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Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald

Josef Gangl: Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJosef Gangl
titleAm Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald
publisherJ. Singer & Co. Verlag
year1912
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180425
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Der letzte Tanz

Der Bergbach bildete in dem engen Hochtale zwei kleine Seen, zwischen denen ein breiter Wiesenstaffel lag. Mitten durch den grünen Bodenstreifen zog der steinige Wasserlauf. Durch das obere Ende des rauen Bachbettes hatten die Lurchberger Eingärtler mit großen Granitplatten eine risssichere Furt gelegt, denn es musste hier aller Handel und Wandel dahin, der zwischen diesen Bergbauern und der übrigen Welt gangbar war. Und die längslang durch den Wiesengrund schneidende tiefströmige, schwarze Wunde, das war der Lurchberger Weg. Der kam von der tannenfinsteren Höhe und ging der anderen zu, und hier war an seinem weiten Zuge durch die Wildnis das einzige waldfreie, sonnscheinige Stück Land. Deshalb stand auch ein Wetterhaus an der Furt, welches zwar jedes dritte Jahr einmal vom Wasser weggeschwemmt, aber doch immer wieder auf dieselbe Stelle gebaut wurde. Die Bergbauern ließen nicht so leicht etwas völlig eingehen, was ihnen einmal lieb war. Der jeweilige Wirt auf der Rud brauchte nur immer das Bier, den Schnaps und das Leben vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen.

Was sonst zur Wiederherstellung des Wirtshauses nötig war, brachten die Bauern immer gleich wieder, ohne dass sie darum gebeten werden mussten. Manchmal brachten sie Bauholz, das auf drei solche Häuser wie dieses gereicht hätte, aber deswegen fuhren sie keinen Stamm zurück.

Auf diese Weise war die alte Riebsederin vor lauter Unglück reich geworden. Sie hatte vierzig Jahre hier gehaust, sah die Hütte elfmal fortschwimmen und schickte nach jeder Überschwemmung dem Holzhändler ein sieben Fahrtafeln langes Holzfloß auf dem Seebache in das Tal. Nach ihrem Tode übernahm ihre Tochter, die schöne Alfrei, das Geschäft. Die hatte den Jäger Fremund geheiratet, der hier zwei Jahre Wirt war und dann von den Bergbauernburschen erstochen wurde.

Sie gaben ihm schuld, dass die reichste und angesehenste Lurchberger Bauerntochter im Narrenhause sterben musste. Es hieß, dass er sie aus lauter boshafter Absicht liebestoll gemacht habe. Die Fähigkeit dazu lag in seinem Wesen wie nicht sobald in demjenigen eines anderen Menschen. Seine außergewöhnliche Schönheit hatte gerade für die allerernsthaftesten und ehrenfestesten Weiber etwas ganz teuflisch Gefährliches.

Wo er zuerst als Jägersjunge war, erschoss sich die Försterstochter seinetwegen, und in seinem Dienstort nahm die Försterin seinetwegen von dem Gifte, das sie für das Raubwild im Hause hatten.

Bald darauf wurde er von einer jungen Bäuerin angeschossen. Der Schuss streifte ihm nur die Schulter, mit einem zweiten aber traf das Weib ihr für Fremund brennendes Herz. Dabei tat er immer, als ob er überhaupt kein Weib möchte und als ob er untröstlich über das Unglück wäre, das von ihm ausging. Aber die Leute behaupteten, dass er den meisten Genuss daran fand, wenn er einen Menschen zur Liebesraserei bringen und dann seiner in gnadenloser Grausamkeit hohnlachen konnte. Er war einer der seltsamsten und rätselhaftesten Menschen des Waldgaues gewesen.

Man erzählte noch nach seinem Tode das Widersprechendste von ihm. Alfrei heiratete er mehr gezwungen als freiwillig.

