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Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 17
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
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projectid907212d0
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Rittertreue

In Frankreich hat gesessen
Ein Herre, gar vermessen,
Der war ein Ritter auserkoren,
In Montaburg war er geboren
Und hieß der Graf von Willekin;
Nicht bessre Ritter gab's als ihn
Damals zu seinen Zeiten.
Im Turnei und in Streiten
Tat immer er das Beste;
In hoher Tugend feste
War dieser Herre früh und spat.
Und was er auch nur immer tat,
Nach Ritterschaft stand stets sein Mut,
Bis daß er seines Vaters Gut
Bis auf ein Drittel hat vertan.
Das Geld durch seine Finger rann.
Tat, was er mocht', nicht, was er sollte,
Bis ihm sein Vater wahrlich wollte
Nichts geben mehr des Gutes;
Da ward er trüben Mutes.
Verlag nun müßig gar im Haus,
Der Vater schalt ihn derb oft aus,
Er mußte viel durch ihn erdulden;
Das war um der Turniere Schulden.
Was ich euch sage, das ist wahr,
Es ging schon auf das sechste Jahr,
Daß immer er zu Hause saß,
Bis man ihn leider ganz vergaß,
Wie man wohl manchen Ritter tut,
Der so vertan hat all sein Gut.
Nun war in diesem Lande hier
In Ehrbarkeit, das glaubet mir,
Ein Jungfräulein erzogen;
In Züchten sie drauf, ungelogen,
Ein schönes Weib geworden war.
Von der man redete immerdar.
Die war des Gutes also reich
Und wußte keinen, der ihr gleich.
Den sie zum Manne mochte haben
Und der entsprach all ihren Gaben.
Sie wollte so nicht länger leben,
Ließ holen die, die Rat ihr geben.
Und sprach: »Ihr Herren, sagt mir nun
Und ratet mir, was soll ich tun.
Daß ich zu einem Manne komme.
Der allen euch zum Herren fromme!«
Und gar sehr schnelle dorten
Sprach man zu ihren Worten:
»O Fraue, was Ihr da gedacht,
Sei kurzerhand und stracks vollbracht:
Laßt künden einen Turnei hier an,
Und sagt es Euren Freunden dann;
Dünkt es nun Euren Freunden gut,
Nehmt den, der sich hervor da tut!«
Die Fraue sprach: »Der Rat ist recht.
Er sei denn Ritter oder Knecht,
Ist er noch ohne Eheweib,
Soll er gewinnen meinen Leib!«
Es wurden Briefe viel versandt;
Die Frau mit ihrer weißen Hand
Gab sie da ihren Knappen hin;
Die nahmen sie mit frohem Sinn.
Sie sprach: »Vielliebe Knechte,
Die Botschaft kündet rechte;
Läßt Gott mich dann gesund,
Geb roten Golds zehn Pfund
Als Lohn ich jedermann!«
Die Fraue sprach alsdann:
»Ich will euch machen reich.
Euch allesamt zugleich!«
Sie neigten vor der Frau sich tief
Und jeder froh von dannen lief,
Trug seine Briefe in das Land
Und machte den Turnei bekannt.
Am frühen Tag ritt frisch und frei
Darnach ein Knappe dort vorbei,
Wo jener tapfre Ritter saß.
Der lagerte im hohen Gras
Zu seiner Kurzeweilen;
Da sah er fröhlich eilen
Den Knappen auf der Straßen.
»Will ihn vorbei nicht lassen,«
Dacht' er, »will ihn um Nachricht fragen,
Etwa sich all mein Mißbehagen
Dadurch verringert mir,
Daß ich werde heiter hier!«
Als ihm das Knechtlein nun kam nah.
Bat er ihn stillzuhalten da;
Er fragte ihn um Märe,
Wie es im Lande wäre.
Als er den Herrn erblickte dort,
Hielt an der Knappe, sprach sofort:
»Ich will Euch neue Märe sagen,
Soll sie zu allen Männern tragen:
's ist meine Frau ein Mägdlein fein, –
Gesteh's in Wahrheit gern Euch ein –
Sie hat des Gutes gar so viel,
Und keinen sie zum Manne will,
Den sie nicht beim Turnier erwählt,
Wo er gekämpft hat wie ein Held!«
Der andre seufzte, dachte:
»O weh, daß Gott je brachte
Solch Elend mir, der Mutes voll,
Daß ich zu Haus verliegen soll!«
Der Knappe mochte nicht länger stehn,
Der Herr hub an mit ihm zu gehn,
Bis daß sie kamen an das Tor;
Sein Vater aber stand davor.
