Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Hansmann >

Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070923
projectid907212d0
Schließen

Navigation:

Der Bussard

—   —   —   —   —   —   —
—   —   —   —   —   —   —
—   —   —   —   —   —   —
—   —   —   —   —   —   —Hier fehlt der Anfang, wie der König von England seinen Sohn in Begleitung eines Kaplans auf die hohe Schule nach Paris schickt.

Dem König das gelobet ward.
Sie waren alsobald zur Fahrt
Bereit und ritten nun von dannen.
Die Frauen aber und die Mannen
Mit ihnen vor die Tore gingen,
Gar inniglich sie ihn umfingen.
Das hochgeborne, edle Weib
Drückt er sehr fest an seinen Leib,
Verneigt sich dankbar dann vor ihr,
Er reitet weg, sie bleiben hier.
Der Kapelan, der ihn behüten
Soll überall in Treu und Güten,
All sein Gemüt auf Tugend lenkte,
Auf daß ihn niemand jemals kränkte,
Mit dem er da zusammenkomme;
Auch lehrte er ihn noch, was ihm fromme
An Reden und Gebärden ja.
Und nichts der Edle, Schöne da
In seinem Adel unterließ,
Tat alles gar, was man ihn hieß
Und war in allem auch gehorsam,
Bis daß er nach Paris hinkam.
Als man dort sah sein edles Blut,
Da ward man ihm von Herzen gut
Zu Hof und in der Schule;
Als auf der Künste Stuhle
Er saß, da lernte er also wohl,
Daß man ihn deshalb loben soll.
Des Lernens war er so beflissen,
Daß bald er überragte an Wissen
Zwei Jungherrn, ihm an Tugend gleich,
Die waren da vom Frankenreich
Des Königs Söhne alle beide.
Die baten ihn voll hoher Freude,
Er möchte ihr Schulgeselle sein,
Und sein Kaplan sollt' ihnen drei'n
Als Lesemeister dienen.
Zusagte solches ihnen
Der junge Fürst voll Freude schnell.
Die viere gingen hin zur Stell',
Wo ihrer Schule Meister saß
Und mit den jungen Schülern las
Ein Buch, das lehrte hohe Kunst.
Sie sprachen: »Meister, deine Gunst
Gib diesem edlen Kapelan,
Wir wollen alle gerne han
Zu unserm Lesemeister ihn!«
Der sagte: »Wenn es euerm Sinn
Erwünscht ist, sei es euch gewährt;
Und sagt ihm, wes er nur begehrt,
Soll ihm um euch gewähret sein!«
»Habt Dank, viellieber Meister mein,
Sprach drauf der Sproß von Engeland.
Sie nahmen Urlaub kurzerhand
Zu ihrem Meister, gingen fort;
Bald nun erschien eine Bote dort,
Der hieß sie schnell zu Hofe gehn.
Der junge Fürst mit ihnen denn
Aus wahrer Freundschaft dorthin ging.
Hin führten sie den Jüngeling
Mit Freuden in des Königs Saal.
Das Hofgesinde überall
Hieß ihn gar hochwillkommen sein,
Und auch das schöne Jungfräulein.
Die war des edlen Königs Kind:
Für Aller Gruß war er da blind,
Er hörte nur, daß die Jungfrau sprach,
Und neigte sich tief vor ihr darnach.
Voll Anstands er dann weiter ging.
Der König selbst ihn wohl empfing
Und auch die Königinne rein,
Sprach: »Er soll mir willkommen sein.
Wer ist der Jungherr ohne Tadel
Mit eines Engels Seelenadel?
Er ist ein wohlgestalter Mann!«
Da sprach des Fürsten Kapelan:
»Frau, er ist eines Königs Sproß
Und kam aus England hoch zu Roß
Um edler Kunst und Lehren willen;
Er möchte sich mit Weisheit füllen
Hier und ist dessen wahrlich wert!«
Der König sprach: »Wes er begehrt,
Das finde er am Hof bei mir,
Ich sag' es Euch vor allen hier!«
Und er gelobt es für sie beide.
Sein Eid macht aber Allen Freude.
Am meisten freute die Jungfrau das:
Die Liebe ihr im Herzen saß.
So stand nach ihm da all ihr Sinn,
Daß, als sie dort schritt her und hin.
Sie immer, immer ihn nur sah.
Oft ließ auch seine Augen da
Auf ihr ruhn dieser edle Herr,
Und Herz und Zunge hatte er
Ganz ihrem Dienste schön geweiht.
Doch hat er dieser edlen Maid
Gezeigt, wie lieb auch ihm sie war,
Im stillen nur, doch deutlich gar.
Wagt' aber zu begehren nicht
Der süßen Minne höchste Pflicht.
Voll Not der Kapelan das sah.
»Wißt, Herre mein,« sprach er allda,
»Entehrt Ihr dieses Königs Kind,
Um die, seit wir im Land hier sind,
Man Euch der Güte viel erwies,
Und merkte man nun wahrlich dies,
Daß Euch verknüpft der Liebe Band,
Ihr sähet nie wieder Engeland
Und ich; das schmerzt mich sehr;
Ich sorge, daß Ihr Eure Ehr'
Verliert und ich gar meinen Leib.
Gut wär's, wenn Ihr von jedem Weib
In Frankreich tätet lassen
Und wenn wir unsre Straßen
Heim führen bald ins Vaterland,
Eh' daß Ihr wahrlich hier in Schand'
Uns bringet und in Mühsal gar!«
Der sprach: »Was du da sagst, ist wahr.
wohlauf, laß uns von hinnen;
Kann Urlaub ich gewinnen
Von meiner jungen Königin,
So fahren wir in Bälde hin!«
Sie wollten heimwärts ziehen denn.
