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Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070923
projectid907212d0
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Die Märe vom Sperber

Es gab einstmals vor langer Zeit
Ein Kloster, das war schön und weit
Erbaut, und nichts war dran vergessen,
Was solchem Hause angemessen,
Es lebten aber Fraun darin;
Die ehrten Gott mit gutem Sinn.
Die Jungen und die Alten
Mit Singen, Händefalten
Die Horen hielten immerfort
Und dienten Gott mit frommem Wort,
wie sie's am besten wußten.
Zuweilen sie nun mußten,
wenn der Gesang zu Ende,
Beschäftigen ihre Hände
Mit Nähen, Wirken, Sticken.
Es würde jede drücken,
Wär' müßig sie geblieben.
Sie malten oder schrieben;
Und jede tat mit fleißiger Hand,
worauf sie sich sehr wohl verstand.
Nun aber war es Sitte dort,
wie mir gesagt, an jenem Ort,
Daß kein Mann, wer er mochte sein,
Ins Kloster durfte je hinein
In einer Angelegenheit.
Sie lebten drum in Ruhsamkeit
Da hinter ihres Klosters Tor;
Und ihrer keine kam hervor,
Die nicht ein Amt verwalten tat;
Und wer das nicht verstanden hat,
Der mußte immer bleiben drin.
Es lehrte die Schulmeisterin
Die Jungen singen und lesen,
Ein fein' sittsames Wesen
Beim Sprechen und beim Gehn,
Im Chor sich neigen und stehn,
Wie es der Orden gebot.
Ihr Mündchen war so rot,
Daß, wenn zu Gott sie baten
Und es mit Fleiße taten,
Er solchen Rosenlippen nie,
Das, was so heiß begehrten sie,
Voll Güte mochte versagen.
Nun war in jenen Tagen
Dort eine Jungfrau schön und froh;
wär' die gewesen anderswo,
Da sie die Menschen könnten sehen,
So müßte jedermann gestehen,
Daß sie zu nennen sei
Jedwedes Makels frei
Am Leibe und am Mute.
Sie war mit allem Gute
Gar reichlich ausgeschmückt,
Das uns an schönen Fraun entzückt.
Und nur das eine ihr gebrach,
Daß niemals sie mit Fremden sprach,
So daß ihr dort im Land
Menschen und Sitten unbekannt,
Die man da drauß' gebrauchen mag.
Und war nun schon seit manchem Tag
Im Kloster dort geblieben,
Und hat die Zeit sich da vertrieben
Fast an die fünfzehn Jahr.
Und achtete nicht um ein Haar
Auf der Welt Üppigkeit;
Und lebte in Einfältigkeit
So recht nach seinen Sitten
In dieses Klosters Mitten.
Dieselbe Jungfrau
Eines Tags zum Ausschau
Auf die Ringmauer ging,
Die das Kloster umfing.
Unweit der Klosterpforten
Führte die Straße dorten;
Die kam ein Ritter geritten.
Gut stand nach Rittersitten
Dem beides: Leib und Gewand;
Ein Sperber saß auf seiner Hand.
Und da er nahe kam vorbei,
Bot sie Empfang und Gruß ihm frei,
Als sie ihn sah; und dann hernach
Sie solchermaßen zu ihm sprach:
»Ich möchte gerne wissen,
Laßt Euch das nicht verdrießen,
Viellieber Herre mein,
Habt Ihr dies Vögelein
Etwa von fern geführet her?«
»Nein, Fraue, nein!« antwortet der.
Sie sprach: »So macht mir doch bekannt,
Wie Euer Vögelein wird genannt:
So gelb sind seine Füße und
Sein Augenpaar so schön und rund
Und sein Gefieder bunt und glatt;
Wär' dann auch noch sein Schnabel grad,
Ich keinen Fehler an ihm fände
Und, wenn ich recht mich drauf verstände,
Sagt' ich noch, daß es lieblich singt.
Die Fraue aber, der ihr's bringt,
Die muß Euch stets gewogen sein;
Es ist ein schönes Vögelein!«

Der Ritter hörte sofort
Aus der Jungfrauen Wort,
Daß sie ganz und gar
Gut und einfältig war.
Er machte ihr bekannt,
Es würde Sperber genannt:
»Und ist mir, Fraue, feil;
Er wird Euch gern zuteil,
Wollt Ihr ihn mir bezahlen!«
Sie sprach: »Zu seltenen Malen
Gibt man mir Geld zum Unterhalt;
Doch ist der Kaufpreis dergestalt,
Daß er mir könnte möglich sein,
Laß ich mich auf den Kauf wohl ein,
So gern hätt' ich das Vögelein!«
Er sprach: »Vielliebe Fraue mein,
Da ich des Kaufs Euch willig weiß,
So nehme ich gerne Euren Preis.
Um Eure Minne ihn Euch geben
Will ich; Ihr sollt nicht widerstreben!«
Die Jungfrau sprach darauf also:
»Das tät ich gerne und wäre es froh.