Wie er nun seinen Vater sah,
Bat er den jungen Knappen da,
Daß er ihm jetzt zu Willen wäre
Und dem auch künde noch die Märe;
Er möchte ihm das Brieflein zeigen
Und ihm die Wahrheit nicht verschweigen.
Und es versprach der Knecht ihm nun,
Daß er es gerne wolle tun;
Sogleich er zu dem Alten ging,
Der ihn gar freundlich dort empfing;
Er hieß ihn gehn zu sich hinein,
Man reichte Brot ihm dar und Wein
Und dazu gute Speisen.
Der tat den Herren preisen!
Als er getrunken und gegessen,
Hat er sein Brieflein nicht vergessen;
Er zog's: »Wem hier die Schrift bekannt,
Der nehme das Brieflein in die Hand
Und schau hinein und lese fein,
Wann der Turneie denn soll sein,
Den meine Fraue sich vorgenommen.
Dazu soll mancher Ritter kommen;
Und was in diesem Briefe steht,
Dann alles in Erfüllung geht!«
Der Schreiber nimmt ihn hin und liest,
Er sieht wohl, wer die Fraue ist,
Es stand darinnen, wie sie hieß,
Die den Turnei ansagen ließ.
Der Knappe sprach: »Gar wohlgemut
Und schön ist sie, hat auch vieles Gut.
Ich weiß gar niemand, der ihr gleich,
Und nur ein Zehntel ist so reich.
Ich weiß nicht, Herr, ob's Euch behage,
Nach Pfingsten, über vierzehn Tage
Da kommt dahin manch Ritter gut
Um diese Fraue wohlgemut.
Die Frau ist jung und dabei klug.
Und wer den Preis erlangt mit Fug,
Dem Ritter will sie werden hold.
Und gibt ihm also reichen Sold,
Daß er ihr immer dankbar ist,
Der sie erringt zu dieser Frist!«
Und hiermit lief der Knappe fort,
voll Eifers dachte der Ritter dort,
Daß er der Herre möchte sein,
Von dem man nun ganz allgemein
In manchem Lande las und schrieb. –
Den Herren nicht das Böse trieb,
Nein, nur nach Edlem stand sein Mut;
Nur hat er leider wenig Gut.
Und als der Tag denn näher kam.
Da packte ihn ein wilder Gram,
Er war wohl eines Mannes wert,
Doch hatte er weder Roß noch Pferd.
Was ich euch sage, das ist recht:
Der Herr bat seines Vaters Knecht,
Daß er dem Vater rede zu,
Daß er ihm jetzt ein Gutes tu
Und ihm nun hülfe etwas mit,
Auf daß zu dem Turnei er ritt'.
Und diese Botschaft denn geschah;
Der Alte sprach zum Knechte da:
»Ich will ihm geben sechzig Mark,
– Das nenne mild man oder karg –
Ich hab' ihm weiter nichts zu geben,
Gedenke selber noch zu leben.
Dazu euch zweien ein gutes Pferd
Und einen Mantel und ein Schwert;
Also will ich euch lassen
Dann reiten eure Straßen!«
Der Knecht sagt dem es wieder so:
Da ward der Herr unmäßig froh.
Er rüstet sich drauf unentwegt.
Der Sattel wird aufs Roß gelegt.
An seine Seite kommt das Schwert,
Und eilends springt er auf sein Pferd.
Bald saß er auf dem Rosse hoch,
Nahm Urlaub und von dannen flog,
Von seiner Mutter nahm er ihn;
Die schaut ihm nach mit trübem Sinn.
Die Fraue war ein altes Weib,
Lieb war der Sohn ihr wie ihr Leib.
An eine Lade ging sie schnelle,
Schickt ihm zehn Pfund nach auf der Stelle
In Venetianer Gold fürwahr.
Nun ward er aller Sorgen bar.
Das tat die Frau in gutem Sinn,
Auf daß er besser führe hin,
Und daß er auf den Straßen
Kein Pfand denn solle lassen.
Nun wird also gesprochen:
Mehr noch als sechs der Wochen
Ritt da der Herr in Eile hin,
Bis dann die Stadt ward sein Gewinn,
In der die schöne Frauen
Man balde sollte schauen.
Der Edle es nicht unterließ.
