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Altdeutsche Novellen

: Altdeutsche Novellen - Kapitel 4
Quellenangabe
typeanthology
authorverschiedene
titleAltdeutsche Novellen
publisherErich Reiß Verlag
addressBerlin
volume1
editorLeo Greiner
year1912
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid91de20ff
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Crescentia

Einst herrschte zu Rom ein König, mit Namen Narcissus, dem hatte das Schicksal alles geschenkt, bis auf eins: er besaß keinen Erben. Da gebot er seinen Untertanen, fleißig zu Gott zu beten, daß er seines Kummers befreit und ihm ein Sohn geboren würde. Kurz darauf genas seine Gemahlin, die Königin Elisabeth, lieblicher Zwillinge, deren jeder Dietrich genannt wurde. Als nun der König und die Königin starb, entstand im Reiche große Not, da man nicht wußte, welchem von den beiden Brüdern das rechtmäßige Königtum gebührte. Da gebot der Papst, daß derjenige König werden sollte, der zuerst ein Weib gewinnen würde. So erzog man denn die beiden edlen Kinder, bis sie so weit herangereift waren, daß sie Schwerter tragen konnten.

Nun besaß ein König in Afrika eine wunderschöne Tochter, Crescentia mit Namen, um die bewarben sich die Brüder beide, von gleicher Liebe entflammt. Der Vater wunderte sich darob, der Senat aber entschied, man solle den Streit also schlichten, daß ein Ring gebildet werde: welchen dann die Jungfrau wolle, dem möge das Reich gehören. Nun war der eine Dietrich ein Held von erlesener Schönheit und wurde im Land nicht anders als der schöne Dietrich genannt, der andre aber war schwarz und von fahler Gesichtsfarbe, so daß er allgemein nur der ungetane Dietrich hieß. Als sie sich nun aber beide in den Ring begaben, wählte die Jungfrau nicht den schönen, sondern den häßlichen von ihnen, dem also Rom und der Lateran von diesem Tage an untertänig wurden.

Kaum war der ungetane Dietrich zum Königtum gelangt, so gedachte er mit einem kräftigen Heere über Meer zu ziehen, um daselbst einen mächtigen König zu bezwingen. Da befragte er seine Ratgeber, wo er indessen sein schönes Weib lassen solle, daß sie in Ehren seiner Rückkunft harre. Sie rieten, er möge sie heim in ihr Land, zu ihrem Vater senden, da wäre sie in guter Hut. Aber den König jammerte, daß sie ihm also rieten. Er begab sich zu der Königin, tat ihr kund, was gesprochen worden, umarmte sie innig und rief: »Mich erbarmt, daß ich dich deinem Vater senden soll, und tut mir von Herzen weh. Ich fürchte, wenn ich den Tod gewinne, sie verstoßen dich aus dem Reich. Nun rate du mir, daß ich nach deinem Willen handle.« Da sprach die gütige Frau, wie es ihr zu Mute war: »Wo immer Ihr mich hinsenden wollt, ich vermöchte nichts dawider zu tun. Sollt' ich aber Euer Ratgeber sein, so nehm ich es auf meine Treue, daß ich eher sterben wollte, als solche Schmach erdulden. Mein Vater würde nur glauben, ich selbst hätte das verschuldet mit Unzucht und Missetat, und mich verachten. Darum, lieber Herr, sende mich nicht übers Meer, und bedenke dich eines Bessern!« »So rate mir!« sprach der König, »und was du willst, wird geschehen.« Da entgegnete sie: »Dein Bruder Dietrich ist ein Mann von solcher Tugend und Kühnheit, ihm übergib dein Reich und mich, so kannst du in Sicherheit dahinziehen.« So befahl er denn vor einer großen fürstlichen Versammlung sein Weib der brüderlichen Hut, indem er sie bei den Händen nahm und selbst dem Bruder zuführte, und fuhr mit seinem Heere von dannen.

