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Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald

Josef Gangl: Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald - Kapitel 12
Quellenangabe
authorJosef Gangl
titleAm Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald
publisherJ. Singer & Co. Verlag
year1912
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180425
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Seliger Tod

Die Klepper-Ahnl legte ihre dürre, zitternde Hand über das hellgraue Geschau, um besser das fürchterliche Schneetreiben durchspähen zu können. »Ist mir gerade, als käm' ein Mensch auf unsere Hütte zu«, sagte sie. »Helft mir schauen, Kinder.«

Die zwei strammen, braunköpfigen Jungen blickten angestrengt durch das nur untenhin mit feinen Eisblumen belegte Fenster auf die Berghalde hinaus. Der Schnee fiel in solchen Massen, dass er schon einige Schritte weit vor den Augen eine Wand zu bilden schien, welche oben mit dem Himmel und unten mit der Erde in eins verschwamm. Manchmal zerriss ein jäher Windstoß das Gestöber, dass man ein wenig auf den alten Tannenwald hinabsah, der sich von dem hochgelegenen Bergreutland bis ins Tal erstreckte.

»Ja«, sagte jetzt Veit, der größere der Jungen, »von der Grimerhütte will einer zu uns herüber.«

»Ein Rab' ist's«, erklärte altklug Simmerl. »Ich seh', wie er mit den Flügeln schlägt, weil ihn der Sturm niederdrückt.«

Veit lächelte. »Du brauchst zum Sehenlernen mehr Jahr' als eine junge Katz Tag', Simmerl. Der Grimer-Moz hat keine Rabenflügel, sondern seine Rockschöss' sind's, die so fliegen. Wart nur, gleich wird sie ihm der Wind noch fortreißen. Gut, dass er so tief im Schnee steckt, sonst flög' er gar selber!«

Nach diesen übermütigen Worten sprang Veit auf seinen brettdicken Wollsocken nach der Ofenecke und stieg geschwind in ein Paar alte Röhrenstiefel – denn dass er sie anzog, konnte man nicht sagen: sie waren ein Nachlass seines seligen Vaters und groß genug, dass der Junge vom Dach der Hütte herab in sie hinein hüpfen konnte.

Die Ahnl stand jetzt auch hinter dem Ofen und wusch das Frühstücksgeschirr, die große Milchschüssel. »Fallt's dir doch selber ein, dass du dem Alten entgegengehen musst?« bemerkte sie zu dem Enkel. »Ich hab' schon geglaubt, dir muss das Gescheite all'mal erst anbefohlen werden.«

Veit polterte lachend mit den Stiefeln hinaus.

»Ruinier's nicht so!« schrie ihm die Ahnl nach. »Heb die Füß'!«

Draußen im Schnee musste Veit freilich die Füße heben, wobei er die Stiefelschäfte vorsorglich in die Hände nahm, um nicht vielleicht unversehens in den Socken da zu stehen. Ein Stück von der Hütte hinab war das Gehen noch keine Kunst. Hier auf der Windblöße reichte der Neuschnee dem Jungen kaum ein wenig über die Knie. Unter dieser flockigen Schütte lag freilich eine alte tiefere, aber die war fest gefroren und trug den auf breiten Sohlen gehenden Burschen leicht. Gegen den Wald hinunter wurde der Schnee immer tiefer. Veit sah sich bald bis über den Leib in der weißen Masse, aber er schob sich doch fast mühelos bis zu dem alten Grimer hinab durch.

»Vergelt dir's Gott, mein liebes Bübel, dass du mir einen Pfad treten kommst«, bedankte sich der Mann, den das Alter und die Arbeit schon so weit vornübergebeugt hatten, dass es aussah, als ob er mit den glanzlosen Augen nichts mehr anderes als sein Grab auf Erden suchte. »Zu euch muss ich hinauf mit einer Bitt'«, fuhr er fort.

»Schon gut. Was Ihr verlangt, muss man gewähren; einen Unsinn wollt Ihr nicht. Und ich auch nicht, wenn ich jetzt sag': wir müssen die Röck' tauschen! Ihr könnt Euch dann an die Schöß' hängen, versteht Ihr?«

»Ja wenn ich's dabei nur nicht abreiß'«, meinte etwas ängstlich der Alte. »Ich kann mir keinen neuen Rock mehr kaufen, das weißt du.«

»Ärger könnt Ihr nimmer d'ran zausen als jetzt der Wind!«

»Na, du sollst recht haben.«

Und er bereute den Tausch nicht. Seine Rockschöße waren ihm noch niemals so zweckdienlich vorgekommen wie jetzt, wo er sich daran von dem Burschen nachziehen ließ.

