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Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 24
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
correctorreuters@abc.de
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created20070923
projectid907212d0
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Otto mit dem Barte

von Konrad von Würzburg

Ein Kaiser Otto war genannt,
Des Majestät gar manches Land
In Bangen untertänig ward;
Sehr schön und lang war dessen Bart,
Weil er ihn pflegend wahrte;
Und was bei diesem Barte
Er schwur, das hielt er stets fürwahr.
Er hatte rötlichfalbes Haar
Und war, weiß Gott, ein grimmer Herr.
Voll schlimmen Mutes brannte er,
Das wurde oftmals offenbar.
Wer feindlich ihm gesinnt nur war,
Der hatte seinen Leib verloren;
Und über wem der Eid geschworen
Von dieses Kaisers Munde ward:
»Du sühnst es mir bei meinem Bart!,«
Der mußte sterben kurzerhand,
Dieweil er keine Milde fand
Bei seinem Starrsinn alsdann.
So hatte er wohl manchem Mann
Das Leben und den Leib genommen,
Der sich um seine Gnade kommen
Um großer Schulde willen sah.
Nun hat er einst zu Bamberg da
In seiner schönen Trutzburg weit
Verlebt die schöne Festeszeit:
Es war zum Fest der Ostern.
Da kamen aus den Klostern
Viel hohe Äbte an den Hof,
Und mancher edle Erzbischof
Voll Eifers eilte zu ihm hin.
Auch kamen her mit frohem Sinn
Die Grafen und manch freier Mann,
Der seinem Reich gehörte an
Und auch dem kaiserlichen Herrn
Sie kamen hergezogen gern
In fröhlichem Gedränge.
Und als die Meßgesänge
Geschehn am österlichen Tage,
Da ward dann ohne viele Klage
Der Tisch bereitet unentwegt.
Es ward das Brot daraufgelegt,
Manch schönes Trinkgefäß daneben
Gestellet auch, damit, wenn eben
Der hohe Kaiser Otte
Mit seiner Fürsten Rotte
Her aus dem Münster käme,
Den Trunk er zu sich nähme
Und einen Imbiß kurzerhand.
Nun war zufällig hergesandt
Ein edler Jungherr, der war schön,
Voll Adel, lieblich anzusehn,
Sein Herz war wie sein Leib so klar,
Die Leute ohne Falsch fürwahr
Ihm alle hohes Lob dort gaben.
Sein Vater aber war von Schwaben
Der Herzog sehr gewaltig;
Und Gut gar mannigfaltig
Sollt' dieser erben ganz allein.
Der Knabe nun, so schön und fein,
Des Tages da zu Hofe ging
Und trat vor jenen Tisch hin flink
Und streckte aus das Händchen sein
Und nahm ein weiches Brot darein,
Das wollte er essen wie ein Kind,
Die immerdar man hungrig find't
Und deren Willen ist bereit,
Zu essen gern und jederzeit.
Als nun der Fürst gar wonnesam
Das kleine Brötchen an sich nahm
Und sich ein Teil davon brach ab,
Da ging an ihm mit seinem Stab
Des Kaisers Truchseß stolz vorbei,
Sah nach, ob alles fertig sei,
Wenn der Gesang zu Ende gar.
Der wackre Mann ward da gewahr,
Daß dieser Jungherr ohne Bangen
Sich tat ein weiches Brötchen langen,
Worauf er denn sehr zornig ward.
Nun war der Herr von solcher Art,
Daß ihn verdroß ein kleines Ding.
Er lief zu jenem Jüngeling;
Mit seinem Stabe, den er trug,
So fest er auf das Haupt dann schlug
Den Knaben, der so edel war,
Daß ihm der Scheitel und das Haar
Vom roten Blute wurden naß;
Und er sank nieder dort und saß
Und weinte bitter vor sich hin,
Dieweil der Truchseß wagte ihn
Zu schlagen; solches sah ein Held,
Der war ein Ritter auserwählt
Und hieß von Kempten Heinrich;
Des edle Sinne hatten sich
Mit hoher Tapferkeit gepaart.