Der böse Satan aber verblendete den schönen Dietrich, daß er begann seines Bruders Weib zu begehren. Als der höllische Mann ihr davon sprach, ward sie traurig und entgegnete: »Was habt ihr mit Eurem Verstande getan, o Herr? Bin ich doch Eures Bruders Weib und Not und Schande erwüchse uns davon!« Da sprach der Treulose: »Ich will mich rächen, so sehr ich es vermag, denn du hast mir Schmach angetan, als du meinen Bruder nahmst, der ich doch wahrlich besser zu dir paßte an Schönheit und edlem Sinn. Aber du sollst mir die Missetat büßen und am Ende du es sein, die in der Schande bleibt.« Da ersann sie tief in ihrem Herzen eine List, wie sie das Unheil abzuwenden vermöchte. »Herr«, sagte sie, »wenn du willst, daß ich dir zu Willen bin, so gehe hin und heiße Steine hauen und einen hohen starken Turm erbauen, daß wir darin vor dem Zorn der Römer geschützt seien. Denn wenn sie es erführen, wir wären verloren und sie steinigten uns.« Da ließ er frohen Herzens sogleich den Turm aus Stein und Blei aufbauen und sagte ihr's an, als er fertig war. Da hieß sie ihn, er möge den Turm mit Schlössern bewahren, damit sie sicher seien, dann gebot sie ihm, Speisen hineinzuschaffen, damit sie nicht hungerten; endlich befahl sie, er möge durch seinen Kapellan verschiedene Heiligtümer aus Rom und dem Lateran hineinbringen lassen, damit sie davor ihrer Sünden Fülle bekennen und Gottes Gnade erlangen möchten. Als dies alles vollbracht war, nahm sie den Schlüssel und ging Hand in Hand mit ihm zu dem Turme. Er war fröhlich und der Aufstieg dünkte ihn eine Ewigkeit. Da sie nun in das Gemach traten, sprach er: »Hier sollst du nun die Glut meines wunden Herzens stillen. »Es sei,« entgegnete sie und hieß ihn zuerst eintreten. »Vom Aufstieg glüht mir der Leib, von Begier meine Seele«, sagte er und trat ein. Da schloß sie fest die Tür hinter ihm, wie sie sich vorgenommen hatte. Was er auch flehte und schwor, sie ließ sich nicht erbitten und sprach: »Deiner Eide bedarf es nicht. Du hast Brot, Wein, schönes Bettzeug und allerlei Gerät. Auch die Heiligen sind dir nahe. So mögest du denn dort deines Herrn warten.« Niemand erfuhr, daß sie hin eingesperrt hatte. Des Morgens, als man die Messe sang, drängte sich das Volk und brach in Klage aus, weil der Herr nirgends zu finden war. Auch Crescentia weinte. Aber nicht um ihn, sondern weil sie gedachte, ob Gott ihren Mann heil wieder heimkehren lassen würde.

Als der Winter kam, eilte der König mit seinen Mannen heim in sein Land. Boten sprengten voraus und verkündeten es der Herrin. Da erhob sie sich, ging über den breiten Hof, begab sich heimlich in den Turm und rührte leise den Türring. »Wen hör' ich an der Pforte stehen?« kam die Stimme von innen. »Habt Ihr noch Lust herauszukommen?« fragte die gütige Frau: »Sagt an, wie ist Euch zu Mut?« »Wohl möcht' ich hinausgehen, wenn Ihr mir gnädig wärt«, entgegnete er, »aber ich bin voll Angst, daß ich dies verwirkt habe. Zwei Jahre bin ich nun hier gesessen, ich fürchte, der König wird mich fortjagen.« Da schloß sie das Türlein auf und sprach: »Wirb, daß Gott dir gnädig sei! Ich will verschweigen, was du getan hast.« Dabei küßte sie ihn auf den Mund: »Lieber wollt' ich selber Pein leiden«, sagte sie, »als daß dir um meinetwillen Unheil widerführe.« Verstohlen kam er in die Burg und als es tagte, verkündete der Kämmerer allüberall in der Burg, daß sein Herr zurückgekommen sei. Crescentia empfing ihn vor den Leuten und begrüßte ihn auf das lieblichste. Dann hieß sie ihn fortgehen, daß er seinen Bruder empfange.