Den Knecht er voranreiten hieß,
Herberg zu nehmen er befahl,
Er sprach: »Wir haben noch die Wahl,
wir sind ja mit den Ersten hier;
Zu einem Reichen ziehen wir.
Der einen Borg an uns wohl wagt
Und uns auch als ein Wirt behagt.
Du weißt, daß mir's am Geld gebricht;
Die siebzig Mark, die langen nicht,
weil ich in Üppigkeit will leben.
Ich will so reichlich Geld ausgeben.
Daß man dort von mir sprechen soll,
Es gehe mir übel oder wohl!«
Der Knecht ritt eiligst in die Stadt
Und überall um Herberg' bat.
Doch fand er keine unter allen,
Die seinem Herren möcht' gefallen,
Er dachte her, er dachte hin,
Nach einem Reichen stand sein Sinn.
Und wie er sich auch mühen tat,
Fand keinen Reichen in der Stadt.
Da rief er aus denn überlaut:
»Eia, hör' Fraue Sankt Gertraud,
was soll ich armer Knecht nur tun:
Schick einen reichen Wirt mir nun.
Bei dem mein Herr geborgen sei!«
Da sah er reicher Männer drei
An einer großen Türe stehn.
Zu ihnen tat das Knechtlein gehn.
Und klagte hier sein Ungemach.
Alsbald der eine Kaufmann sprach:
»Es steht bei mir beschlossen gar,
Kein Ritter wird mein Gast, fürwahr,
Noch eines Ritters leiblich Kind;
Manch einer ist an Ehren blind.
Ich borgte einem, der in Not,
Er lag in meinem Haus dann tot.
Der war mir schuldig siebzig Mark.
Doch seine Freunde sind so karg.
Daß keiner ihn auslösen will,
Und haben seines Guts doch viel.
Im Zorn wir dieses schufen:
In eine feste Kufen
Ward tot er da gestoßen
Zur Schande der Genossen;
Und dann nach einer kurzen Frist
Ließ ich ihn graben in den Mist
In meinem Pferdestalle.
Weiß nicht, ob's Euch gefalle;
Da mag er liegen denn, der Fromme,
Bis ich zu meinem Gelde komme.
Und glaubet mir das Wort,
Bin Münzer hier am Ort.
Die Münze ist mein rechtes Lehen;
Brauch' nie um Geld wen anzugehen.
Ich bin der Reichste in der Stadt!«
Anfangs der Knecht ihn eifrig bat;
Er sprach: »Nehmt meinen Herren auf,
Der lohnt es ehrlich Euch darauf!«
Der Bürger sprach: »Ich tu es nicht.
Drum leistet darauf nur Verzicht;
Ich habe wahrlich mir versprochen,
Wollt' eher werden gar erstochen
Und steckte eh'r das Haus hier an
Und wollte baun ein neues dann:
Wer bei mir wohnen wolle,
Die siebzig Mark mir solle
Für jenen toten Ritter geben;
Doch sollte ich gesund dann leben,
Da möcht' ich dem wohl borgen,
Er sollt' sich hier nicht sorgen,
Dreitausend Mark und auch noch mehr
Und stundete ihm lange sehr!«
So vieles Geld denn für die Mieten
Wagt ihm das Knechtlein nicht zu bieten.
Dacht': »Nun ist alles hier verloren,«
Gab seinem Pferde beide Sporen
Und sprengte eiligst nach dem Zelt
Zu seinem Herren in das Feld.
Er sprach: »O Herr, es tut mir leid,
Daß ich mit Euch ritt her so weit,
Euch keine Herberg' werden kann,
Ihr wollt denn lösen einen Mann,
Der war ein Ritter und ist tot!«
Der Herre sprach: »Welch große Not!
Soll ich fürwahr die Toten lösen,
Hab' ich's zu tun hier gar mit Bösen?
Hast aber du vernommen,
Wie mit dem Ritter das gekommen?
So künde alles mir beredt,
Auch, wie hoch der in Schuld dort steht!«
Der Knecht sprach: »Sie sind Euch zu stark,
Er schuldet dem Wirte siebzig Mark;
Davon läßt wahrlich er nichts ab!«
Der Herr sprach: »Gib sie ihm denn, Knab'
Und sprich, daß ich ihn darum bitte.
Daß er der Rotten viere miete.
Und jede Rotte zu zwölf Mann,
So er sie bestens finden kann.
Sie sollen beim Kampfe bei mir sein;
Und heiß ihn kaufen guten Wein.
