Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Altdeutsche Novellen

: Altdeutsche Novellen - Kapitel 2
Quellenangabe
typeanthology
authorverschiedene
titleAltdeutsche Novellen
publisherErich Reiß Verlag
addressBerlin
volume1
editorLeo Greiner
year1912
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid91de20ff
Schließen

Navigation:

Adam und Eva

Jedermann weiß, wie es kam, daß Adam und Eva aus dem Paradiese vertrieben wurden. Da lebten sie nun jämmerlich, machten sich ein Hüttlein und saßen darin in großer Reue und Klage. So blieben sie sieben Tage lang, ohne zu essen, als aber der achte Tag verschied, hungerte es sie, so daß sie sich am neunten Tage aufmachten, zu suchen, womit sie sich des Hungers erwehren möchten. Aber da war nichts andres zu finden als Kraut, Laub und Gras, die auch den Tieren zur Nahrung dienen. Da sprach Herr Adam, der heimatlose, weise Mann: »Weh uns, daß des Teufels Untreue uns um das Paradies betrog, darin wir der englischen Speise genossen, und wir nun hier essen müssen, was für die Tiere ist!« Da entgegnete Eva weinend: »Adam, mein lieber Herr, gewähre, worum ich dich bitte, und nimm mir das Leben, ob Gott vielleicht dich wieder zurücknähme und ließe dich bei ihm bleiben. Denn durch meine Schuld hast du deine Freuden verloren, zu denen Gott dich erwählt hatte.« »Eva, so sollst du nicht sprechen«, sagte Adam, als er ihre Rede vernahm, »damit nicht Gott noch grimmiger an uns räche, was wir wider ihn getan haben. Laß uns lieber eine Buße auf uns nehmen, so schwer, als es unsrer Sünde geziemt, damit Gott sich gnädig unserer erbarme und uns wieder in seine Huld aufnehme. Es ist ein Wasser, das heißt Tigris mit Namen und fließt aus dem Paradiese her: da sollst du nackend hineingehn und dich auf einen Stein stellen, tief bis an dein Kinn, und während du so stehst, Gott um nichts bitten und keinen Laut der Klage von dir geben. So bleibe vierunddreißig Tage! Ich selbst aber will vierzig Tage lang die gleiche Buße im Flusse Jordan tragen, vielleicht, daß Gott uns dann wieder gnädig wird.«

Sogleich ging Eva, wo sie das Wasser Tigris fand, und tat, wie Herr Adam sie geheißen hatte. Dieser eilte indes zu dem Flusse Jordan, um unverzüglich mit der Buße zu beginnen. Jämmerlich sah sie ihm nach, als er in das Wasser stieg. »Ich bitte dich, Wasser Jordan«, begann Adam zu beten, »und die Fische, die darinnen sind, und euch, ihr Vöglein in den Lüften, und alles Getier auf Erden, daß ihr mir weinen helft und meinen großen Kummer klagen. Denn ihr seid unschuldig daran, ich bin's allein, der gesündigt hat.« Als er so gesprochen hatte und um sich blickte, sah er, daß das Wasser sein Fließen ließ: die Tiere und die Vöglein und alle Geschöpfe halfen ihm klagen. So standen sie achtzehn Tage lang.

Das aber ärgerte den Teufel, der von je alle guten Dinge nur mit Schelsucht ansah, auf das grimmigste, denn er dachte, wenn sie so zu Ende stünden, würden sie sich zuletzt noch mit Gott versöhnen und wieder zurückgenommen werden. Er nahm daher die Gestalt eines Engels an und begab sich sogleich zu dem Wasser, in dem er Eva weinend stehen fand, begann mit ihr zu weinen und sprach arglistig: »Was stehst du hier so allein? Mich dauert dein Elend. Dein Weinen ist zu Gott gekommen, auch Adams Klage ward gehört: da baten wir Engel für euch und Gott ließ sich erbitten: nun tritt aus dem Wasser und ruhe dich aus! Denn mich hat Gott zu dir gesandt, daß ich dich zu Adam führe, und ihn auf die gleiche Weise tröste. Dann soll ich euch wieder nach dem Paradies zurückgeleiten.«

