaub nur, dass ich der Teufel bin!« lachte er dabei. »Ich möchte es für die Ansiedler auch gerne sein. Und doch war ich einmal einer der Ihrigen und, wie ich meine, einer der besten von ihnen. Du wirst meinen Namen wohl schon gehört haben. Der Schönebner Veit bin ich.«

»Der Narr! Der Mörder!« keuchte der Bursche.

»Ja«, sagte Veit. »Du hast, wie ich merke, meine Geschichte schon gehört und verurteilst mich, wie mich so viele andere verurteilt haben, die mich ebenso wenig kannten wie du. Und die mich doch kannten, verurteilten mich, weil ihnen das besser gefiel – weil es ihnen mehr Vergnügen machte, mich niederzutreten, als mit mir barmherzig zu sein. Von diesen – den Verständigeren – wurde ich nicht aus sittlicher Entrüstung verdammt, sondern aus Freude am Verdammen. Wundert's dich, dass ich sie nun dafür auch verdamme? Begreifst du nicht, warum ich jetzt so handle? Du bist vielleicht hier einer der Unschuldigsten. Ich kenne dich wohl nach der Art: Du bist des alten Teichwärters Sohn und warst noch ein Kind, als mir hier in meiner Heimat so viel Böses geschah. Aber ich muss dich doch wie meinen Feind behandeln. Und zwar wie meinen ärgsten, denn du willst mich um das Liebste bringen, was ich mir noch weiß: um den Genuss meiner Rache. Davon muss ich dich nun abhalten, und wenn's dein Leben kostet und selbst das meine. Ein Mörder bin ich doch schon, wie du ja selber weißt. Und die mich dazu gemacht haben, sollen nun doch dafür etwas leiden.«

Während er dies alles in leidenschaftlicher Erregung hervorbrachte, hatte er den jungen Menschen erst mit einem Hosenriemen und dann noch mit einem Stück Rebschnur so gefesselt, dass sich dieser unmöglich mehr von selbst erheben konnte. Danach blieb er vor ihm stehen und redete weiter:

»Ich will dir sagen, wie sie mich so schlecht machten. Zuerst haben sie mich um das Glück meiner Jugend gebracht. Gleich in meinem besten Blühwetter haben sie mich verdorben. Was an Schönstem in mir erblühen sollte, haben sie mir zuerst geraubt: meine Liebe. Ich hatte ein armes Mädchen gern. Meinen Verwandten war das nicht recht. Ich sollte eine mit Geld heiraten. Meine Eltern staken tief in Schulden. Wenn ich nicht das Weib nahm, welches mir die Verwandten kuppelten, wurde uns die Hütte versteigert, mussten wir die Heimat verlieren, Bettler werden. Da brachte ich das Opfer. Um die Meinigen zu erretten, verkaufte ich mich. Und um es mir leichter zu machen, die Ungeliebte zu heiraten, waren meine Nächsten so gut gewesen, mein geliebtes Mädchen von einem anderen verführen zu lassen. Wie bös sie mich bei meiner Geliebten verleumden mussten, damit ihnen der schöne Plan gelang, das erfuhr ich zu spät. Sonst hätte ich ihnen zuliebe nicht geheiratet. Aber so ließ ich mich von meinem Pflichtgefühl und meiner Heimatliebe binden. Mein Weib hasste ich vom ersten Tage unserer Ehe an. Ich machte auch kein Hehl daraus. Sie aber liebte mich. Ich hatte ihr gleich zu allem Anfange gesagt, dass ich sie nur der Meinen willen nehmen wolle, dass ich ihr keine Liebe versprechen könne, sondern nur mit aller Macht den guten Willen in mir aufbringen wolle, neben ihr friedlich hinzuleben und ihr jene äußere Ehre und Achtung nicht zu versagen, deren eine Ehe vor der Welt bedarf. Und sie heiratete mich doch, denn sie hoffte, meine Liebe erzwingen zu können. Das gelang ihr aber nicht, und je mehr sie sich um mich mühte, desto mehr hasste ich sie.