Dazu der Speise alsoviel,
Wie ihrer ich hier essen will!«
Der gute Knecht nicht unterließ,
Was ihn sein Herre tuen hieß.
Er eilte schnell nach seinem Ziel,
Da alles ihm sehr wohl gefiel,
Und ritt nach jener selben Tür;
Der Wirt trat bald aus ihr herfür.
Als er den Wirtsherrn kommen sah,
Sprang er vom Pferd und sagte da:
»Kommt her zu mir, mein guter Mann,
Ihr wißt nicht, was mein Herre kann:
Er sagt, er will den Toten lösen,
Ob brav, ob böse er gewesen.
Er tut's um seinen Rittersnamen,
Er müßte seines stets sich schamen,
Spricht er, wenn einen Ritter wüßte
Begraben er in Eurem Miste;
Er schulde wenig oder viel.
Mein Herr ihn gerne lösen will!«
Der Wirt begann zu fragen
Nach seiner Silberwagen.
Der Knecht reicht ihm das Silber her
Des Wägens achtet er nicht sehr.
Derweilen der das Silber wägte,
Der Knecht des Trunkes Notdurft pflegte.
Und als das Silber war gewogen,
War auch des Wirtes Zorn verflogen;
Und was des Herren Knechtelein da
Nun heischen tat, gar bald geschah.
Und vier sehr reiche Rotten dann
Der Wirt in Eile ihm gewann.
Die holten wohl in Ehren
Hin in die Stadt den Herren.
Und Sättel und auch Schilde
Schenkt ihnen da der Milde,
Dazu noch gute Kleider. –
Jetzt leben wenige leider,
Die so nach Ehren streben
Und aus dem Vollen geben. –
Und als er dorten angekommen,
Der Tote ward herausgenommen,
Ein neuer Sarg ward ihm gemacht
Und nächtens schön bei ihm gewacht;
Und um des edlen Herren wegen,
Mußt' also man der Leiche pflegen,
Wie wenn sie seines Vaters wäre.
So geht nun weiter diese Märe:
Tags drauf man sie zur Kirche trug;
Wie ward bestattet sie nach Fug!
Mit einer ungeheuren Schar
Folgt' ihr der edle Herr fürwahr.
Er konnte wohl nach Ehren streben;
Hieß jedem Pfennige da geben,
Er sei nun arm, er sei denn reich,
Auf daß er opfern kann der Leich'.
Sein Lob hier darum hoch erscholl,
Die ganze Stadt war davon voll
Und gut sprach mancher von ihm da,
Der nimmer ihn mit Augen sah.
Das Spielvolk wurde aufmerksam,
Ein großer Haufe davon kam
Hin vor des Herren Wirtes Tür,
Der Herr ließ schaffen nun herfür
Des Silbers viel und manch Gewand,
Er schenkte, wo er Notdurft fand
Und jedem auch nach seiner Kunst;
Da hatte er ihrer aller Gunst.
Er ließ sie von sich gehen so,
Daß jeder glücklich war und froh.
Und abends und des Morgens früh
Bat immer er gar liebreich sie,
Daß jeder herzlich für ihn bäte,
Wenn er ihn so beschenken täte;
So üppig war der Herre dort;
Pflog wahrer Tugend immerfort.
Er ritt des öftern durch die Stadt,
viel Ritter er da zu sich bat.
Die besten aber, die er sah,
Die waren ihm in Freuden nah.
Also gab er nur Ehrensold;
Wer nie ihn schaute, war ihm hold.
Jetzt laß ich ihn bis morgen ruhn.
Der Herre sprach: »Was soll ich tun?
Ich hab kein Roß, das mir behagt!«
Da ward er traurig und verzagt.
Es sprach der Wirt: »Gehabt Euch wohl,
Wenn ich Euch eines kaufen soll,
So liegt das Silber schon zur Hand,
Mir leistet keiner Widerstand.
Stehn wider Euch auch die Gewalten,
Sollt doch Ihr Oberhand behalten.
Glaubt, was ich sage, das ist wahr,
Ich leihe Geld Euch auf ein Jahr!«
Der Herre sprach: »Ihr sprecht so wohl
Daß ich's Euch danken muß und soll.«
Viel Rosse er nun sah,
Doch keins gefiel ihm da;
war es auch Ritter oder Knecht,
Von keinem war das Pferd ihm recht.