Der machte mit dem Kind die Fahrt
Von Schwaben her, wie ich vernahm,
War sein Erzieher lobesam,
Und liebevoll er ihn erzog.
Daß aber man den Jungherrn hoch
So unbarmherzig dorten schlug,
Woran der schwer und bitter trug,
Es schuf ihm Qual und Ungemach;
Der unverzagte Ritter sprach
Zum Truchseß aber, der so roh,
Voll grimmen Zornes nun also:
»Was habt Ihr denn gerochen,
Daß Ihr jetzt habt zerbrochen
Hier Eure ritterliche Zucht,
Daß eines edlen Fürsten Frucht
So übel Ihr geschlagen?
Ich will Euch wahrlich sagen,
Ihr handelt anders, wie Ihr sollt,
Dieweil Ihr meinen Herren hold
Jetzt ohne alle Schuld bestraft!«
»Deswegen nur ganz ruhig schlaft,«
Verteidigte der Truchseß sich,
»Es ziemt sich sicherlich für mich,
Daß frechen Knechten ich hier wehre
Und jeglichen noch Sitten lehre,
Der hier zu Hofe zuchtlos ist.
Laßt Eure Red' zu dieser Frist
Nur bleiben ganz und gar;
So wenig fürcht' ich Euch fürwahr,
Wie sich der Habicht vor dem Huhn.
Was wollt Ihr wider mich denn tun,
Weil ich den jungen Herzog schlug?«
»Bekannt wird das Euch bald genug,«
Sprach da von Kempten Heinerich,
»Daß Fürsten Ihr, die adelig,
Hier also wagt zu bleuen,
Das sollt Ihr mir bereuen;
Hingehen laß ich's länger nicht.
Ihr ungeschlachter Bösewicht,
Wie durftet Ihr es wagen,
Das Kind also zu schlagen
Mit solchem übergroßen Streich?
Daß Eure rohe Hand sogleich
Und also ruchlos solches tut,
Drum muß bespritzen Euer Blut
Den Saal und diesen Flecken!«
Er griff als einen Stecken
Da einen Knittel derb und schwer,
Schlug den auf dessen Kopf so sehr,
Daß der zerbarst gar wie ein Ei;
Und schlug den Schädel ihm entzwei
Wie einen Topf in Scherben dann,
Daß er zu drehen sich begann
Dem Kreisel gleich und um und um.
Der Kopf zerschellte, und herum
Spritzt' das Gehirn, so glaube ich.
Er sank dann auf den Esterich
Und lag ganz jämmerlich dort tot;
Vom Blute ward der Saal gar rot
Und großer Lärm entstand dabei
Und überlautes Wehgeschrei.
Nun ist der Kaiser auch gekommen
Und hat den Trunk zu sich genommen,
Tat sitzen da an jenem Tisch;
Das Blut begann er, das so frisch
Da auf dem Estrich, nun zu sehn.
Er sprach: »Was ist denn hier geschehn?
Wer hat den Saal geschändet mir,
Wer hat die Tat getan allhier,
Daß der so blutig worden ist?«
Da nun begann zu dieser Frist
Sein Ingesinde ihm zu sagen,
Daß ihm sein Truchseß ward erschlagen,
Und daß es eben jetzt geschah.
Im Zorne sprach der Kaiser da:
»Wer hat damit beleidigt mich?«
»Das tat von Kempten Heinrich!«
So riefen alle um ihn her.
»Ja,« sprach der kaiserliche Herr,
»Hat der ihm seinen Leib genommen,
Ist er zur Unzeit gar gekommen
Von Kempten her in unser Land!
Es werde gleich nach ihm gesandt,
Er trete vor mein Antlitz her,
Ich will ihn fragen, warum er
Mir zugefügt hat solchen Schaden!«
Da ward der Ritter vorgeladen
Vor seinen Kaiser, der ihm gram.
