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Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 34
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070923
projectid907212d0
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Der Ritter unterm Zuber

von Jacob Appet

Dies Abenteuer einst geschah
Da einem Ritter, den ich sah,
Und der's mit eignem Munde
Erzählte seiner Stunde.
Er minnte eine schöne Frau,
Die minnte ihn ebenso genau.
Sie hatten beide einander lieb;
Und ihre Freundschaft müßt' ein Dieb
Rauh ihnen zweien han genommen.
Wenn es nur heimlich mochte frommen,
So kamen sie schnell zueinander.
Es war wohl nie dem Salamander
Wohler in seiner heißen Glut
Als ihnen, wenn einer beim andern ruht.
Die Freundschaft währte lange Frist
Und kein Verrat geschehen ist.
Nun hatte ihr Wirt der Brüder drei,
Die schließlich nach langer Rederei
Doch etwas davon vernahmen
Und hin zum Bruder kamen
Und taten ihn dann schelten sehr:
»Daß Gott dir doch all' deine Ehr'
Nähme, du arger Bösewicht;«
So sprachen sie, »weißt du denn nicht,
Daß man dein Weib zeiht weit und breit
Der allergrößten Treulosigkeit?
Sie minnet einen Ritter,
Der also lebet mit ihr,
Daß wir drum haben Schande
In unserm ganzen Lande!«
Der sprach: »Nichts wahres ist daran;
Mein Weib liebt keinen andern Mann
Wie ganz allein nur mich,
Das schwör' ich sicherlich.
Sie ist so treu und ist so gut,
Daß sie es ganz bestimmt nicht tut!«
Sie sprachen: »Es ist sicher wahr,
Sie treibt es schon ein volles Jahr,
Daß sie gar öffentlich ihn hat,
Es weiß darum die ganze Stadt,
Kind, Weib und Männer insgesammt;
Des Lasters mancher dich verdammt!«
Da sprach der Wirt: »Das tut mir weh,
Wie sah' ich denn die Wahrheit je?«
Darauf sprach einer von den Seinen:
»Willst du jetzt hören, was wir meinen
Und allem kommen auf den Grund,
So sollst du morgen zu früher Stund'
Sprechen, du wolltest verreiten.
Und nachts komm' wieder beizeiten
Und laß uns alle mit dir gehn
Und alle vor der Türe stehn;
Und du trittst an die Wand heran;
Du wirst ihn drinnen hören dann!«
Der Wirt hat sich das vorgenommen;
Und morgens, als der Tag gekommen,
Da zieht er an sein Festtagskleid,
Und als die Frau auch war bereit,
Sprach er zu ihr: »Lieb Fraue mein,
Laß dir mein Haus befohlen sein,
Weil ich zu diesen Zeiten
Muß über Land verreiten;
Es kam mir Nachricht solchermaßen,
Daß ich es nicht kann unterlassen.
Ich kehr' zurück nach langer Frist;
Gehabe dich wohl, so lieb du mir bist!«
Da sprach die Frau: »Was willst du tun,
Sag', fort von mir, ach, willst du nun?
Was magst du damit meinen?«
Sie fing an sehr zu weinen
Und sprach: »Groß Sünde du begehst,
Daß du mich so alleine läßt.
O bleibe bei mir, lieber Mann,
Weil ich dich nicht entbehren kann!«
In Treuen sprach sie nicht also:
Sie war in ihrem Herzen froh. –
Ihr täte wahrlich gut der Tod! –
Und sie umhalste ihn in Not
Und küßte ihn mit heißem Munde;
Der Kuß kam nicht aus Herzensgrunde.
Sie sprach: »Mein lieber, trauter Mann,
Mein Leib dich nicht entbehren kann!«
Doch dachte still sie: »Es ist wahr,
Ach, wärst du fort ein ganzes Jahr,
Das grämte mich wenig ohne Zweifel,
Ich ließe dich leben mit dem Teufel;
Ich hätte hier Minne und gute Zeit
Mit ihm, dem ich all' meine Liebe geweiht!«
Ihr Auge voller Tränen steht,
Doch wenig ihr zu Herzen geht
Das große Weinen, was sie tut.
Der Wirt verlor beinah den Mut
Und wollte bei ihr bleiben sein.