»Wenn Euch nun keines jetzt zusagt,
So wartet, bis es morgen tagt,«
Sprach da der Wirt, »das ist mein Rat;
Vielleicht doch jemand eines hat,
Das Euch fürwahr noch gut gefällt,
Ich kauf´ es ihm dann ab um Geld!«
Der Herre sprach: »Ich tu also!«
War seines Wirts von Herzen froh.
Der Herre ging da sitzen
Am Fenster, er tat schwitzen,
Die Sonne brannte auf die Gasse;
Und als er schaute auf die Straße,
Da kam ein Herr von edlen Sitten
Auf einem schönen Roß geritten;
Der Ritter war schon ziemlich alt.
Sein Roß war herrlich von Gestalt,
Er's mit dem Sporn berührte.
Im Sprung es ihn da führte
Bis an das Fenster nah heran.
Der Ritter lenkte seitab dann,
Er wäre weiter gern geritten.
Der Herre sprach mit guten Sitten:
»Laßt mich das Pferd beschauen,
O tut's, bei unserer Frauen!«
Der Fremde sprach: »Ich will es tun,
Ich wollt's zerlegen wie ein Huhn
Zu aller Frauen Ehr,
Es schreckte mich heute sehr!«
Das Roß gab er dem Herrn im Nu.
Es liefen allesamt herzu,
Sie sahen da jetzunder
Das Roß an wie ein Wunder;
Die Ritter mußten stracks gestehen,
Daß nie ein schönres sie gesehen.
Der Herr das Roß ungerne ließ,
Sprach: »Um wieviel verkauft Ihr dies?«
»Es ist mir um kein Silber feil;
wird mir die Hälfte des zuteil,
was Ihr auf ihm erwerbet,
wenn Ihr hier nicht ersterbet,
So sei es wahrlich Euer denn!«
Der Herr sprach: »Das kann nicht geschehn,
Gebt's mir um ein bescheiden Geld!«
»Nein, wirklich mir das nicht gefällt,«
Sprach da der Ritter kurzerhand,
»Ihr habt mich nicht sehr recht erkannt,
Ich bin ein so gestellter Mann,
Daß Gelds ich wohl entraten kann!«
Der Wirt sprach: »Haltet ein,
wollt Ihr edles Gestein,
wenn Ihr kein Silber möget haben?«
»Eia, laßt mich doch auf ihm traben
Aufs Feld hinaus, ich sehe dann,
Ob ich es wohl gebrauchen kann!«
Der Ritter reitet auf ihm hin:
»Mich müßte trügen denn mein Sinn,
wenn es nicht aller Fehler bar
Und zum Turnei sich eignet gar!«
Der Herre dann bekennen tat,
Als er das Roß getummelt hat,
Es sei ein also gutes Pferd,
Daß es ihm hundert Mark wohl wert.
»Ich glaub', Ihr haltet mich für toll,
Es nimmer Euer werden soll,
Gelobt Ihr mir nicht in die Hand,
Erringt die Fraue Ihr und ihr Land,
Daß Ihr da alles teilt mit mir!«
Der Herr sprach: »Das gelob' ich hier,
Beschert mir morgen Gott ein Heil,
Geb' ich Euch sicher euren Teil!«
Das Gut er ihm sehr gern verspricht,
Doch an die Fraue denkt er nicht.
Der hieß das Roß ihn denn behalten
Und sprach: »Gott möge Eurer walten!
Ich glaube, daß niemals ein Mann
Ein bessres Pferd als Ihr gewann;
Soll es Euch immer gut ergehn,
wird man es an dem Rosse sehn!«
Des andern Tages morgens fruh.
Da rüstet sich der Herre zu
Mit seinen Leuten allen,
Es gab ein lautes Schallen
Und Pfeifen- und auch Fiedelklang.
Auf einer reichgezierten Bank
Saß da der Herre, das ist wahr,
Man brachte ihm die Waffen dar,
Die legt' er schnell an seinen Leib.
Es baten da nun Mann und Weib,
Daß Gott in seiner Güte
Ihn immerfort behüte
Und helfe zu Gut und Ehren
Dem tugendreichen Herren.
Den Herren man dann gerüstet hat.
Sein Streitroß man bedecken tat
Mit einem Tuch aus Goldbrokat,
Und funkeln sah man diesen Staat
Von edlen Steinen sehr,
Und auf ihm ritt der Herr.
Ein Waffenrock ward ihm gesandt,
An dem er wurde dort erkannt,
Den schickte ihm die Fraue gut;
Er war von Seide rot wie Blut,
Damit sie auf den Zinnen sähe,
Ob ihm etwa ein Leids geschähe.
