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Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070923
projectid907212d0
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Die Nachtigall

Man sagt, es hat gesessen
Ein Ritter, kühn vermessen
In einem Gau vor Tagen;
Hoch sah sein Haus man ragen,
Es war gar fest erbaut,
Not hat man drinnen nicht geschaut.
Es war ein Mann gar reich an Gut,
Hat eine Tochter frohgemut.
Mehr Kinder hat er nicht bekommen,
wie ich es habe wohl vernommen.
So schön und lieblich war ihr Leib,
Daß wahrlich weder Magd noch Weib
Man in der Nähe, noch über Land,
Noch irgendwo so reizend fand.
Sehr nahe hat gesessen
Ein Ritter, gar vermessen,
Auch reich war der an Gut;
Saß stattlich da, ein frohes Blut.
Ein schönes Söhnlein hatte der,
Auch weiter keine Kinder mehr.
Erzog ihn bis zur Stunde dann,
wo er zu trachten nun begann
Und wünschen sich ein gutes Weib.
Der hatte einen schönen Leib,
Er war sehr hübsch und klug
Und zierlich auch genug
Und zählte, da man von ihm spricht,
Mehr denn zwanzig der Jahre nicht.
So waren beide säuberlich;
Zudem befliß der Jungherr sich
Um dieser Jungfrau Minnen;
wie er die möcht' gewinnen,
Darnach stand all sein Trachten;
Wie mancher auch tut achten,
Der suchend fand, was ihm behagt.
Also warb er um jene Magd,
Gar fleißig und zu jeder Stund',
wo ihm erlaubte es ihr Mund
Und es ihm mochte schicklich sein.
Es war nun auch das Mägdelein
Dem Knaben also worden hold,
Daß weder Silber sie noch Gold
Jemalen hätte dafür genommen
wenn sie nur könnte zu ihm kommen.
Doch ward die Magd fürwahr so hart
In ihres Vaters Haus bewahrt.
Daß weder Tags noch in der Nacht
Jemand von ihr konnt' schleichen sacht
Hinaus noch zu ihr je hinein;
Das war der beiden größte Pein.
Vor ihrem Haus ein Garten lag,
Um den ging aber ein Verschlag.
Damit er fest umfriedigt war,
Und Gras und Blumen wunderbar
Sah üppig wachsen man darin.
Es spannten sich darüber hin
Als grünes Dach viel Bäume breit
Mit ihrem schönen Blätterkleid.
Auch hat der Ritter wohlgemut
Manch Pflänzchen und manch Kräutlein gut,
Die er da drinnen hat gezogen.
Man sagt als wahr und ungelogen,
Die Luft sei auch viel besser dort
Und süßer denn am andern Ort.
Von Hause aber führte hinein
Ein gar sehr schmales Türelein.
Es hatte noch der Wirt davor
Gebaut ein Lusthaus hoch empor;
War aufgeführt, damit er saß
Zur Sommerzeit dort, wenn er aß;
Ihn deuchte, daß ihm alle Speise
Dort besser munde in jeder Weise.
Einst nahm sich einen Boten nun
Die Magd, der klug zu solchem Tun;
Dem sendete sie kurzerhand
Dorthin, wo man den Jungherrn fand,
Und ließ ihm künden solche Märe:
Wenn in der Nacht bereit er wäre
Zu allen Dingen fort und fort,
So solle er kommen heimlich dort
In den Baumgarten,
Da wolle sie seiner warten;
Wenn sie dann mit geschickten Dingen
Das wahrlich möchte zustande bringen,
Erfülle sie drauf sein Begehr.
Der Knabe täte gern noch mehr;
Als er die Botschaft nun vernahm,
Die da von seiner Jungfrau kam,
Schlug ihm das Herze gar geschwind.
Er dankte froh dem schönen Kind,
Daß ihm so Liebes sollte geschehen,
Tät' er sie abends dorten sehen.
Wie man ihr dieses hat gesagt,
Ging sie zu Bette unverzagt
Und fing an sehr zu klagen;
Das konnte nicht ertragen
Die Mutter; als sie es vernahm,
Sogleich sie zu der Tochter kam
Und sprach: »Sag' an, mein Töchterlein,
Was mag mit dir geschehen sein?
Sag' mir, wo sitzt dein Ungemach?«
Zur Mutter nun die Tochter sprach:
»Im Kopf; und was mir fehlt,
Mich gar sehr grausam quält!«
Und als der Vater das vernahm,
Er schnell zu ihnen beiden kam
Und zu der Tochter er da sprach:
»Wo steckt dein größtes Ungemach?«
»Ums Herz und allenthalben!«
Er sprach: »Mit guten Salben
Soll man dich jetzt bestreichen,
So muß dann von dir weichen
Dein Leiden und dein Ungemach!«
Zum Vater nun die Tochter sprach:
»Ich hab' eine Weise gefunden,
Auf die ich könnte gesunden,
Und die mir wohl mag frommen,
Soll mir zustatten kommen,
Daß sie vielleicht jetzo geschicht!«
Er sprach: »Mein Kind, verhehle sie nicht,
Sie wird dir nicht verweigert gar!«
»So will ich schlafen denn fürwahr
Im Lusthaus, das im Garten steht;
Denn in der Luft, die dorten geht
Und in dem Duft der Kräuter gut,
Erleichtert sich mein schwerer Mut.