»Eine Kraft hat der Bub!« staunte er dann oben auf der Ofenbank der Klepperhütte. »Und einen Geist hat er auf seine Jahr!«

»Wie ein junges Ross«, behauptete die Klepperahnl. »In seinen Jahren, da waren wir schon ein wenig gelenksamer als er, weißt du es denn nimmer?«

Der Alte schüttelte den Kopf. Er konnte es kaum glauben, dass er auch einmal so wie der Bursche da gewesen war. Er hatte seither zu oft den Glauben an seine Kraft verlieren müssen bei der wenig lohnenden mühseligen Feldwirtschaft auf dem kalten Berggereut.

»Man soll nicht länger leben, als man sich selber auf der Welt weiterhelfen kann«, folgerte er in seinen Gedanken.

»Dummheit«, brummte die Ahnl. »Da dürft' man gar nicht auf die Welt her, denn wann man da ankommt, kann man sich nicht helfen. Nein, mit denen man zuerst all das Kreuz hat, die müssen einen hernach betreuen. Uns zweien aber müssen die Enkel zahlen, was uns die Kinder haben schuldig bleiben müssen. Und dass ich die Wahrheit sag': mein Nannerl, Gott hab's selig, hat mich nie so verzagt gemacht wie ihre zwei Rangen da.«

Sie seufzte und lächelte dabei. Man sah es der Klepperahnl an, dass sie jetzt kaum mehr verzagt werden konnte, dass ihr Lächeln dem ganzen Erdenschicksale galt. Sie hatte viel erleben müssen, um zu diesem Lächeln zu kommen, das dem Feierabendsonnenscheine glich.

Die Klepperahnl und der Grimer verloren ihre Kinder in ein und derselben Nacht. Das wilde Bergwasser hatte sie ihnen genommen, mitsamt allem Hab und Gut. Am Morgen nach jener Nacht war vom Berggereut jede Spur eines jahrhundertlangen, schweren Menschenwerkes weggewaschen. Nicht einmal ein Krümchen der schweißgedrängten Scholle blieb zurück; der neue Tag sah ein nacktes Steinfeld hier. Und von den Menschen waren gerade die tauglichsten, vollblühenden dahin. Was diese starken, heldenmütigen Männer und Weiber bei dem Rettungswerk noch bargen, ehe sie dabei selbst ihr Ende fanden, das kauerte dann auf dem großen Felsblocke inmitten des Gereutes.

Außer den zwei Greisen und ihren Enkeln überlebte noch ein junges Weib mit drei kleinen Kindern die Nacht. Aber die junge Witwe war seit jener Zeit ein Narr. Einen ganzen Sommer lang hausten die Heimatlosen in Reisighütten unten im Tannenwalde. Was sie zum Hinfristen des Lebens brauchten, bettelten sie in den Taldörfern. Die Großbäuerin, bei der sie zuerst anhielten, sagte: »So arme Bettler hab' ich nie gesehen. Nicht einmal Bettelsäck' habt ihr! Die braucht ihr zuerst.« Und sie schenkte ihnen Leinwand zu Bettelsäcken. Ein Zimmermeister baute ihnen auf dem neuen Steinfelde die drei Holzhütten, die sie ihm bis heute nicht völlig bezahlt haben.

Die Erdkrume, die jetzt wieder heroben lag, hatten die Leute selbst aus dem Walde heraufgeschafft. Diese Arbeit war's zumeist, die den Grimer so bucklig machte. Auf ihn, den einzigen überlebenden Mann der Ansiedlung, fiel gar zu schwere Plage. Die zwei Alten brachten es zuwege, dass jetzt wieder zur Sommerszeit ein blühendes Erntegefilde um die drei Hütten war. Für die Witwe, welche in völliger Geistesnacht herumging, sorgten sie wie für sich selbst. Aber wie sie sich auch mühten: die Bettelsäcke brauchten sie zuweilen noch. Den heurigen Winter war die Not in der Hütte der Witwe ganz besonders groß. Der größere Junge, der schon eine Zeit der Ernährer gewesen war, hatte sich den Herbst über zu viel gerackert und lag jetzt krank danieder. Die zwei jüngeren Kinder, Mädchen von zehn und zwölf Jahren, konnten das Überhandnehmen der Not nicht verhindern. Es war eine jammervolle Wirtschaft in der Hütte. Nur die Witwe kochte stillvergnügt stundenlang aus Sägespänen einen Sterz, den sie dann wieder tagelang suchte, wenn ihn ihr die Kinder heimlich wegnahmen. Der Grimer hatte gestern dieses Elend besehen, und heute machte er sich auf die Beine, um für die Armen so viel zu tun, als er eben konnte.