Aber er hatte seinen Sinn nicht geändert und brannte nach Rache an ihr. Den Leuten erzählte er eine Lügenmär, daß er entführt worden und die zwei Jahre gefangen gelegen. Dabei sann er nichts, als wie er die Frau in Leiden zu stürzen vermöchte. Als er ausgeritten war und den König nahen sah, nahm er zwölf seiner Mannen beiseite und gelobte, ihnen viel von seinem Gute zu geben, wenn sie ihm beiständen, auszuführen, was er im Sinne habe. Da reckten sie die Hände empor und schwuren ihm's zu. Nun sagte er ihnen, was die Frau vorgeblich alles getan habe, und bat sie, sie sollten insgemein bestätigen, was er vor dem König sprechen werde, als ob sie es selbst gesehen hätten. Da begannen sie zu klagen, daß eine so gütige Frau auf solche Weise ins Verderben gebracht werden solle, und der weiseste unter ihnen erhob warnend seine Stimme. Aber Dietrich rief ihm zornig zu, so werde es die letzte Bitte sein, die er an ihn richte, so daß auch er, wenngleich schweren Herzens, sich zufrieden gab.

Als nun der König auf dem breiten Felde dahergeritten kam und seines Bruders ansichtig wurde, rief er ihm sogleich entgegen: »Wie geht es meinem lieben Weibe? Denn sie ist mir lieber als das Leben.« »Sie hat in einer Weise enthaltsam gelebt«, antwortete der Bruder, »das müsse Beelzebub an ihr walten. Ich schäme mich der Worte. Da, fragt diese Knechte, die sollen's Euch sagen.« »Sprich, Bruder«, erwiderte der König, »ist ihre Schuld so, daß ich sie dennoch behalten und mit ihr altern kann? Denn wenn ihrer Untaten zu viele wären, so will ich nimmer nach Rom kommen.« – »So mögt Ihr denn erfahren, wie es sich damit verhält: Ihre Unzucht hat sich so weithin verbreitet, daß sie ungebeten jedem Manne zu Willen war, der meinen Hof besuchte.« Da weinte der König und rief: »Nun reue es Gott, daß ich sie jemals sah! Schände dich nicht selbst, Bruder, indem du für die Unreine sprichst! Heiß sie hängen oder steinigen oder hinabwerfen auf den Grund des tiefen Meeres, doch soll sie nimmer ihrer Niedertracht genießen! Tue mit ihr, was dir gefällt, ich will sie nie wieder mit Augen sehen!« Da gab der Hund zweien seiner Knechte den Befehl, die Frau zu binden und nicht zu säumen, bis sie in der Tiefe des Meeres läge, daß sie die Nacht nicht mehr erlebe.

Nun war indessen die Königin mit ihren Frauen auf den Plan hinausgegangen, um den König zu begrüßen. Da kamen die Boten auf sie zu, und sie fragte, wo ihr Herr geblieben sei? Diese aber warfen sich nieder auf das Gras und verkündeten ihr, was ihnen befohlen worden. Da erhub sich ein allgemeiner Jammer, selbst die Knechte mußte es erbarmen, und sie hätten lieber ihr Leben gelassen und die Gnade ihres Herrn verwirkt, als daß die Königin so ohne Schuld verderben sollte. Doch da sprach das liebliche Weib: »Hieß euch mein Herr, mich zum Tode bringen, so sollt ihr sein Gebot leisten. Ich weiß wohl, wie er es meint.« Da legte sie Seide und Gold von sich, nahm mit schneeweißen Händen ihren stolzen Haarschmuck vom Haupte und reichte ihn einer von ihren Dirnen: »Da nun der Tod uns scheidet«, sagte sie, »trage ihn, dies ist mein Wille. Was Gott gefällt, soll sein.« Darauf banden sie ihr die Hände hinten am Rücken zusammen und führten sie an die Brücke: so ward sie unter Weinen und Wehklagen aller, die dabei standen, in das Wasser gestürzt. Aber Gott richtete diese Tat sogleich: Denn die beiden Dietriche wurden zur selben Stunde miselsüchtig, so daß ihr Mund nicht sprach, ihr Ohr nicht hörte, ihr Auge nicht sah. Abgeschieden von aller Welt, erhielten sie wie Kinder ihr Essen und Trinken gereicht.

Die Verstoßene war indessen vom Strom zum Ufer getragen worden, wo ein Fischer sie auffing. Er brachte sie nach Hause und erquickte sie bei seinem Feuer. Als sie wieder zu Kräften gekommen war, sah er, daß sie ein schönes Weib war, und fragte sie, von wannen sie käme. »Gott schenke dir Heil und Glück,« sagte sie, »laß es mich nicht entgelten, denn ich bin nur ein armes Weib und will mein Leben in deinem Dienste zubringen, wenn du mich dafür ernähren möchtest.« Damit war der Fischer gerne einverstanden.

