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Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070923
projectid907212d0
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Hero und Leander

Ach Minne, dein süßer Anfang
Bringt manchem bitteren Ausgang!
Wer sich mit Liebesketten bindet,
Zuletzt doch einen Stachel findet
In solcher Lust verborgen.
Es soll sich darum sorgen,
Wer sich der Minne hat ergeben.
Daß er sein liebeheischend Leben
Richte auf ein Ende gut,
Was selten Liebe gewähren tut:
Es prüft sehr oft die dauernde Not
Der, der ihr dient und auch den Tod.
Wie ich es euch hier berichte
Durch eine fremde Geschichte,
Die wahr ist, nicht erlogen.
Es war übers Meer gezogen
Ein Jungherr, der war zart;
Sein Vater war von hoher Art
Geboren und die Mutter sein;
Dem Vater diente ohne Pein
Ein weites Land, darinnen thront
Die Hauptstadt, wo er selber wohnt;
Gelegen war sie an dem Meer.
Es liebten alle beide sehr
Den Jungherrn, ihren eignen Sohn,
Denn er war kraftvoll, tapfer schon;
Und Treue, Zucht und Scham und Tugend
Sah man an ihm; die blühende Jugend
Bar allen Fehls erhielt er sich.
Es war der Schönste sicherlich
Der je das Leben da gewann,
Ihn mußte lieben jedermann.
Der junge Degen frisch und hehr
Leander ward geheißen er.
Nun war dort, wie ich wohl vernahm,
Ein stolzes Schloß, gar wundersam
Und schön erbaut; nicht ferne sehr
Lag jene Stadt, das hohe Meer
Dazwischen wogt' in wilder Eile.
Nicht mehr denn eine halbe Meile
Lagen sie auseinander.
Dem jungen Herrn Leander
Oft taten sich die Augen feuchten,
Sah ferne er die Burg aufleuchten.
Nun lebte, wie berichtet ward,
Denn eine Jungfrau hoher Art
Auf jener Burg; die Eltern waren
Gestorben, wie ich tat erfahren.
Weshalb die Keusche, Reine
Besessen hat alleine
Die Burg und wirkte dorten klug.
Als schönste Frau mit Recht und Fug
Ward sie in diese Welt geboren;
Sie war gewißlich auserkoren
Vor andern Fraun ganz offenbar.
Goldfarben war ihr schönes Haar,
Die Brauen braun, die Augen klar,
Wie Rosen und wie Lilien gar
Gefärbt die zarten Wängelein,
Wie ein Rubin so blank und fein
Erglühte ihr rosenroter Mund,
Wie helles Feuer flammend, und
Die Zähne glichen Elfenbein;
Ihr Kinn war aber lieblich, klein.
Ihr Nacken glänzte und ihr Hals
vor Weiße. Wahrlich, keinenfalls
Hätt' Malerkunst das ausgedacht,
Was Gott an ihr in Form gebracht
In seiner hohen Majestät.
Sie reich und schön gekleidet geht
Und tat sich gut gebaren;
Es zählt' sechzehn an Jahren
Die Magd. War solcher Jugend
Und hochgepriesner Tugend,
Daß weder Weib noch Mann
Jemals beschreiben kann
Die Tugend, die sie übte,
Und allen Anstand, den sie liebte.
Bar aller Fehler war sie so
Und ward geheißen denn Hero.
In dieses reine Fräuelein
Verliebte sich der Jungherr fein.
Ich meine den Leander gut.
Auch sie trug zu ihm holden Mut.
Von ihnen ich nun hörte,
Daß sie der Liebe Band beschwerte,
Das wahrlich niemand lösen mag.
Ihr Leib in seinem Herzen lag
Verborgen zu allen Stunden;
Man hätte auch nie gefunden
Ihr Herze ohne den Jungherrn wert.
Sie hielt verriegelt und eingesperrt
Den Jungherrn in ihrem Herzen.
Mit unergründlichen Schmerzen
Jedweder war durchtränkt.
In Jammer ganz versenkt.
Es konnte Leander nimmer kommen
Zu Hero, wie ich habe vernommen,
Wenn nächstens er nicht hinüberschwamm
Und schwimmend er zu der Liebsten kam.
Das war denn Hero ganz vertraut,
Und wenn sie auf sein Kommen baut',
So steckte sie auf der Zinne an
Ein Licht, das mußte ihm leuchten dann
Und ihm ein solches Zeichen geben,
Er sollte schwimmend zu ihr streben.