Und als er dem vor Augen kam
Und der ihn schon von weitem sah,
Voll grimmen Zornes sprach der da:
»Warum, Herr, habt Ihr so getobt,
Daß hier mein Truchseß hochgelobt
Von Eurer Hand ermordet lag?
Ihr häuftet nun am heutigen Tag
Auf Euch all meinen Groll und Grimm;
Mein kaiserliches Ungestüm
Soll an Euch werden offenbar;
Habt meines Hofes Ehr' fürwahr
Und meine Herrlichkeit zerbrochen!
Gar bitter wird an Euch gerochen
Der wilde Frevel und die Tat,
Daß man den guten Truchseß hat
Von Eurer Hand hier sterben sehen!«
»Nein, Herre, laßt es nicht geschehen,«
Sprach unverzagt Herr Heinrich,
»O, lasset Gnade finden mich
Und Eure stete Huld.
Vernehmet in Geduld,
Wie ohne Schuld ich schuldig bin!
Hab' ich mit meinem heißen Sinn
Verdienet Eure Feindschaft dann,
So wendet Eure Macht nur an,
Verdammt und tötet mich!
Erzeigt es aber sich,
Daß nicht die Schuld war mein,
So wollt mir gnädig sein;
Laßt mich nicht strafen Eure Hand
Bei unserm Herrn, der heut' erstand
An diesem österlichen Tag!
Vergönnt, daß ich erlangen mag
All Euren hohen Edelmut!
Ihr seid doch auch von Fleisch und Blut;
Und da Ihr auch verständig seid,
So ehret diese Festeszeit
An mir gar Armen heute!
Laßt's mich entgelten, daß der Leute,
Der edlen viel, man schauet hie.
Geringer ist ein Fehl ja nie,
Dem jemals Gnade wird zuteil;
O, darum lasset mich das Heil
Hier finden und erwerben,
Auf daß ich nicht muß sterben!«
Der Kaiser ward vor Zorn ganz rot
Und ihm darauf die Antwort bot
Aus einem grimmen Herzen.
Er sprach: »Die Todesschmerzen,
Die hier mein armer Truchseß litt,
Die fühle ich gar schmerzlich mit,
So daß ich nicht gesonnen bin
Zu zeigen einen gnädigen Sinn
Bei Eurer großen Schuld.
All meine hohe Huld
Euch jetzo ganz genommen ward;
Ihr büßet es, bei meinem Bart,
Daß hier mein Truchseß voller Not
Durch Euch erlitt den bittren Tod!«
Der edle Ritter Heinrich
Bei diesem Eide baß erblich
Des argen Kaisers, denn er wußte,
Daß er jetzt wirklich lassen mußte
Sein Leben hier an dieser Stelle.
Doch Zorn ergriff ihn also schnelle,
Daß er sich gerne wollte wehren;
Er mochte das Leben nicht entbehren,
Darnach stand seines Herzens Sinn.
Doch wußte er auch immerhin,
Daß, was er bei dem Barte hieß,
Der Kaiser stets vollführen ließ.
Drum schrie er laut: »Nun merk' ich wohl,
Daß ich gewißlich sterben soll.
Recht tu' ich, wehre ich mich eben
Und rette mir mein armes Leben,
Derweilen ich es ja noch kann!«
Da sprang der auserwählte Mann
Geschwinde zu dem Kaiser hin;
Bei seinem Bart ergriff er ihn
Und zog ihn über seinen Tisch.
Es mochte Fleisch sein oder Fisch,
Was man da vor ihm aufgestellt,
Jetzt alles in den Schmutz hinfällt,
So zog er ihn am Barte; und
Am Kinne ward er und am Mund
Der Haare viel beraubt;
Sein kaiserliches Haupt
Ward wahrlich sehr schimpfieret.
Die Krone, wohl gezieret,
Die oben drauf gesetzet war,
Fiel ihm aus seinem dichten Haar
Und auch des Schmuckes stolze Pracht.
