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Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 30
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070923
projectid907212d0
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Weiberlist

Einstmals es einem Mann geschah,
Daß er von seinem Weibe sah
Stracks einen argen Buhlknecht gehn.
Er sprach: »Ein Böses ist geschehn!«
Und fing zu schmähen an gar sehr.
Die sprach: »Du willst mich meiner Ehr'
Berauben, mein viellieber Mann;
Du weißt wohl, daß ich nie getan
Ein böses Unrecht ja an dir;
Du solltest eher glauben mir
Denn deinen Augen; hör' auf mich,
Sie sahen falsch ganz sicherlich.
Dich trogen jetzt die Sinne dein;
Um Gott, laß solche Reden sein
Und gib mich nicht den Leuten an;
Kommt vor die Tür die Rede dann,
Ist unsre Schmach ganz ungeheuer.
Ich wollte lieber stehn im Feuer,
Eh' das ich täte!« so das Weib.
Er sagte: »Daß Gott deinen Leib
Dir schänden möge für und für.
Ich sah der Füße wahrlich vier,
Die stehn an deinem Leibe nicht.
Kann man nur glauben dem Gesicht,
So ist es ganz gewißlich wahr,
Ich sah's mit meinen Augen klar.
Hat man sie mir denn ausgegraben?
Ein braves Weib wähnt ich zu haben,
Nun ist mein Wahn zunicht,
Mir sagt's die Zuversicht,
Daß du mich hast belogen
Und lange schon betrogen
Und mir gar Hörner aufgesetzt!«
Nach einem Stocke griff er jetzt,
Der tanzte arg auf ihr herum,
Und in dem Hause um und um
Zog er sie an den Haaren nieder.
Sie aber schrie nur immer wieder:
»Du tust mir Unrecht, so mir Gott,
Und machst uns zu der Leute Spott!«
Und schrie drauf immer lauter noch,
Auf daß ihr jetzt zu Hilfe doch
Die Nachbarsleute kämen,
Wenn sie den Schrei vernähmen.
Zu helfen kam nach kurzer Weile
Da Weib und Mann in aller Eile.
Man zog und stieß sie von dem Mann,
Und der ließ ihre Haare dann.
Nun wurden sie gefragt von allen,
Was eigentlich sei vorgefallen
Und was ihm denn geschehen wäre.
Sie sprach: »Besessen ist, auf Ehre,
Er von dem Teufel, leider;
Er hat mir meine Kleider
Zerzerret und mich schlimm zerschlagen.
Den Teufel soll man ohne Zagen
Vertreiben, sonst hab' ich nur Leid,
Denn seine Ungebührlichkeit,
Die schafft mir manch' ein Ungemach.
Sagt eine nie geschehne Sach',
Die nimmer auch geschehen soll.
Er ist da draußen worden voll,
Und ich muß es daheim entgelten;
Nur Fluchen stets und wildes Schelten
Hör' ich von ihm und andres nicht.
Der ungeschlachte Bösewicht
Hat sich voll Weines angefüllt
Und darum mir das Haar zerwühlt!«
Man legt ihm Buße und Frieden auf;
Er hat ihr in des Zanks Verlauf
Die Glieder wacker gar zerschunden
Mit Prügeln, so daß sie die Wunden
Sehr bitterlich verdrossen.
Drei Tage sind verflossen,
So lange hielt er Frieden,
Wie es ihm war beschieden.
Nun sie sich eine List ersann,
Wie sie betrügen könnt' den Mann,
Daß nimmer wieder es geschähe;
Die Hiebe taten ihr so wehe.
Und eines Morgens früh sie trat
Zu einer Alten in der Stadt;
war eine arge Kupplerin,
Nach böser Minne stand ihr Sinn.
Die hieß sie gottwillkommen sein.
Sie sprach: »Gott lohn' dir's, Mütterlein,
Noch nie so gut tat mir das not;
Mein Mann will mir den grimmen Tod
Mit bösen, üblen Schlägen geben.