So trieben sie es manchen Tag;
Bis einstmals wellenpeitschend lag
Ein Sturm auf dem Meere, das sonst so stille.
Des jungen Herren Wille
Zu schwimmen, war da sehr verzagt;
Dadurch der minniglichen Magd
Die Freude ward genommen:
Sie glaubte, er wolle nie wieder kommen.
Schrieb einen Brief in trübem Sinn,
Schickt' ihn durch einen Fischer hin
Und tat ihm kund, sie sei nicht froh.
Das Brieflein lautete also:
»Mein Freund, Gott grüß' Dich tausend Stund',
Vor Sehnsucht ist mein Herze wund.
Mein Trauter, durch Dein Verschulden.
Soviel wir zwei auch dulden
Leiblicher Schmerzen, bin doch ich
An Kraft Dir ungleich sicherlich.
Dein starker Leib hat starken Mut;
Der nicht in meinem Herzen ruht.
Drum soll ich länger meiden
Dich, so wird all mein Leiden
Sich mit dem Tode enden.
Du aber magst wohl wenden
All Deine Not mit Kurzweil viel:
Denn Birschen, Beißen, Saitenspiel,
Die wenden Dir den Kummer Dein.
Und frohe Menschen, süßer Wein,
Die schaffen Dir auch große Kraft;
Und dazu kannst Du Ritterschaft
Suchen in manchem Land.
So gibt es Freude mancherhand,
Die Du kannst treiben viel:
Mit Schach und manchem andern Spiel,
Mit Fechten, Schießen mit dem Bogen,
Womit die Minne wird betrogen.
Der Kurzweil habe ich nicht;
In meinem Herzen alleine spricht
Ein liebliches Gedenken;
Die Minne will versenken
Mein Herz, weil ich nicht anders kann.
Niemand, o wehe, ach, ich han,
Mit dem auch ich nun Kurzweil treib'.
Die Amme ist ein altes Weib,
Ich flüstre mit ihr Nacht und Tag
Von Dir und spreche: »Amme, sag',
Was glaubst du, daß jetzt tut mein Lieb?«
So spricht sie: »Heimlich wie ein Dieb
Schleicht er sich nackend nun ans Meer!«
Darnach bedränge ich sie sehr:
»Wähnst du, daß jetzt den halben Weg
Geschwommen er? Daß Gott ihn pfleg'!«
Sie tröstet mich dann unverwandt:
»Gleich kommt herüber er ans Land!«
Und abermals frag' ich sie dann:
»Sag', Amme, an, wann kommt er, wann?«
Vor Schlaf antwortet sie mir nicht,
Dieweil es nicht ihr Herz anficht.
Oft küsse ich auch mit dem Mund
Das Kleid, das Du zu jeder Stund'
Anlegst, so Du bist hergeschwommen.
Groß Jammer tut mich überkommen;
Ich warte denn bis Mitternacht;
Die Amme sich zu Bette macht;
Dann legte auch ich mich nieder.
Wehe, wehe, immer wieder!
Der andre Teil der Nacht dünkt mich
Ein Jahr zu sein ganz sicherlich,
Dieweilen ich nicht schlafen kann.
Entschlummere ich vorm Tagen dann,
So träumet mir vielleicht von Dir,
Wie Du kamst schwimmend her zu mir
Und ich Dir reich' den Mantel Dein
Und leg' Dich in die Arme mein,
Da werden Küsse Brust an Brust
Vergolten denn mit süßer Lust.
Und dazu träumet mir noch viel,
Was ich Dir doch nicht sagen will.
Wenn so ich muß erwachen,
Dann tut mein Herz entfachen
Ein Leid, weil Du in kurzer Frist
Mir mit dem Schlafe entronnen bist.
Ich fürchte auch eins bei Nacht und Tage:
Daß Dir ein ander Weib behage,
Nach der Du Dich in Liebe bangst.
Dann brenne ich in solcher Angst,
Daß mir vor Schwäche wird ganz heiß,
Und schwitze einen kalten Schweiß.
Ich habe all' mein Leib und Leben
So gänzlich Deiner Gnade ergeben,
Daß, wenn Du brichst die Treue mir,
Es ewig wäre Sünde dir.