Der hat ihn unter sich gebracht
Geschwinde und zuzeiten
Und zog von seiner Seiten
Ein Messer, das war gut gewetzt;
Das hat er alsobald gesetzt
Und schnell an dessen Kehle hin,
Begann drauf mit der Linken ihn
Fest an der Kehle gar zu würgen
Und sprach: »Nun lasset stracks mich Bürgen
Empfangen und auch Sicherheit,
Daß Eure Gnade mir bereit
Und Eure Huld mir werde,
Sonst habt Ihr auf der Erde
Das Leben wahrlich jetzt verloren.
Den Eid, den Ihr vorhin geschworen,
Nehmt auch zurücke obendrein,
Es muß sonst Euer Ende sein!«
Er hing an ihm wie eine Klette
Und raufte ihn gar um die Wette
An seinem langen roten Bart;
Und würgte schier ihn also hart,
Daß er nicht konnte sprechen.
Die Fürsten, die da zechen,
Gar tapfer auf nun sprangen,
Sie liefen her und drangen
Dorthin schnell all' zugleich,
Allwo der Kaiser bleich
Lag unter dem von Kempten;
Und den an Kraft erlähmten
Den hätten sie zu dieser Zeit
Sehr gerne wohl von ihm befreit.
Da sprach der Ritter Heinrich:
»Berühret jetzo einer mich,
So ist es ja des Kaisers Tod!
Und darnach bringe ich den in Not,
Der jetzt als Erster mich rührt an:
Dieweil ich nicht genesen kann,
Kommt nun der Wirtsherr in Gefahr;
Den Weisen stech ich ab fürwahr
Mit diesem festen Messer hier.
Auch müssen es die Gäste mir
Entgelten, die mich schlagen wollen,
Und manchen Tropfen Blutes sollen
Verlieren sie, eh' ich verderbe!
Heran, wer will, daß er jetzt sterbe,
Der komme her und pack' mich an!«
Da trat zurücke Mann für Mann,
Wie Jenes Wort ihnen gebot,
Der Kaiser auch in seiner Not
Gar sehr zu winken da begann,
Daß seitwärts träte jedermann.
Dies ward getan und dies geschah.
An Hub zum Kaiser aber da
Der unverzagte Heinrich:
»Laßt hier nicht länger liegen mich,
Wollt Ihr noch leben manche Zeit.
Gebt Ihr mir jetzo Sicherheit,
Daß frei ich bin, laß ich Euch leben.
Wird mir Gewißheit nicht gegeben,
Daß mir verziehn ist, töt' ich Euch!«
Erhoben hat den Finger gleich
Der Kaiser nun und tat ihm schwören
Bei seinen kaiserlichen Ehren,
Daß er ihn ließe dieser Stund'
Von dannen ziehn heil und gesund.
Kaum aber war geschehen dies,
Als der den Kaiser fahren ließ.
Sprang hoch vom Boden auf der Stelle,
Ließ augenblicklich los und schnelle
Den roten Bart aus seiner Hand.
Und als der Kaiser unverwandt
Erhoben sich vom Estrich wieder,
Ließ er auf seinen Stuhl sich nieder,
Der prächtig gar verzieret war.
Begann den Bart und auch sein Haar
Zu streichen und hub also an
Zu unserm kecken Rittersmann:
»Ich hab' Euch Sicherheit gegeben,
Daß Euren Leib und Euer Leben
Ich unverderbet lasse.
Zieht hin denn Eure Straße,
Also daß Ihr mich immer
Vermeidet und ich nimmer
Mit meinem Aug' Euch sehe.
Ich merke und gestehe,
Daß Ihr zum Hausgenossen mir
Zu lästig seid. Auch habet Ihr
Unziemliches an mir getan.
Wer aufmerksam nun siehet an
Hier meinen Bart, der merket wohl,
Daß ich den Umgang mit Euch soll
Für jetzt und immer gern entbehren;
Mir muß ein andrer Meister scheren
Den Bart, das merkt Euch ohne Spott.
Mein Bart muß immerdar, bei Gott,
Wohl Euer Schabemesser meiden;
Das tut fürwahr sehr unsanft schneiden
Dem König Haut und Haare ab.
