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Altdeutsche Novellen

: Altdeutsche Novellen - Kapitel 8
Quellenangabe
typeanthology
authorverschiedene
titleAltdeutsche Novellen
publisherErich Reiß Verlag
addressBerlin
volume1
editorLeo Greiner
year1912
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid91de20ff
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Die alte Mutter

In Schwaben lebte einst eine reiche Freifrau, die war zu Jahren gekommen und vom Alter schwerhörig und kurzsichtig geworden. Ihr Mann war tot, der Sohn aber, der ihr von ihm zurückgeblieben, scherte sich wenig um die Reden der Alten: denn sie war geizig und brannte vor Wut, daß er ein ritterliches Leben führte, vertat und gewann und seines Gutes nicht sparte. Davon flog sein Lob über Feld, sie jedoch hätte ihn gerne nach ihren Sitten gezwungen und auch zu einem Geizhals gemacht, und gab ihm böse Worte. Er ließ sie reden und nahm, so oft er an den Schatz geriet, wie viel ihm immer behagte, kleidete sich und seine Knechte und gab auch seiner Mutter, was ihr zukam, so daß es ihr an nichts mangelte. Das nahm sie aber übel auf und dachte: »Käme nur der Kaiser ins Land, ich wollte meinen Sohn vor ihm verklagen, denn länger ertrag ich's nicht.«

Da kam eines Tages Kaiser Friedrich nach Nürnberg, um daselbst Gerichtstag zu halten. Als die Mutter dies vernahm, ward sie ohnmaßen froh und sprach zu ihrem Sohn: »Sohn, ich will zu Hofe fahren, da sollst du mich hinbringen, daß ich den Kaiser spreche.« Er ahnte sogleich, daß sie ihn und keinen andern verklagen wollte und sagte: »Bleibe zu Hause, Mutter, ich will das Geschäft für Euch besorgen. Reisen ist Euch nicht gut.« »Nein«, entgegnete sie, »es handelt sich um eine Sache, die ich selber verrichten muß, wenn sie mir nicht in Brüche gehen soll.« »Ihr wollt mich verklagen«, rief der Sohn. »Ei, wie sollt ich dich wohl verklagen, mein Sohn«, erwiderte die Alte. »Dem würd' ich nimmer hold, der so etwas tun wollte.« »Habt Geduld, Mutter«, sagte er, »und zürnt mir nicht! Wir haben noch Land und Guts genug, und so lange ich lebe, wird es uns Beiden nicht fehlen. Man muß gewinnen und verlieren, steht es das eine Jahr schlimm, das andre wird's um so besser gehen.« »Ich will dir nichts als Gutes, wie eine Mutter ihrem Kinde soll«, sprach sie. »Nun hilf mir nur, daß ich nach Nürnberg komme, wegen der Klage mögest du ohne Sorge sein,« »So will ich Euch's nicht versagen«, entgegnete er, dachte aber dennoch, daß sie ihn verklagen würde. Da tat er, wie sie ihn geheißen, und führte sie in die Stadt.

Der Kaiser saß eben öffentlich zu Gerichte, da brachte er seine Mutter hin und kam mit ihr an die Tür des Saales. Er trug ein Gewand, dessen Ärmel lang an den Ellenbogen herabhingen. Da nun der Saal voll Leute war, sprach er zu der Alten: »Ich gebe Euch meinen Ärmel in die Hand, haltet Euch nur fest an mich, und wenn wir in der Menge getrennt werden sollten, drängt nur immer wacker nach!« In diesem Augenblicke sah er in der Nähe einen Ritter stehen, dessen Kleid auf dieselbe Weise geschnitten war, wie das seine. Auch die Art zu reden glich der seinigen ein wenig, als jener eben zu einem Herrn sagte: »Ich will vor den Kaiser gehen, ich habe dort zu tun.« Flink ergriff der Sohn den Ärmelhang des Fremden und gab ihn seiner Mutter in die Hand. »Nun haltet Euch nur fest, wie ich Euch vorhin gesagt habe«, sprach er zu ihr und machte sich eilends davon.