Sie hatte ihn gebeten, stillzuschweigen, als er aber zum herzoglichen Hofe kam, dem dieser Teil des Landes unterstand, und keine Fische mitbrachte, ließ man ihn von Knechten niederstrecken und mit Knütteln schlagen. Da beteuerte er seine Unschuld und erzählte alles, wie er, um ein Weib aus der Flut zu retten, das Fischen versäumt habe. Da befahl man ihm, dasselbe Weib sogleich zu Hofe zu bringen, denn man schenkte ihm keinen Glauben. Der Fischer tat, wie der Vogt ihm befohlen, und brachte die Fremde, gegen ihren Willen, zu ihm. Als der Vogt des Weibes ansichtig wurde, sagte er zu seiner Frau, dies sei eine Geschichte, die man billig vor den Herzog bringen müsse, denn das Weib dünkte ihn von edler Abkunft. Er sagte es dem Vitzthum, der Vitzthum brachte es vor den Herzog. »Sende sie mir!« sprach dieser, und sie wurde sogleich geholt. Die Herzogin empfing sie mit vieler Freundlichkeit, man hielt sie allgemein für ein Mädchen und ließ sie kostbar kleiden. Der Herzog kam gerade vom königlichen Hofe zurück, da ging die Herzogin mit ihren lieblichen Frauen ihm entgegen und erfuhr nun von ihm die leidige Märe, wie es dort ergangen sei: die beiden Herren aussätzig und gelähmt, die Königin ertrunken. Da weinte alles, was da war, und beklagte den Tod einer so gütigen Herrin. »Mein Gemahl,« sagte die Herzogin, »man hat uns vor kurzem eine fremde Jungfrau ins Haus gebracht, die wurde im Wasser gefunden.« Als sie vor dem Herzog stand, erkannte er sie nicht, so oft er sie auch schon gesehen hatte, denn das Leiden entstellte ihr Gesicht. Da schwur er, sie solle nun Freude für all ihr Leid haben, und erwies ihr viele Ehren. Sie mußte an seiner Seite sitzen und er fragte sie, von wannen sie hierher gekommen wäre. »Dies ist anders, als Ihr wohl glauben mögt«, entgegnete sie. »Ich und meine Verwandten wollten nach Rom fahren, da geschah es um meiner Sünden Willen, daß die Flut den Mast zerbrach. Alle entrannen, nur mich allein trieb es an das Ufer, wo mich der Fischer fand.« Da hielt er sie ehrenvoll, bat sie, seinen Sohn zu erziehen, und zog sie bei allen Beratungen zu, so oft er etwas unternehmen wollte. Sie aber lebte keusch und brannte in der Liebe Gottes.

Als der Vitzthum sah, daß sie so hohen Ruhm bei Hofe gewann, geriet er in Staunen und Wut; ihm war, er müsse verderben, wenn nicht sein Wille an ihr geschähe. Heimlich aber dachte er: »Wenn diese mir hold würde, sie könnte mir viel Silbers und Goldes geben, denn sie führt die Schlüssel und hat Gewalt über alles. Auch werd' ich wohl eine List finden, sie aus der Gunst meines Herrn zu vertreiben, wenn sie mich abwiese. Denn der Herzog ist mir gnädig.« Er gewann eine Dirne dazu, die suchte sie mit Reden spät und früh zu bewegen, daß sie ihm heimlich zu Willen sein möge, er gäbe ihr Erbe und reiches Gut darum. Die Frau dauerte diese Rede: »Weshalb sprichst du so?« sagte sie: »Ihm ziemt besser, ein Weib von seiner Art zu besitzen als mich, eine elende Landfremde. Seine Kebse will ich nicht sein, zum Weibe wär' ich ihm zu schlecht. Ich wähne, nie ist einer Armen so viel Leid geschehen, wie mir.« »Ei«, erwiderte die Magd, »das eben will er dir benehmen! Wenn du es tun willst, sprich, so bring ich ihn heimlich und verstohlen zu dir.« Aber Crescentia wies sie zornig von sich.

