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Altershausen

Wilhelm Raabe: Altershausen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAltershausen
authorWilhelm Raabe
year1981
publisherWilhelm Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007725-7
titleAltershausen
pages1-120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1911
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VII.

Der »Herre für die Nacht« war nicht gekommen, um sich auch hier am Ort, wie es sonst überall zu seinem Wirken auf Erden zugehört hatte, die Stirn kühl, das Auge klar und die Hand fest und sicher zu erhalten. Ihn in das Gegenteil von all solchen höchst verdienstlichen menschlichen Fähigkeiten zu stürzen, hatte sein Empfang und Einzug in Altershausen das möglichste geleistet. Seine Stirn fühlte sich durchaus nicht kühl an, was das mit seinen Augen war, wußte er selbst nicht recht, und mit der Hand, aus der ihm eben der herzueilende Kellner den Regenschirm nahm, hätte er niemandem den einfachsten Star stechen oder auch ein Krähenauge operieren können: es ist leichter, sich in eine fremde Welt zu finden, als sich in einer fremdgewordenen wieder heimisch zu machen!

Alles, was ihm aus dem Gedächtnis abhanden gekommen war, noch vorhanden ohne die geringste Veränderung seit dem Tage seines Auszugs aus dieser ersten Erdenheimat! Und er, der Greis, auf der obersten Stufe der Steintreppe des Ratskellers noch dabei wie vor zwei Menschenaltern!

Der Markt von Altershausen der eigentlich nur eine breitere Straße war, mit dem Vaterhause auf der »Sonnenseite« und der ganzen Nachbarschaft zur Seiten und gegenüber – wie da plötzlich wieder alles: »Recht schönen guten Abend, Kleiner!« ruft in der abendsonnegetränkten beginnenden Dämmerung!

Und der Geruch!... der Geruch von Altershausen!...

Er war es, der unter dem Treppenvordach des Ratskeller, wie mit einem freundschaftlichen Ellbogenstoß, fragte:

»Du kennst mich doch noch, Alter?«

Je berühmter der Arzt, desto mehr Erdengerüche muß er kennengelernt haben, gute und schlimme; denn nicht nur in den Dachstuben und Kellerwohnungen der Menschheit, sondern auch aus ihren Wonneburgen gehen von den Kranken- und Sterbebetten allerlei Düfte aus, die er wiederkennen muß, wenn sie ihm von neuem in die Nase kommen. Den Geruch seiner Kindheitsheimatstadt hatte Wirklicher Geheimer Obermedizinalrat Professor Doktor Fritz Feyerabend seit zwei Menschenaltern nicht in der Nase gehabt, und nun – wenn ihn etwas dazu hätte bringen können, vor der Tür des Ratskellers von Altershausen seinem Freund Ludchen gegenüber sein Inkognito fallen zu lassen, so wäre er es gewesen – dieser Geruch – der Geruch von Altershausen!

Irritabilität und Sensibilität zu gleichen Teilen in Tätigkeit und Mitleidenschaft gezogen, bezwang er sich, Geheimrat Feyerabend. Gerührten Blickes legte er jetzt nur dem Freunde die Hand auf die Schulter, sagte:

»Ich danke dir, Ludchen«,

und legte, da der andere seine Hand hohl ihm hinreichte, – einen Taler hinein.

»O Herre! Herre! Herre!« grinste und stammelte Ludchen Bock, selig, wie wenn er vor sechzig Jahren einen Groschen auf der Straße gefunden hatte. Und wie ein Junge, der befürchtet, daß man ihm den Schatz wieder abnehme, verschwand er auf seinen siebenzigjährigen Beinen um die nächste Straßenecke.

»Minchen! Minchen, was ich habe!« hörten ihn die Altershausener rufen und fragten gutmütig oder verdrossen.