Der fremde Ritter hatte Eile, nach vorne zu kommen, da folgte ihm die Alte nach, so schnell sie irgend konnte. Ihr ward enge unter den vielen Leuten, aber trotz des Gedränges ließ sie ihn nicht los und hielt sich ängstlich hinter ihm. Darüber wurde der Ritter ärgerlich: »Frau«, rief er, »was soll das bedeuten, daß Ihr mich so zieht?« »Ich glaube, sie sieht nicht«, sprach ein andrer Ritter, der daneben stand, »laßt sie Euch folgen, wer sie auch sei. Offenbar will sie vor den Kaiser und mag dort zu tun haben.«

Der Ritter dachte nichts Böses und ließ sie in Gottes Namen hinter sich dreinkeuchen. Als sie aber vor den Kaiser kamen und sie hörte, wie die Leute ihre Klagen vorbrachten, begann sie auch sogleich ihr Sprüchlein herunterzusagen. »Herr«, rief sie mit lauter Stimme, »Leid und Ungemach habe ich vor Euch und Gott zu klagen! Dieser Teufelsgesell hat mir mein Gut vertan, daß mir kaum etwas davon übrig geblieben ist!« Als sie ihre Klage erhub, hieß man die Leute rings schweigen, da man Frauenklage stets zuerst zu vernehmen pflegt. Der Ritter sah sich nach der Alten um, die Sache dünkte ihn gar lustig, und sprach: »Wen meint Ihr mit dem Teufelsgesellen, liebe Frau?« »Wen anders als dich, du Lottersack?« rief sie. »Was, hast du mir nicht Kummer bereitet und mir Ehre und Gut entwendet, daß ich zeit meines Lebens nicht wieder froh werden kann!« Da sprach der Kaiser zu ihr: »Meint Ihr diesen, den ich hier vor mir sehe?« »Ja«, sagte sie, »diesen, meinen Sohn! Ach, ich armes, blindes Weib, dem das Alter den Leib verzehrt hat, wie viel Leides hat er mir angetan!« »Was sagt Ihr dazu, mein frommer Knecht?« fragte der Kaiser. »Bei Eurer Huld«, sagte dieser, »sie redet die Unwahrheit und ich habe keine Schuld an ihr. Meine Mutter ist lange tot. Ich habe diese jetzt hier zum ersten Male in meinem Leben gesehen, als sie mir nachging und mich immerfort am Kleide zerrte.« »Was, du Arglist«, rief sie, »hast du mir nicht zeit deines Lebens erzeigt, wovon der beste Mann in Unehre geraten müßte? Ich wollte, die Erde verschlänge dich!« »Ei, Frau«, erwiderte er, »von wo seid Ihr denn entsprungen? Ist das Euer Ernst?« »Du wirst es schon noch merken, eh' du von hier wieder fortkommst«, sagte sie. »Schweigt doch, um Gottes willen, liebe Frau, und macht den Leuten kein Narrenspiel«, sprach er. Was wollt Ihr denn von mir? Hab' ich Euch den Wein verschüttet? Den Specht erschossen? Den Rhein verbrannt? Ihr verkennt mich, ich bin nicht Euer Sohn.« »Herr Kaiser«, rief sie da, »nun magst du abmessen, wie es bei mir zu Hause gehe, da er mich nun gar verleugnet! Kann man eines solchen Kindes froh werden? Er hat mein Gut verschwendet und gibt mir nichts mehr, seit Gott mich meiner Freude und des Augenlichts beraubt hat.« Da sprach der Kaiser: »Dies ist mein Rat: Wenn Ihr von ihrem Gute gezehrt und es zur Unzeit vertan habt, so müßt Ihr ihr zu Buße stehen. Führt sie heim und haltet sie besser, als bisher!« Aber der Ritter entgegnete: »Wahrlich, ich habe ihr nie auch nur eines Pfennigs Wert vertan, und wenn sie mich hier als ihren Sohn ausschreit, so dünkt mich das höchst wunderlich. Ich stehe ihr nicht näher als Nürnberg Jerusalem, des versichere ich Euch.« Sie hielt ihn krampfhaft am Kleide fest, da begann er sich rings umzusehen, ob er nicht einen im Saale fände, der ihn kenne und Zeugnis für ihn ablegen möchte. Aber seine Bekannten lachten und verbargen sich, denn die Sache schien ihnen gar lustig, und warteten, wie er seine Mutter, mit der er gar nicht verwandt war, aus dem Saale führen würde.