Dies sage ich nicht, weil mir ein Mund
Es von Dir etwa jetzt tat kund,
Nur weil mein minneheißer Leib
Befürchten muß, daß, ach, ein Weib
Vor Minne kann vergehn.
Nichts schreibe ich mehr Dir denn.
Nur daß Du kommst, ist mein Begehr,
Dann spüre ich mein Leid nicht mehr.
Sich lieben und selten sehen,
Gar wehe tut, muß ich gestehen!«
Als sie den Brief geschrieben hat,
Der Fischer ihren Willen tat.
Bracht' ihn zu ihrem Jungherrn hin
Und alsogleich verschlang der ihn,
Und seufzte von ganzem Herzen.
Vor unergründlichen Schmerzen
ward bleich er und ungestalt;
Er sprach zu dem Fischer: »Halt
Hier eine Weil', dafür will ich
Dir immer lohnen sicherlich!«
Und schrieb ihr einen Brief also:
»Mein Heil, mein ganzer Trost: Hero,
Gott geb' Dir Glück und Ehr'!
O wisse, daß ich nimmermehr
Ohn' Dich mag fröhlich werden!
Und was auf dieser Erden
Mag Freude und auch Wonne sein,
Das ist mir alles bittre Pein,
Bin ich nicht, Herzelieb, bei Dir!
Und sieben Jahre sind's, daß mir
Nie eine Zeit so lange ward.
Ach, Reine, minniglicher Art,
Ich glaube, dem großen Jammer mein
Gleicht keines Mannes harte Pein.
Ich welke hier in schwerer Klag'
Und nächtens ich nicht schlafen mag
Und sehe ich das Zeichen Dein,
So wünsch' ich in dem Herzen mein,
Es käme eine stille Nacht,
Wie einstens, wo ich liebentfacht
Zum erstenmal schwamm übers Meer;
Ich fürchtete mich nie so sehr,
Doch war mein liebbegehrender Mut
Zu schwimmen gar so fest und gut,
Daß ich nicht an das Schwimmen dacht',
Es war ja eine stille Nacht!
Als ich zum ersten schwamm die Fahrt,
Da sah ich, wenn ich müde ward,
Beim Schwimmen nach dem Zeichen Dein
Und es gab Kraft den Armen mein.
In Liebe mich nach Dir verlangte,
Daß mir vorm kalten Grund nicht bangte;
Je mehr ich schwamm, je näher kam
Mir Deine Stätte lobesam.
Sah ich Dich aus dem Schlosse kommen,
Ward mir die Müdigkeit genommen;
Sah ich Dich gehn zum Wasser hin,
Um liebreich mich an Dich zu ziehn,
So schwamm ich denn mit Eifer gar,
Dieweil mich sah Dein Auge klar.
Liebreich ward ich empfangen,
Du küssest meine Wangen,
Du liebe Fraue mein.
Und botest mit den Händen Dein
Mir einen Mantel warm und gut.
Wie meinem Herzen ward zumut,
Ich glaube, könnte niemand sagen.
Verschweigen will ich das Behagen,
Die Lust der Nacht auch, die ich nahm.
Tag wurde Morgengraun; dann kam
Die Amme, weckte mich sehr rauh.
Mit großem Jammer, liebste Frau,
Schied ich von Dir am Meer;
Da weintest Du gar sehr,
Wie meinem Herzen da zumute
War, das weiß Gott allein, der Gute,
Dem alle Herzen sind bekannt.
Den Segen gab mir Deine Hand.
Kein Wort sprach ich in meiner Not
Und stumm ich Dir die Hände bot;
Schwamm wider Willen von Dir fort;
Mir war's, ich schwämme in Rüstung dort,
So schwer war mir mein von Dir Kommen. –
Ach Gott, wie wurde ganz genommen
Dem Himmel nun die Heiterkeit,
Ihn deckt ein düstres Wolkenkleid,
Das Meer schwillt an vor Windesnot;
Doch sollte ich immer liegen tot,
Ich kann Dich nicht mehr meiden;
Ein bittres, strenges Leiden
Mein Herze will verzehren gar.
Mein Traut, nimm mein heut nacht noch wahr,
Ich komme sicherlich zu Dir;
Doch sollte es mißglücken mir
Und ich dran sterben, denke mein,
Laß Dir meine Seele empfohlen sein!«
Nun sendete er kurzerhand
Den Brief hinüber in das Land
Der Reinen, die so süßer Art.