Also kam er zu Felde dann;
Zuerst zu nennen man begann
Den Herren öffentlich fürwahr,
Und froh war da ein jeder gar,
Der ihn jetzt dorten sah.
Die schöne Frau sprach da:
»O Herre Gott, gewähre mir,
Daß meinen Preis erlange hier
von Montaburg der Jüngeling!«
Der ritt zum ersten nach dem Ring
Mit einem wohl armstarken Speer.
Ihn zu berühren wünscht er sehr.
Gen ihn kam einer drauf geritten
Gar wohl nach ritterlichen Sitten.
Wie sie da aufeinandersprengten
Und schnell sich geneinanderdrängten,
Hui, wie sie sich dann stachen!
Die Speere beider brachen.
Der Herr den Ritter niederstach
Und manchen andern auch darnach.
Wer sich des Hiebs gen ihn vermaß,
Nicht länger dort zu Rosse saß,
Er sank hernieder in das Gras;
Wie lieb war doch der Fraue das,
Als sie mit ihren Augen sah,
Wie er sie niederrannte da!
Gar manchen Speer brach er entzwei.
Dann erst begann man den Turnei,
Wie man es ja in Frankreich pflegt:
Erst Spiel, drauf Ernst gar unentwegt.
Nun sahen erst die Frauen
Sie mit dem Schwert sich hauen
Auf Helme und auf Schilde;
Der Starke, Kühne, Milde
Streckte so manchen in den Sand
Mit seiner kampfessichern Hand,
Daß ihm den Preis denn zugestanden,
Die sich dort auf dem Feld befanden.
Als er den Preis sich hat erstritten,
Da ist er wieder heimgeritten,
Legt' ab den Harnisch kurzerhand,
Zog an ein kostbares Gewand,
Saß nieder dann und freut' sich sehr.
Der Frauen Wunsch war aber der,
Daß sie den Herren wollte sehn,
Dem man den Preis tat zugestehn;
In Wahrheit ich's euch sagen will,
Es waren bei ihr Frauen viel,
Mit denen kam sie hergegangen.
Da ward er freudiglich empfangen
Von mancher Frauen Munde.
Und zu derselben Stunde
Sah ihn des Landes Herrin an
Und sprach zu ihm voll Güte dann:
»Ich sage, Herre, Euch wahrlich nun,
Ich will Euch immer Gutes tun;
Uns nimmer jemand scheiden kann,
Ich wähle Euch zum Ehemann
Für all die Zeit und all mein Leben,
Und Leib und Gut will ich Euch geben!«
Er neiget sich vor ihr und spricht:
»Wohl mir, daß solches mir geschieht!
Seid von so lieblicher Gestalt,
Gott gebe, daß wir werden alt
Und seine Huld erwerben,
Eh' wir zusammen sterben!«
Die Fraue sprach: »Das walte Gott!
Wohlauf denn, ohne allen Spott,
Wir wollen hier nicht länger stehn,
Wohlauf, wir wollen essen gehn!«
Er: »Drängen tausend auf mich ein,
Ich wollte wehrlos für Euch sein!«
Er ging mit ihr zu Tische.
Gar viele Arten Fische
Und was an Speisen ist erdacht,
Das ward nun vor sie hergebracht,
Und guter Wein allüberall
Ward eingeschenkt im ganzen Saal.
Und jeder Gast befand sich wohl
Und ward geehrt. Die Erde soll
Vergehen, wenn es je geschah,
Daß man der Ritter mehr noch sah
Auf eines Herren Hochzeit;
Zumal die Botschaft weit und breit,
Als sie ward in die Welt gesandt,
Erscholl in vieler Herren Land;
Als man den Ruf zum Kampf vernommen
Waren die Besten all gekommen
Und strebten nach dem Preise da;
Und manchen edlen Ritter sah
Man dort gar reich gekleidet stehn.
Am Abend aber hat man denn
Die Fraue ihm ins Bett gebracht.
Und hätte der Herre je gedacht
Nach seinem Wunsche sich ein Weib,
War doch noch schöner dieser Leib
Als er es je sich konnte denken.
Wem Gott die Gnade täte schenken,
Daß er sie jemals sähe,
Dem viel des Heils geschähe.
Sie lagen da im Bette;
Ich halte jede Wette,
Daß, wenn man dort nach ihnen riefe,
Keiner der beiden etwa schliefe.