Der König sprach: »Das mag geschehn
Nach meinem Wunsch in einem Jahr.
Da sprach die Königin: Fürwahr,
Weil Euch mein Herre gerne sieht,
Laßt ab, daß Ihr von dannen zieht,
Das bitte ich Euch und auch mein Kind
Und alle, die am Hofe sind.
Doch wollt Ihr die nicht ehren,
Soll man es Euch verwehren.
Da sprach das schöne Jungfräulein,
»Das sollt Ihr uns gewähren fein!«
Sie faßten ihn bei seiner Hand.
Der junge Fürst von Engeland
Ihr da die Bitte gleich gewährte,
Zumal er ihre Huld begehrte.
Doch war bedacht er jeder Stund',
Daß keinem dorten würde kund,
Was still er dachte und empfand.
Nach hohen, reichen Ehren stand
Des jungen Fürsten steter Mut.
Wenn er nun und die Jungfrau gut
Zusammen mochten kommen,
War ihnen jede Qual genommen,
Und ihre Liebe wuchs beim Sehn.
Einstmalen ist es dann geschehn,
Daß er die schöne Jungfrau fand,
Wie sie an einem Fenster stand;
Gar liebreich sie ihn da umfing.
Nun hört, was nachher vor sich ging.
»Sei Gott willkommen, Herzensmaid,
Du hast aus Sorgen mir befreit
Mein Herze, das in Qualen lag,
Dieweil ich mußte Tag für Tag
Verhehlen, schöne Jungfrau, dies.
Ich nie in Lieb dich wissen ließ,
Daß ich dir bin von Herzen hold.
Und wären alle Berge Gold,
Ich ließe alle sie um dich,
Wenn du so wolltest lieben mich,
Wie ich dir ganz zu eigen bin!«
»Hör' denn,« sprach sie mit frohem Sinn,
»Wie groß auch deine Liebe zu mir,
Noch größre Treue halte ich dir,
Das sage ich dir ganz bereit.
Willst du, ich schwöre manchen Eid,
Wär alle Schönheit, alle Zier
Gegeben einem Manne hier,
Es gliche dennoch dir ja nicht.
Das glaube voller Zuversicht:
Die Liebe, die du zu mir hegst,
Bringt Freude dir, wenn du sie pflegst,
Des sollst du wahrlich sicher sein.
Ich wollte, daß du den Vater mein
Gebeten hättest schön um mich.
Ich hörte, daß ich feierlich
Versprochen sei jetzt einem Mann,
Der soll ein Königreich gar han,
Des Berge sollen aus Gold bestehen.
Nun wohl, was immer mag geschehen,
Er wird mir niemals werden wert;
Mein Herze keinen ja begehrt
Wie immerdar nur deinen Leib!«
Er sprach: »So will ich jedes Weib
Um deinetwillen meiden dann.
Doch hat dein Herre das getan,
So mag er von dem Plan abkommen,
Sonst wirst du wahrlich ihm genommen,
Ich würde dich ja von ihm stehlen!«
Sie sprach: »Das sollst du sehr verhehlen,
Doch nimmer davon lassen ab.
Nimm nun zur Hand den Wanderstab
Und kehre heim zu deinen Lieben,
Sollst auch die Fahrt nicht mehr verschieben
Und bleiben dort ein volles Jahr.
Ich sage dir – und es ist wahr –
Die Frist ward jenem auch gegeben.
Derweilen sollst du darnach streben,
Daß du drei Fohlen kaufest, wie
Man besser und auch schneller sie
In keinem Lande finden mag,
Komm' wieder an demselben Tag
Her zu mir und zum selben Ziel,
Wenn man hinweg mich führen will;
In diesem Baumgarten
Will ich dann deiner warten.
Kommt jener König hoch zu Roß,
Dann sieht man manches Edlen Sproß
Entgegenreiten ihm und gehn.
Derweilen sie da nach ihm sehn,
Ist schnelle Flucht unser Gewinn;
Und ehe es einem in den Sinn
Fällt, wo wir hingekommen sind,
Han wir des Wegs soviel geschwind
Zurückgelegt, daß uns kein Mann
Zu Fuß, zu Roß einholen kann!«
Also das Weib zu Ende kam;
Er sie in seine Arme nahm
Und sie drauf nach Gelüste
Gar herzlich küßt und küßte.
Als das der Kapelan nun sah,
Im Zornesmute sprach er da:
»O wehe, Herre, dieser Not!
Ihr wollt uns beide in den Tod
Jetzt jagen ohne Zweifel!«
Der sprach: »Hat dich der Teufel
Denn also schnelle hergeführt,
Daß du mir heimlich nachgespürt?
Nun, es wird uns nichts schaden.
Geh' hin schnell in den Gaden,
Wo unser Schatz beisammen ist.
Trag' da heraus zu dieser Frist
Gewänder, Silber und mein Schwert
Und heiß den Knechten auch das Pferd
Für uns aufzäumen kurzerhand:
Wir reiten heim nach Engeland!«
Was er befahl, das ward getan;
Sie traten vor den König dann.
Der junge Fürste ließ sich hie
Vorm König nieder auf das Knie.
»Herr König, der Ihr unverzagt,
Euch sei hier Lob und Dank gesagt
Für Eure gute Handelunge!«
Die minnigliche Junge,
Die wartet seiner vor der Tür,
Bis daß er käme dann herfür.