»Ei«, sprach der Kaiser, »es scheint, es steht schlecht um Euch! Ihr seht aus, als ob Ihr lieber wieder draußen wäret!« »Ich werde schon loskommen«, erwiderte der Ritter. »Aber dies schwöre ich hier: was ich ihr an Gut vertan habe, berechne ich auf den Wert eines Spans, den soll sie haben, und damit laßt es genug sein.« »Wie?« rief die Alte, »hast du nicht von meinem Gute in Saus und Braus gelebt? Meine Ländereien versetzt? Stehen nicht hundert Hufen Landes heute noch in Pfand?« Da sprach der Kaiser zu dem Ritter: »Das heißt übelgetan. Du sollst Vater und Mutter ehren, das hat uns Moses, der Prophet, verkündigt.« Da und dort erscholl ein zorniger Ruf, er solle die Rede lassen und seine Mutter mit sich fortnehmen.

»Und stünde es im Antiochus«, rief der Ritter, »ich werde nimmer dazu getrieben werden, Ihr wollt mich ja rein um den Verstand bringen. Heißt es nicht in unserm Glauben, die Menschen würden alle auf einmal auferstehen? Wahrlich, wenn Gott ein Wunder tut, daß meine Mutter nun allein auferstanden ist, so ist mein Glaube gering. Und käme Sankt Martin selbst und nähme sie aus dem Grabe, meine Mutter hat bei ihren Lebzeiten alles redlich bezahlt und niemals einer Bürgschaft bedurft.« Da wurde der Kaiser zornig: »Wahrlich«, rief er, »mich wundert, daß ich es so lange dulde! Ihr dünkt mich ein böser Mann, da Ihr Eure Mutter verleugnet und Himmel und Erde werden Euch darob zürnen! Bei des Reiches Huld, ich gebiete Euch, führt sie fort und haltet sie in kindlicher Pflege, wie es einer Frau von edlem Stande gebührt.« Da dachte der Ritter in seinem Sinn: »Dir wird nichts Gutes geschehen, alle sind wider dich. So tu ich denn, was das geringste Übel ist, und gehorche dem Kaiser. Der Teufel hat sie dir beschert, du kannst dich ihrer nicht erwehren.« Dann sprach er: »Herr, es soll geschehen, was Ihr gebietet. Da mir nun meine gute Mutter allhier auferstanden ist, so kann männiglich hier im Saale gewiß sein, daß auch die seine ihm bald auferstehen wird. Aber ich glaube nun an keines Pfaffen Sage mehr.« Und zu der Alten gewendet: »Liebe Mutter, seid mir willkommen! Zwar habe ich noch nie dergleichen Märe gehört, daß jemand jahrelang tot ist und dann wieder gesund wird, aber Ihr könnt mir ja nun mehr davon sagen, wie es um jene Welt beschaffen ist, so schlägt es mir am Ende noch zum Vorteil aus.«

Damit ließ er die Pferde bereiten, wartete nicht länger und ritt mit ihr fort. Er nahm das Ganze für ein närrisches Spiel und redete ununterbrochen mit dem Gesinde. »Mir soll sich mein Heil noch mehren«, rief er wohlgelaunt. Als sie nun so eine halbe Meile dahin geritten waren, begegneten ihnen einige Herren, die mit einer großen Schar zu Hofe fahren wollten. Die fragten ihn, was es dort Neues gäbe? »Ei«, erwiderte er, »wer seine Mutter begraben hat, der kann sie zur Zeit am Hofe wieder lebendig finden. Und wenn sie vor dreißig Jahren anderswo war, heute ist sie nirgend anders als dort. Seht, da führe ich die meine, ich habe sie dreißig Jahre nicht gesehen.« Da erwiderten sie: »Nichts für ungut, aber Eure Mutter scheint doch in alle Ewigkeit verloren zu sein. Denn die da ist es nicht, die Frau ist uns wohl bekannt.« Und der Sohn, der sich unter den Herren befand, trat vor und sprach: »Es ist meine Mutter.« »Ei wirklich«, rief der Ritter. Er wehrte sich nicht eben allzusehr sie herzugeben, nur ein klein wenig, sozusagen ehrenhalber, damit es bei Hofe nicht hieße, man habe ihm die Mutter weggenommen.

Als die Märe in den Saal kam und sich allüberall bei Hofe verbreitete, lachte der Kaiser stark. Er hieß dem unechten Sohne ein Roß von zwanzig Mark Wert hinbringen und schenkte es ihm. »Ihr dünkt mich ein guter Mann«, ließ er ihm sagen, »habt Ihr nun keine Mutter mehr, so nehmt das Roß dafür.«

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