Nur fehlt mir leider, was Ihr wählt,
Was Ihr mir da habt vorerzählt
Und was Ihr Minne habt genannt,
Das ist mir leider unbekannt.
Hab' nie daran gesetzt den Fleiß,
Daß ich etwas von Minne weiß.
Ich, wie all' die Meinen,
Hab' nichts in meinen Schreinen
Wie nur zwei Muster zum Sticken,
Die Schere, drei Nadeln zum Flicken,
Zwei neue Haarbänder
Und des Feiertags Gewänder;
Und dabei meinen Psalter.
Ich gewann bei meinem Alter
Des Gutes mehr nicht an der Zahl;
Darunter lasse ich Euch die Wahl.
Und zürnt dann auch mein Mühmelein,
So habe ich doch das Vögelein!«
Er sprach drauf: »Minnigliches Weib,
An Minne reich ist Euer Leib.
Die wollte ich bei Euch sehen.
Dürft' ich mich unterstehen.
Sie bei Euch nun zu fassen;
Müßt mich nur währen lassen.
Ich hebe Euch von der Mauer nieder!«
»Wie käme ich hinauf dann wieder?«
Fragte die Jungfrau drauf also.
Der Ritter ward der Rede froh.
»Das würde ich, Fraue, fügen wohl!«
Sein Herze war der Freuden voll.
Die Liebe griff er alsobald
Und führte sie ohne Aufenthalt
Nach einem Baumgarten hin.
Und achtete drauf mit eifrigem Sinn,
Daß es gar niemand sähe,
Was mit ihnen beiden geschähe.
Sein Pferd band er in Hast
An eines Baumes Ast,
Den Sperber ebenso.
Sein Herze ward freudenfroh.
Er saß zu ihr in den Klee,
Er tat der Lieben sachte weh,
Er suchte die Minne, die er fand;
Dann umarmte er sie mit starker Hand.
Und umfing sie und küßte
Sie nach seinem Gelüste,
Und suchte wieder die Minne auf.
Es sprach die Jungfrau zu ihm darauf:
»Herr, nehmet Eure Minne recht.
Auf daß ich Euch nicht zahle schlecht,
Daß ich nicht komme in Sünden.
Hört, was ich Euch tue künden:
Wer ein Gut gewinnt
Und sich des besinnt,
Daß er es nicht wohl vergolten hat,
Tut eine große Missetat.
Nun nehmet hin eure Minne
Und sucht mit gutem Sinne,
Soviel Ihr ihrer mögt.
Ich habe mir überlegt,
Daß Ihr nicht voll bezahlt wärt;
Drum nehmt, soviel Ihr nur begehrt.
Seit ich mit Minne zahlen soll,
Getrau' ich mich zu bezahlen wohl.
Zu zahlen Euch bin ich bereit!«
Der Ritter, wacker, hübsch, gescheit,
Suchte abermals die Minne;
Und es deucht ihn in seinem Sinne,
Daß sein Sperber, auf Ehre,
Sehr gut bezahlt ihm wäre.
Er half ihr auf die Mauer dort,
Nahm Urlaub von ihr und ritt fort;
Nun höret, wie es ihr erging
Und wie sie dann ihre Sache anfing.
Sie ging und eilte hin
Zu ihrer Meisterin
Und sprach: »Vielliebes Mühmelein,
Hier dieses schöne Vögelein
Ist billig mir beschert
Und ohne Geldeswert.
Ein Herre hat es mir gegeben:
Möcht' er im Glücke immer leben!
Nie will ich ihn verfluchen!
Dafür ließ ich ihn suchen
Eins, das er Minne hat genannt.
Das ist mir worden nun bekannt
Also, daß ich nicht darnach frag',
Wie oft er's bei mir suchen mag.
Er ist ein Meister, der es kann;
Daß unser Kloster nie gewann
Solch einen Sucher all die Zeit,
Das ist mir jetzt und immer leid.
Wir sind an Gütern reich und schwer,
Da ist es doch unbillig sehr,
Daß dieses uns nicht ward zuteil.
Und hält man denn die Minne feil,
So sollten wir als Steuern gar,
Wären wir aller Güter bar,
All unsere Pfründe dafür geben;
So Liebes tat ich nie erleben.
Mit solcher Münze zahlt' ich ihm!«
Die Alte schalt drauf ungestüm
Und raufte sie und schlug sie dann.
Daß sie den Kauf jemals getan,
Das mußte sie Gott immer klagen;
Sie hat sie beinah tot geschlagen.
Und ihren Zorn sie lange spürt
Und zweimal sie die Erde berührt.
»Nun bist du worden ein Weib,
Dein gar sinnloser Leib
Hat dir genommen deine Ehr'.
Darum gewinnest du nimmermehr
Wieder Jungfrauen Namen;
Des magst du dich schämen, Amen!«
Ihr Zorn war unmäßig groß
Und manchen Kniff und Stoß
Hat da die Gute empfangen.
Als das nun war vergangen,
Da freute sich die Gute
Und dachte in ihrem Mute,
Wie sie nach ihrer Schuld
Wieder käme in Huld.