»Dass Ihr wisst, was ich will«, sagte er jetzt auf der Ofenbank, »den Veit brauch' ich auf zwei Tag'. Er muss mit mir für die Wittib und die Kinder ins Tal fechten gehen. Unser eigener Wintervorrat ist ja nicht so groß, dass wir davon den Armen etwas hinübertragen könnten. So heißt's halt wieder einmal den Bettelsack nehmen, Veit. Ich ginge allein, aber was trüge ich denn allein? Mit einer Wenigkeit ist da nicht geholfen; wir brauchen zwei gestrotzt volle Säck', dass wir die Leut' nur bis über die Weihnachten versorgen.«

Der junge Bursche stand mit schamrotem Gesicht und gesenkten Augen da. Es war ihm nichts so zuwider als das Bettelngehen. Es gab so viele Leute im Tale, vor denen er gern als etwas anderes denn als Bettler gegolten hätte. Diesmal sollte er freilich für andere herumgehen, aber schwer genug fiel es ihm doch.

»Na!« rief die Ahnl beinahe drohend. »Besinnst du dich da vielleicht?« »Verhungern kann man die Nachbarsleut freilich nicht lassen«, brummte Veit. »Aber ehe ich für mich selber ginge, möcht' ich nicht leben.«

»Lass's nur gehen«, tröstete die Alte jetzt. »Nächstes Jahr, bis der Simmerl schon stark genug ist, dass er mit mir der Wirtschaft vorstehen kann, verdingst du dich wo im Tal als Knecht und ersparst uns dann schnell ein paar Tausender dabei, dass einmal das Gefrett aufhört.«

Veit ging ohne weitere Widerrede mit dem Grimer. Etwas Schönes fand er schließlich doch daran, für andere betteln zu gehen und dabei im Schneesturm das Leben zu wagen. Dem Alten schien wie durch ein Wunder die Kraft zu wachsen bei diesem Gang. Es war ein seltsamer Eifer in ihm. Seine trüben Augen hatten plötzlich einen warm strahlenden Blick. Die Begeisterung für sein Vorhaben machte ihn völlig jung und stark. Er rang sich ganz wie zu seinem Vergnügen durch den tiefen Schnee.

»Du, die werden Augen machen, wenn wir so unversehens mit zwei Säck' voll guter Sachen daherkommen«, sagte er zu Veit. »Kannst dir's wohl vorstellen, wie sie dreinschauen werden? Weißt, jetzt brennt förmlich der Hunger aus ihren Blicken. Da gibt's dir einen Schnitt ins Herz, wenn du das siehst. Und dann, wann wir auspacken werden! Kannst dir das vorstellen? So was ist viel schöner als alles andere im Leben. Und es kann dir bei kein'm Trachten so herrlich warm werden als bei dem um so ein'n barmherzigen Zweck. Siehst, ich bin schon so alt und kalt, und bei dem Gang komm' ich so wundersam ins Feuer ...«

Es war schon Nacht, als sie in das Tal kamen. Ein Bauer ließ sie in seiner warmen Stube übernachten. Am Morgen fochten sie mit so viel Erfolg das Dorf ab, dass sie in kein zweites mehr zu gehen brauchten. Alle anderen Bettler hätten hier weniger bekommen, aber die Leute vom Berggereut beschenkte man gern. Hie und da kam es auch vor, dass dem Veit noch unter dem Hoftore von den Weibern etwas ganz besonders Gutes in den Sack geschoben wurde, wenn nämlich vorher in der Stube bei der Beschenkung ein geiziger Bauer saß. Eine junge Witwe hatte dem schmucken Burschen, der sich nicht die Augen zu erheben getraute, sogar zwei Taler in die Hand gedrückt. »Aber anschauen musst du mich dafür«, sagte sie dabei und lachte.

»Einen Geschickteren zum Bettelngehen hätte ich mir nicht mitnehmen können«, schmunzelte der Grimer.