Er dachte sich: »Die Brüder dein,
Die haben sicher dich betrogen;
Sie haben auf dein Weib gelogen!«
Und sprach zu ihr: »Gehab' dich wohl.
Ich tue besser, was ich soll!«
Sie drauf: »Wie mich dein Weggehn schmerzt!«
Er: »Es ist Zeit nun, sei beherzt!«
Also der Wirt vom Haus wegritt;
Dem Ritter teilte bald man mit,
Er solle kommen nachts ins Haus,
Es sei der Wirt geritten aus,
Er solle Lieb' und Pflege haben.
»Gott gibt mir seine reichen Gaben!«
Sprach schnell der Ritter und war froh,
Er hob sich bald von seinem Stroh
Und schlich sich zu ihr in der Nacht.
Sie hat ihm fröhlich aufgemacht
Und hieß ihn Gott willkommen sein:
»O Freund und lieber Herre mein.
Jetzt wollen wir in Wonne leben,
Da Gott uns hat den Tag gegeben,
wo uns verlassen hat mein Mann.
Ihr sollt nun keine Sorge han.
Daß er erscheint in kurzer Stund'.
›Bin lange fort‹, so sprach sein Mund!«
Sie setzt vor den Geliebten hin
Der Speise viel mit frohem Sinn,
Dazu den allerbesten Wein
Und sprach: »Viellieber Herre mein,
Nun sollt Ihr leben gar in Saus,
Seid jetzo hier der Herr vom Haus,
Und was Ihr wollt, das soll geschehn.
Es widerspreche niemand denn.
Doch was ich sage, gebt fein acht:
Wohlauf, 's ist Zeit, kurz ist die Nacht,
Wir wollen balde schlafen gehn!«
Der Ritter sprach: »Das mag geschehn.
Wes Ihr begehrt, des freu' ich mich!«
Da legten sie zusammen sich
Zu Bette in dieser Stunde jetzt.
Es hat sie dann das Spiel ergetzt,
Des überm Rhein man pflegen tut.
Dem Wirt deucht dieses Spiel nicht gut.
Und als das Spiel zu Ende dann,
Die Frau zu sagen stracks hub an,
Wie von ihr war geschieden
Ihr Mann in allem Frieden
Und wie sie deshalb weinte,
Und sie nichts anders meinte,
Als daß sie seines Scheidens froh.
Da sagte wahrlich sie also
Dieselbe Mär' dem Ritter;
Die deucht den Wirt gar bitter,
Der war des Abends wiederkommen
Und hatte Werk und Wort vernommen,
Und seine Brüder ungestüm,
Die aber standen auch bei ihm.
Sie sprachen: »Bruder, hörst ihn da!«
»Ja, wahrlich,« sprach er, »Brüder ja,
Ich hör' ihn leider drinne,
Mich trügen sonst die Sinne;
Ich hör' den Mann mit meinem Weib,
Es gilt nun ihrer beider Leib!«
Die Brüder drauf: »Es ist jetzt Zeit!«
Und fingen an in Schnelligkeit
Zu klopfen dort gar sehr.
»O wehe, immermehr«
Sprach da der Ritter, »wo soll ich
Jetzo gar gut verbergen mich?«
Es sprach sie, die ihm teuer:
»Dort draußen bei dem Feuer
Muß ein gar großer Zuber sein,
Ich rat' Euch, kriecht in den hinein!«
All' seine Trägheit er vergaß
Und bald er unterm Zuber saß.
So gut verbarg sie sein Gewand
Derweilen, daß es niemand fand.
Als das Verstecken schnell getan,
Sprach drauß' im Zorn der Ehemann:
»Willst du mich lassen nicht hinein?«
»Ja, ja, viellieber Meister mein!«
Schnell sperrte sie ihm auf die Tür,
Da drangen aber alle vier
Ins Haus ein um die Wette;
Sie suchten nun im Bette,
Ob einer drinnen wär',
Doch fanden sie es leer:
Der Vogel war ja ausgeflogen,
Der Wirt ward zornig ungelogen,
Als er niemanden drinnen fand:
»Steck' an ein Licht,« sprach unverwandt
Er, »suchet mir in allen Gaden
Den, der mir zufügt solchen Schaden
Am Gute und an Ehren!«
Das Haus tat er umkehren.