Der junge Fürst kam unverwandt
Hinaus, wo er die Schöne fand;
Sie bot ihm ihre weiße Hand:
Da hat ihr' beider Herz entbrannt
Die Liebe und die Minne.
Die junge Königinne
Mit Tränen feuchtet ihre Wangen.
Sie sprach: »Mich muß fürwahr verlangen,
Mein Herztraut, immerdar nach dir,
Bis daß du wieder kommst zu mir.
Daß ich nun von dir scheiden muß,
Das bringt mir Kummer und Verdruß;
Wie kann ich dein vergessen?
Mein Herz wird unterdessen
Zerquält von bittrem Leide.
Warst meine Augenweide;
An Tränen habe ich Freude nun!«
Er sprach: »Du sollst nicht weinen tun,
Sollst denken, Herzlieb, stets an mich,
Das freut dich; also tu auch ich.
Wenn ich da denke deiner,
wird all mein Trauern kleiner;
Bis daß mir kommt der liebe Tag,
Wo ich dich zu entfuhren wag'.
Tu' auf den Arm und laß mich fahren.
Der hohe Gott soll dich bewahren,
Mein Herzelieb, vor aller Not!
Ich wollte gerne in den Tod
Gehn und um dich ihn leiden,
Weil ich dich jetzt muß meiden!«
Sie bot den Mund, er gab den Kuß,
In Jammer schied man, weil man muß.
Er ritt dahin in Ungemach,
Sie schickte ihm manchen Segen nach
In hoher Treue, ohne Haß,
Und tat es ohne Unterlaß,
Bis daß er kam gen Engeland.
Und Städte, Bürger er dort fand
In Ehren und in bester Hut
Wie auch noch manches Herren Gut.
Der König kommt auf schnellen Wegen
Mit seinen Mannen ihm entgegen;
Sie würdig ihn empfangen.
Sein Herz und sein Verlangen
Füllt immer nur das eine:
Die Schöne, Keusche, Reine.
Des Königskinds er nie vergaß,
Es ihm im tiefsten Herzen saß.
Da dachte er zu mancher Stund':
»Ach, minniglicher, roter Mund,
Küß ich dich denn nicht wieder mehr?
Ich sehne mich nach dir so sehr,
Daß keine Freude ich hier han!«
Die Frau'n und Männer trieben dann
Vor ihm der edlen Freuden viel:
Drometen-, Pfeifen-, Saitenspiel,
Turnieren, Ringelstechen, Singen
Und Lachen, Tanzen und auch Springen.
Doch keines schuf ihm Freude;
Sein Herze lag in Leide
Vor Liebe in seinem Blute.
Ihm war so weh zumute;
Je mehr der schönen Frauen er sah
Je größer ward sein Unglück da,
Weil er gedachte ihrer, ach,
Die er da ließ im Ungemach.
Ums Reich bekümmert er sich sehr,
Er reitet hin, er reitet her;
Und wo die Festen lagen,
Begann er zu erfragen,
Und wie die Vögte dort genannt,
Auf daß sie würden ihm bekannt.
Und drei der besten führt er drauß
Vorm Tore in ein Sommerhaus
Und bat sie um drei edle Pferde,
Die schnellsten auf der ganzen Erde.
Nach dem Begehren, das er tat,
Hat man in mancher guten Stadt
Darnach gesucht, eh' man sie fand.
Sie wurden aber unverwandt
In kurzer Zeit ihm doch gebracht.
Inzwischen hat er sich bedacht,
Wo sie verborgen stünden,
Daß keiner sie möchte finden.
Da hielt man sie und pflegte sie wohl,
Wie man es edle Rosse soll,
Die man für Liebesfahrten spart.
Für jedes Roß verfertigt ward
Ein schöner Sattel, alle gleich,
Der war verziert mit Kunst gar reich,
Der Zaum und auch Stegereif
Mit Gold beschlagen; durch den Schweif
Die Bänder, sonst von Leder fein,
Die mußten ganz aus Seide sein
Mit goldnen Borten überzogen.
Und Sporen, Stegreif, Sattelbogen
Sind aus arabischem Gold fürwahr;
Niemand sah jemals schönere gar.
Als dieses alles war vollbracht,
Wie er's sich vorher ausgedacht,
Ließ er bereiten
Mit seidenen Saiten
Sich eine Fiedel, erbaut so wohl,
Wie nur ein Fürst sie streichen soll:
Das Holz gar fein polieret,
Der Kopf sehr schön verzieret
Mit Gold und mit Gesteine
Und edlem Elfenbeine,
Und drunter lagen seidne Borten.
Sie war an allen Orten
Mit Gold gar herrlich überzogen. –
Mit diesem war das Jahr verflogen.
Er machte sich für die Fahrt zurecht;
Befehlen tat er seinem Knecht,
Er sollte reiten vor
Frühmorgens aus dem Tor,
Damit ihn keiner sähe im Feld;
Der edle, auserkorene Held,
Der eilte bald ihm nach darauf
Und achtete gar sorglich auf,
Daß er von niemand ward erschaut;
Sein Sinn stand nach der schönsten Braut.
Da ritten sie mit Freuden hin,
Und beider Herze und ihr Sinn
Die trieben sie ins Frankenreich.
Der junge Fürst, dem keiner gleich,
Ward übermäßig fröhlich da,
Als es wahrhaftig denn geschah,
Daß er zu seiner Liebsten sollte.
