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Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 29
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070923
projectid907212d0
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Sankt Martinsnacht

von dem Stricker

Es war ein reicher Bauersmann,
Der laut zu feiern einst begann
In der Sankt Martin heiligen Nacht;
Er trank gar viel mit aller Macht,
Desgleichen das Gesinde sein;
Er hatte wahrlich guten Wein.
Als sie getrunken dann so sehr,
Daß ihnen ward die Zunge schwer,
Da kamen Diebe sacht herbei,
Die merkten gut an dem Geschrei
Und an den Reden, die die führten,
Daß sie des Trunkes Wirkung spürten.
Da wurden des Entschlusses die,
Sie brächen jetzo oder nie
Ein Loch in seinen Rinderstall;
Doch schreckt' des Wirtes Lärm und Schall
Jedweden, daß er draußen blieb,
Hinein nur seinen Burschen trieb;
Nun war ein Kecker unter ihnen,
Der konnt' dem Diebsgewerbe dienen.
Ein furchtlos Herz im Leib er trug,
War obendrein auch schlau genug;
Der schlüpfte dann zuletzt hinein.
Da hätten ihm den Nutzen sein
Beinah' zwei Hofhunde genommen;
Die sind voll Wut herbeigekommen
Und bellen in den Rinderstall.
Da hört der Wirt den Lärm und Schall
Und kommt mit einem Licht herzu,
Gewahrt den Dieb denn auch im Nu.
Als dieser merkte gar sehr bald,
Er käme nicht aus des Wirts Gewalt,
Er dort in großer Sorge war;
Zog sein Gewand aus ganz und gar,
So daß der Wirt ihn nackend fand,
Und schlug mit seiner rechten Hand
Über den Wirt und auch sein Kind
Und gleichfalls über jedes Rind
Das Kreuz wohl zwanzigmal zur Stund',
Dazu bewegte er den Mund
Recht so, als spräche er den Segen;
Und tat sehr eifrig solches pflegen.
Als dieses nun der Bauer sah,
Stand er wahrhaftig wortlos da
Und blickte des Gebaren an,
Da winkte ihn der Dieb heran;
Der Wirt trat aber auf ihn zu,
Der Dieb sprach also: »Siehest du,
wie ich gesegnet all dein Gut?
Es steht dein Glück in meiner Hut,
Ich bin Sankt Martin, merk's dir fein,
Und will vergelten dir den Wein,
Den du getrunken hast für mich;
Dein Trinken ist gar meisterlich;
Da du es meinetwegen tust,
Du Freude dafür haben mußt:
Hier waren Diebe hergekommen,
Die hätten gerne dir genommen
Die Rinder und dein ander Gut,
Drum stehe ich hier auf der Hut,
weil ich dein Gut fürwahr und dich
Behüten will; vertrau' auf mich!
Des will ich immer fleißig pflegen,
Ich hab' gesprochen meinen Segen
Für dich, und der soll nie versiegen,
Wo du auch nur dein Gut läßt liegen,
Es niemand, wahrlich, stehlen kann.
Nun tu' dein Licht aus, braver Mann,
Und geh' nach deiner Stube hin;
Von wo ich hergekommen bin,
Dahin will ich gleich wieder fahren
Und will dich immerfort bewahren!«
Da weinte der Wirt vor Freude gar
Und glaubte denn dem Dieb fürwahr,
Er wäre wirklich Sankt Martin.
»Wohl mir,« sprach er in seinem Sinn,
»Viel armen Sünder, mich hat jetzt
Der gute Sankt Martin ergetzt
Und hat mich heimgesuchet hier
Mit seiner Gnade für und für,
Dieweil er mich und auch mein Gut
will wahren treu in seiner Hut!«
Da widerstrebt' er länger nicht,
Er löschte willig aus sein Licht
Und glaubte fest, bei seiner Ehre,
Daß jener Sankt Martinus wäre.
In seiner Trunkenheit geschah es,
Der Dieb in seiner Freude sah es.
Der Wirt ging zu den Seinen hin.
»Wohl mir, daß ich so selig bin,«
Hub er da an mit frohem Sinn,
»Ich habe wahrlich Sankt Martin
Mit eignen Augen jetzt gesehn;
Nie soll's mir fürder übel gehn.