Als der Vitzthum erfuhr, was sie gesagt hatte, schwur er, fürder kein Wort mehr mit ihr zu reden, und entbrannte in wilder Wut, wie er sie mit falschen Künsten bei dem Herrn in Ungunst setzen möchte. Grimmig ging er in den Saal, wo die Jungfrauen saßen. Als er der Frau ansichtig wurde, rief er zornig: »Ei, du Unhold, sitzest du da mit Golde geziert und behangen! Du solltest besser ins Holz fahren, als Jungfräulein bewahren, man müßte dich mit Besen streichen!« »Ihr tut mir unrecht!« erwiderte sie. »Ihr hättet in meinem Dienste leben können, doch was Ihr von mir begehrtet, hätte meine Ehre und Reinheit vernichtet.« Er aber ging auf sie zu, um sie mit Füßen zu stoßen, da sprangen alle ihre Genossinnen auf und wehrten ihm. Zornig, daß er sich nicht rächen konnte, lief er unter heftigen Drohungen hinaus. Da rang sie ihre Hände: »Weh mir, nun bin ich wieder im Elend! Hätte mich doch lieber die Flut verzehrt, als daß ich nun vor seiner Verfolgung zittern muß.« Die Mägde rieten ihr, doch von Weinen zu lassen und es dem Herzog zu klagen, der würde ihr Recht verschaffen, sie aber entgegnete: »Ich will meinen Herrn nicht mit meinem Unglück betrüben. So möge denn ungerochen bleiben, was Uebles mir der Vitztum getan hat.«

Dieser sann indessen auf Rache. Er ließ sich einen Nachschlüssel zu ihrer Kammer machen, überlegte seinen Plan und schlich sich eines Nachts dahin: leise schloß er auf, da erhub sich ein gewaltiger Windstoß. Während der Wind noch blies, schnitt er dem Herzogskinde, das bei ihr schlief, mit dem Schwerte den Kopf ab und legte es der Frau in den Schoß, als ob sie selbst es getan hätte. Dann, gegen Tag, begab er sich an seines Herrn Bette und weckte ihn: es sei schon spät nach dem Hahnenschrei, er möge aufstehen und zur Messe gehen, die Sonne schiene schon hell. »Ich schliefe noch gerne«, sagte der Herzog, »laß mich mit der Messe in Frieden. Meine Hofmeisterin weiß schon, wann es Zeit ist. Nun geh aber und sieh, warum sie nicht erwacht, ich sehe wohl, es ist hoher Tag.« Da ging er hin, wo die Frau ohne allen Arg im Schlafe lag, und stieß wider die Tür, daß sie in Stücke zerkrachte. Hei, wie laut er da schrie: »Auf, auf, des Herzogs Kind ist ermordet und die Mörderin hält es tot im Arm!« Da lag die Unschuldige und das Blut des Kindes rann ihr über den Leib. Als sie das Blut spürte, tastete sie mit ihrer Hand und suchte nach dem Kindlein: »Herr, mein Gott!« rief sie, »ich weiß nicht mehr, wo ich bin, ich habe den Verstand verloren! Hätten mich doch die Fische im Wasser gefressen, daß nie ein Mensch mich mehr sah!« Aber der Schurke lief sie an und schlug sie auf den Mund, daß ihr das Blut in den Schoß herabfloß: »Bist du gerettet worden, so sollst du mir wieder auf den Grund, von wo man dich hergebracht.« Das Gesinde lief zusammen, um zu sehen, was es gäbe, auch der Herzog eilte herbei: »Nun hast du deine Treue an mir zerbrochen«, sprach er zu ihr, die reuevoll vor ihm stand. »Was ist es, das du an mir gerochen hast? Wär' ich auch weniger gnädig zu dir gewesen, so hättest du's um Gottes Liebe willen nicht tun dürfen.« »Ich bin ein elend Weib, mein Leben ist verwirkt, ich fürchte nicht den Tod. Was ihr mit mir tun wollt, niemand kann es hindern, es wäre denn unser Herr Christus selbst, der aller Witwen Schutzherr ist!« »Wie«, rief die Herzogin, »wagt sie es, hier laut zu werden? Man werfe sie sogleich ins Meer bis auf den Grund.« Dies war dem Herrn leid und er sprach mit klagenden Worten: »Und hingen wir sie, das Unheil bleibt dennoch bestehen. Wir wollen nicht richten, sie möge dahingehen.« »Wer soll dies Verbrechen ahnden?« rief da der böse Vitztum, dessen Rache nach Befriedigung brannte. »Wenn sie dich mit Zauberlisten verblendet hat, so wollen wir die Rache an ihr vollziehen.« Da sagte der Herzog: »Bei meinem Leben, mich dauert das Weib noch mehr, als mich das Kind erbarmt, das sie erschlagen in den Armen hält. Tue mit ihr, was dir gefällt! Aber meine Schuld komme auf dein Haupt!« Da hub der höllische Teufel die Hand und schlug sie mit der Faust, daß ihr der Kopf sauste und das Kindlein ihren Händen entfiel. Dann packte er sie mit beiden Händen wild am Haar und schleifte sie aus der Kammer. Die Leute baten, er möge sie leben lassen und nicht mit dem Fuße stoßen. Er aber war noch nicht satt, schlug sie wieder mit Fäusten, daß ihr die Sprache verging, und rief: »Ich will mich rächen an dir, du Unreine, daß du fürder keinen mehr bezauberst oder tötest. Du stirbst von meiner Hand.« Da sprach sie: »Dir, o Herr, befehle ich meinen Geist!« Kaum war das Wort heraus, so packte er sie beim Halse, stieß sie ins Wasser bis an den Grund und brach in ein helles Gelächter aus. Aber wieder richtete Gott die Tat sogleich: Denn zur selben Stunde wurden der Vitztum und sein Herr, der Herzog, am ganzen Leibe gelähmt.