Er sprach: »Bei meinem Haupt, ich wollte
Das Himmelreich nicht für die Fahrt;
Denn große Liebe nimmer ward
Mit hoher Treu' so ganz vereint;
Sie hat gar viel nach mir geweint!«
Er sprach: »Sie hat mein lang entbehrt,
Die mir zur Freude ist beschert
Für alles, was ich jemals sah.
Was mir aus Liebe je geschah,
Das konnte mich ja quälen nicht.
Dieweil mich hat die Zuversicht
Stets also froh gemacht,
Daß mir mein Herze lacht
Vor Liebe und vor Minne.
Find' ich die Königinne,
So komm ich recht, wie sie mir riet,
Als ich vorm Jahre von ihr schied!«
Und wo er da in Herberg' lag,
Die lange Nacht bis an den Tag
Er selten jemals lange schlief,
Gar oft dem Knechtlein zu er rief:
»Wohlauf, wir sollen reiten nun,
Kann länger liegen nicht und ruhn,
Ich habe Eile, will auf die Fahrt!«
Von seinem Knechte aber ward
Die Geige, die so schön, getragen;
Das tat er alles, ohne Fragen,
Daß niemand ihn erkannte
In Frankreich dort im Lande.
Als er dem König nahe kam,
Es Weib und Mann gar wunder nahm,
Daß dieser Jungherr wär'
Ein fahrender Fiedeler.
Der König ihm entgegentrat,
Und voller Güte er ihn bat
Und sprach zu ihm, er solle reiten
Zu seinen Hochzeitsfestlichkeiten.
Da sprach der junge Fürste: »Nein,
Das kann und darf ja nimmer sein,
Ich muß zu der, der ich's versprach!«
Der König rief drauf: »Nun gemach,
Hört ihr's, daß er nicht mit mir geht
Und meinen reichen Sold verschmäht
Und auch die frohe Hochzeit mein?«
»Ihr wißt nicht, warum das muß sein,«
Sprach der, »Ich sag's Euch schlecht und recht:
Vor einem Jahr hab' ich gelegt
Ein weißes Täubchen an den Strick,
Auf die ich manchen Augenblick
In süßem Träumen gar tat passen;
Wollt' ich sie jetzo warten lassen,
Gewönne sie leicht ein andrer Mann,
Dem ich sie ja nicht gönnen kann!«
Da lacht der König vor sich hin;
Es dünkte wahrlich töricht ihn,
Daß der nach einer Taube ritte
Und selbst auf eines Königs Bitte
Nicht auf die Fahrt verzichten tat.
Urlaub nahm der schnell nach der Stadt;
Und frohgemut ritt er von dannen
– Das schmerzte gar des Königs Mannen –
Auf jenem Weg, der ihm bekannt.
Und ritt nun zu ganz unverwandt
Und kam dorthin, sehr heimlich gar,
Wo seiner niemand ward gewahr.

—   —   —   —   —   —   —
—   —   —   —   —   —   —Hier fehlt wieder: die Ankunft des Königs von Marokko in Paris, seine Braut zu holen.

Der König sprach jetzt aus die Bitte,
Daß alles ihm entgegenritte;
Als nach Paris der Bote dann
Des Königs kam, froh Weib und Mann
Ausritten und auch gingen,
Damit sie gut empfingen
Des Königs gar erlauchten Gast.
Der Jungfraue vergaß man fast,
So daß sie blieb alleine;
Des ward die Schöne, Reine
Ja über alle Maßen froh;
Sehr eifrig eilte sie also
In einen stillen Garten,
Dort wollte sie erwarten
Den jungen Fürsten lobesam.
Als grad sie in den Garten kam,
Da sah sie schon daher ihn kommen,
Und all die Qual ward ihr genommen,
Doch kaum einander sie begrüßten,
Sie wußten gut ja, daß sie müßten
Von dannen jetzt aus Furcht und Not.
Wie schnell sie ihre Hand ihm bot!
Er hob sie auf das Fohlen sein
Und ritt fort mit dem Jungfräulein.
Die Rosse liefen meisterlich;
Die zwei Geliebten hatten sich
Fest mit dem Arm umfangen;
Man gab auf Mund und Wangen
Wohl manchen süßen Kuß sich da.
Doch unter diesem es geschah,
Daß eingezogen war der Herr;
Nun wollte man nicht warten mehr,
Und alle fragten nach der Braut.
Man suchte sie, man rief sie laut:
Die Jungfrau aber keiner fand.
Ihr froher Mut gar bald entschwand;
Sie trugen Jammer viel und Leid,
Zu sagen war man schnell bereit,
Ein Engel sei gekommen
Hab' sie hinweggenommen,
Auf daß ihr reiner, zarter Leib
Nie werden sollte Mannes Weib.
Sie sprachen: »Der sie von uns nahm,
Von dem jedwedes Menschlein kam,
Der alle Welt geschaffen hat:
Seid ruhig drum, ist unser Rat!«
Der von Marokko Urlaub nahm
Und ritt dahin, von wo er kam.
Eh' er noch Urlaub hat genommen,
Da war der junge Fürst gekommen
Durch ein Gefild in einen Tann,
Dort wuchsen nun den Berg hinan
Der Blumen viel und Blüten.
Der süße Mai in Güten
Lag über dem Gefilde.
Das schöne Frauenbilde
Den Liebsten dort herzinnig bat,
Daß er den Knecht zur nächsten Stadt,
Herberge zu suchen, schicke voran;
So blieb nun auf dem grünen Plan
Das selige Paar alleine.