»Na, was hat denn unser Junge wieder?«

Auf den Wirt und das Personal des Ratskellers hatte die unerhörte Generosität des »für die Nacht« gekommenen hohen Gastes den Eindruck gemacht, daß er auch inkognito das beste Zimmer im Hause bekam und daß ihn der Enkel des »alten Nothnagel« persönlich die Treppe hinaufgeleitete und ihn darauf aufmerksam machte, daß er von den Fenstern aus die Aussicht auf alles in Altershausen habe.

Mit der ließ man ihn denn allein, und noch nie im Leben hatte er sich an einem Reiseziel in solcher Gesellschaft gefunden. Seine besten Bekannten von der Festtafel neulich hätten ihn in ihr wohl schwerlich wiedererkannt. Und was für eine Antwort würde er wohl bekommen haben auf die Frage aus ihr heraus:

»Liebster Freund, haben Sie auch einmal nackt vor dem furchtbaren Geheimnis des Selbstbewußtseins gestanden? Und wenn – wie verhielten Sie sich ihm gegenüber?«

Da lehnte er in der warmen Abenddämmerung am Fenster, alle seine Kinderspielplätze unter und um sich! Da der Torbogen mit dem letzten Turm der alten Stadtummauerung – über den Hausdächern die grünen, doch schon in der ersten Herbst-Abenddämmerung versinkenden Berggipfel! Die Stadtbewohner und -bewohnerinnen vor den Haustüren, die Mägde am Brunnen, die Kinder im letzten Spiel vor dem Schlafengehen – alles, wie es gewesen war vor zwei Menschenaltern, wohlerhalten wie Vineta unter dem Wasser – daß der greise Herr des Messers, der Sägen und Zangen, des Blutes und des Eiters das alles durch Tränen gesehen habe, soll hiermit nicht gesagt sein. –

»Du da, bin auch da! Auch du da?«

Wer war's, der so fragte?

Die Glocke vom Turm der Stadtkirche, die acht schlug.

Aus welcher Zeit kam grade jetzt die klagende Stimme wieder her:

»O, das schöne Wetter, und mein Kind nicht mehr dabei!« –?

Doch mit ihr das hohe Wort:

»Was ich besitze, seh ich wie im Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Es klopfte an der Tür, man legte dem Gast von Altershausen das Fremdenbuch vor, und er lud, wie er glaubte vollberechtigt, das Polizeivergehen der Falschmeldung auf sich. Da ihn neulich die europäische Kollegenschaft zu ihren »Großen« in ihren schönverzierten, vielsprachigen Zuschriften gerechnet hatte, so machte er jetzt Gebrauch von der Ehrung, zählte sich selber zu den »Großen der Erde« und blieb, vom Thron herniedergestiegen, zu ebener Erde inkognito in der Heimat – wenigstens für die Nacht und den nächsten Tag. Er mußte ja aber auch erst in Erfahrung bringen, wer noch vorhanden war am Orte, der mehr wußte von Fritze Feyerabend, als von dem rund um die Welt berühmten gelehrten Kronenträger der Heilkunde, dem Wirklichen Geheimen Obermedizinalrat Professor Doktor Feyerabend! –

Wie er sich für Jung-Altershausen ins Buch eintrug, mag der Allgemeinen deutschen Biographie vorenthalten bleiben. Er speiste auf seinem Zimmer, und es fiel nur auf, daß er sich den Hausknecht Tönnies zu einer längeren Verhandlung dorthin kommen ließ. Ausgefragt, zuckte dieser nur die Achseln und gab seine Meinung dahin ab:

»Hei is nur 'n snurrigen Patron. Späte bi Nacht will hei noch mal ut, un ick schall um ihn upsitten blieben. Dat he Böses im Sinne hett, glöwe ick nich, Herr Nothnagel. Hei is wohl blot so'n kuriosen Kerel, so'n Liebhaber davon, de unse Stadt bi Maanschiin seihn will. Wi hebbet ja wohl schon von dei Sorte hier 'ehatt. Na, wenn hei immer so utgivvt wie vorhin bi usem Ludchen, kann man ihm ja schon den Gefallen dhaun.« –

Dabei beruhigte selbstverständlich sich der Ratskeller. Geheimrat Feyerabend ließ alle, bis auf Tönnies, zu Bette gehen, und da er der einzige Fremde im Hause war und als Abendgäste nur die ältesten, würdigsten, nüchternsten Stadtbewohner verkehrten, so hatte er gegen eilf Uhr bereits die Welt hier für sich allein.

