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Altdeutsche Novellen

: Altdeutsche Novellen - Kapitel 16
Quellenangabe
typeanthology
authorverschiedene
titleAltdeutsche Novellen
publisherErich Reiß Verlag
addressBerlin
volume1
editorLeo Greiner
year1912
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid91de20ff
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Die treue Magd

Es war einmal ein biederer Scholar, dem Dienste der Wissenschaften und der Frauen ergeben, von fröhlicher Sinnesart und voll von kuriosen Reden, mit denen er die Leute lachen machte. Der entschloß sich eines Tages, seinen Vater, der reich an Schätzen und Ländereien war, um Geld zu bitten und nach Paris zu reiten, um dort der hohen Schule zu genießen, von der er viel gehört. Er besaß die Gewohnheit, regelmäßig am Morgen und Abend ein Gebetlein zu sprechen: morgens zu dem dreieinigen Gott, daß er ihn den Tag vor allem Jammer beschütze, abends zur heiligen Gertrud, ihm gute Herberg für die nächste Nacht zu geben. Als er nun so dahinritt, schlossen sich ihm unterwegs einige Krämer und Kaufleute an, mit denen er unter allerlei lustigen Gesprächen so seine sechzig Meilen zurücklegte. Als die Herren nun aber wieder umkehren mußten, litt es ihn nicht länger in der Stadt, in der sie zuletzt gewesen: rasch bestieg er wieder sein Pferd, sprach sein gewohntes Morgengebet und ritt frischen Mutes allein in den Tag hinein. Als die Sonne unterging, befand er sich noch fern von der nächsten Stadt. Es wurde spät, rings war nichts als Wald und weite Heide. Da rief er laut: »Heilige Jungfrau Gertrud, sag' mir gute Herberg an, damit ich bei Gesundheit bleibe!« Er spornte sein Pferd zur Eile, denn er hatte noch drei lange Meilen zu reiten. Dann aber dachte er: »Du wirst doch hier draußen nächtigen müssen. Und daß du dein Pferd zu Tode rennst, hilft dir nicht, du kommst nicht mehr zur Zeit hinein. Drum gib dir keine Mühe und reite sacht!« Plötzlich aber wurde er abseits auf der Heide eines Mägdleins gewahr, wie es eben drei Lämmer und ein Schwein in einen stattlichen Hof hineintrieb. »Gott sei Dank, daß ich zu Leuten gekommen bin«, sprach er, gab seinem Rosse die Sporen und sprengte so ritterlich in den Hof hinein. Da lief ein kleines Kindlein und sagte es der Frau. Diese stand auf, um nachzusehen, und stellte sich an ein kleines Fenster. Da sah sie der feine Scholar oben stehen, wie eine Rose, die am Morgen aufgegangen. Seine Augen spielten zu ihr hinauf, grüßend ritt er näher und redete mit süßen Worten, die er gar artig zu setzen verstand, zu der Frau im Fenster: »Gott grüß' Euch, edle Dame! Wollt Ihr mir nicht sagen, wo der Herr des Hofes sich aufhalten mag?« »Mein Herr ist schon seit drei Tagen fort«, erwiderte die Schöne, »er sollte längst wieder zu Hause sein.« »Bedürft Ihr seiner denn so nötig?« setzte sie fragend hinzu. »O nicht doch«, entgegnete er, »ich bin nur ein landfremder Scholar, wollt Ihr mich, um unserer Frauen Ehre, hier herbergen lassen?« »Gerne«, sagte sie, »wenn mein Herr zu Hause wäre. So aber geht es nicht.« »Ach, und die Stadt ist so ferne, um unserer Frauen willen, laßt mich doch hier nächtigen!« antwortete er und verstand es, so trauliche, zarte und feine Reden zu führen, daß der Frau das Herz im Leibe zu lachen begann. »Wie gerne täte ich's doch«, sprach sie lieblich zu ihm, »aber die Leute sind so böse und lassen keinen unverdächtigt. Wenn dies nicht wäre, glaubt mir, ich ließe Euch nimmer von hinnen ziehen.« Als er dies hörte und inne wurde, daß sie seiner Bitte doch nicht willfahren würde, tröstete er sich und sprach: »Das hab' ich in den Büchern gelesen, was nicht sein soll, danach muß man nicht streben. Am Ende wird es anders noch besser, wer weiß! Und muß ich nun die Nacht so fort und fort reiten, durch Heide, Wald und Gebüsch, ich nehm's für gering und denke, das muß so sein. Gott segne Euch, edle, liebliche Frau, ich will nun von hinnen!« Aber sie bat ihn abzusteigen und wenigstens noch ein Weilchen zu verziehen, denn von den zärtlichen Worten, die er ihr gegeben, war ihr weh und bang zumute, und sie hätte gerne noch lange mit ihm gesprochen und freundliche Reden getauscht. Da kam eben ein Knappe über den Hof, der hatte kaum den Fremden erblickt, so rief er fröhlich: »Willkommen, lieber Junker!« und nahm ihm das Pferd ab. »Herrin«, sprach er dann, zu dieser gewendet, »ist das nicht eine seltsame Geschichte, daß Gott just diesen hierher gesandt hat? Ich habe lange seinem Vater gedient, das ist ein reicher Mann und hat Burgen und Ländereien die Fülle. Ich bitt' Euch, liebe Herrin, laßt ihn den Abend nicht fort von hier!« »So führe das Pferd hinein!« sagte die Frau. Dann ließ sie ihm Malvasier und andern edlen Wein auftragen. »Wo bleibt das Brot?« rief sie, »wenn mein Mann gekommen wäre, wir hätten es längst schon hier.« Ihre spielenden Augen und lieblichen Wangen wandten sich nicht mehr von ihm, sie hätte ihn immer und immer wieder ansehen mögen. Indessen trug man das Brot herein, da lud sie ihn ein, aufzustehen und Handwasser zu nehmen. »Ich sehe wohl, daß Ihr müde seid«, sagte sie und reichte ihm das Wasser zu. »Nun aber kommt und setzt Euch her«, sprach sie dann, »ich esse wenig, wenn ich so alleine sitze, mit Euch zusammen will ich nun um so tüchtiger speisen.« Er ließ sich züchtig nieder und die Frau betrug sich so lieblich und angenehm, daß er bald, seiner Art nach, die kuriosesten Reden führte und alles damit zum Lachen brachte. Aber die Frau lachte nicht mit, sein Scherz machte sie nachdenklich und so traurig, daß ihr die Speise im Munde erstarb. Ihr war so weh, wie dem Fisch im Wasser, wenn er plötzlich an der Angel zappelt, der bekannte Kummer quälte sie sehr. »Hm«, dachte der Jüngling, »was mag der Frau wohl sein?« »Eßt doch, liebe Frau«, sprach er zu ihr. Aber sie erwiderte: »Eßt nur selbst, lieber Herr Gast, das ist nun so eine drückende Angewohnheit von mir, daß mir das Herz weh tut, just wo ich am allerfröhlichsten sein sollte. Wie gerne ich auch hier bei Euch säße, damit wir um so wackerer essen, Gott, scheint's, will es nicht haben.« Rasch stand sie auf und verließ das Zimmer. Draußen gebot sie den Mägden noch, Stroh für den Gast aufzuschütten und ihn wie einen Herrn zu betten, damit er mit Dank des Morgens von hinnen scheide, sie selbst aber, sagte sie, wolle das Tor schließen und dann zu Bette gehen. Damit entfernte sie sich.