Und hätt' ich auch ein kräftig Leben,
Ich möchte dadurch doch vergehn.
Könnt' ich so wieder mit ihm stehn,
Daß er mich liebte wie vorher,
Dann wollte ich dich immer sehr
Reichlich beschenken und dir leihn.
In meine Schuld weih' ich dich ein:
Er sah da einen von mir gehn,
Du weißt ja ganz gewißlich wen.
Nun sollst du, Mutter, geben mir,
Für was ich hab' erzählet dir,
All' deine Hilfe, deinen Rat
Zu einer wahrlich kecken Tat!«
»Tut es dir not,« hub diese an,
»So will ich geben, wenn ich's kann,
Dir guten Rat in diesen Dingen;
Will deinen Wirt bald dahin bringen,
Daß er dir schwört wohl tausend Eide,
Geschehen sei ihm nichts zuleide,
Daß er müßt' schlagen deinen Leib!«
Da lachte hell das junge Weib.
Es fuhr drauf fort die Kupplerin:
»Laß dir nicht trüben deinen Sinn,
Vielliebe Tochter mein, und sage
Mir, tatet ihr an jenem Tage
Nicht Speise seltner Art gar essen?
Sag an, erinnerst du dich dessen?«
»Ja,« sprach die Junge unverwandt,
»Ein Kraut, das Kerbel ist genannt,
Das kam an unser Essen;
Ich hab' es nicht vergessen!«
So sprach die Alte: »Das ist gut;
Nun, Tochter, habe frohen Mut.
Ich trau' mich dir zu helfen wohl,
wenn ich dir billig helfen soll!«
Die Junge von ihr Urlaub nahm,
Und als nach Haus sie wieder kam,
Fragte der Mann: »Wo warst du hin?«
»Du Lotter,« sprach sie wider ihn,
»Sahst mich nicht vor der Kirche stehn?
Wie soll's mir Armen noch ergehn,
Willst du nur immer Falsches sehn,
So sprich zu deinen Augen denn:
Wollt ihr mich stets betören,
Mit Narrentum beschweren?
Du gingst doch in die Kirche ein
Und standest bei dem Vetter dein;
Da sah ich ganz genau.
Daß deiner Augen Brau'
Auf ein Buhlweib gerichtet war;
Und weil mir das ist worden klar,
Ach, leide ich groß Herzeleid.
Und weil mein Herz es nicht verzeiht,
Daß dein gar ungeschlachter Leib
Viel lieber minnt ein ander Weib,
Tu' ich jetzt Kummer dulden
Ganz ohne mein Verschulden!«
Und solche Rede hebt sie an,
Versuchend, ob sie finden kann
Etwas fürwahr, mit dem sie ihn
Besänftiget, sich zum Gewinn,
Daß er sein Zürnen ließe sein.
Er sprach: »Die falschen Tücken dein,
Sie sind mir offen worden kund.
Mich sänftigt nicht dein böser Mund,
Ich sah sie klar wie Sonnenlicht!«
Nun hört, was sie darwider spricht:
»Es ist doch wahr, wie man erklärt,
Daß Männertreue nichts ist wert,
Das hab' ich wohl empfunden
An dir zu manchen Stunden!«
Sie weinte sehr und rang die Hände:
»Ach, lieber Gott im Himmel, sende
Den Tod mir, daß ich nicht mehr bin.
Nichts ärgert grimmer meinen Sinn,
Als daß ich dem nie untreu ward',
Der nimmer treu bei mir verharrt!«
Im Zorn er vor die Türe ging,
Das Kuppelweib ihn dort empfing
Und trat ihm schnell entgegen;
Sie narrte ihn verwegen.
Sprach: »Lieber Sohn, Gott sei mit dir.
Bei Gottes Leib, sollst sagen mir,
Ob du bist worden wild?
Es hat dein Menschenbild
So wunderlich sich gar entstellt,
Daß mich ein großer Schreck befällt!«
Er sprach: »Was ist mit mir geschehn?«
Sie drauf: »Ich tue an dir sehn
Zwei Nasen und der Füße vier;
Gott möge gnädig seien dir.