Da musste sie endlich meine Feindin werden, und sie wurde es auch. Dass ich ihr keine Liebe versprochen hatte, das vergaß sie wohl, denn sonst hätte sie es dann doch nicht gar so schamlos in die Welt als meine Schande hinausschreien können, dass ich ihr keine Liebe gewährte. Und die Welt stellte sich auf ihre Seite, wie sie sich ja immer auf die Seite des Schreienden stellt. Mich machten mein Stolz und mein Unglück stumm. Ich verschmähte es, mich zu verteidigen und wurde darum von den Menschen verurteilt. Das Weib wurde bedauert und ich verflucht. Man nannte mich einen Schurken, weil ich geheiratet hatte, und einen Narren obendrein. Und die, welche mich zur Heirat getrieben hatten, nannten mich am lautesten so. Mein Weib gewann immer mehr Mitleid für sich. Das Erbarmen einiger Männer für sie war ein besonders großes. Mit einem von ihnen ging sie ein gar inniges Verhältnis ein. Und eines Tages spürte ich, dass sie mir etwas in die Suppe getan hatte, das mich aus der Welt räumen sollte, in welche ich doch nach der Ansicht der Dorfleute sowieso nicht passte. Das Gift wirkte schnell, es warf mich nieder, aber es tötete mich nicht. Ich wollte Lärm machen, als ich sah, was mir geschehen war. Aber ich war in meinem Zustand nicht mehr fähig dazu. Es machte mich unsäglich wütend, der Elenden wegen mein Leben verlieren zu sollen, das allerdings nur ich allein für wertvoll hielt. Um nach Möglichkeit Rache zu nehmen, schlug ich das Weib noch von meinem Lager aus mit einem Stocke über den Kopf, dass ich meinte, es müsste tot sein. Aber ich hatte ihr nur eine Beule geschlagen. Dann verlor ich die Besinnung. Erst nach Tagen kam ich wieder zu mir. Da wollte ich sie nun verklagen. Aber unterdessen war es ihr gelungen, allem, was ich wider sie tun könnte, vorzubeugen. Für einen Narren hatte sie mich unterdessen erklärt, für einen Tollwütigen. Und es war niemand im Dorf, der ihr nicht beistimmte. Als ich über so viel Ungerechtigkeit in Zorn entbrannte, taten sie mir rohe Gewalt an und sperrten mich ein. Alle standen wie ein Mann wider mich Unglücklichen zusammen.

Eines Tages gelang es mir doch, auszubrechen. Da schlug ich das Weib tot. Ich konnte nicht anders und hielt's für kein Unrecht. Bei Gericht erkannten sie, dass ich nicht wahnsinnig war. So kam ich als Mörder in das Gefängnis. Ich hielt aber alle die, welche mich jemals verurteilten, für ärgere Mörder als mich selbst. Ich fühlte, dass sie hundertfachen Mord an mir begangen hatten. Und ich dachte nur immer an die Rache. Jetzt soll sie mir werden. Indem ich dich abhalte, ihnen die Gefahr anzuzeigen, mache ich sie vielleicht alle zu Bettlern. Damit du aber hier nicht ersäufst, lege ich dich da oben auf die Böschung nieder. Und damit du niemanden rufen kannst, verstopf' ich dir den Mund. Dann will ich oben vom Waldrande zusehen, wie das Wasser kommt und mit allem Lebenswerk meiner Feinde hier aufräumt. Und zusehen will ich, was sie an dem Grabe ihres Glückes machen, ob sie dabei so stille sein werden wie ich, als sie mein Glück begruben. Ich glaube, sie werden schreien. Die Gemeinen schreien ja. Und ich will sie schreien hören. Wenn der Damm richtig gleich brechen muss, wie du sagst, wird mir wohl nichts die Freude verderben. Es kommt ja niemand in das Tal, der die Leute rufen könnte, niemand, das weiß ich gewiss.«

Er wollte nun den armen Jungen wirklich aufheben, um ihn auf die Böschung zu bringen. Aber er kam nicht dazu. Ein furchtbarer Schrecken machte ihn plötzlich starr. Wie versteinert musste er in seiner gebückten Stellung verharren. Und sein Gesicht war von einem Entsetzen verzerrt, das diesem Manne durch keine andere als eine übernatürliche Macht einzuflößen gewesen wäre. Und es war trotzdem etwas ganz Natürliches geschehen. Aber daran vermochte er nicht zu glauben. Er hielt das, was sich hinter ihm ereignete, für gar zu gespenstisch, als dass er gleich herumzublicken wagte.