Der Gedanke in ihrem Herzen lag
Bis zum dritten Tag;
In Heimlichkeit dann schlich
Sie zur Mauer wieder sich.
Ob ihr das Heil geschähe
Und sie den Ritter sähe,
Darnach stand all ihr Trachten.
Sie brauchte nicht lange zu warten,
Einher kam er da hoch zu Pferd,
Und voll des Zorns sie aufbegehrt:
»Hebt mich von der Mauer nieder.
Gebt mir meine Minne wieder.
Und nehmt Euer Vögelein.
Weil es hat mein Mühmelein
Mit mir gezürnet sehr
Und sagt, ich hätte meine Ehr'
Durch den Sperber verschworen
Und mein Magdtum verloren.
Hebet mich zur Erde,
Auf daß mir wieder werde
Meine Minne und Euch das Vögelein!«
Er sprach: »Lieb Fraue, das soll sein!«
Und in den Klee hebt er sie nieder;
Er tut mit ihr wie vordem wieder
Und gibt ihr zurück die Minne,
Wie er es in seinem Sinne
Am allerbesten kann.
»Wär's mir vergönnt,« hub sie an,
»Ich kaufte alle Tage zwei Vögelein.
Nun aber sagt mein Mühmelein,
Ich hätte große Schmach.
Drum müht Euch tausendfach,
Daß ich jetzt werde wie vorher.
Ihr glaubt vielleicht, es schmerzte sehr
Und wollt' mich deshalb schonen gar,
Das sollt Ihr sorgen nicht fürwahr.
Macht Ihr mich wieder nun zur Magd,
So dürft Ihr von mir unverzagt.
Hab' bei Euch alles gut,
Was Ihr nun an mir tut;
Es muß ja auch mein Mühmelein
Ihr großes Zürnen lassen sein,
Wenn ich ihr die Märe künde!«
Zum zweiten küßt er sie geschwinde
Und sprach dann: »Liebe Fraue mein,
Ich kann nicht länger bei Euch sein,
Muß jetzt von Euch fahren.
Gott möge Euch Leib und Ehre bewahren!«
Sie sprach: »Ihr fahrt nicht also hin!
Weil ich einfältig bin,
Wollt Ihr mich hintergehen.
Ich würde Euch halten und schmähen,
Eh', daß Ihr führet so von mir;
Ihr habt vergolten mir nur zwier
Und nahmt mir dreimal meine Minne;
Es zeugte von niederem Sinne,
Wolltet Ihr also von mir weichen.
Ihr müsset mir dergleichen
Die dritte Minne wiedergeben;
Und möchtet Ihr da widerstreben,
So habt Ihr immer meinen Haß!«
»Sehr gerne, Fraue, tu' ich das!«
Der tugendsame Ritter spricht;
Die Rede, die verdrießt ihn nicht.
Und gleich er ihr gegeben hat
Die dritte Minne, wie sie bat.
Er hilft ihr auf den Mauerstein
Und reitet weg, sie geht hinein.
Die Fraue war des Tausches froh;
Zur Meisterin sprach sie also:
»Nun, vielliebes Mühmelein,
Laß dein großes Zürnen sein
Und jetzo deine Huld mir lachen,
Denn gut tat ich es wieder machen,
Worum du mich geschlagen.
Ich will dir liebe Märe sagen:
Hab' wieder meine Minnen;
Als ihr schliefet drinnen
Heute vor der None,
Da bezahlte mit schönem Lohne
Der Herre mich, dem ich Minne gab;
Ohne Stütze und Stab
Kam ich über die Mauerhöhe fürwahr,
Es war ein Ding sehr wunderbar,
Daß du zürntest so sehr
Und sagtest, er habe meine Ehr'
Mit der Minne mir genommen.
Und wär' er nicht wiederkommen,
So müßte ich dennoch gesunden.
Ich bleibe ihm hold zu allen Stunden,
Dieweil er ist ein treuer Mann.
Das merkte ich wohl daran:
Er bezahlte mir in guter Art.
Gott gebe ihm eine frohe Fahrt!
Das wünsche ich ihm, wie ich soll.
Er paßte hierher ins Kloster wohl.
Und wäre er hier, ich wäre es froh!«
Die Alte aber sprach also:
»Was man auch sagt oder tut,
Du hast einen einfältigen Mut;
Wäre der Schaden nur einer,
So wäre er desto kleiner.
So ist der Schaden nun zwiefach geschehn,
Das sollte ich haben vorhergesehn.
Und weil ich das nicht habe getan,
Muß ich von meinem Zorne lan!«

Wer das Feuer kennt,
Der wache, daß es ihn nicht brennt.
Wer sich dessen nicht versieht
Und solcher Schaden ihm geschieht,
Den niemand kann verhüten.
Den lasse man gehen in Güten;
Das ist weiser Leute Art.
Und hiermit euch erzählet ward
Die gar hübsche Geschicht',
Die vom Sperber spricht.

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