Geh heim, es steht dir übel. Mann!«
Gar laut zu lachen der begann
Und sprach: »O Mutter, so dir Gott,
Ist es dein Ernst, ist es dein Spott,
Oder ist dir dein Gesicht
Worden ganz zunicht?«
Sie sprach: »Ob ich im Ernst es sehe?«
In solchem Alter ich doch stehe,
Daß keines Manns ich spotten soll,
Fürwahr, ich sehe es gar wohl:
Du hast zwei Nasen, Füße vier!«
Darauf entgegnete er ihr:
»O Mütterchen, du siehst nicht recht.
Ich hab' ein Antlitz also schlecht,
Wie's sich für einen Menschen frommt!«
Als ob ihr die Erinnerung kommt,
Spricht die: »Laß besser dich betrachten;
Aß gestern ja, als es tat nachten,
Ein Kraut, das läßt uns Falsches sehen.
Weiß Gott, ich muß dir eingestehen,
Daß ich dir Unrecht hab' getan,
Ach, zürne mir nicht, lieber Mann,
Und schenke mir all' deine Huld;
Das Kraut ist wahrlich daran schuld.
Denn wer es isset, dem geschieht,
Daß er sich also sehr versieht:
Sieht eins für zwei und zwei für drei.
Schau, lieber Sohn, bei meiner Treu,
Solch Übel mir noch nie geschah,«
Fuhr weiter fort die Alte da,
»Bei dir, der du mir so vertraut.
Das schlimme und gar üble Kraut,
Es hat mich so verwirret,
Daß ich mich hab' geirret!«
Er sprach: »Wie wird das Kraut genannt?«
Sie drauf: »Geb's gerne dir bekannt.
Es heißet Kerbelkraut fürwahr!«
Gleich dachte da bei sich der Narr:
»Auch mir ist etwa so geschehn,
Und hab' mich, ach, so sehr versehn
An meinem lieben Weibe.
Wie hab' ich ihrem Leibe
Zu Unrecht dann so weh getan;
Und Buße muß ich tuen dann
Um meine Schuld vor Gott und ihr.
Ist es also geschehen mir,
Daß ich vom gleichen Kraute aß,
So glaub' ich um so eher das!«
Nicht länger wollte er dort stehn,
Er sagte: »Mutter, ich will gehn
Nach Haus, will sehn, ob in dem Essen
Neulich das gleiche Kraut gewesen!«
Sie ging nach Hause lachend dann,
Und heimwärts schritt der dumme Mann
In Eile, ohne Aufenthalt.
Dort fragte er sein Weib gar bald,
Was er an jenem Tag genossen,
Wo er so maßlos unverdrossen
Gezüchtigt habe ihren Leib.
Sehr zornig sprach alsdann das Weib:
»Das magst du fragen deine Magd,
Die hat hernach mir sehr geklagt,
Daß sie ein Kraut ans Mus getan,
Durch das sich deine Sinne dann
Verwirrten in dem Hirne,
Drum drehte sich deine Stirne,
Ich wähnte, es sei vom Wein!«
»Ach, liebe Fraue mein,
Wie wird das Kräutlein nur genannt?«
»Das gebe ich dir gern bekannt:
Es ist geheißen Kerbelkraut!«
»O wehe,« sprach er, »süßes Traut,
Jetzt sollst du es verzeihen mir,
Daß ich ein Unrecht tat an dir
Und ohne Grund schlug deine Glieder.
Sieh, es geschieht auch nimmer wieder;
Und meine Treue sei dir Pfand.
Als Sühne kriegst du ein Gewand,
Das schönste, was sich finden läßt!«
Getröstet war ihm so aufs best'
All' sein Gemüt und Herz und Sinn. –
Das schuf die alte Kupplerin
Und auch der junge lose Leib
Von seinem gar sehr bösen Weib.

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