Merkwürdigerweise trat er, ehe er auf die Abenteuer dieser Nacht ausging, erst mit dem Licht in der Hand vor den Spiegel und hätte vielleicht selber nicht zu sagen gewußt, weshalb.

Ja, er war es noch! Er – war noch!

Dieselbe Gewißheit gab ihm ein mehrmaliges festes Auf- und Abschreiten im Zimmer, bevor er Hut und Stock nahm, seine mitternächtige Geisterbeschwörung zu beginnen.

»Dat hei wo einbräken will, glöwe ick nich«, brummte Tönnies, der Hausknecht, die Tür des Ratskellers hinter ihm verriegelnd. »So 'ne olle Kruke solle et aber doch wetten, dat de Minsche et bi Nachte im Bedde am besten hett.« –

Im letzten Viertel stand der Mond am Himmel, dabei war's sternenklar und windstill und, da die Hundstage des Jahrs doch noch nicht allzu lange der Ewigkeit in den Schoß gesunken waren, sozusagen eine Nacht, wie Schwester Karoline sie nicht günstiger für »wieder diesen verrückten Einfall« des Bruders beim lieben Herrgott hätte bestellen können.

»Hätte ich sie doch bei mir, die gute alte Seele!« sagte ihr »ganz Geheimer«, von der Treppe des Ratskellers von Altershausen über den Markt in der magischen Dämmerung nach dem Elternhause hinüberblickend. –

Nun wandelte er wie auf Flaum, stieg die Treppe hinunter und aus dem einundsiebenzigsten Lebensjahr zurück in das zwölfte: wie wenn Schweizerhauptmann Johann von Salis-Seewis um ein schönes Nachtgedicht aus der heißen Wachtstube zu Versailles zu den kühlen Schatten, dem Mondschein, den rauschenden Wassern, singenden Vögeln und weißen Marmorbildern des schönsten Gartens Europas niedergestiegen wäre. Beiläufig ein nettes Bild, dem Traumwandler, der gegebenen Stunde und dem Markt von Altershausen gerecht zu werden!

Nicht stolpern auf den unter den alten Füßen redenden Steinen, Herr Wirklicher Geheimer Medizinalrat! Langsam, langsam und mit Bedacht durch die zur Gegenwart gewordene Vergangenheit, Herr Doktor! Das Kind noch dabei, Fritze!

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Langsam, bedachtsam den Markt entlang bis vor das Elternhaus, dann langsamer, bedachtsamer weiter bis zu dem Torbogen des sechzehnten Jahrhunderts, doch nicht unter ihm durch auf die zwischen den Gärten den Berg hinanführende, auch in dem matten Mondesschimmer weit hinaufleuchte weiße Landstraße! Man hat nicht umsonst als ein exakter Mensch sein Leben hingebracht: man weiß sich zu bescheiden und sich und das Seinige zusammenzuhalten, auch in den Geisterstunden des Erdendaseins. Die Vergangenheit da draußen vor den Toren von Altershausen als Gegenwart sich wiederzuholen, hatte der Greis die Sonne des morgenden Tages nötig. Im vollen Tageslicht mußte das liegen, um Fritze Feyerabends Jubiläumsbesuch bei Ludchen Bock gerecht zu werden und damit der Wirkliche Geheime – nein, damit Bruder Fritz auch der alten Schwester daheim davon erzählen konnte!