Die Mägde taten, wie ihnen geheißen war. Da es nun völlig Nacht geworden, bat man den Gast aufzustehen und gleichfalls zu Bette zu gehen. Er ließ sich führen und legte sich nieder. Bald lag auch das Gesinde in den Federn und alles schlief und war still im Haus. Während nun so der ganze Hof in Schlummer lag, saß die Frau wachend in ihrem Bette und ihr war weh ums Herz: »Lieber, guter Gott«, dachte sie, »sollte ich heute nicht bei ihm sein, ich stürbe dran.« Leise stand sie auf, schlich sich im Dunkel vorwärts und ging zu dem Schreiber hinein. Dort umfing sie ihn mit ihren Armen und sprach: »Lieber Schreiber, auf Eure Gnade komm' ich her. Ihr seid so jung. Ihr gebt mir noch den Tod.« »Liebe, edle Frau«, erwiderte der einfältige Schreiber, »was tu ich Euch? Was wollt Ihr von mir? Ihr sagt, ich gebe Euch den Tod: Hab' ich etwas geredet, das Euch leid ist? Das reute mich sehr.« »Ihr habt mir nichts zuleide getan«, sprach sie, »aber ich konnte nicht anders, als zu Euch gehen, um mit Euch zu kosen, denn Ihr seid mir lieb. Und wollt Ihr mein Leiden wieder gut machen, so muß ich nun bei Euch bleiben.« »Ach, geht«, meinte er, »laßt Euer Scherzen sein.« »Lieber«, sprach sie, »wie magst du glauben, daß ich scherze, und siehst doch, daß ich nachts allein zu dir gekommen bin? Wäre ich aufgestanden und stünde nun hier an deinem Bett, meint ich's nicht ernst?« Da antwortete er: »Ich bin Euer, tut, was Ihr nicht lassen könnt.« Sie küßte und umfing ihn lieblich, er aber nahm sie bei der Hand und legte sie in seinen Arm. So blieben sie selig die ganze Nacht beisammen.

