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Altdeutsche Novellen

: Altdeutsche Novellen - Kapitel 13
Quellenangabe
typeanthology
authorverschiedene
titleAltdeutsche Novellen
publisherErich Reiß Verlag
addressBerlin
volume1
editorLeo Greiner
year1912
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid91de20ff
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Der Frauenturnei

Auf einer Burg jenseits des Rheines saßen einmal vierzig oder noch mehr ritterliche Burgleute, die in der ganzen Gegend wegen ihrer Kampftüchtigkeit und Lust am Stechen und Turnieren berühmt und gefürchtet waren. Sie hatten untereinander einen Hauptmann erwählt, der die Aufgabe hatte, sich bei allen Zwistigkeiten, die zwischen ihnen entstehen mochten, ins Mittel zu legen und keinerlei Streit zu dulden. Dies war es, was sie so stark und wehrhaft nach außen machte: hatte einer von ihnen eine Kränkung erlitten, so waren sogleich die andern zur Hand, die Unbill zu rächen. Auch pflegten die Männer jeden Zank, der zwischen den Frauen vorkam, unverzüglich zu schlichten, so daß alles in Eintracht und Einigkeit zueinander hielt und die so gestählte Kraft sich um so fröhlicher entladen konnte, wenn es im Lande Fehden zu führen oder ritterliche Spiele durchzufechten galt.

Nun ritten sie einmal wider einen Gegner, der auch nicht schläfrig war, zumal er die Macht von Freunden und Geld hinter sich stehen wußte. Er wehrte sich, was er konnte, brannte und verheerte und schuf den wackern Rittern mancherlei Ungemach. Da kamen diese zusammen und brachten es, um so gewaltige Schädigungen von Land und Leuten für die Zukunft zu verhüten, zu einer Sühne, bei der die beiderseitigen Rechte zur Beratung stehen sollten. Man einigte sich, acht Tage danach waffenlos, nur mit dem Schwerte gegürtet, auf Zeltern oder zu Fuße an einem bestimmten Ort zusammenzukommen. Als nun der Tag, ein Sonntag, herangekommen war, ritten oder gingen sie in guter Muße nach dem nahen Versammlungsplatz und ließen niemand in der Burg zurück als ihre Frauen.

Diese nun, lustig wie sie stets zu sein pflegten, gingen mitsammen hinaus auf einen lieblichen Plan und erzählten einander ihre Neuigkeiten. Da sprach eine von den Frauen, eine recht übermütige, die just im besten Alter stand: »Ich wüßte wohl, wie wir uns eine Lustbarkeit schaffen könnten! Seit unsere Männer immerfort in Fehde liegen und dafür im ganzen Lande weit und breit berühmt sind, denk' ich, wir dürften auch ein wenig nach Ehre streben. Und sagte man uns das Gleiche nach, wie ihnen, das mein' ich, wäre gut für uns und unsern Ruf in der Welt.« Aber eine andere erwiderte: »Welchen Preis und Ruhm sollten wir denn weiter noch erstreben, als daß wir unsere Ehre und unser Weibtum bewahren? Die Frau, die diese Krone trägt, hat höheren Preis als alle Helden und Könige: sie habe ihren Mann lieb und halte ihn wert in Treuen. Das ist der Ruhm, den man von Frauen begehrt.« Alle stimmten ihr zu, aber die erste war keineswegs gewillt nachzugeben: »Wollt Ihr mir ein Gelübde tun«, sagte sie, »so bringe ich es noch dazu, daß auch wir Lob erwerben, dieweil wir noch leben. Ich habe ein Spiel für uns erdacht, das soll uns Ruhm genug einbringen, wo immer man davon vernimmt, und es wird niemand geben, der es nicht recht und gut hieße!« »Nun«, meinten die Frauen, »ist es etwas Lobenswürdiges, so wäre man ja von Sinnen, wenn man's nicht täte.« »Ihr habt's gehört«, fuhr jene fort und ging von einer zur andern, um sich das Gelübde geben zu lassen. Als das geschehen war, sprach sie: »Wohlauf, hört an, was ich mir ausgedacht habe: da wir just allein zu Hause sind und wenn wir nicht mögen, niemand hereinzulassen brauchen, so wollen wir uns in zwei Parteien teilen und einen Turnei veranstalten.« Sogleich ließ sie die Burg zuschließen und sperrte gleichzeitig die Torwärter und Wächter aus. »Denn«, sagte sie, »die werden es dann gleich im Lande ausschreien und uns berühmt machen. Laßt uns die Harnische heraustragen und die Rosse rüsten!« Zwar versuchte eine noch, die Schar von dem Gedanken abzubringen: »Wie soll ich tun, was ich niemals tat?« sprach sie, »soll ich wie ein Mann zu Pferde sitzen? das nenn' ich nicht fraulich gedacht.« Aber jene wies sie zornig zurecht: »Habt Ihr dies gehört?« rief sie. »Aber ich werde jede für treulos und meineidig erklären, die noch ein Wort dawider redet.« So wurden denn die Harnische herangebracht und manche liebliche Frau begann sogleich, sich gar erschrecklich zu wappnen: sie fuhren in die Hosen, legten die prächtigen Waffenröcke an und banden mit feinen, schimmernden Händlein die Riemen an das Hüftenteil. Dann setzten sie die Helme auf, bestiegen die Rosse und ritten unverzüglich zu zwei Parteien auseinander. So begann der Turnei.