Was er jetzt suchte, ließ sich im Dunkeln finden. Er berührte Hausmauern, Gartenplanken, Türpfosten, ja sogar auch Türschlösser, soweit die Rückerinnerungen und die Hand reichten. Er stand an Gassenecken und guckte in Winkel, wo es ohne die Sonne für ihn licht wurde, wo für ihn Geschichten aufwachten und mit den Geschichten Geschichte: Lebens-, Welt- und Kulturgeschichte, wie sie nachher, d. h. dann, als er nicht mehr vor Rektor Schusters, sondern ganz anderer und anders gelehrter Männer Katheder saß, doch nicht wichtiger und bedeutungsvoller zum Vortrag gebracht werden konnte.

Was war der Opfertod der dreihundert Sparter bei den Thermophylen gegen den Gartenweg hinter Bocks Scheune, in dessen Verteidigung er selber geblutet hatte, und zwar »wie ein Schwein«, wie Ludchen Bock sagte und die Altershausener Heldenmutter zu Hause, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend, bestätigte? Was bedeuteten Seine Majestät Ernst August, König von Hannover, und die nichtsnutzigen Göttinger Sieben gegen den Misthaufen, den er, wenn nicht als den selben, so doch als den gleichen an seinem richtigen Platze hinter der Superintendentur wenigstens mit der Nase wiederfand? Vor zwei Menschenaltern war er nicht bloß mit der Nase, sondern mit der ganzen Visage, ganz abgesehen davon, was er sonst dabei abkriegte, hineingedrückt worden von seinem Freunde Ludchen, und auch das war was gewesen wegen dessen seine Mutter seinen Freund nicht mit dem gehörigen Wohlwollen sehen konnte. Was den Vater anbetraf, so hielt sich der durch mehrere Tage, sowohl was Zärtlichkeit, als was Zorn anbetraf, möglichst fern von seinem Sprößling, und das Kind hörte ihn nur von weitem brummen: »Frau, der Junge stinkt ja noch immer fürchterlich! Ist denn der Geruch an dem Schlingel gar nicht wieder auszurotten? Krieg ihn, wie er dasteht und die Luft verpestet, doch noch mal in deinen Büketubben!«

Weiter, weiter so durch die balsamische Nacht, Fritz Feyerabend aus Altershausen! Nimm hin und mache die Gegenwart zur Vergangenheit und die Vergangenheit zur Gegenwart. Alten Menschen, die anständig einen heißen Lebenstag hinter sich haben, hilft man dann und wann zu einem Abendvergnügen: die Regel ist es freilich nicht! Die Ausnahme, vorzüglich die jetzt mit dir bei dieser deiner närrischen Altersvergnügensfahrt gemacht wird, bestätigt wahrhaftig nicht die Regel; aber du siehst, wie wohlwollend wir obersten Mächte immer noch gegen dich gesinnt sind: deinen Freund Ludchen Bock ließen wir dich wiederfinden, wie du ihn hier gelassen hast vor sechzig Jahren. Wir sind's gewesen, die ihn dir zur Begrüßung nach dem Bahnhof schickten, – weiter, weiter hinein in die Nacht und den Traum vom Dasein des Menschen auf seiner Erde, altes närrisches Menschenkind!...

»Spitz, bist du denn das?« fragte Geheimrat Feyerabend, vor der Pforte des Amtsgerichtsgebäudes sich niederbeugend und einer feuchten, kalten Hundeschnauze die dürre Hand zum befreundeten Beriechen und Belecken hingebend, und zwar mit einiger Verwunderung; denn sie sind sonst durchaus nicht so, die Spitze. Von den Treppenstufen des Amtsgerichts war er, ohne zu bellen und bissig anzuspringen, heruntergekommen, wie seinerseits zur Begrüßung des greisen Altershausener Kindes, und nun erhob sich auch sein jetziger Herr, der gegenwärtige Nachtwächter der Stadt, aus seinem nächtlichen Vorschlummer auf der Treppe des Amtsgerichts und kam herzu:

»Na, was hat denn der Köter? Hierher, Bollmann!«

»Bollmann?!« wiederholte der Geheimrat. Hatte nicht sein Vater den Namen dem Wächter des Hauses zum Andenken an einen früheren Universitätsfreund und nochmaligen Amtsgenossen angehängt? War der Hund wirklich noch der Spitz des Hauses Feyerabend, oder war der Name weitergegeben worden, wie in Südwestdeutschland der des Pfalzverwüsters Melac?