Zu gut ich das empfunden hab',
Daß Ihr ein übler Schaber seid.
Ihr sollt um diese Tageszeit
Uns schleunigst räumen Hof und Land!«
Drauf nahm der Ritter kurzerhand
Von seines Kaisers Mannen
Urlaub und fuhr von dannen.
Er kehrte heim nach Schwaben wieder
Und ließ sich dort im Lande nieder
Auf einem reichen Lehen bald.
Es hatte Acker, Wiesen, Wald
Der Herr von Kempten reichlich gar;
Ließ sich dort nieder, weil er war
Ein Dienstmann dieser selben Stadt.
Die Forschung kundgetan es hat,
Daß er ein gutes Leben führte,
Da er ja keine Not verspürte,
Und daß er dort war wohlbekannt. –
Zehn Jahre gingen übers Land,
Darnach es also denn geschah,
Daß unser Kaiser Otto da
In einer großen Fehde lag
Jenseits der Alpen manchen Tag
Vor einer wunderschönen Stadt
Er aber mit den Seinen hat
Drauf Fleiß verwendet immerfort
Und zugesetzt der Feste dort
Mit Steinen und mit Pfeilen viel.
Doch ehe er noch kam zum Ziel,
Es so an Mannschaft ihm gebrach,
Daß er nach deutschen Rittern jach
Begann nun auszusenden.
Er ließ an allen Enden
Den Leuten künden und auch sagen,
wer etwas hätte in den Tagen
Zu Lehen ja vom Reich,
Der sollte ihm sogleich
Zu schneller Hilfe kommen, und
Tat auch noch jeden Fürsten kund,
Daß, wer ihm untertänig sei
Und Lehn und Leute auch dabei
Empfangen hätte einst durch ihn,
Sollt' auch zu helfen kommen hin
Nach Apulien zu den Zeiten
Und dorten für ihn streiten;
wer aber das nicht täte,
Daß der sein Lehen hätte
Verwirkt und sollt' es lassen dann.
Als diese Botschaft wird getan
Allüberall im deutschen Land,
wird auch nach Kempten hingesandt
Zum Abte dort ein Bote ja,
Der ihm die Märe kündet da.
Als dieser Fürste lobesam
Des Kaisers Hilferuf vernahm,
war er zu schneller Fahrt bereit;
Auch hat er schnell nach weit und breit
Zu seinen Leuten hingesandt
Und sie an ihre Pflicht gemahnt,
Zur Heerfahrt aufgerufen dann.
Den gar bescheidnen Rittersmann
von Kempten ließ er zu sich kommen
Und sprach: »Ihr habet wohl vernommen,
Daß Kaiser Otto hat gesandt
Nach Leuten in das deutsche Land;
Ich ja der Fürsten einer bin,
Der ihm zur Hilfe kommen hin
Wohl über das Gebirge soll.
Dazu bedarf ich Eurer wohl
Und aller meiner Leute;
Die nehm' ich mit mir heute
Und Euch zuvörderst ohne Rast.
Daß Ihr die Fahrt nicht unterlaßt,
Die mir und Euch geboten ist!
Deshalb sollt Ihr zu dieser Frist
Bereit zu unsrer Heerfahrt sein!«
»Was sagt Ihr da, ach, Herre mein?«
Hub an von Kempten Heinrich,
»Ihr wißt doch wahrlich noch, daß ich
Mich vor dem Herrn nicht zeigen darf,
Dieweilen er ja auf mich warf
All seinen Zorn; er tut mich hassen.
Ihr müßt das Reisen mir erlassen,
Da ich Euch so ergeben bin.
Der Kaiser nahm in hartem Sinn
Mir seine Gnade ganz und gar
Und deckte über mich fürwahr
Mit schwerer Decke seinen Zorn.
Zwei Söhne sind mir ja gebor'n,
Die sende ich, Herr, mit Euch hin;
Eh' daß ich es alleine bin,
Nehmt beide mit Such, Herre, denn!