Die Frau schwamm indessen das Wasser zu Tal bis an den dritten Tag und blieb zuletzt auf einem Werder liegen. Da erschien ihr Sankt Peter und blieb ob dem Wasser stehen. Er reckte seine Hand und führte sie trockenen Fußes über die Flut an das Land. Dann gebot er ihr, wieder nach des Herzogs Burg zurückzugehen, und sprach: »Du sollst jeden gesund und heil machen, der dir öffentlich seine Sünden bekennt.« Da machte sie sich auf und ging unverdrossen den ganzen Weg zurück, den sie während der beiden Tage herabgeschwommen war, und gelangte am hohen Mittag wieder vor die Burg. Sankt Peter führte sie mit seinen strahlenden Händen selbst bis an ihr Ziel, dann nahm er Abschied. Niemand von den Dienstmannen erkannte sie, als sie eintrat. Man fragte sie, ob ihr kein Arzt bekannt wäre, der ihren Herrn gesund machen könnte. Sie bedachte sich eine Weile, dann sagte sie: »Führt mich zu Eurem Herrn, daß ich sehe, wie es um seine Seuche steht, und ob ein Arzt ihn heilen möchte.« Man führte sie dahin, wo der Herr lag. »Es ist der dritte Tag«, sprachen sie, »das ihm dies widerfahren ist. Seither hört, sieht und ißt er nicht mehr und wir wüßten, bei Gott, nicht, ob er noch lebe, wäre nicht der Atem in ihm, der aus seinem Munde geht.« Da sprach sie zu ihm: »Willst du gesund werden, so bekenne hier alle deine Sünden, die du getan hast. Dann wird die Seuche von dir weichen.« Da schöpfte er neue Hoffnung: freudig blickte er auf und bekannte, wessen er sich schuldig hielt. Als die Beichte getan war, hieß sie ihn aufstehen, aber er vermochte es nicht. »Bedenke dich«, sagte sie, »mich dünkt, dich bedrückt noch etwas.« Da mochte er nicht länger leugnen, weinend gestand er vor allen, die anwesend waren, daß er über die Frau den Tod durch das Wasser verhängt habe. Im selben Augenblicke aber vermochte er aufzustehen und war heil und gesund.