Die Nacht ward ihnen eine Stunde;
Von ihrem rosenroten Munde
Er manchen süßen Kuß wohl pflückte,
Den ihre Liebe hoch entzückte.
Wie süß war ihm der Morgen da,
Als er sie bei sich liegen sah.
Wie ein erwünschtes Bilde gar
Von Lilien und von Rosen war
Die Farbe ihrer Wangen.
Sein Sorgen war vergangen,
Das ihn mit Heftigkeit bezwang,
Als er noch mit der Armut rang.
Sie waren beide fehlerlos,
Und ihre Hochzeit war so groß,
Daß nimmer vor- noch nachher gar
Je eine Hochzeit größer war.
Da konnte wahrlich niemand schauen
Die Ritter all und edlen Frauen.
Es freute sich ein jedermann;
Und als das Mahl beendigt dann,
Der Lust und Kurzweil man oblag
Wohl einen sommerlangen Tag.
Viel Ritterspiele trieb man da,
Und manchen edlen Ritter sah
Man froh fürwahr und überlaut,
Und damit ehrten sie die Braut.
Sah manchen Ritter stark und fest
Und dabei aufgeputzt aufs best'
Auf hohem Rosse reiten.
Es gab kein böses Streiten;
Man tat es schön und heiter.
Und manchen wackren Streiter
Sah man dort froh und überlaut
Und damit ehrten sie die Braut.
Als andern Abends man gegessen
Und noch ein Weilchen hat gesessen,
Hieß man die Frau vom Tisch aufstehn,
Und sprach, sie solle schlafen gehn.
Sie ging, zog ab ihr Festgewand
Und legte zu Bett sich kurzerhand.
Der Herre war vor Liebe heiß,
Kam bald ihr nachgegangen leis;
Man zog ihm aus schnell seine Schuh',
Er sprach: »Ich mach' die Türe zu!«
Er ließ da alle gehn hinfür
Und schloß den Riegel an der Tür.
Er wollte zu der Fraue eilen;
Da hieß der Ritter ihn verweilen,
Der ihn so gut bedachte
Und ihm das Streitroß brachte.
Es sprach der: »Herre, wisset wohl,
Daß ich mit Euch doch teilen soll.
Ihr habt schon bei der Fraue gelegen,
Ihr sollet heute der Freundschaft pflegen!"
Der Herre sprach: »Bis morgen,
Und seiet ohne Sorgen,
Und habet wahrlich frohen Mut,
Ich gebe Euch gern ihr halbes Gut!«
Der Ritter sprach: »Das kann nicht sein,
Die Frau ist auch zur Hälfte mein!«
Der Herre drauf: »Das laßt, um Gott,
Es wäre ja des Teufels Spott,
Sollt' ich Euch meine Fraue geben,
O weh, was taugte dann mein Leben!
Eh' ich verzichte auf mein Weib,
Verliere lieber ich den Leib!«
»Ist Eure Treue die der Bösen,
Braucht Ihr das Wort nicht einzulösen;
Doch haltet Ihr sie gut,
So löst es ein mit frohem Mut,
Die Wahl will ich Euch zugestehn:
Jetzt müßt Ihr eins verlieren denn,
Die Fraue oder Eure Treue;
wählt nun, daß es Euch nicht gereue!«
Als er so von der Treue sprach,
Der Jammer dem das Herz fast brach,
Und, ach, wie sehr er da erschrak!
was er der Freuden an dem Tag
Gefühlt, die waren nun dahin.
Er sprach: »O wehe, daß ich bin
Leider worden also alt!
Nun kommt der Sorgen Allgewalt;
O, daß ich Armer nicht erstarb,
Eh' ich die Fraue mein erwarb.
Ich will's dem Herrgott immer klagen
Wär' ich im Felde doch erschlagen,
O seht, das wäre mir ja lieb!
Erhängte jemand mich als Dieb,
Fürwahr, das wäre ich wohl wert.
Ich fluche heute auf das Pferd;
Daß ich es je mit Augen sah!«
Also in Tränen sprach er da:
»Ich bleibe in der Treue stet,
wie mir's auch um das Weib ergeht!«
Der Ritter sprach: »So gehet mir,
weiß nicht, was wollt Ihr länger hier!«
Da sah der ihn voll Jammers an:
»Fürwahr, Ihr seid ein edler Mann,
O macht, daß ich's genieße.
Bedenket, wer Euch stieße
Von Eurer schönen Frauen,
Den würdet Ihr zerhauen.