Als er seinen Dienst in dem Walde vor der Rud hatte, blieb ihm nichts übrig, als das Bier, das er nicht entbehren wollte, bei Alfrei zu trinken. Er hatte aber kaum noch mehr als das Allernötigste mit ihr geredet, als sie schon eine unbändige Leidenschaft für ihn empfand. Aber er tat lange, als merkte er davon nichts, sondern kam immer wieder als ein Wildfremder, trank still sein Bier und hielt sein seltsames, tödlich gefährliches Brandgeschau gesenkt, als hütete er das mit dem besten Vorbedachte. Und dann ging er immer wieder mit einem kalt freundlichen Gruße. Alfrei wurde es aber immer mehr zumute, als ob sie ihn anfallen müsste wie jene junge Bäuerin.

Eines Tages hatte er den Dienst im Forsthause verloren. Der Förster begann nämlich auch nicht ohne Grund für die Weiber seines Hauses zu fürchten. Da brachte der Alte den unheimlichen jungen Menschen bei dem gräflichen Großgrundherrn mit einer listigen Verleumdung um das Brot. Am Abend nach der Entlassung saß Fremund recht traurig in dem Wirtshause auf der Rud. Er wusste nun in seinen Lebenssorgen nicht ein noch aus und kannte keinen anderen Menschen als einen Feind. In der Verzweiflung kam ihm ein Einfall. Sie waren gerade mit Alfrei allein in der Stube. Da tat er, was er bisher so geflissentlich vermied. Während sie eben wieder das volle Glas vor ihm hinstellte, hob er die Augen und warf ihr mit zunehmender Macht die mordende Lohe in das Gesicht und in die Seele.

Alfrei schrie förmlich auf vor Schrecken, Wut, Schmerz und wilder Lust. Was sie dem Gaste als Wirtin an Höflichkeit schuldig war, hatte sie plötzlich vergessen. Völlig rasend fuhr sie auf ihn los und packte ihn an der Gurgel.

»Willst Du es mir auch so machen wie den andern?« schrie sie. »Mir auch, Du spottsüchtiger Teufel? Vielleicht bist Du da doch an die Unrechte gekommen.«

Mit der letzten Rede hatte sie teilweise recht. Weil er nun in seiner Not Wirt werden wollte, log er Alfrei Liebe. Sie glaubte ihm und wurde dann, ohne das eigentlich zu wollen, in ihrer Leidenschaft für ihn förmlich die Rächerin aller derer, die er vorher unglücklich gemacht hatte. Sie bereitete ihm mit ihrer Liebe die Hölle auf Erden. Er verstand das stumme Leiden gar wohl. Die Bergbauern hatten noch keinen stilleren, traurigeren Wirt gehabt. Die sich an seiner Lage auskannten, hätten ihn nun oft gerne grob versöhnt. Aber vor seinen Blicken wurde der Hohn hin. Bei Tag ging er viel im Walde herum.

Einmal saß er weit oben in der Lurchberger Wild, hatte die Hände vor dem Gesicht und weinte. Als er empor sah, stand zu seinem Schrecken jene Bauerntochter vor ihm, die dann seinetwegen in das Narrenhaus musste. Sie sah ihn nur eine Weile stumm an. Was dabei auf sie einstürmte, schien sie fast umzuwerfen. Dann griff sie mit beiden Händen nach ihrem Herzen, als ob dieses mit einem Male kaum mehr zu ertragen wäre. Flink wie ein Wiesel war sie den Berg herauf gekommen. Und nun schleppte sie sich schwer weiter.

Ihr Leid um ihn machte sie tiefsinnig. Und oben in Lurchberg rauften sich die Buben ihretwegen, dass es alle Sonntage Blut und Fetzen genug in dem Dorfwirtshause gab. Als sich das Geschick des armen Mädchens schon erfüllt hatte, hielten einmal die Lurchberger Buben länger wie sonst Rast in dem Wirtshaus auf der Rud. Die Wirtin musste ihre Harfe aus der Kammer holen. Und sooft sie das tat, wurde es lustig. Es war etwas Eigenes an Alfreis Harfenspiel. Sie hatte es von selbst zu einer ganz merkwürdigen Kunst gebracht. Sie konnte die Gäste je nach Belieben mit dieser Kunst auf die Spitze bannen oder singen und tanzen machen.