Wie dem auch sein mochte: hatte der Greis eben vor dem Vaterhause nur gestanden und zu allem seinem Mauerwerk und Fenstern hingesehen, so war er nun mit »unserm Bollmann« als Führer drin – treppauf und -ab, durch Stuben und Kammern, vom Keller bis zum Boden, durch Hof und Garten, und mit dem alten unveränderten »Spitz« fehlte nichts mehr von alledem, was vor zwei Menschenaltern dagewesen war!

Aber diese Inventur der Vergangenheit dauerte nur einen Augenblick. Der Wasserkrug, der vor Mahomeds Bett umfiel und seinen Inhalt nicht verschütten konnte, ehe Allah seinen Propheten durch alle seine sieben Himmel geführt und ebenfalls ihm seinen Haushalt vom Keller bis zum Dache gezeigt hatte, kam wieder mal zur Geltung.

»Kann ich Sie womit dienen?« fragte der jetzige Nachtwächter von Altershausen, den gegen Fremde ihm zu vertraulich erscheinenden vierfüßigen Begleiter durch einen verdrießlichen Stockhieb von dem sonderbaren Nachtwandler wegscheuchend.

»Mit einiger Höflichkeit! wenn es Ihnen nicht allzu schwer wird«, sagte Doktor Feyerabend mit dem Tone, der auch in den erlauchtesten Wonneburgen der Menschheit ihm geholfen hatte, den Ton der Unterhaltung auf das richtige Maß zu stimmen.

»Ich habe Ihnen ja noch gar nichts mit Unhöflichkeit gesagt!« brummte der Mann, mit der Hand an der Mütze. »Daß Sie den Ort nicht von der Stelle tragen wollen, sehe ich auch noch bei schlafender Nacht. Kann ich Sie den Weg wohin zeigen, bin ich gern dafür da. Ich bin hier vom Magistrat bestellter Nachtwächter, und das Viech habe ich für's Anbellen und nicht Anschmeicheln bei mir. Mein Name ist Ritterbusch, wenn Sie sich morgen vielleicht beim Herrn Burgemeister nach mir erkundigen wollen. Ja, ich bin der Nachtwächter hier in Altershausen!«

Daß letzteres auf uralter Wahrheit beruhte, hatte das alte Altershausener Stadtkind schon in Erfahrung gebracht; aber der Name!... Was war der Name an Trinkgeld wert in dieser Traumnacht! Es ist ein sonderbarer Vergleich, aber so warm er vorhin diese kalte Hundeschnauze in seiner Hand gefühlt hatte, so warm empfand er nun diesen Namen in seiner Seele.

»Ritterbuschen, ich verlasse mich ganz auf Sie. Wir kommen wohl etwas später nach Hause; aber ich weiß ja die Kinder gut bei Ihnen aufgehoben!« sagte eine liebe Stimme, das Spinnrad am Ofen hörte auf zu schnurren, und die zwei Kinder stürmten gegen die schöne junge Mutter an, die mit beiden Händen im langen weißen Handschuh ängstlich den Angriff auf den Provinzialglanz der Balltoilette von achtzehnhundertneunundvierzig abwehrte. Amélie, Königin der Franzosen, Elisabeth, Königin von Preußen, Alexandra Feodorowna, aller Reußen Zariza, Anna, Kaiserin von Österreich, hätten nicht strahlender und lebendiger mit Schinkenärmeln, Goldreifen um die Stirnen und in Kreuzbänderschuhen in die Altershausener Nacht aus den verschollenen Modenjournalen ihrer Zeit hineintreten können!