Zu Mittag machten sie sich auf den Heimweg. Bergauf ging es nun recht schwer und langsam. Der Pfad, den sie bei dem Hinabsteigen in den Schnee machten, war schon wieder verweht. Sie hatten gehofft, vor Nachtanbruch auf dem Berggereut zu sein, und jetzt fand sie der sinkende Winterabend auf dem halben Wege. Die Begeisterung, welche die Barmherzigkeit dem Grimer verlieh, konnte nun auch nicht länger Wunder wirken an dem todmüden, hinfälligen Leibe.

»Du«, sagte der Alte einmal zu dem Jüngling, als sie gerade in einem Schneehaufen standen, in welchem einem um das Weiterkommen bange werden musste, »du, mir scheint, ich werde den Heimweg nimmer ermachen.«

Veit erschrak, als er den fast zusammenbrechenden Mann ansah. »Nur weiter!« ermunterte er. »Hängt Euch nur fest an meine Schöss'!«

Der Grimer schüttelte den Kopf. »Nein, da wirst du dann auch zu müd. Und du brauchst noch viele Kraft zum Hinaufkommen. Weißt, ich gehe jetzt da auf dem neuen Pfad zurück ins Tal und nimm mir morgen ein paar Männer mit. Die bringen mich schon heim.«

Dem Veit wollte das nicht einleuchten. »Zurück kommt Ihr allein so wenig als vorwärts. Je höher wir kommen, desto weniger wird ja der Schnee, weil ihn oben der Sturm nicht leid't. Also heim zu, Grimer! Hinauf heißt's! Es bleibt sonst nichts übrig!«

Aber der Alte redete ihm zu, er solle allein gehen. »Du kommst viel schneller hinauf allein! Denk an die Armen oben, der Hunger tut weh! Tracht, dass du hinaufkommst, ehe es völlig Nacht wird. Du könntest sonst die Richtung verlieren ... Versäum keinen Augenblick! Nur nicht rasten im Schnee, das weißt du ja! Und iss ein Stück Brot im Gehen. Nur weiter, weiter! Ich komm' schon zurück ins Tal; nur um mich keine Angst. Sag oben, ich ließe alle grüßen. Sie sollen sich nur um mich nicht sorgen.«

Der Bursche ließ sich nun doch bewegen, allein zu gehen. Aber er ging nicht, ohne sich zuerst die beiden Bettelsäcke aufzubürden, um dem Alten den Rückmarsch zu erleichtern.

Der Grimer ging nur so lange talab, als ihn Veit sehen konnte. Dann war es aber auch mit seiner Kraft zu Ende.

»So«, sagte er zu sich, »jetzt will ich rasten. Warum soll ich mich denn noch länger plagen? Werde mich doch geplagt haben genug ... Bild' mir halt ein, ich lieg' da in einem großen Federbett. Ein wenig kalt ist die Zudeck, aber was gibt es denn Schlechtes, das mir neu wär? Das Leben hat oft viel ärger gebissen als jetzt die Kälte.«

Es dauerte gar nicht lange, da übermannte ihn der Schlaf. Und dann kam der Traum, der letzte Traum des Alten. Er kämpfte sich wieder hinter Veit durch den Schnee mit dem gefüllten Bettelsack auf dem Rücken. Er war wieder voll Eifer und Begeisterung bei seinem Werke der Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Sein Herz war voller Freude und Jubel, denn er zweifelte nicht an der glücklichen Vollendung seiner Tat. Er sah noch das Licht in den Fenstern der Armen ... er schaute im Geiste, wie sich ihre Hungerblicke in strahlende, selige verwandelten.

Und dann waren der kurze, schöne Traum und das lange, schwere Leben des Alten aus...

Veit kam glücklich heim und brachte den Hungernden die vollen Bettelsäcke. Daheim fiel er dann vor Müdigkeit hin. Die Ahnl brachte ihn zu Bett.

Noch im Einschlummern fragte er sie: »Meinst du, dass er zu Tal kommt? Meinst du?«

Sie lächelte zuversichtlich. »Quäl dich nicht ab, liebes Kind, schlaf du nur ruhig! Wenn er, der für die andern betteln ging, auch auf dem Weg' geblieben wär', so würde er doch recht gut eingeschlafen sein, recht gut ... Selig, der so einschläft!« ...

Beim ersten Morgengrauen zog die Ahnl die großen Mannesstiefel an und nahm eine Schaufel, um talwärts durch den Schnee einen Pfad zu brechen. Die Kinder aus allen drei Hütten halfen ihr. Sie mussten vier Tage lang fleißig arbeiten, ehe sie den Grimer fanden – in dessen Lächeln man noch seinen seligen Tod lesen konnte.

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