Eva glaubte ihm die Lüge, wurde von Herzen froh und stieg aus dem Wasser, wo der Teufel sie sogleich empfing. Ihre Haut war von der Kälte gebleicht wie ein falbes Kraut, ohnmächtig fiel sie zu Boden. Aber der Teufel hub sie wieder auf und führte sie sofort dahin, wo Adam in Klagen stand. Als dieser die beiden kommen sah, brach er weinend in noch heftigeren Jammer aus: »Weh dir, Eva, weh dir, weh! Du bist zum andern Mal betrogen von dem, der uns schon einmal verriet und um das Paradies gebracht hat! Erneuert ist unsre Missetat, weh über seine falsche Rede!« So quälte sich Herr Adam, Eva aber, als sie dies vernahm und erkannte, daß sie den Teufel bei sich habe, fiel vor Betrübnis zur Erde auf das Gras und rief: »Was hab' ich dir getan, o Satan, daß du uns zu jeder Stunde verfolgst? O wie brennen mich meine alten Wunden!« Und leidvoll sagte Adam: »Weh, was bist du uns gar so gram? Hab' ich dir deine Ehre genommen? Ist es durch unsere Schuld geschehen, daß du deine Herrlichkeit verloren hast?« Da seufzte der Teufel tief auf und sprach: »Wie magst du mir dies sagen? Dein ist die Schuld, wenn ich mit meinen Genossen verstoßen ward, und ich hasse dich mit Recht. Denn Gott, unser aller Schöpfer, gebot mir bei seiner Gnade, ich solle dich, den er nach seinem Ebenbilde geschaffen, daß er ihm gleich wäre, anbeten, doch ich wollte es nicht. Denn mich hat er schöner und eher geschaffen als dich, so geziemte es dir, daß du mich anbetest. Alle Engel beteten dich an, nur ich nicht. Da forderte mich Michael, der Engel hehrster, auf, mit ihnen anzubeten. Ich aber rief, die Rede wäre mir Wind und leicht möchte Gott mich erzürnen, daß ich mit meinem Throne gen Mitternacht säße und ihm gleich würde. Da ward ich auf Gottes Gebot herabgestoßen und fuhr in schauerlichem Sturz hernieder in Elend und Fremde. Sollte ich euch nun in den Freuden lassen, von denen ich vertrieben ward? So riet ich denn deinem Weibe, von dem verbotenen Obst zu essen, und betrog sie, daß sie ihre Buße verließ. Und so will ich immerdar tun und vernichte dich und dein Geschlecht.« Da weinte Adam und flehte zu Gott, er möge ihm Trost und Rat verleihen und geben, daß der Verräter ihm nicht obsiege, und befahl sein Leben und seine Seele dem Herrn. Als Gott seine Treue sah, erfüllte er ihm sein Gebet und befreite ihn von seinem Kummer: der leidige Feind verschwand und er sah ihn nie wieder. Da Adam die Gnade erkannte, wollte er an Gott nicht verzagen und stand die ganzen vierzig Tage, bis seine Buße zu Ende war. Da sprach Eva: »Freue dich, daß du nicht betrogen bist gleich mir! Denn darum will der Herr dir Freude und ewigliches Leben geben. Festige dein Gemüt und behüte dich vor jeglichem Leiden! Denn ich will nun von dir gehen, meine Schuld ist so groß, daß ich nicht wert bin, deine Genossin zu sein. So laß mich meines Endes harren!« Damit machte sie sich auf, um von ihm zu gehen. Das Scheiden tat ihnen beiden weh, sie hätten Blut weinen mögen. Sie ging und wanderte gegen Sonnenuntergang, bis ein Gewitter sie zwang, sich eine Hütte zu zimmern. Aber es fiel ihr schwer, denn sie verstand nichts davon. Sie trug ein Kind mit Kummer unterm Herzen, denn sie wußte nicht damit umzugehen. Die Zeit nahte, da sie es zur Welt bringen sollte, die Wehen warfen sie darnieder, aber nirgends war Ruhe für sie, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Da rief die Freudenarme: »Oh weh, daß ich je geboren ward, um durch Schuld den Zorn meines Schöpfers zu erregen! Nun hab' ich niemand, bei dem ich Rat fände als Gott, der mich geschaffen hat! Er sende mir den Tod oder helfe mir von meinen Nöten!« Aber Gott hörte sie nicht, denn er zürnte ihr noch. Da rief sie: »Oh weh, daß ich nun niemand habe, der mir einen Trost geben möchte! So groß ist meine Schuld, alle Geschöpfe sind mir gram. Wüßt' es doch Herr Adam! Wüßt' ich, wen ich fände, es ihm zu künden, ich wollt' es ihm sagen lassen! Nun will ich euch gerne bitten, dich, Sonne, und auch euch, Sterne, wenn ihr gen Sonnenaufgang kommt, helft mir und sagt es meinem lieben Herrn, wie große Pein ich leide!«