Da bat er sie, sie möge auch zu einem von seinen Dienstmannen gehen, der gleichfalls schwer an einer solchen Seuche trüge, und versprach ihr reichen Lohn, Edelsteine, Silber und Gold, wenn sie diesen zu heilen vermöchte. »Dein Schatz wiegt mir nicht viel«, sagte sie. »Man führe mich zu den Kranken!« Sie kam und berührte ihn mit der Hand, da drehte er sich von der Wand nach ihr hin. »Sieh auf und sprich, bekenne öffentlich von Herzensgrunde alle deine Sünden, so wirst du gesund werden.« »Ich will dir gern im Geheimen sagen, was ich Böses getan habe.« »Nein, du mußt es öffentlich tun.« Dann wandte sie sich an den Herzog: »Wenn mich mein Sinn nicht trügt, so scheut er Eure Anwesenheit bei der Beichte. Sollte er aber etwas wider Eure Huld getan haben, so verzeiht es ihm um meinetwillen.« »Was sollte der Mann mich scheuen?« entgegnete der Herzog. »Ich habe kein Kind, das mir so lieb wäre wie er. Wenn einer offen vor allen reden darf, so ist es dieser!« Als nun der Vitztum den Mord gestand, sah ihn der Herzog an. »Du Hund«, rief er, als der Geheilte sich auf das Geheiß der Fremden erhob, »das sollst du büßen.« Aber die Frau sprach: »Ihr habt's verschworen.« »Ich habe verschworen, ungestraft zu lassen, was er wider mich getan hat«, entgegnete der Herzog, »aber was er an dem Weibe wider Gottes Huld verbrach, das soll gerächt werden!« und ließ ihn zur selben Stunde in das schäumende Wasser werfen.

Dann sprach er zu der Fremden: »Dich hat uns Gott zum Troste hergesandt. Gehe hin zum König und seinem Bruder und sei herzlich gebeten, daß du dich ihrer annehmest und sie heilst. Davon wird dir hohe Ehre zu teil werden.« Sie aber wies alle Ehre ab und sprach: »Der Arzt ist Gott. Laßt uns hingehen.« So fuhren sie denn mit einem stattlichen Geleite gen Rom. Als sich dort die neue Kunde verbreitete, strömten viele Römer auf der Burg zusammen und empfingen die wunderbare Ärztin mit Jubelrufen. Diese aber trat vor ihren Herrn und sah ihn an. »Wie erbarmt mich mein Liebster!« sprach sie weinend bei sich und das Herz schwoll ihr von Leide. »Bekenne!« sagte sie leise. Aber die Seuche wich nicht von ihm. Da gedachte er seines Weibes und bekannte. Er stand auf, und die Römer jauchzten ihm zu. Dann begaben sich alle zu dem Bruder des Königs. »Neige dein Ohr zu mir«, sprach der Sieche zu der Fremden, die gedenken mußte, was er ihr angetan. »Nein«, entgegnete sie, »du mußt es öffentlich sagen.« Dann bat sie den König, ihm zu verzeihen, wenn er etwas wider ihn verbrochen hätte. Da gestand er, was er getan habe, um seines Bruders Weib zu vernichten. Ein Zorngeschrei erhob sich und die anwesenden Römer wollten sich auf ihn stürzen. Sie aber hieß ihn gesund aufstehen und brachte den König dazu, daß er ihm gnädig blieb und seine Schuld vergab. Als er sie so für seinen elenden Bruder sprechen hörte, sagte eine Stimme in seinem Herzen: »Dies ist Crescentia.« »Wenn du mir eine Bitte gewährst«, sprach er, »so will ich danach tun, was du von mir verlangst.« Sie erwiderte, sie täte es gern; doch nur, wenn auch er ihr eine Bitte gewähre. Das gelobte er denn da vor allen Fürsten. Sie sprach: »So will ich tun, was du begehrst.« Da ließ er eine Schere bringen und schnitt ihr ein Türlein in das Hemde an der Stelle, wo ihr Herz saß. Da kam ein Kreuzlein zum Vorschein, Gott, wie lieb ihm da geschah! Er nannte sie beim Namen und stürzte sich zu ihren Füßen: »Wohl mir, daß ich dich wiedersehen darf! Gott hat dich mir erhalten, daß wir in Freude miteinander altern! Was aber ist nun dein Begehr? Es gibt nichts, das ich dir nicht erfüllen möchte.« Da sagte sie: »Verwandle dein Leben, Herr, und begib dich der Welt! Baue Kirchen und Gotteshäuser, ich selbst will in einer Klause wohnen«. Der König erschrak so sehr über diese Rede, daß ihm eine Weile die Sprache versagte. Aber da er so ernstlich gelobt, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, so mochte er nicht davon abstehen und entsagte der Krone. Dafür gab ihm Gott das ewige Leben in seinem schönen Himmelreich. Crescentia lebte fürder als Klausnerin, der schöne Dietrich aber wurde Kaiser von Rom.

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