»Schaffe Sie den Jungen jedenfalls zur rechten Zeit ins Bett, Ritterbuschen, und sitze Sie nicht selber noch bei ihm, um ihn in den Schlaf zu erzählen, Großmutter Grimm«, sagte eine andere Stimme hinein in – die Kinderstube des Hauses Feyerabend, und der Wirkliche Geheime Medizinalrat Professor Dr. Feyerabend wendete sich an den Nachtwächter Ritterbusch vor dem Amtsgericht von Altershausen, klopfte dem Patron auf die Schulter und sagte: »Schlafen Sie ruhig weiter, lieber Mann. Wenn einer hier am Ort nicht die Ruhe zu stören wünscht, so bin ich der. Die Wege hier im Orte kenne ich selber.«

Der Spitz, der sich allgemach seiner eigensten Natur besser besonnen zu haben schien, boll dem alten Herrn giftigst nach; sein Herr, mit der Mütze in der Hand, brummte:

»Na nu? Grobheiten soll man sich bei nachtschlafender Zeit in seinem Amte von so fremder, unbekannter Menschheit sagen lassen? Na, komm du mir wieder!«

Mit verschlossenen Ohren ging Fritze Feyerabend weiter. Die Welt hatte sich ihm durch Bollmanns kalte Nase zu einem Kinder-Gitterbett zusammengezogen. Draußen mußte es eben wohl Winter sein, denn wie ein warmes Federdeckbett legte es sich über ihn und wurde um ihn zurechtgestopft. Von fernher – aus Indien – von der Menschheit Wiege aber summte es aus dem Munde der Frau Ritterbusch, wie es durch die Jahrtausende weitergegeben wird und weitergegeben werden wird, bis der letzte Mensch mit einer Brille auf der Nase geboren werden wird und weder seiner Mutter noch sich selber mehr Freude machen kann. Sie spannen alle bei ihrem Singsang und Erzählen: die Parzen in der griechischen Unterwelt; am Urdarborn Urd, Werdandi und Skuld, die Nornen; und am Markt von Altershausen in des Hauses Feyerabend Kinderstube die Frau Ritterbusch!

»Wenn du jetzt nicht einschläfst, weint Mama, und dein Herr Vater schilt, Fritzchen, und ich – da lief dem Schneiderlein, wie man sagt, die Laus über die Leber, es langte aus seiner Hölle einen Tuchlappen, und ›wart, ich will es euch geben!‹ schlug es unbarmherzig drauf. Als es abzog und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine. – Junge, wenn du jetzt nicht die Augen zumachst, so sollst du mal sehen! – ›Bist du so ein Kerl?‹ sagte der Schneider, ›das soll die ganze Stadt erfahren. Ei was, die ganze Stadt! die ganze Welt soll's erfahren!‹ Und sein Herz wackelte ihm wie ein Lämmerschwänzchen«...

»Siebene auf einen Schlag!« war es das Spinnrad der Ritterbuschen, oder war's der Brunnen um die Ecke vor Mordmanns Gehöft, was in die Geschichte vom tapfern Schneiderlein hineinrauschte? Siebenzig Lebensjahre auf dem Buckel und die Devise »Siebene auf einen Streich!« auf dem von ihm selber zugeschnittenen, genähten und gestickten Leibgürtel! War es Fritzchen Feyerabend, oder war es der Wirkliche Geheime Obermedizinalrat Feyerabend, der dastand an dem Röhrbrunnen an Zimmermann Mordmanns lebendiger Zaunhecke und es nun aus einem anderen Winterabend herübermurmeln hörte:

»Und der König wachte auf und gab der Frau Königin einen Stubbs, und sie wachte auch auf, und sie sahen einander mit großen Augen an... Junge, schlaf ein!... Es wachte alles auf, was die hundert Jahre geschlafen hatte da im Schlosse – die Soldaten auf der Wache, wo sie zu trommeln anfingen, und das Feuer in der Küche unterm Herde, wo sie vor hundert Jahren hatten Eierkuchen backen wollen. Und der Koch gab dem Küchenjungen die Ohrfeige, die er ihm eben auch vor hundert Jahren versprochen hatte. Sie hatten aber auch noch Suppe zu Mittag haben sollen, und so rupfte auch die Magd das Huhn fertig, das sie – alles vor hundert Jahren – im Schoße gehabt hatte, und sagte: Ja, Koch, grade so was hat auch so'n böser Junge verdient, wenn er mich hier bis an den hellen, lichten Morgen sitzen und verzählen lassen will! –?«

Es war jedenfalls der Geheimrat, der eben sagte:

»Nein, das hat sie nicht gesagt, die Küchenmagd, Ritterbuschen! Und dann sind auch immer die Fliegen dabei, die an der Wand aufwachen nach hundert Jahren, Ritterbuschen, und das hast du diesmal ausgelassen.«

Es war Geheimrat Feyerabend, der es in der eben vorhandenen nächtlichen Stunde vernahm.

»I, so'n verflixter Junge! Da sitze ich bis nach Mitternacht an seinem Bett und predige mir den Mund wund, daß ich das naseweise Kind zum Einschlafen bringe, und es weiß immer wieder alles besser. Junge, Junge, bist du mir denn nach Mitternacht gluher als vorher?«...

Was war das? Eine Kinderstimme hinter Mordmanns Kuhstall her. Eine Kinderstimme und doch auch wieder keine Kinderstimme, sondern die eines alten Mannes, die sich in umgekehrter Weise »setzte« und aus dem dumpfen Krächzen des Greisentums in die schrillen Töne der ersten Jugend umschlug –

»Maikäfer flieg,
Dein Vater ist im Krieg.
Deine Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt –
Maikäfer flieg!«

Ludchen Bock! Ein Schatten im Dämmer und doch die wirklichste Wirklichkeit kam er um die Ecke des Zauns, schwankte unsicheren Schrittes auf das lebendige Wasser zu, das der Röhrbrunnen vor Mordmanns Gehöft wie vor sechzig Jahren in den Trog sprudelte, und an die Röhre, aus der Geheimrat Feyerabend mit der Hand geschöpft hatte, hielt er den Mund und ließ sich dann den ewig jungen Strahl auch über den kahlen Scheitel fliegen.

»Der Herre vom Bahnhof!« rief er aber wie im höchsten Schreck, als der Freund aus dem Schatten mit einem »Guten Abend, Ludchen!« auf ihn zutrat, und an allen Gliedern zitternd winselte und schluchzte er wie ein über etwas Verbotenem ertapptes Kind:

»Ich kann nichts dafür! ich kann nichts dafür! die anderen sind es gewesen! Ich habe gewiß und wahrhaftig nicht gewollt, Minchen; aber sie haben mir den blanken Taler weggenommen, Herre, Herre, und haben gesagt, so'n großer Junge wie ich brauchte sich doch nicht alles gefallen zu lassen, und dann sind wir in Beckers Garten alle miteinander, wir Großen, vergnügt gewesen. O Gotte, Gotte, und nun, wo ist mein Taler, den mir der Herre am Bahnhof für Minchen gegeben hat?

Pommerland, ist abgebrannt –
Maikäfer flieg!
Maikäfer flieg!«

Von neuem hielt er den Greisenschädel unter die Brunnenröhre; dann schüttelte er die Faust in die Monddämmerung hinein:

»Die Unfläter! Sie haben mich vor die Tür getan und gesagt: Du mußt nach Hause, Ludchen, so kleine Jungens sollten schon lange zu Bette sein, und dein Minchen wartet schon längst mit der Rute. Paß nur auf, daß dich Ritterbusch nicht vor den Burgemeister bringt! O Gotte, Gotte, wenn mir doch der fremde Herre das viele Geld und den blanken Taler nicht gegeben hätte! Ritterbusch tut mir nichts, ach, wenn nur Minchen nicht wäre!«

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