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Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 22
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070923
projectid907212d0
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Berchta mit der langen Nase

Nun merket recht, was ich euch sage:
Nach Weihnachten am achten Tage,
Den man da nennt die Ebenweihe –
Gott gebe es, daß sie gedeihe –
Als man froh essen wollte zu Nacht,
Und als man auf den Tisch gebracht
Nun alles, was man haben wollte
Und was man Schönes essen sollte,
Da sprach der Herr zu dem Gesinde
Und auch zu seinem eignen Kinde:
»Eßt alle wacker, das ist meine Bitt',
Auf daß euch Berchta nimmer tritt!«
Das Kind in seiner Angst jetzt aß
Und sprach: »Ach Vater, was ist das,
Welches du Berchta nennst;
Sag' mir, ob du es kennst?«
Der Vater sprach: »Das sag' ich dir
Und sollst es wahrlich glauben mir:
Es ist so greulich von Gesicht,
Daß ich es kann beschreiben nicht;
Und wer es denn vergisset,
Daß er gar tüchtig isset,
Dem naht es sich und stößet ihn!«
Drauf sprach das Kind mit bangem Sinn:
»Ach, Vater, ist es klein, ist's groß?
Ist es sehr zottig oder bloß;
Ist's eine sie oder ein er,
Und wie kommt es geschlichen her?
Ach, wie ist es beschaffen,
Gleicht's etwa einem Pfaffen?«
Den Vater wundert solch ein Wort.
»Dem gleicht es wohl,« sprach er sofort.
Hinwieder sprach das Kindlein da:
»So weiß ich auch, daß ich es sah
Auf meiner Mutter oben
Gar ob der Maßen toben
Mit Stoßen und mit wüstem Treten;
Welch' Teufel hat es hergebeten!
Ich fürchte sehr,
Es kommt wieder her
Und ist, ach Mutter, dann dein Tod;
Iß tüchtig nun, das tuet not!«
Die Fraue ward zornig auf den Mann.
»Ach Gott, was tust du,« hub sie an;
»Es bringe dich das nicht in Wut.
Wer Kinder vieles fragen tut,
Der will sie Lügen sprechen lehren.
Wer mag an Kinderwort sich kehren!«
Drauf handelte der wie ein Mann,
Der seine Schande verdecken kann,
Und half der Fraue sie niedertreten;
Das täte auch ich, wär' ich drum gebeten.
Da aber niemand mich drum bat,
So sage ich diesen meinen Rat:
Wenn eine Frau der Sitte pflegt,
Daß sie die Pfaffen zu sich legt,
Verhehle sie's Kindern allezeit;
Denn die sind gar zu schnell bereit,
Das eben Gehörte anzuzeigen
Und können wahrlich nichts verschweigen.
Wär' das einem andern Manne geschehn
Der hätt's seinem Weibe nicht nachgesehn!

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