»Deine Harfe und Deinem Mann seine Augen«, sagten sie ihr, »das sind zwei hexende Dinge.« Und während sie ihnen damals einen wilden, närrischen Tanz spielte, bei dem sie selbst in der Luft hin zu wirbeln und im Feuer verglühen meinte, hatten sie ihr den Mann erstochen. Es war ganz ohne Streit hergegangen.

»Komm'«, hatte einer lachend zu dem Wirte gesagt, als eben alle im tollen Übermut herumsprangen, »tanz' Du mit uns statt einem Weib, weil Du ja die Weiber alle umbringst.«

Darauf begannen gleich mehrere wie im Scherze mit Fremund herumzureißen, und plötzlich hatte er den Stich im Herzen, bei dem er lautlos zusammenstürzte. Man wusste nicht, wer es getan hatte. Und es kam auch nicht an den Tag.

Als plötzlich der lustige Lärm ganz stille wurde, ahnte Alfrei, die sich bei ihrer Harfe verträumt hatte, was geschehen war. Sie schrie und tobte nun aber nicht, sondern sagte nur: »Das zahl' ich Euch heim.« Dann fiel sie über ihren Mann hin und blieb wie tot und starr auf ihm liegen.

Als sie nach einer Weile einer aufheben wollte, fuhr sie wie eine Tigerin empor, fasste einen in der Nähe stehenden Stuhl und brachte damit dem Gutwilligen einen hübschen Denkzettel bei. Dann fiel sie wieder auf ihren Mann.

Die Bergbauern kamen nach Fremunds Begräbnis wieder wie ehedem in das Wirtshaus zu ihr. Wenn jemals einer von dem Falle reden wollte, stellte sie ihn kurz ab. Das Gericht hatte die Nachforschungen über den Mord bald als völlig aussichtslos bleiben lassen müssen. Alfrei wurde nur einmal vorgeladen, und als sie der Richter formgemäß fragte, ob sie wisse, wer den Mord beging, lachte sie ihm spottvoll in das Gesicht. »Wenn ich das wüsst', tät' ich kein Gericht brauchen.« Es hörte sie dann aber niemals jemand weder klagen noch fluchen. Dem Anscheine nach fand sie sich ruhig in das Unvermeidliche. Aber in ihren Blicken war nun etwas, das sie immer vor denjenigen der Gäste zu verbergen suchte. Sie schien zu fürchten, dass ihr die Gäste davon liefen, wenn sie errieten, was sie dachte. In drei Jahren nach Fremunds Tod erfuhr man, was sie seither gedacht hatte. Das war am Hermestaler Kirchweihtag. Am frühen Morgen stieg das ledige Volk von Lurchberg in das Hermestal, und nach Anbruch der finsteren Herbstnacht kam der lustige Schwarm wieder zu dem Wirtshause auf der Rud.

Tagsüber hatte es schwer geregnet, und in dem dichten Abendnebel und der stark angeregten Frohlaune erkannten die jungen Leute nicht, dass der obere Bergsee hoch angeschwollen war und dass es bald schwer werden konnte, durch die Furt zu gelangen. Sie kehrten, wie es der alte Brauch war, auf der Rud ein.

Alfrei zapfte ein Fass Bier an und holte die Harfe aus der Kammer. Seit dem Tode ihres Mannes hatte sie das Instrument nicht angerührt. Und mit dem Tanze, den sie damals zuletzt gespielt hatte, fing sie nun wieder an.

Diesmal waren vier Lurchenberger Mädchen bei dem Burschenhauf, und da ging die Lustbarkeit gleich so hell als nur möglich los. Es war heute auf dem Hermestaler Tanzboden nicht so laut gewesen wie jetzt hier auf der Rud. Sie wurden des Jubelns nicht müde und Alfrei nicht des Spieles. In die dunkle Fensterecke hatte sie sich mit ihrer Harfe gesetzt, und von dort sah sie mit seltsam lauernden, gierigen Augen hervor, während ihre Finger durch die Saiten rasten.