Die einen sollten die Sachsen vorstellen, die andern die Überrheinischen. Ehe man jedoch in den Kampf eintrat, hub sich jene, die des ganzen Spieles Meisterin und Anstifterin war, nochmals her und rief, während die andern die Helme abnahmen und auf den Nacken der Rosse hielten: »Ihr sollt Euch nennen, jegliche Frau nach ihrem Mann oder nach wem sonst sie einen Namen tragen will, damit wir uns daran erkennen.«

Sie waren eben noch dabei, sich jede einen ritterlichen Namen zu wählen, als noch eine Jungfrau, schön und stolz, dahergeritten kam: sie war wohl fünf Jahre und mehr über die erste Jugend hinaus, aber sie trug es ohne alle Klage. Ihr Vater war verarmt, so daß einer, der sie zum Weibe nehmen wollte, sie wegen ihrer Armut verlassen hatte. Trotzdem aber besaß ihr Vater noch sein wohlgerüstet Roß und ein schönes Gewaffen war auch noch da, daran nicht ein Riemen fehlte. Dieses Gewaffen hatte sie nun angelegt und das Roß bestiegen, als sie jetzt in den Kreis geritten kam. Da man sie fragte, wie ihr Name wäre, begann sie hin- und herzusinnen und die Schamröte schlug ihr ins Gesicht, weil ihr Vater wegen seiner Armut zu Hause liegen mußte und auch von ihren Verwandten keiner reich genug war, sich mit Turneien abzugeben, so daß sie keinen ritterlichen Namen wußte, nach dem sie sich hätte nennen können. Endlich raffte sie sich auf: »Ich will«, sprach sie, »einen Namen haben: Herzog Walrabe von Limburg will ich genannt sein. Der ist einer der besten Ritter, die je die Sonne beschien. Ich brauche mich seiner nicht zu schämen.« Da wurden die Helme aufs neue aufgesetzt und der Streit begann. Sogleich fuhr die Jungfrau zum Einzelkampf vor und stach mit ihrer weißen Hand einen Speer so ritterlich entzwei, daß alles auf dem Felde schrie: »Zu, zu, Limburg, zu!« Der Turnei begann zusammenzuschlagen, die Jungfrau sprengte herzu und stritt mit Stoß und Hieb und Drängen so meisterlich, daß man Wunder an ihr sah. »Dem Herzog Walrabe gebührt allhier der Preis!« rief das Volk insgemein, und »Limburg!« scholl es laut an allen Ecken und Enden. Manche fiel, von der Feindin aus dem Sattel geworfen, mit hartem Sturz vom Roß, blanke Arme und weiße Beine funkelten durcheinander oder brachen kläglich von Rosses Gewalt, so daß den Kämpferinnen recht erbärmlich zumute ward und sie wähnten, den Turnei nicht zu überleben, so jämmerlich weh taten ihnen die Knochen in ihrem Leibe, und alle hätten gerne schon damit aufgehört. Nur jene Jungfrau wollte immer noch mehr, ihr tat kein Schlag irgend weh: Pang, kling, war alles, was man von ihr hörte, dräng, dring! alles, was man sah. Die weißesten Waden schütterten, wie die Rosse mit Gewalt wider einander drangen, die Helmen erklangen laut und spritzten Feuerfunken. Endlich gab das Gewühl nach und der Kampf beruhigte sich. Eine nach der andern ging, den Harnisch abzulegen und ihn sein säuberlich wieder dahin zu tun, woher sie ihn genommen hatte, ehe die Herren nach Hause kämen. Dann wuschen sie sich schön, es sollte niemand etwas von der Geschichte sagen.

