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Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 18
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070923
projectid907212d0
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Das Schneekind

Ein Kaufmann hatte einst ein Weib,
Die war so lieb ihm wie sein Leib,
Er sei ihr lieb, das sprach auch sie,
Es sagte jedoch ihr Herze nie
Die Wahrheit ihm in gutem Sinne,
Herbergte es doch falsche Minne!
Es traf zu einer Zeit sich nun,
Daß er nicht länger wollte ruhn,
Er fuhr mit einem Kaufschatz schwer
Von Haus um des Gewinns Begehr,
Er hob sich auf des Meeres Flut,
Wie es gar mancher Kaufherr tut,
Und kam bald in ein fremdes Land,
Allwo er guten Handel fand.
Er blieb um den Gewinn
Drei ganze Jahr' darin.
Und nie er wieder zur Heimat kam,
Bis das vierte Jahr ein Ende nahm.
Sein Weib ihn liebreich dann empfing,
Ein Kindlein ihr zur Seite ging.
Da fragt er sie geschwind:
»Wes ist dies schöne Kind?«
Sie: »Herre, ich begehrte dein.
Da ging ich in mein Gärtelein
Und nahm dort Schnee in meinen Mund,
Drauf ward mir deine Minne kund.
Und ich gewann dies Kindelein;
Bei meiner Treue, es ist dein!«
»Das mag wohl seine Wahrheit han,
Wir woll'n es aufziehn,« sprach der Mann.
So ward sie es nicht inne,
Daß er der falschen Minne
An ihr war worden gewahr,
Bis dann wohl nach zehn Jahr.
Er lehrte das Kind indessen dann,
wie Hunde und Falken man zieht heran;
Er lehret ihn Schach- und Federspiel
Und auch noch mancherlei Freuden viel:
In Züchten sprechen und schweigen
Und Harfen, Rotte spielen, Geigen
Und allerhand Saitenspiel
Und andere Kurzweil viel.
Gebot dann den Knechten kurzerhand,
Daß sie die Schiffe setzten instand
Mit Speise nach dem alten Brauch;
Den Schneesohn führte er mit sich auch.
Er hob sich wieder aufs wilde Meer,
Die Winde schlugen ihn hin und her
Und schlugen ihn in ein fremdes Land,
Allwo er einen Kaufherrn fand,
Der fragte ihn gar frank und frei,
Was denn sein bester Kaufschatz sei.
Der Schneesohn ward ihm vor Augen gestellt.
Er zahlte für ihn dreihundert Mark Geld.
Das war ein großer Reichtum;
Auch hatte er deshalb hohen Ruhm,
Weil damit er nicht war betrogen,
Daß er den Kuckuck aufgezogen.
Nun blieb er auch nicht länger dort,
Fuhr froh nach seinem Heimatsort;
Die Hausfrau aber vor ihn trat,
Ihn liebevoll empfangen tat.
Sie fragte ihn: »Wo ist das Kind?«
Er sprach: »Eia, mich schlug der Wind
Sowohl hin wie her
Auf dem weiten Meer;
Da wurde gar naß das Kind
Und ward zu Wasser geschwind,
Weil ich von dir vernommen,
Es sei aus dem Schnee gekommen.
Du darfst es wahrlich nicht beklagen,
Ist's wahr, wie ich einst hörte sagen:
Ein Wasser fließe noch so sehr,
Es halte immer Wiederkehr
In eines kurzen Jahres Frist
Zum Ursprung, von wannen es kommen ist!«
Und so vereitelte er voll List,
Daß er gar der Betrogene ist.

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