Er sagte dafür mir nun Dank,
Daß ich mit euch so wacker trank
Von wegen seiner großen Liebe.
Er sagte auch, daß ich die Diebe
Sollt' fürchten nimmermehr.
Er hat mich also sehr
Gesegnet und mein Hab und Gut,
Daß fernhin ich in sichrer Hut.
Die mir hier Treue schuldig sind,
Die trinken meinen Wein geschwind
Heut' mit mir zu Sankt Martins Ehr',
Denn ich will nun und nimmermehr
Ihn lobzupreisen stille sein;
Und wollten meine Hühner Wein,
Bekämen sie ihn,« also er.
»Schenk' wacker ein und bringe her,«
Sprach er zu seinem Knecht.
»Erfahren hab' ich recht:
Wer stets die Heiligen ehrt,
Dem wird viel Gut's beschert.
Wir sollen trinken meinen Wein
So fest, daß Sankt Martinus mein
Ein immer größerer Heiliger wird,
Und sollen trinken unbeirrt,
Daß er's uns dankt in gutem Sinn.
Da ich ihm wohlgefällig bin,
Er mich vor Schaden will bewahren,
So darf ich nimmer etwas sparen.
Was ich gewinne nach dieser Frist,
Dem Trunk auf ihn geweihet ist;
Das ist doch wahrlich meine Schuld.
Wie wird dann auf mich seine Huld
Gar immer reicher kommen.
Da ich von ihm vernommen,
Daß er des Trinkens viel begehrt,
Wird ihm das gern von mir gewährt!«
Nun trank er und die Seinen dann
Auf Sankt Martin, den heiligen Mann;
Und seiner sie gedachten,
Sie sich von Sinnen brachten,
Bald ihnen der Vernunft gebrach;
Es wußte keiner, wo er lag.
Drauf sprach der Wirt zu seinem Weib:
»Nun geh, so lieb dir ist dein Leib,
Und hole alten Käse her.
Den woll'n wir essen,« also er,
»Der Wein schmeckt uns viel besser dann!«
Nicht lange sich das Weib besann,
Sie brachte her, was er gebot.
Dann ward vom Trunk ihr Kopf so rot,
Sie wurden all' des Weines voll,
Sie tranken auf der beiden Wohl
Auf seines und auf seines Weibes,
Auf das der Seele, das des Leibes
Und aller andern insgesamt;
Sie waren alle heiß entflammt.
Er sprach: »Trinkt, Kinder, wacker nun,
Es ist doch alles nichtig Tun,
was hier an Trinken ist geschehn,
Man soll noch solche Trünke sehn,
Die gelten mögen ehrenvoll.
Herr Sankt Martinus, auf dein Wohl!
Ja, wer vermochte dir zu gleichen,
Es müssen alle vor dir weichen,
Die da im Himmelreiche sind.
Trinkt aus die Becher nun geschwind
Und schenket ein vom neuen;
Sankt Martin muß es freuen,
Daß wir hier heute trinken so
Und unsere Seelen werden froh.
Trinkt wacker zu mit aller Macht;
Welch' Heiligem ist denn eine Nacht
Geweiht wie Sankt Martinus mein.
Und würden wir auch meinen Wein
Noch heute trinken völlig aus,
Ich machte mir wahrlich nichts daraus!«
Das hat dem Diebe in der Nacht
Gar viele Freude ja gemacht,
Er trieb drauf aus dem Stalle
Die starken Ochsen alle
Und dazu viele gute Kühe.
Als nun der Wirt des Morgens frühe
Ernüchtert aufstand und jetzt flink
Nach seinem Rinderstalle ging,
Da war der gar von Rindern leer.
Ansagte er die böse Mär'
Und sprach zu dem Gesinde sein:
»Ich glaube, daß Sankt Martin mein
Uns alle Rinder hat genommen;
Ich weiß nicht, wo sie hingekommen!«
Da ward der Morgen, dünket mich,
Nicht gleich dem Abend sicherlich:
Dem er am Abend hatte wohl
Gefüllet zwanzig Becher voll,
Dem füllte er nun nicht einen.
Er fing an sehr zu weinen
Und ebenso auch Weib und Kind.
Es sprach sein Weib, er sei ein Rind
In allem seinen Wissen gar,
Weil er den Sankt Martin fürwahr
Mit eignen Augen wähnt' zu sehn.
So war ihm Schaden und Schmach geschehn.
Jedoch beklagt er ganz allein
Den Schaden, nicht das Laster sein.

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