Sie sollen wohlgerüstet gehn
Mit Euch nach jenem Lande hin!«
»Nein, Ritter,« sprach der Abt, »ich bin
Gewillt nicht, daß ich sie begehre
Und jetzo Euch dafür entbehre,
Dieweil Ihr mir ja besser nützt.
Mein Trost, all meine Ehre stützt
Sich nur auf Euch zu dieser Zeit.
Auch könnet Ihr bei einem Streit
Mir guten Rat erteilen wohl.
Und was man großer Dinge soll
Zustande bringen allerwege,
Schafft Eure Sorgfalt, die so rege,
Mir besser als die Andrer gar.
Kein andrer nützt mir mehr fürwahr
Auf diesem Zuge jetzt als Ihr.
Und darum bitt' ich, daß Ihr mir
Stets Rat mit weiser Lehre gebt!
Doch wenn Ihr mir daß widerstrebt
Und Euren Dienst verweigert hier,
Nehm ich Euch, was zu Lehen Ihr
Von mir erhalten; weiß Gott, dann
Geb' ich es einem würdiger'n Mann!«
»Ja,« sprach der Ritter wenig froh,
»Steht diese Sache denn also,
Daß meine Lehnschaft ist dahin,
Wenn ich Euch nicht gehorsam bin,
Geh ich mit Euch, beim heiligen Christ,
Wie sorgenvoll zu dieser Frist
Sich anlaßt auch die Fahrt für mich.
Eh' nun aus meinen Händen ich
Mein Lehn und meine Ehr' will geben,
Eh' reit ich mit Euch ohne Beben
Wahrhaftig in den grimmen Tod.
Bereit soll Euch zu meiner Not
Gar willig meine Hilfe sein,
Dieweil Ihr seid der Herre mein,
Dem wahrlich ich muß Dienst gewähren.
Da meiner Ihr nicht wollt entbehren,
Gehorche ich Euch gern und gut.
Was mir der Kaiser Übles tut,
Das will ich still erleiden,
Damit ich Euch zu Freuden
Gedienet hab' auf dieser Fahrt!«
Nicht länger drauf gezögert ward.
Bereit war bald der tapfre Mann,
Er zog mit seinem Herren dann
Wohl über das Gebirge hin.
Er war so kühn mit frohem Sinn,
Daß er aus Furcht nichts unterließ,
tat alles, was sein Herr ihn hieß,
Und war ihm untertänig stets.
In großer Eile aber geht's
Hin nach derselben reichen Stadt,
Die ja der Kaiser Otto hat
Belagert mit dem starken Heer.
Heinrich von Kempten barg sich sehr
Vor seines Kaisers Angesicht.
Und zeigte sich wahrlich vor ihm nicht,
Er fürchtete sich vor dessen Haß,
Auch seiner Schuld er nicht vergaß.
So floh den der gar kühne Mann. –
Ein wenig ab vom Heere dann
Hat er sein Zelt sich aufgeschlagen,
Ein Bad ist ihm darein getragen
Nun eines Tags, wie ich erfuhr,
Dieweil er nach des Weges Spur
Seiner bedarf; da badet er
In einem Zuber, der ihm her
Aus einem Dorfe war gebracht.
Und als der Ritter mit Bedacht
Dasitzen tat in seinem Bad,
Da sah er kommen aus der Stadt
Der Bürger eine große Masse.
Und auch der Kaiser nahm die Straße
Und ritt zu ihnen eilends fort.
Von ihrer Stadt manch' gutes Wort,
Von Übergabe wollt' er sprechen;
Da hatten ruchlos sich die Frechen
Betrug und Hinterhalt erdacht
Und einen Plan voll Niedertracht:
Daß sie ihn schnell erschlügen.
Gedachten es zu fügen,
Daß man ihn da erschlagen sollte,
wenn er mit ihnen sprechen wollte,
Die Waffenruhe brechend dann.
Und als die Zeit nun war heran,
Geschah's, ich stehe ein dafür,
Daß der geritten kam nach hier
Und war der Waffen gänzlich bar.