So erhielt Adam Kunde von Evas Not. Weinend hub er sich von dannen, bis wo er sie in ihrem Jammer fand. Als sie seiner ansichtig wurde, rief sie ihm entgegen: »Adam, mein lieber Herr, nun bitte du Gott, daß er sich über mich erbarme! Vielleicht erhört er dich, denn meiner Sünde ist so viel, daß meine Bitte nichts vor ihm gilt.« Da betete Adam fleißig zum Herrn, daß er gedenken möge, wie seine Geschöpfe sich vermehrten, wenn sie ein Kind zur Welt brächte, und ihm Lob und Ehre davon erwüchse. Da tat Gott, worum er ihn bat, erbarmte sich über Eva und sandte ihr zwölf Engel, die ihr beistehen sollten. Denn da sie noch nie dergleichen erduldet hatte, wußte sie nicht, was beginnen, bis Michael sie belehrte und ihr sagte, was sie zu tun habe. Er selbst half mit der Hand dazu und hielt Eva auf der einen Seite, die übrigen Engel auf der andern Seite. Keine Kaiserin hat je so herrliche Ammen gewonnen als hier die arme Eva in ihrer Not. Sankt Michael aber sprach: »Eva, du mußt heilig sein um deines Gatten willen. Denn diesen hat Gott erkannt, daß er uns zu dir gesendet und seinen Zorn gestillt hat.« Da ward ein schönes Kind geboren, das wurde Kain geheißen, das sprang sogleich auf und lief hin und brachte ein grünes Kräutlein und gab es seiner Mutter.

Als dies sich zugetragen und so ihr Leid gewendet war, bereitete sich Adam, um mit seinem Gesinde wieder gen Sonnenaufgang zu ziehen. Michael mußte ihn lehren, wie man arbeitet und das Feld bestellt, davon die Erde heute noch trägt: er wies ihm alle Samen, unter denen sie die besten wählten, damit Adam von ihren Früchten zu leben vermöchte; er nannte ihm die Tiere und Vögel, reine und unreine, bis er alles wohl zu unterscheiden verstand. Dann segnete er die Vertriebenen und fuhr mit den andern Engeln gen Himmel.

Da begann Adam die Erde zu bebauen. Von ihm erstand ein großes Geschlecht, dreißig Söhne und dreißig schöne Töchter, die wieder viele Männer und Frauen zeugten. Er lebte neunhundertunddreißig Jahre, bis der Herr dem Tod befahl, ihn mit sich aus diesem Jammertale zu nehmen.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.