Des Nachts hob er sich auf die Fahrt
Und schwamm, wie er es oft getan.
O weh, dein Schwimmen, armer Mann,
Ist heute gar sehr unheilvoll!
Ach, guter Gott, daß niemand soll
Und kann die Fährnis vorher sehn.
Ach, Minne, tut es wohl dir denn,
Daß dienend dir so mancher Mann
Verdirbt, der weiter nichts gewann
Als stete Treu im Herzen?
Also mit vielen Schmerzen
Oft deine Süße endet!
Die Lust nach dir verblendet
Gar oft des Mannes rechte Sinne,
Daß er um eines Weibes Minne
Wagt beides: Leib und Leben.
Also erging es leider eben
Dem Jungherrn frisch und gut;
Der hatte sowohl Herz wie Mut
Mit Liebe so vereinet,
Daß er ward sehr beweinet
Vom Vater und von seiner Mutter.
Ja, Herre Gott, du guter,
Da die verborgne Gotteskraft,
Auch deiner Weisheit Meisterschaft
Niemand erfassen kann und mag,
So wundert's mich doch Nacht und Tag,
Was Wunders Minne möge sein,
Daß sie so ganz mit süßem Schein
Des jungen Mannes Herz betört
Und es mit Qualen so zerstört,
Daß er um Minne wirbt,
Weshalb er oft erstirbt.
Also geschah's dem Jungherrn zart.
Der eilte nächtens auf die Fahrt
Und schwamm, wie vordem er getan;
Und als er so hinauskam dann
Vom Land weg in das weite Meer,
Da blähten sich die Himmel sehr
In einem starken Sturmeswind;
Gar mancher Donnerschlag geschwind
Hub an nun nach dem Blitzen da.
Der Herr ward unfroh, als er's sah;
Was wird aus mir, bedachte er.
Die Welle warf ihn hin und her,
Der Regen fiel dazu so dicht,
Daß er fürwahr konnt' sehen nicht
Etwas, woran er sich mocht' kehren.
Sein Leid begann sich da zu mehren,
Weil er nicht sah des Lichtes Schein,
Mit dem Hero, die Fraue sein,
Ihm leuchtete in Liebe treu.
Es überkam ihn große Reu',
Daß nächtens er sei ausgeschwommen,
Sein Herze hat sich vorgenommen,
Er wollte zurück ans Ufer sein.
Doch hat die Müdigkeit das Bein,
Die Hände ihm so ganz gefangen,
Daß ihm ist ausgegangen
Die Kraft in seinen Armen.
Er sprach: »Laß dich erbarmen,
O milder Gott, mein Ungemach!
Und ach, o wehe, immer ach,
O, daß mir niemand helfen mag,
O weh um meinen jungen Tag
O Hilfe, Rettung!«, er da schreit
Ihm ward so weh vor Müdigkeit,
Daß er nicht weiterschwimmen kann,
Und Hand und Fuß versagt ihm dann.
Gar lange rief er da:
»O wehe, daß je ich dich sah,
Hero; ich muß verderben;
Mir tut so weh mein Sterben
Nicht, wie so weh mir tut das Scheiden,
Das nun wird kommen, ach, uns beiden!
Er sprach: »Gar minnigliches Weib,
Hero, ich wähne, deinen Leib
Werd' ich gewiß nicht wiedersehn,
Weil leider ich muß hier vergehn
In dieser wilden Not!
Verwaist durch meinen Tod
Wird, weh, dein Leib zu meinem Schmerz!«
Am Leben zweifelte sein Herz.
Er schrie in klagender Not:
»Ach, gnädiger, guter Gott,
Der du ein treues Herze nie,
Das je nach deiner Hilfe schrie,
Verließst, laß dir befohlen sein
Und nimm sie auf die Seele mein,
Weil leider ich muß liegen tot!«
Mit also klagender Herzensnot
Nahm er sein Ende mit Leiden,
Und mußte dort verscheiden. –
Als Hero nun das Wort vernahm,
Daß des Leanders Leiche schwamm
Im ungestümen wilden Meer,
Da stöhnte auf ihr Herz so sehr
In Qual, die sie empfunden,
Daß sie zur selben Stunden
Zu Boden niederbrach
Und auch entseelet lag.
Daß sie nun auch gestorben war,
Das schuf die Treue wunderbar,
Von welcher gar so wenig ist
Auf Erden hier zu dieser Frist.

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