Als es gen den Tag ging und sie beide entschlafen waren, kam der Wirt mit zwei Brüdern seiner Frau nach Hause und stieg im Hofe ab. »Nimm das Pferd und führe es hinein!« sagte er zum Knecht und bat die Schwäger einzutreten. Die Magd kam heraus und ging ihm entgegen, um ihn zu begrüßen. »Man hole Holz«, sprach der Wirt, »und mache uns ein gutes Feuer zurecht.« Die beiden schliefen immer noch: als die Ankömmlinge nun hineingingen und sahen das Bett da stehen, hielten die zwei sich gerade so innig umschlungen, daß alle geschworen hätten, es liege nur ein einziger Mensch darin. Die Magd machte indessen das Feuer an, da fragte sie der Wirt, wer denn in dem Bette wäre? »Es ist ein Schreiber«, erwiderte sie, »er kam des Abends und bat um Herberge. Euer Knecht hat bei seinem Vater gedient, er sagt, sein Vater wäre ein so reicher Mann, daß ihm Burgen und Länder untertänig sind.« »So laßt ihn schlafen«, sagte der Wirt. Nun lag die Frau so, daß sie den einen Arm unter der Decke hervorgestreckt hatte. »Guck, Schwager«, sagte der jüngere von den Brüdern, »hast du dein Lebtag schon einen Arm von so weißer Haut gesehen wie diesen da?« »Es gibt eben Leute, Schwager, die haben es besser als unsereins«, erwiderte der Wirt. »Brauchen nicht sorgen noch borgen und ihre höchste Qual ist, es den Frauenzimmern recht zu machen.« »Welch' eine zarte Hand!« rief der andre Bruder. »Ob die Schreiber wohl alle so feine Händlein haben?« »Wie sollten sie nicht«, meinte der Wirt, »die greifen dir keine Axt noch Haue an! Aber nun laß dein Geschau und dem Schreiberlein seine Ruhe!« »Weck' die Frau!« sagte er dann zur Magd, »sie soll zu uns herüberkommen!«