Die Schöne, Keusche, Reine
Entschlief süß in dem Schoße sein.
Da hatte sie zwei Ringelein,
Er sah sie an sich aufmerksam,
Das eine flink ein Bussard nahm,
Als er es niederfallen ließ.
Ich glaube, ein schöneres als dies
Trug nimmer eine Menschenhand;
Der Raub hat seinen Grimm entbrannt.
Der quälte ihn so sehr fürwahr,
Daß er die Reine, Süße gar
Ließ schlummern da alleine.
Mit Knütteln, einem Steine,
Lief er dem Bussard zornerfüllt
Drum eilends nach in dem Gefild
Bald hier, bald dort sehr lange Zeit.
Und er verlief sich also weit,
Daß er nicht mochte zurückekommen,
Da war ihm alle Freude genommen.
Gar jämmerlich schrie er nun hier
Und kläglich: »Wehe, wehe mir!
Jetzt habe ich mein Lieb verloren,
Die mich an jenes statt erkoren,
– Der wahrlich besser ist denn ich
Und sie mit Freuden wonniglich
Geführt hätt' in das Reich, das sein, –
Sie aber ist mit mir allein
Von allen Ehren fortgeritten.
Hätt' ich die Fahrt doch nie gelitten,
Ich wollte darum sein fürwahr
Ein armer Pilgerim, ach, gar
Und wollte, daß ich keinen Tag
Da läge, wo ich den vorigen lag,
Damit mein Liebchen hätte Gemach.
Daß ich sie nie gesehen, ach,
Und nie gebracht in diese Not!
Für ihre Qual wollt' ich den Tod
Erdulden lieber jede Zeit;
Sie hat so jämmerliches Leid!«
Mit Klagen ließ er nimmer nach,
Fast ihm das Herz im Leibe brach,
weil er es ehrlich mit ihr meinte;
Gar jämmerlich er schrie und weinte.
Sein Weinen aber war so groß,
Daß Wangen er und Brust begoß;
In Tränen wusch er seine Hand.
Er raufte und schlug sich wutentbrannt.
Sein Leid, sein Jammer ward so stark,
Daß er sein Hirn und auch sein Mark
Verlor und er von Sinnen kam.
Der junge Herr in seinem Gram
Manch eine Qual dem Leibe bot;
Riß sein Gewand von sich in Not.
Als er geruht an Felsenwand,
Ließ er sich nieder auf die Hand;
Es ging auf allen vieren
Ganz gleich den wilden Tieren
Durch Dorn und Büsche für und für
Der hochgeborene Fürste hier;
Menschlicher Sinne ward er bar. –
Inzwischen nun erwachet war
Die schöne, reine, keusche Magd
Und war gar freudlos und verzagt,
Als ihren Liebsten sie nicht sah.
Doch dachte sie und sprach allda:
»Sein Roß ist hier und sein Gewand;
Es kommt zurück wohl kurzerhand,
Der junge Fürste holet mich!«
Und also tröstete sie sich.
Doch als er allzulang blieb fort,
Saß sie gar tief bekümmert dort
Und schaute immer nur um sich.
Sie sprach: »Ach Lieb, was hast du mich
Allein gelassen hier solange!«
Ich glaube wahrlich, ihr ward bange;
Sie wußte weder aus noch ein.
Da sah sie fließen durch den Rain
Ein Wasser, und dem ritt sie nach;
Und all ihr Sinnen stand darnach,
Daß sie zu Menschen komme.
Nun sah die Magd, die fromme,
Bald eine Mühle an dem Bach.
Da schwand etwas ihr Ungemach
Und auch ihr Leid gab etwas Ruh'.
Sie ritt auf jene Mühle zu
Und sprang vom hohen Rosse dann;
Stracks aber trat an sie heran,
Der dort der Mühle Meister war,
Und grüßte sie sehr freundlich gar
Und neigete sich tief vor ihr.
Da bat sie ihn um Herberg hier
Recht inniglich auf seinem Stroh.
Der sprach: »Jungfrau, wie kommt es so,
Daß Ihr seid ganz alleine?«
Da weinte sie, die Reine,
Und sprach: »Ich habe den verloren,
Den ich zum Trost mir auserkoren,
Ich selber mir als Trautgesellen;
Fürwahr, ich wollte in der Höllen
Erleiden jede bittre Pein,
Könnt' ich nur wieder bei ihm sein!«
Der sprach: »Ihr sollt Euch wohlgehaben!«
Die Pferde hieß er seinen Knaben
Gleich führen in den Stall hinein.
Und auch das schöne Jungfräulein
Führt er ins Haus, und als sie saß,
Fragt er sie abermalen, was
Ihr da im Walde sei geschehen.
Da tat sie traurig eingestehen,
was zugestoßen ihm und ihr.
Der Müller sprach: »So bleibt denn hier
In dieser Mühle, 's ist mein Rat.
Trifft's zu, daß er noch Leben hat,
So kommt er sicher erst nach hier
Als anderswohin, glaubt es mir!« –
»Da du mir gabest solchen Rat,
Wie mir dein Mund jetzt geben tat,
Nimm und verkaufe beide Pferd'
Und bringe her für drei Mark Wert
Mir Seide dann und Garn von Gold,
Damit verdiene ich reichen Sold
Durch schöne Arbeit meiner Hand,
Denn Stolen und ein Meßgewand
Und Kleider und auch Borten schön
Kunstreich in meiner Hand erstehn,
Und dadurch werden wir wohl reich!«
»Das will ich tuen alsogleich!«
Was er versprach, das hielt er dann,
Und so ein ganzes Jahr verrann.