Als er bei ihnen aber war,
Man heimlich eine Falle legt,
Er geht hinein ganz unentwegt
Und ungewarnt: er wird von allen
Mit schnöden Waffen überfallen.
Zumal die Menge voller List
Schaut, daß er ohne Waffen ist,
Will sie ihm Unheil bringen ja.
Und als der Ritter solches sah
Von Kempten in dem Bade dort,
Daß man in Falschheit einen Mord
Jetzt auszuführen willens war,
Und daß man aller Treue bar
Den Kaiser Otto wollt' erschlagen,
Ließ er des Badens groß Behagen
Und auch das Waschen allerwegen;
Und als ein auserwählter Degen
Sprang er aus seinem Zuber tief,
Und schnell nach seinem Schild er lief,
Der hing an einer von den Wänden;
Den packte er mit kräftigen Händen
Und auch das Schwert gar auserwählt.
Damit kam stracks der nackte Held
Gelaufen zu dem Kaiser hin.
Von jenem Volk erlöst er ihn
Und schirmt ihn also nackt.
Zerhauen und zerhackt
Hat er der Feinde wohl genug.
Der Feind' er viel zu Tode schlug,
Die seinen Kaiser wollten töten,
Ihr Blut mußte den Rasen röten.
Er brauchte seine starke Hand;
Ins unerforschte Gottesland
Schnell er der Feigen viele trieb;
Und was dann noch am Leben blieb,
Das schlug er alles in die Flucht.
Und als er so in guter Zucht
Den Kaiser Otto hat befreit.
Läuft er in großer Schnelligkeit
Nach seinem Badezuber wieder;
Darinnen setzt er gleich sich nieder
Und badet, wie er vordem tat.
Der flüchtige Kaiser aber hat
In Eile aufgesucht sein Heer;
Doch der, der ihn mit starker Wehr
erlöset hat zu dieser Frist,
Ihm unerkannt geblieben ist,
Weil er ihn lange ja nicht sah.
Nach seinem Zelte ritt er da
Und stieg von seinem Rosse nieder;
Und saß auf seinem Stuhle wieder,
Ein grimmer Zorn bedrückt' ihn schwer.
Die Fürsten kamen alle her
Und standen um ihn Mann für Mann.
Er sprach: »Ihr Herren, hört mich an:
Ich war gänzlich verraten;
Wenn mir nicht helfen taten
Zwei ritterliche Hände gut,
So läge ich jetzt in meinem Blut
Und müßte den Leib verloren han.
Wüßt' ich nur, wer mir das getan
Und mich soeben, ganz entblößt,
Mit kühnen Streichen hat erlöst!
Ich möchte ihm reiches Lehen geben,
Hab' ich den Leib doch und mein Leben
Bewahrt durch seiner Hilfe Kraft.
Nie sah ich größere Ritterschaft
Noch größern Mut, ohn' allen Spott.
Rennt jemand ihn; beim hohen Gott,
Der bringe ihn vor mein Angesicht!
Mein Mund in Güte es verspricht,
Fr soll empfangen reichen Sold.
Mein Herz ist ihm wahrhaftig hold
Und soll ihm immer huldvoll sein;
Ich kenne keinen Ritter, nein,
Der kühn wie er ist, hier am Ort!«
Manch einer aber stand alldort
Und wußte, daß es Heinrich war,
Der Kaiser Otto mutig gar
Geholfen hat aus dieser Falle;
Die riefen da in Wahrheit alle:
»Wir können, Herr, Euch Kunde geben:
Wer Euer auserwähltes Leben
Vom Tod erlöste, war ein Held!
Nun ist es leider so bestellt
Um ihn, daß sich all Euer Zorn
Gar sehr hat wider ihn verschwor'n
Und schwer auf seinem Rücken ruht.
Das Unglück hat der Ritter gut,
Daß er durch seine eigne Schuld
Kam einst um Eure hohe Huld.