Es sprach die Frau: »Warum Verdruß?«
Er drauf: »Ich will dich böse Nuß
Noch heute gut zerbeißen.
Willst du mich so bescheißen?
Du leichtes, loses, arges Weib,
Ich hörte euren Zeitvertreib,
Den ihr da pfloget, denn ich stand
Ganz nahe bei euch an der Wand,
Ihr hörtet wenig mich fürwahr,
Ich euer Reden ganz und gar!«
Sie: »Das laß mich dir wahrlich sagen:
Ich will es Gott im Himmel klagen,
Daß ihr mich habt erschrecket
Und unsanft aufgewecket.
Ich lag in einem Traume bloß
Und vieler Freuden ich genoß;
Ich wähnte, daß ich hätte
Dich bei mir in dem Bette,
Da sprach ich wohl gar leicht etwas,
Weil deiner ich ja nie vergaß;
Tut einer Guts dem andern an,
Der es kaum je vergessen kann,
Er wache oder schlafe.
Wird es nun meine Strafe,
Daß meine Treu' zu dir war groß,
Leid' ich, für was ich nie genoß.
Und immerdar mag tun mir leid
All' meine Treu' und Stetigkeit,
Weil du zu keinen Stunden
Mich untreu hast gefunden.
Wes zeihst du denn mich armes Weib?
Als Pfand setz' ich gar meinen Leib,
Daß kein Weib liebte ihren Mann
So innig, wie ich es getan!«
Als solch ein Wort der Wirt vernahm,
Da wurde er gar balde zahm
Und ließ zum Teil sein Wüten.
»Gott möge dich behüten
Vor allem Leide,« hub sie an.
»Was tust du also, lieber Mann,
Jetzt wider dein gar reines Weib?
Gott strafe sie an ihrem Leib,
Die dich jetzt dazu zwingen,
Ins Unglück mich zu bringen.
Daß ich gerat' in aller Mund!«
Drauf herzte sie ihn liebreich und
Sprach dann: »Laß deinen Zorn jetzt ruhn!«
Darauf der Wirt: »Das will ich tun!«
Er ließ sein Zürnen unverwandt.
Sie half auch, daß er keinen fand,
Noch hörte oder sah. Darnach
Er bald zu seinen Brüdern sprach:
»Uns griff der Teufel, der Nimmersatt,
Der oft schon Mord gestiftet hat,
Der wollte leicht, daß ich mein Weib
Ermordete, und daß mein Leib
Dadurch würde zum Spott;
Ich danke stets es Gott,
Daß hier des Teufels böse Kraft
Sich keinen Sieg nun hat verschafft!«
So nahm sein Zorn ein Ende.
Auftischte dann behende
Der Wirt viel Speisen und auch Wein.
Und drauf er und die Brüder sein
Um jenes Feuer saßen
Und tranken froh und aßen.
Ihr Lärmen aber war sehr groß,
was unsern Ritter arg verdroß,
Der aller Freuden bar
Dort unterm Zuber war.
Und einer auf dem Zuber thronte,
worunter ja der Ritter wohnte.
Der Wirt hub an: »Ich hab' fürwahr
Das Haus durchsuchet ganz und gar;
Doch unter diesem Zuber hier.
Darunter suchten nimmer wir!«
Und mit der Faust er auf ihn schlug.
Die Fraue sprach: »Es ist nicht klug,
Wenn es dich jetzt verdrießt,
Daß du nicht drunter siehst;
Denn er ist drunter, glaub' es mir,
Der bei mir lag im Bette hier.
War er mit mir im Bette froh,
Find'st du ihn da, nicht anderswo,
Weil ich ihn drunter kriechen ließ.
Als man so an die Türe stieß.
Die volle Wahrheit ich dir sage,
Schaust du nicht nach, so bist du zage!«
Darob begann er sehr zu lachen;
»Willst du mich denn«, so sprach er, »machen
Zu einem Toren, sage an!
Den Rat ich nicht befolgen kann;
Wir sind fürwahr genug getört!«
Sie aber sprach: »Weiß Gott, er hört,
Was wir hier sprechen all' die Zeit,
Ihm ist das lange Hocken leid,
Weil ihn die Freude teuer kam;
Und durch Beginnen wundersam
Muß gut er werden fortgebracht,
Was ihr ihm auch habt zugedacht
An Bösem!« Er sprach: »Fraue mein,
So lasse doch dein Spotten sein.