Und als man nach der Osterzeit
Die Vöglein hörte weit und breit
Sehr lieblich wieder singen
Und Blumen sah aufspringen
Im wonniglichen Klee,
Ward ihr um ihren Liebsten weh;
Man pflegte sie ohne Unterlaß.
Ein reicher Herzog aber saß
In seinem Hause nahe gar,
Wo diese selbe Mühle war
Und schöner Wald und auch sein Land.
Den die Gewohnheit nun verband,
Daß er am frohen Maientag
Sehr gern an einem Borne lag
Mit Weib und allem Ingesinde.
Es ragte eine schöne Linde
Bei jener Mühle dort im Wald,
Darunter sprang ein Bächlein kalt.
Des Herren Fraue aber sah,
Als sie in Freuden ritten da,
Das wunderschöne Mägdelein.
Sie sprach: »Ach Gott, wie mag das sein?
Bist du in dieser Mühle erzogen?
Wärst aus dem Himmel du geflogen,
Ein zarter Engel, lieblich schön,
Nicht schöner könnte man dich sehn!«
Sie bat den Müller alsofort,
Das er das süße Mägdlein dort
Jetzt ließe ihre Jungfrau sein.
Der sprach: »Vielliebe Fraue mein,
Ich mag Euch nicht verwehren,
Was Ihr da tut begehren;
Doch fraget nur die Jungfrau frei,
Ob sie des guten Willens sei,
Daß sie mit Euch von hinnen gehe!«
Die sprach: »Sehr gerne das geschähe,
Könnt' ich auf ihrer Burg so wohl
Ihr dienen, wie man muß und soll;
Doch ist mir Dienen nicht bekannt!«
So sprach die Herrin kurzerhand:
»Die Rede lasse mir geschwind,
Du bist von Art ein Edelkind.
Wo du auch seist geboren,
Dein Leib ist auserkoren
Und alle deine Sinne;
Die Tugend wohnt dir inne.
Und dann dein schönes Nähen,
Solch feines Seidendrehen
Hat man in Mühlen nie gesehen.
Was dir auch immer ist geschehen,
Du bist von adligem Geblüte!«
Drauf sprach der Herzog voller Güte:
»Fürwahr, die Magd soll bei uns sein!«
Sein edles Haus hieß Engelstein,
Weil er des Königs Bruder ist,
Der Englands Herr zu dieser Frist. –
Der aber schweres Leide trug
Mit seinem Weibe jetzt mit Fug:
Sie wußten nicht, wo sich verloren
Ihr junges Söhnlein hochgeboren;
Darum war sehr betrübt ihr Sinn.
Sie hatten viele Boten hin
Gesendet in so manches Land:
Den jungen Herren keiner fand.
Man hatte sich getröstet sein.
Jedoch das zarte Jungfräulein,
Der man Gutlebe dorten macht',
Die sah fürwahr bei Tag und Nacht
Kein Mensch in wahrer Fröhlichkeit;
Denn sie empfand ja Weh und Leid,
Und war sie nur alleine,
Dann weinte die so Reine;
Dies tat sie länger als ein Jahr.
Dies Büchlein sagt es uns als wahr,
Der Herr den Jägermeister hieß,
Daß alle Hunde frei er ließ',
Und darauf jage in dem Wald
Auf rauhen Pfaden mannigfalt
Mit ihnen manch ein edles Wild.
Im Walde nun und im Gefild
Ein Hirsch durch dichtes Buschwerk brach,
Dem waren sie solange nach,
Bis sie gar einen Menschen sehn
Vor sich auf allen vieren gehn.
Den liefen da die Hunde an.
Sogleich floh dieser wilde Mann
Auf einen dicken, hohen Baum,
Der ragte auf zum Himmelsraum.
Der Jäger waren dreie, die
Den Menschen taten sehn hie.
Zwei blieben bei dem Wilden dort,
Der dritte eilte nach Hause fort,
Daß er die Märe sage,
Wie da ihr Meister jage
Gar einen rauhen, wilden Mann,
Der ihm auf einen Baum entrann.
Der Herzog sprach: »Will auch dahin!«
Man brachte mit geschäftigem Sinn
Sein Roß und seine Wehr;
Fort sprengte drauf der Herr.
Und eh' er noch den Wald gewann,
Hatten die dort den wilden Mann
Gefangen schon und trieben ihn
Zu dritt gar hastig vor sich hin.
Als das der edle Herzog sah,
Erbarmte er sich seiner ja.
Aufrecht hinstellen er ihn hieß
Und ihm die Beine richten ließ.
Doch half es nichts, er konnte nicht schreiten.
Der Herre sprach: »Tut ihn geleiten!«
Dann sprach der Herzog tugendreich:
»Er ist ja nicht den Wilden gleich;
Und ist er jetzt auch wild fürwahr,
Bekommt er warme Speisen gar
Und wird dann gut behandelt,
Er sicher bald sich wandelt!«
So führten sie ihn heimwärts denn.
Die Haut war nicht bei ihm zu sehn,
Gar alles überzogen war
Mit spannenlangem, dichtem Haar.
Als sie ihn heimwärts brachten,
Sehr wohl sie daran dachten,
Daß man die Frau'n hieß abseits gehn.
Man wollte sie nicht lassen sehn,
Daß er so schmählich lag;
Und noch am selben Tag
Ward er gebadet und geschoren:
Sechs Wochen gingen drauf verloren.