Käm' nun auf ihn das große Heil,
Daß die ihm wieder würde zuteil,
Wir ließen, Herre, ihn Euch sehen!«
Der Kaiser aber tat gestehen,
Wenn er den Vater ihm erschlagen,
Könnt' er die Huld ihm nicht versagen
Und täte ihm seine Gnade kund;
Bei seiner Treue schwur er's und
Bei seiner Ehre feierlich.
Da ward der Ritter Heinrich
Von Kempten ihm sogleich genannt.
Der Kaiser, der so weitbekannt,
Sprach also darauf unverwandt:
»Und ist er kommen in dies Land,
Das hör' ich wahrlich gerne an!
Wer anders hätt' es auch je getan,
Daß er heut' nackend stritt für mich!
Und wenn er auch erkühnte sich
In seinem edlen Herzen gar,
Daß er an seinem Bart fürwahr
Zog einen Kaiser übern Tisch,
Ist ja sein Mut doch froh und frisch;
Und das entgilt er nimmer!
Als Helfer muß ich immer
Ihn voller Gnade decken.
Doch will ich ihn erschrecken,
Gar übel ihn empfangen!«
Man ist nach ihm gegangen,
Um ihn zu Hof zu bringen;
Man mußte arg ihn zwingen:
Er ward geführt zum Kaiser hin.
Seht, der benahm sich wider ihn,
Als ob er voll des Grimmes wäre.
»Nun saget an,« begann der Hehre,
Der Kaiser, »sagt, wie durftet Ihr
Fürwahr Euch wagen her zu mir
Und gar vor meine Augen kommen?
Ihr habt doch wirklich gut vernommen,
Warum ich Euch so feindlich ward.
Ihr seid doch der, der meinen Bart
Ohn' Schabemesser hat geschor'n
Und ihn zu meinem höchsten Zorn
Soviel des Haars berauben tat,
Daß er noch jetzo Lücken hat;
Die hat erzeuget Eure Hand.
Daß Ihr gewagt in dieses Land
Zu kommen, dran wird offenbar,
Daß übermütig Ihr fürwahr
Und eitler Hoffart wollet pflegen!«
»Oh Gnade, Herre,« rief der Degen,
»Gezwungen kam ich nur hieher;
Und darum bitte ich Euch sehr,
Ihr wollet mir verzeihen itzt!
Mein Herr, ein Fürste, der da sitzt,
Bei seiner Huld es mir gebot,
Daß ich zu meiner argen Not
Auf dieser Fahrt sollt' bei ihm sein.
Ich setze mein Leben dafür ein
Und will gewiß unselig sein,
Wenn gern ich willigte darein;
Doch mußte ich, beim hohen Gott,
Befolgen ja sein Machtgebot.
Wär' ich nicht mit ihm hergekommen,
Hätt' er mein Lehen mir genommen!«
Der Kaiser fing zu lachen an
Und sprach: »Ihr, auserwählter Mann,
Seid also schuldlos, hör' ich hier;
Dann soll auch weichen für und für
Der Groll auf Euch im Herzen mein;
Und mir und Gott sollt Ihr jetzt sein
Zu tausendmalen hochwillkommen,
Ihr habt die Not von mir genommen
Und mich errettet vom Verderben!
Ich hätte wahrlich müssen sterben
Ohn' Eure Hilfe, frommer Mann!«
Schnell sprang er auf, lief zu ihm dann
Und küßte ihn auf die Wangen sein.
Und Freude, eitel Sonnenschein
Herrscht' fortan unter ihnen gut.
Und beider Feindschaft völlig ruht,
Dieweil der Kaiser hochgebor'n
Und auch des wilder, grimmer Zorn
Ihm nicht mehr feindlich war gesinnt,
Er gab ihm Geld und Lehn geschwind,
Das galt im Jahr zweihundert Mark;
Und seine Mannheit, kühn und stark,
Brachte ihm manchen Reichtum
Und auch gar vielen, schönen Ruhm,
So daß man oft noch von ihm las. –
Konrad von Würzburg sagte Euch das.

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