Die Magd ging in die Kemenate und sah mit Schrecken, daß das Bett leer war. Wie ein Blitz durchfuhr sie der Gedanke, daß die Frau bei dem Schreiber läge, und erfüllte sie mit solcher Angst und Pein, daß sie sich schlug und die Haare raufte. Aber rasch gefaßt, umarmte sie das Bett, fragte: »Liebe Frau, ist Euch schon besser?« und ging wieder vor die Tür. »Nun, kommt sie schon bald?« rief der Wirt ihr zu. »Ach, sie hat sich gestern abend recht schlecht befunden«, sagte die Magd, »aber sie wird sogleich kommen.« Da sah sie, daß ein Tisch bei dem Bette stand, nahm ihn und trug ihn von da fort vor das Feuer: »Der Wind geht und der Rauch läßt den Herrn nicht schlafen«, sagte sie, in Wirklichkeit aber wollte sie nur den Tisch weghaben, damit ihre Frau leichter entschlüpfen könne. Nach einiger Zeit aber wurde der Wirt ungeduldig: »Höre mal«, rief er, »die schläft aber lange, geh' und sage ihr, sie möge sogleich erscheinen.« So mußte die Magd zum andern Male hineingehen. Sie rang jämmerlich die Hände, setzte sich auf das Bettbrett und wußte vor Verzweiflung nicht aus noch ein. Aber Sankt Gertrud, die der Schreiber des Abends so innig um gute Herberge gebeten, gab ihr einen Rat zur Rettung ein. Sie nahm eine Kerze und klebte sie auf das Fensterbrett. Dann ging sie zurück: »Sie ist eben beim Anziehen«, sagte sie, »und wird sogleich da sein. Ich will indessen in den Hof gehen, ich weiß nicht, was die Ferkel haben, sie grunzen heute so.« Rasch ging sie hinaus, lief schnell um das Haus herum bis zu dem Kammerfenster, nahm fein säuberlich die Kerze von dort weg und lief, wo die Scheune stand. Dann steckte sie die Kerze in das Dach, lief wieder zurück und rief: »Feurio, Feurio! das Scheunendach brennt!« Die Herren stürzten hinaus und als sie das Unglück bemerkten, schleunig zur Scheune hin. Indessen lief die Magd hinein und weckte die Frau. Als diese den großen Feuerschein sah, erschrak sie heftig, beide wußten nicht, was geschehen sei und zogen sich eilig an. Kaum hatte man Zeit, daß die Magd ihnen erklären konnte, wie sich alles zugetragen, denn die Scheune wurde rasch gelöscht und die Herren kamen bereits zurück. Da ging die Frau ihnen entgegen und begrüßte sie. »Was bist du so verstört?« fragte der eine Bruder. »Das Feuer hat mich erschreckt«, sagte sie. Indessen war auch der Schreiber fertig geworden. »Hat man Euch unsanft geweckt?« sprach der Wirt zu ihm. »Wahrhaftig«, erwiderte er, »daß dies alles geschehen konnte und sogar dicht neben mir ein Feuer angemacht wurde, ohne daß ich erwachte, das dünkt mich wunderlich.« »Gut, daß wir die Scheune so rasch löschen konnten«, sagte der Wirt, »sonst wäre uns noch Haus und Hof und alles abgebrannt. Aber nun setzt Euch und laßt es Euch wohl sein!«

Er mußte noch drei Tage bleiben und mit dem Wirt und den Schwägern im Lande herumreiten. Wenn sie des Abends nach Hause kamen, betete der Schreiber, wie er gewohnt war, stets zu Sankt Gertrud, sie möge ihm gute Herberge geben, und immer tat sie es auch: denn die Frau erwartete ihn schon in ihrer Kammer, um ihm heimlich Freude zu machen. Als der Abschied kam, schenkte sie ihm noch ein goldenes Ringlein zum Andenken. »Lieber Schreiber«, sprach sie, »sagt niemand und keinem von dieser Geschichte! Aber wenn Ihr vielleicht eines Tages auf dem Rückweg seid, so kommt nur wieder zu mir!« Da umfing er lieblich ihren schmalen Leib und sie lachten einander fröhlich ins Gesicht. Plötzlich aber schossen ihnen die Tränen in die Augen.

Der Schreiber wurde später ein großer Gelehrter. Immer aber, wenn er so zu seinen Vorlesungen ging, mußte er dankbar der gütigen Frau gedenken, die ihm dereinst so Liebes getan.

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