Die kleine alte Sturmglocke hatte plötzlich zu läuten angefangen. Und Veit wusste doch bestimmt, dass außer ihnen beiden kein Mensch in dem kleinen Tal war. Er konnte nicht im Mindesten daran zweifeln, dass die Glocke von einer anderen als von einer irdischen Macht in Bewegung gesetzt wurde. Erst hatte sie dreimal schrill angeschlagen und dann viele Male hintereinander in gellenden, wimmernden, klagenden Tönen. Dann war sie wieder verstummt. Zuletzt hatte es wie ein Schrei geklungen, bei dem ihre Stimme zu brechen schien. Der Mann war bei diesem letzten Ton in sich zusammengesunken. In seinem Innern schien da auch viel gebrochen zu sein, was bisher so hart wie Erz gewesen war. Dann richtete er sich aber doch empor, mit einem ganz veränderten Gesichtsausdruck und blickte, als ob er nun in plötzlicher Demut auf das Äußerste gefasst wäre, herum. Um eine Sekunde früher hätte er da noch sehen können, wie die alte, faule Katze, welche er früher gar nicht gewahr wurde, blitzschnell um die Ecke stob und hinter ihr der Hund.

Die beiden hatte eben zuvor, Gott weiß warum, der Übermut geplagt. Vielleicht hatte das bloß die liebe, warme Frühlingssonne gemacht. Vielleicht auch etwas anderes. Der Hund hatte sich erst langsam nach der Katze umgesehen und sie dann, so hässlich er nur konnte, angefletscht. Zunächst schien sie sich's zu überlegen, ob sie sich etwas daraus machen sollte. Dann erhob sie sich aber doch und zeigte ihm, wie nur hauptsächlich um der altgebräuchlichen Form willen, ihren Buckel. Da fuhr er auf sie los. Sie tat, als ob sie sich vor ihm fürchtete, und fuhr mit jugendlicher Lebendigkeit recht hoch an dem Glockenstrang hinauf. Er aber sprang empor, fasste den Strang mit seinen Zähnen und begann mit allen Leibeskräften daran zu ziehen und zu reißen. Da setzte sich denn das kleine Glockenstühlchen droben in seinem Lager mit einem zähen Ruck in Bewegung, und das Glöcklein läutete. In der starken Anwandlung ihres Jugendeifers schienen die Tiere erst des Läutens nicht zu achten, dann ließen sie aber jählings von ihrer Tat und flohen eines vor dem anderen bis zur jenseitigen Hüttenwand, wo sie sich wieder zur Ruhe setzten.

Es dauerte nun nicht lange, da sah man schon oben an der Ecke des Bergweges einen fliegenden Weiberrock und dann einen zweiten und dritten. Und Veit winkte den Leuten, dass sie sich tummeln mögen. Dann riss er die Bande von dem Leibe des jungen Menschen. Und in den nächsten Minuten tat sich niemand so fleißig bei dem Rettungswerk um als der, welcher sich erst zuvor so sehr auf seine Rache freute. Er konnte nichts anderes glauben, als dass Gott diese Rache durch ein Wunder vereitelt hatte. Und das machte seinem Hasse ein Ende. Ehe das Wasser kam, konnten die Leute dasjenige auf die Böschung bringen, an dem ihnen das meiste lag. Sie bauten auch oben vor dem Dorfe aus Holz und Steinen ein Stauwerk. An dem brach sich dann tatsächlich die ärgste Gewalt des Wassers so, dass die Hütten nicht weggeschwemmt wurden. Es geschah nicht viel Unglück, weil dem so gut vorgebeugt werden konnte. Mit ihrem alten Feinde schlossen dann die Dorfleute Frieden, als sich die Wasser verlaufen hatten. Und auch der Junge, dem er so übel mitgespielt hatte, verzieh ihm.

Es blieb den Dorfleuten zeitlebens eine heilige Überzeugung, dass das Glöcklein allein Sturm läutete. Wenn sie die Wahrheit erfahren hätten, wäre ihr Glauben wohl auch ein so frommer und rechter geblieben.

Als dann einer von ihnen zu der alten Sturmglocke emporstieg, um sie mit den ersten Blumen des Frühlings zu bekränzen, da sah er, dass sie nun einen Sprung hatte. Und dieser Sprung ging mitten durch die Abbildung des Herzens jenes Großmächtigen, der gestorben ist, um den Hass zu tilgen.

 

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