»Es ist, als ob tausend Musikanten spielten«, jauchzte einer, und da hatte er recht.

Durch das Fenster, vor dem sie saß, hörte Alfrei, dass das Rauschen des Wassers immer stärker wurde, aber sie wollte das nicht auch an die Ohren der anderen gelangen lassen und spielte mit aller Macht. Mittlerweile fing es wieder draußen schwer zu regnen an.

»Jetzt müssen wir erst recht dableiben«, rief einer, der ein wenig zur Türe hinaus gehorcht hatte. Und einmal wurde doch eine bange Frage laut: »Wenn wir aber nimmer durch die Furt können?«

»So tanzen wir da, bis sich das Wasser verronnen hat«, war die Antwort.

»Wenn uns nur das Wasser nicht auf den Tanzboden kommt?«

»Nun, dann tanzen wir halt oben auf dem Dachboden!«

Die Sorglosen redeten die Ängstlichen immer wieder recht lustig zur Ruhe.

Die Wirtin sagte gar nichts, sondern spielte nur immer und ließ die Gäste selber einschenken und trinken, wie ihnen das gefiel.

Sie hatte alle die jungen Leute mit ihrem Spiele rein um den Verstand gebracht. Einer blieb vor ihr stehen und sagte: »Es ist, als ob wir heut' alle nach Deiner Harf' in den Tod tanzen müssten.«

Alfrei wusste nun bereits, dass niemand mehr aus der Hütte fort konnte. Aus dem Brausen des Wassers erkannte sie, dass zu beiden Seiten des Baues Ströme hin schossen, in denen das Schwimmen eine Kunst war.

Und sie spielte aufs Neue jenen Tanz, bei dem ihr Mann sein Leben lassen musste.

»Das ist ja schon wieder derselbe!« schrie ihr einer der Tanzenden zu.

»Kennst Du den vielleicht schon länger?« fragte sie zurück und bohrte ihre Augen in des Burschen Gesicht. »Kennst Du ihn?«

Aber der Bursche hüpfte an ihr vorüber.

»Einen anderen Tanz, einen langsameren!« verlangten nun mehrere. Aber Alfrei blieb noch eine Weile bei der alten Melodie. »Es ist ja eh schon der letzte«, sagte sie dann laut, und gleich darauf prallte von draußen etwas schwer an die Hüttenwand. Das Wasser hatte den Hagzaun umgerissen. Hinter dem gestürzten Bretterverschlage hatte sich die Flut bereits hoch angestaut. Und nun drückte schon der erste Schwall die Hüttenfenster ein.

Während unter wirrem Geschrei die Flucht nach dem Dachboden anging, fuhren etliche der Burschen in dem steigenden Wasser auf Alfrei los, die mit einem grausamen, triumphierenden Blick mitten in der Stube stand.

»Jetzt wissen wir, warum Du so fleißig zum Tanz gespielt hast, Du Hex'! So viel unschuldiges Leben willst Du für Deinen Mann!?«

»Für mich ist er's wert«, antwortete sie, »auf eine geringere Rache hab' ich nie gesonnen.« Die Gruppe wurde von einem zur Türe hereinfahrenden Balken getrennt. Das Viereck der Wände wich bald auseinander, und mitten hinein stürzte der Dachboden.

Einigen Burschen gelang es, die Mädchen auf dem festgefügten Scheuertore, das sie als Floß gebrauchten, an das Ufer zu bringen. Und viele der jungen Leute retteten sich auf einem Dachflügel, den sie mit genauer Not aus dem reißenden Schwall lenkten. Aber viele wurden mit den Trümmern fortgerissen und blieben dann auf dem tiefen Grunde des unteren Sees, auch Alfrei.

Ob der, welcher Fremund das Messer in das Herz stieß, bei den Überlebenden oder bei den Toten war, das erfuhr man nicht.

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