Man legte nachts ihn nieder
Man salbte und strich ihn wieder,
Und Speisen wurden ihm gebracht
Gar gut und reichlich Tag und Nacht,
Bis sein Gehirn und auch sein Mark
Ward wieder frisch und also stark,
Daß er begann sie zu verstehn,
Zu reiten auch und hoch zu gehn.
Da sah er einen Falken
Hoch sitzen vor dem Balken
Auf einer Stange an der Wand;
Man fragte ihn ganz unverwandt,
Ob er denn beizen könnte. –
»Wenn man das Tier mir gönnte,
Dann würd' ich mit ihm beizen wohl,
Wie man es angemessen soll
Mit einem Falken edler Art!«
Der Herzog da sehr heiter ward.
Man schickte ihn mit vieren fort,
Die redeten sich ab das Wort,
Daß sie ihn wollten hüten,
Begönne er zu wüten.
Als er hinauskam auf das Land,
Er dorten einen Bussard fand;
Den Falken ließ er schweifen.
Er sprach: »Du sollst mir greifen
Den Bussard, das gebiete ich dir,
Daß er zu Händen komme mir!«
Gar schnell der in die Luft sich schwang,
Noch schneller er dann niedersank,
Den Bussard er zu Tode stieß.
Der Herre dies nicht unterließ:
Dem Bussard er das Haupt abbiß,
Das Fleisch von ihm herunterriß;
Die Knochen, das Gefieder,
Die warf er vor sich nieder.
Als das die viere sahen nun,
Da sprachen sie zu solchem Tun:
»Wir wollen ihn führen jetzt hinein,
Er will fürwahr wild wieder sein!«
Sie wollten schleppen ihn nach Haus.
Er sprach: »O lasset mich noch drauß',
Bis daß uns wird ein Vögelein,
Das bringen wir hernach hinein
Und geben es dem Herzog;
Alsbald vorüber flog
Ein Entenvogel hoch und jach;
Der Falke beizte gleich darnach,
Bis daß er ihn zerstieß.
Der junge Fürst sich ließ
Vom Rosse nieder unverwandt;
Den Falken nahm er auf die Hand
Und strich ihm sein Gefieder.
Und beugte sich dann nieder
Nach jenem Entenvögelein
Und stieß es in die Tasche sein.
Drauf ritt man in die Burg hinein;
Man stellte Brot auf und auch Wein,
Man gab ihm reichlich, bot's ihm wohl,
wie man es immer billig soll.
Der Herzog bei dem Wilden saß,
Der wacker trank und gerne aß,
was man ihm hatte vorgelegt.
Dem Herren hat man unentwegt
Erzählt, was draußen er getan.
»Ich lasse ihn nicht,« so hub der an,
Er muß sogleich mir eingestehn,
warum er jenen Bussard denn
Zerrissen hat so jämmerlich!« –
»Ach, Herre, dringet nicht in mich,«
Begann der junge Fürst also,
»Ihr würdet nimmer werden froh,
wenn Euch mein Leid und all mein Gram
Zur Hälfte nur zu Ohren kam.
Und was ich trage tief im Herzen.
Gleichwohl denk' stets ich dran mit Schmerzen,
wie es mir in dem Wald erging,
In dem mich rauh der Jammer fing.
Allwo mein Herzlieb ich verlor,
Die ich vor allen Fraun erkor
Zur Liebsten und zur Herrin mir.
Und also lieb gar war ich ihr,
Daß sie mit mir allein verritt
Und einen reichen König mied,
Dem vorher sie verlobt schon ward
Und als wir kamen auf die Fahrt,
Da tat ich, wie sie es erbat,
Daß ich den Knecht zur nächsten Stadt
Herberge zu suchen, schickte voran,
Und daß ich auf dem grünen Plan
Mit ihr zur Ruh' mich niederließ';
Eh' sie noch all erbeten dies,
Hatte ich's schon für sie getan.
Und saßen nieder auf dem Plan,
wir seligen Zwei alleine;
Die Schöne, Keusche, Reine
Entschlief süß in dem Schoße mein;
Da hatte sie zwei Ringelein,
Die sah ich an mir aufmerksam.
Und eines mir ein Bussard nahm,
Da ich es auf den Händen ließ;
Ich wähnte, ein schöneres als dies
Trug nimmer eine Menschenhand.
Der Raub all meinen Grimm entbrannt'
Und quälte mich so sehr fürwahr,
Daß ich die Reine, Süße gar
Ließ schlummernd dort alleine,
Mit Knütteln, einem Steine
Lief ich dem Bussard zornerfüllt
Gar eilends nach durch das Gefild.
Ich scheuchte ihn und rief
Und warf nach ihm und lief
Bald hier, bald dort viel lange Zeit,
Und ich verlief mich also weit,
Daß ich nicht mochte zurückekommen;
Da ward mir alle Freude genommen,
Daß wild ich schrie in meiner Not.
Es schmerzte mich schlimmer denn der Tod,
Daß ich sie dorten alleine ließ.
Weiß nicht, was ihr noch zu da stieß.
O weh, sie war vom Frankenreich
Das Königskind, dem niemand gleich;
Ich bin der Sohn von Engeland!«
Aufsprang die Jungfrau unverwandt,
In Tränen sie ihn schön umfing.
Vor Freude ihr Herze so verging,
Daß sie vor ihm darniedersank.
Der junge Fürst schwieg stille lang;
Es fehlte ihm ja jedes Wort.