Aber die Herren witterten doch bald etwas von dem Vorfall, zumal sie die Rosse ganz schweißig fanden und mehr als eine Frau elend daniederlag. Sie fragten die Knaben, die bei ihnen Kämmerlingsdienste taten und zu Hause geblieben waren, da erzählten ihnen diese, wie die eine die andere niedergerannt und jene ihren Speer zerbrochen. Als die Herren dies hörten und wieder zusammenkamen, mußten sie alle lachen: es schien ihnen denn doch ein starkes Stück, was die Frauen da vollführt hatten. »Wir wollen sie schlagen«, sagte einer, »wenn die Weiber anfangen, turnieren zu fahren, so können wir das Haus behüten! Hat sich denn die Welt verkehrt? Ich will der meinen den Turnei aufschlagen, daß sie ein Jahr lang dran denken soll!« »Das dünkt mich übel gehandelt,« erwiderte ein Zweiter. »Ich denke, wir sollen es ihnen hingehen lassen. Wovon kam es denn als weil sie fröhlich sind und jung? Ich meine, wir lassen sie auf die große Mühe hin tüchtig baden, denn die Glieder tun ihnen weh genug, und damit sei alles vergessen und begraben.« Dem stimmten alle bei und es war seither keine Rede mehr von dem peinlichen Geschehnis, nur daß sie zuweilen, wenn sie aßen und tranken, noch weidlich darüber scherzten und lachten.

Allein trotz ihres Stillschweigens drang die Kunde von dem Frauenturnei über die Burg hinaus und bald erscholl das ganze Land weit und breit von der seltsamen Märe. Auch der Herzog Walrabe von Limburg vernahm davon und hätte gerne der Jungfrau, die in seinem Namen so Ritterliches getan, irgend eine Wohltat erwiesen und seinen Spaß an ihr gehabt. Fröhlich ritt er eines Tages vor die Burg, wo der Turnei geschehen war, und sagte zu seinen Knechten, nachdem er ihnen die Geschichte von der kampflustigen Jungfrau erzählt, er müsse heut hinein, gehe es, wie es wolle. »Zum mindesten muß ich sehen, wie sie aussieht,« rief er und wollte fürbaß reiten. Da bemerkte er, daß die Frauen sich eben draußen im Freien ergingen, denn, sie waren, eine ganze Schar, gerade unter Lachen und Plaudern herausgekommen. Da stieg der Herzog ab und ging ihnen entgegen. »Wißt Ihr, warum ich gekommen bin?« rief er ihnen zu. »Ich will die Jungfrau sehen, die sich damals nach mir genannt hat, um ihr für die Ehre zu danken.« Da ergriff eine von den Frauen die Jungfrau bei der Hand und führte sie ihm vor. Sie verneigte sich tief, ohne zu erröten. Er redete ihr freundlich zu, dankte ihr herzlich und befahl, ihren Vater herbeizurufen. Als dieser gekommen war, fragte er ihn, wie es denn geschehe, daß ein so stolzes Fräulein noch keinen Gatten bekommen? Da klagte ihm der Vater all sein Leid, daß sie es nun entgelten müsse, weil er sein ganzes Gut verloren habe. Als der Herzog dies vernahm, versprach er, ihr das Nötige zu geben, und hielt sein Wort redlich. Er verheiratete sie später einem reichen Manne, mit dem sie dann noch manchen Turnei bestehen konnte: Des Tags im Ehekrieg und des Nachts im Liebesfrieden. Man sagt, sie sei in beiden immer die Siegerin geblieben.

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