Auch wollte ich gerne warten,
Ob dann nicht aus dem Garten
ein Vöglein zu mir käme,
Das ich gefangen nähme;
Dann hätte mein Sorgen ein Ende!«
»Gott es dir balde sende!«
Sprach ihre Mutter alsogleich.
Ein Bette aber frisch und weich
Man ihr dort zubereiten hieß
Und sie nicht länger warten ließ,
Auch Speise und Trank trug man herzu,
Zum Schlafen hatte sie dann Ruh'.
Auch untersagte man den Schall
Dem Hausgesinde überall,
Daß man das Kind nicht schreckte
Und aus dem Schlaf erweckte.
Und ehe die Nacht herniedersank,
Trat zu ihr noch die Mutter bang
Und fragte, ob sie nichts möchte.
Sie sagte: »Ach, ich dächte,
Ein Glas mit gutem Wein
Dürft' stehen vor dem Bette mein,
Daß ich mich dran erlabe,
Damit ich mich besser gehabe!«
Der Wein ward alsogleich gebracht.
Drauf hat die Mutter zugemacht
Die Tür und ließ das Kind allein,
Wo's ihr am wohlsten schien zu sein.
Und als der Tag dann völlig wich,
Bald sich der Jungherr zu ihr schlich;
Da er ein gar geschickter Mann,
Zwang er sich durch die Hecke dann.
Und einen Stab er mit sich nahm;
Und als er in den Garten kam,
Stieg er dran hoch denn unverwandt
Dorthin, wo er die Jungfrau fand.
Gar liebreich sie sich da empfingen
Und in das Bette beide gingen
Und trieben nun das Minnespiel
Und hatten aller Kurzweil viel.
Und dachten nicht an Vogelsang,
Auch deuchte die Nacht sie nicht lang.
Als nun der neue Tag wollt' kommen,
Da hatten sie, wie ich vernommen,
Sich aneinander fest geschmiegt
Und in des andern Armen liegt
Ein jeder. Und die Magd sprach da:
»Noch nie mir Lieberes geschah,
Weil ich dich, heißgeliebter Mann,
Heut nacht nach meinem Willen han!«
Dann schliefen sie in Liebe vereint,
Bis sie die Sonne überscheint.
Die Mutter fuhr da plötzlich auf,
Zu ihrem Meister sprach sie drauf:
»Mir ist sehr bang, muß ich gestehn,
Weil ich das Kind nicht habe gesehn.
Gott möge uns den Segen geben,
Daß sie noch weilt in diesem Leben!«
Er sprach: »Nun bleibe hier,
Ich gehe selbst zu ihr!«
Und griff nach dem Gewand,
Stand auf, ging kurzerhand
Hin an ein Fenster, um zu spähen,
Er wollte nach seiner Tochter sehen,
Ob sie nach ihrem Schmerze nun
Etwas täte ruhn.
Da sah er durch das Fensterlein
Den Knaben und die Tochter sein,
Die schlummernd da zusammen lagen
In schönem, wohligem Behagen.
So stand er, um sie anzusehn,
Denn beide waren sie sehr schön:
Der Schlaf umfing sie ganz und gar,
Herabgeglitten aber war
Die Decke und auch ihr Gewand:
Sie hatte die Nachtigall in der Hand.
Der Ritter ließ sie schlummernd dort
Und ging zu seinem Bette fort
Und sprach: »Vielliebe Fraue,
Erhebe dich und schaue,
Wie gut es deinem Kind ergangen,
Sie hat die Nachtigall gefangen,
Wie du sie gestern hörtest sagen,
Und hält sie fest gepackt beim Kragen!«
Sie sprach: »Ist es vielleicht dein Spott?«
»Nein, Frau, beim allerhöchsten Gott,
Oh, wolle es nur glauben mir!
So glänzet ihres Hauptes Zier,
Daß sie nicht schöner könnte sein!«
»Oh weh, das arme Vögelein!«
Sprach sie, »ich will nun auch hingehn
Ich muß die volle Wahrheit sehn!«
Sie trat nun vor das Fensterlein,
Allwo der Knabe, das Mägdelein
Im Schlummer beieinander lagen
In schönem, wohligem Behagen.
Sobald sie denn gesehen sie,
Da raufte sie sich arg und schrie:
»Daß je mich meine Mutter trug!«
Die Hände sie zusammenschlug.
Der Knabe wacht auf und hört den Schall;
Und da die Sonne scheint überall,
Spricht er und ruft: »Daß Gott erbarm',
Wir haben zu lange Arm in Arm
Geschlafen in diesem Bette hier!«
Der Ritter ging hinein zur Tür
Und sagte zu dem Mägdelein:
»Kind, hast du nun das Vögelein?
Bist du genesen, ist es gut;
Es gibt dein Fang uns schweren Mut.
Nun hüte den Vogel mit klugem Sinne,
Auf daß er dir nimmermehr entrinne!«
Der Knabe sprach: »O Herre gut,
Vergießet nicht mein armes Blut!«
Der sprach: »Ich tu' nichts deinem Leib,
Nimmst du sie als dein Eheweib,
Weil du triebst Minne mit ihr frei;
Gib acht, daß es dir ernsthaft sei!«
Er drauf: »Ich will sie gerne han!«
So ward er denn ihr Ehemann.
Die Väter schenkten ihnen Gut,
Sie gewannen genug und hohen Mut,
Darum erwarben sie Preis und Ehr'.
Der Nachtigall Märe ist nicht mehr.

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