Aufsprang der Herzog alsofort,
ward übermäßig fröhlich da
Und zog die beiden an sich nah
Und sprach: »Bist meines Bruders Kind,
Dem die im Engelande sind
Wohl alle untertänig;
Fürwahr, er ist ihr König;
So sei du gottwillkommen mir
Ja, heut und alle Tage hier,
Und darnach immer mehr.
Und wer hier meine Ehr'
Und meine Freude liebet, der,
Soll jetzo eiligst treten her
Und heiße auch willkommen sein
Den Fürsten und den Herren mein!«
Man führte auf ihren Platz sie wieder,
Man setzte ehrenvoll sie nieder
Und bot es ihnen besser gar,
Als es vordem geschehen war.
Erheben sich der Herzog hieß
Zwölf edle Ritter schnell und ließ
Sie rüsten sich denn kurzerhand;
Sechs sandte er gen Engeland
Und sechs ins Frankenreich sofort.
Der Herr empfing sie huldreich dort;
Als ihm die Botschaft ward bekannt,
Beschenkte er sie mit reicher Hand,
Gab ihnen gutes Botenbrot.
Und allen Seinen er gebot,
Den Grafen, Freien und Dienstbaren,
Und allen Mannen, die dort waren,
Von edelem Geschlechte,
Es wären Ritter, Knechte,
Sie sollten sich zur Fahrt bereiten
Und auch ihr Weib sollt' sie begleiten.
Die Königin sprach fröhlich da,
Wo sie nur eine Schöne sah:
»Legt an nun Euren besten Staat;
Jedweder, der da Ansehn hat,
Der soll durch mich in Freuden sein,
Weil wieder ich die Tochter mein
Lebendig, heiter jetzt soll sehen,
Nichts Lieberes könnte mir geschehen.
Mir tut die Freude also wohl.
Daß ich so stattlich ziehen soll
Vor Engelstein ins weite Feld!«
Und manch ein prächtiges Gezelt
Ward aufgeschlagen unverwandt.
Da kam der Herr von Engelland;
In großer Pracht kam er fürwahr
Mit einer stolzen Ritterschar.
Als in der Burg es ward bekannt.
Daß beide Herren sind im Land
Und kommen mit gar reicher Macht,
Der junge, edle Herr mit Pracht
Saß auf mit seinen Rittern dann;
Er hatte Ritterkleider an.
Er kam mit vierundzwanzig hin,
All denen stand darnach der Sinn,
Daß sie bald Ritter werden wollten
Und ihrem Fürsten dienen sollten
Fürwahr zu allen Zeiten;
Man sah sie schön aufreiten.
Drauf kamen die vom Frankenreich
Mit ihren schönen Frau'n zugleich;
Des freuten sich Könige sehr.
Schnell ließ der herzogliche Herr
Ansagen zweier Könige Hof.
Da kam fürwahr manch ein Bischof
Und auch des Landes Herren viel.
Der Rufer rief: »Wer Gutes will
Um Gott und auch um seine Ehre,
Sich hin nach Engelstein jetzt kehre
In das gar wonnigliche Feld.
Da findet Freuden man ungezählt
Bei zween Königen auserkoren,
Die hatten beide ihr Kind verloren
Und han sie wiederfunden.
Die sollen zu diesen Stunden
Mit beider Könige Willen sich frei'n.
Nie könnte ein Festtag schöner sein,
Noch jemals er es werden kann!«
Da eilen herbei Frau und Mann.
Es gab der Truchseß an fürwahr,
Daß jetzt am Hofe seien gar
Vierhundert fahrende Leute und Wicht'.
Doch ließ man sie von dannen nicht,
Eh sie nicht hatten Roß und Kleid.
Als Ritter ward der Herr geweiht;
Gab ihm sein Lieb zur Ehe dann.
Nie schaute reichere Gaben man
Für eine Braut; den Mahlschatz
Warf er in Kupfer auf den Platz,
Als man ihm seine Liebste gab.
Er sprach darauf: »Dem heiligen Grab
Soll man die Pfennige geben,
Daß Gott uns lange läßt leben!«
Auch sie tat das mit frohem Sinn,
Sie schüttete dann Pfennige hin,
Nicht mehr und weniger gar als er,
Und sprach: »Die Bitte dir der gewähr',
Der Alle Freude haben läßt!«
Man feierte gar schön das Fest,
Der Speisen gab es mancher Art;
Zur Freude angeordnet ward
Und wurde ausgeübet viel:
Drometen-, Pfeifen-, Saitenspiel;
Turnieren, Reiten auf dem Plan,
Das ward nun wunders viel getan,
Bis daß das Fest zu Ende ging.
Da fragte man den Jüngeling,
Wo er am liebsten möchte sein
Zu Hause mit der Frauen sein,
Ob in Paris, in Engelland.
Da sprach der Jungherr kurzerhand:
»Ich will fürwahr abwechselnd sein
Bald dort, bald bei dem Vater mein!«
Es sprach der Herr von Engeland:
»Drum gebe ich dir unverwandt
Die Städte, Burgen, die ich han,
Es sei dir alles untertan
Und deiner süßen Fraue zugleich!«
Erhoben sich schnell Arm und Reich,
Der Hof tat jetzo scheiden.
Den zwei geliebten Beiden
Erging es ob der Maßen wohl,
Wie stets es denen gehen soll,
Die treue Liebe tut erfassen,
Die niemals voneinander lassen.
So wohl ergehe es auch euch,
Drum saget alle »Amen« gleich!

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.