Hätt' ich gefunden ihn hier drinne,
Ihm wäre wahrlich deine Minne
Gar bitter worden, so mir Gott;
Drum lasse fürder allen Spott.
Meiner gespottet ward genug,
Das aber tat der Teufel klug!«
Drauf sprach die Wirtin also fein:
»Gar sehr verständige Meister mein,
Jetzt Spott nach Schaden hört,
Ihr wurdet arg getört.
Das will ich euch ganz offen sagen!«
Indes begann es stark zu tagen. –
Es hat gewohnt dort weiterhin
Eine sehr kluge Brotbäckerin.
Die wußte um die Dinge nun,
Die hübsche Frauen häufig tun.
Und kannte gut der Minne Recht;
Auch wußte sie gar recht und schlecht,
Was loser Minne frommt genau;
Darauf verstand sich gut die Frau.
Der Zuber nun gehörte ihr,
Unter dem saß der Ritter hier.
Als sie des Morgens backen sollte
Und ihren Teig anrühren wollte,
Da mußte sie den Zuber haben.
Sie sprach zur Magd: »Jetzt sollst du traben
Zu der Gevatterin ins Haus;
Und bitte dir den Zuber aus,
Den ich ihr gestern abend spat
Lieh, was ich nur ungerne tat!«
Die Magd nun, die ging schnell darnach.
»Kommt her, Frau,« sie zur Wirtin sprach,
»Gebt unsern Zuber gleich heraus,
Denn wir bedürfen sein zu Haus!«
Die Fraue sprach: »Mein traut Gspiel,
Hör' zu, was ich dir sagen will:
Sag' wieder, er sei in Gebrauch,
Zu deiner Frau, sie möge auch
Den Zuber mir noch lassen hier,
Sie täte ja nichts Lieberes mir!«
Die ging nach Haus und trat hinein;
Die Fraue sprach: »Bringst du ihn?« »Nein!«
»Wie kommt das!« fragt die Fraue dann.
»Sie heut' ihn gut gebrauchen kann
Und will Euch dafür dankbar sein,
Wenn Ihr ihn heute noch wolltet leihn!«
Die Fraue zürnte sehr
Und sprach: »Bei meiner Ehr',
Heiß' mir den Zuber wiedergeben,
Es lasse alles sonst das Leben,
Was hier in dieser Gasse ist,
So wahr mir hilft der heilige Christ!«
Die Magd tat wieder zu ihr springen
Und sprach: »Ich muß den Zuber bringen;
Ja, glaubt es, liebe Fraue, mir!«
Die sprach: »Geh hin und sage ihr,
Daß Weibesnot mich hindert dran,
Mehr brauchst du ihr nicht zeigen an.
Ich glaub' bestimmt, sie weiß genau,
Was ich ihr damit anvertrau'!«
Die Magd geht wieder heim und spricht:
»Ach, Fraue mein, erzürnt Euch nicht,
Den Zuber müßt Ihr doch entbehren.
Ich will Euch auch das Warum lehren:
Sie ist in arger Weibesnot!«
»He,« sprach die, »bei des Teufels Tod,
An anderem gebricht's ihr nit?
›'S ist eine wunderliche Sitt'‹;
Denn hätte sie's mir gleich gesagt,
So wäre sie jetzt unverzagt,
Wie wild auch der Gevatter sei!« –
Es stand ein Scheuerlein dabei,
Ein wenig ab vom Hause dort,
Das tat die Bäckerin sofort
Anzünden wahrlich unverwandt.
Und als die Scheuer stand in Brand,
Da schrie sie »Feuerjo« gar sehr.
Was soll's der Rede denn noch mehr?
Nun kam gelaufen mancher Mann;
Der Wirt und seine Brüder dann,
Die kamen auch zum Feuer hin.
Indes die Frau mit frohem Sinn
Den Zuber von dem Ritter stieß,
Und aus der Hintertür ihn ließ,
Sein Kleid legt' sie ihm in den Arm
Und sprach: »Nun mache Gott Euch warm!«
Und küßt' ihn liebreich auf den Mund.
Fort ging der Ritter schnell zur Stund'.
Also ward jener Wirt betrogen;
Die Mär' ist wahr und ungelogen.

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