Ich weiß es wohl. Ihr ließt ihn nicht;
Nun nehmt von mir die bittre Pflicht
Und lasset mir die Fraue allein!«
So sprach er da in seiner Pein.
Der Ritter drauf: »Das Flehen hier,
Es hilft Euch wahrlich nichts bei mir;
Und sollte all' die Welt denn sein
Bis zu dem jüngsten Tage mein,
Es machte wirklich mir nichts aus;
Nun haltet Wort und geht hinaus!«
»Wenn aber den Entschluß ich fasse
Und meine Treue fahren lasse,
Sagt an, was habt Ihr denn davon?
Ihr habt doch wahrlich reichern Lohn,
Wenn Ihr die Fraue mir jetzt laßt
Und Euch ihr ganzes Gut anmaßt!«
Der Ritter sprach: »Ihr seid ihr hold;
Und wären alle Steine Gold,
Ich nähme als meinen Teil sie nicht;
Will auch der Frauen Minnepflicht!
Wollt Ihr sie nicht gewähren mir,
So lasse ich Euch treulos hier
Und lasse Euch jetzt kurzerhand
Sowohl die Fraue wie das Land!«
»O wehe,« sprach der, »Herre Gott,
Der Teufel gab in seinem Spott
Das Streitroß mir zu meinem Schaden,
Mit Kummer bin ich schwer beladen.
Ihr wollt nach meiner Treue streben:
Jedoch, solange ich mag leben,
Will nimmermehr ich treulos sein!«
So gab er preis die Fraue sein.
Als nun der Herre kam herfür,
Da trat der Ritter ein zur Tür,
Ließ sie ein wenig offen stehen;
Der Herre mußte von ihm gehen.
Ich weiß nicht, ob ihr's glaubt:
Verhüllt hat der sein Haupt
Und tat gar bitter weinen.
Wo findet man wohl einen,
Der da dasselbe tät'?
Die Treue sein war fest und stet.
Als jener Ritter dieses sah,
Ging er ihm nach und sprach allda:
»Herr, ich versuchte Euch in List,
Wißt, daß Euch Gott gar gnädig ist.
Und wer ich bin, sag' ich Euch an:
Durch Euer Kommen mehr gewann
Ich, als gewinnen tatet Ihr,
Ihr zogt mich aus dem Miste hier,
Ließt mir zur Freude mich bestatten;
Bin eines armen Fleisches Schatten,
Habt mich aus großer Not befreit!«
»Ach, väterlicher Tröster,« schreit
der Herre freudig unverwandt,
»wie aber wird von mir erkannt,
daß mich mein Herrgott prüfte so ?
O, sagt es mir, o, macht mich froh!«
»Zu gut ich's Euch nur zeigen kann:
Ich stehe vor Euch als ein Mann
Und nahe Euch: nun greifet hin
Und prüfet immer, was ich bin!«
Der griff durch ihn mit seiner Hand
Wie durch den Schatten an der Wand,
Fing an gar sehr zu lachen:
»Solch Wunder kann Gott machen;
Was nützte Euch jetzt Gut und Weib?«
»Ja, Herre, habe keinen Leib,
der Gnaden Gottes bin ich voll,
durch Eure Huld geschah mir wohl
Und auch durch Eure Treuen.
O, niemand soll es reuen,
Wer fest in Treu' und Güte steht,
Am Ende es ihm wohlergeht.
Ich muß nun, Herre, von Euch fahren,
Gott möge beide euch bewahren!
Ich bitte stets um Euer Heil
Und lasse Euch auch meinen Teil!«
Der schöne Engel fuhr darauf
Zum Himmelsthrone schnell hinauf.
Der Herre ging zur Türe ein,
Durft' froher als vorher wohl sein;
Dieweil er mehr von Gott fürwahr
Nun wußte als ein andrer gar.
Wer seine Treu' und Ehr'
Bewahret also sehr,
Der kann zu seinen Frommen
Am End' zu Gott im Himmel kommen. –
Also nun tat es enden:
Es hieß zum Wirte senden
Der wahrlich tugendreiche Gast
Des Silbers eine große Last;
Der trug es in sein Steinhaus hin;
Das gab er ihm denn zum Gewinn,
Des seiet wahrlich eingedenk,
Er gab es ihm als ein Geschenk;
Dann zahlt' er seine Schuld in Güte,
Der Herre war milde von Gemüte,
Er schuf dann noch, daß Wirt und Kind
Fortan gar reiche Leute sind.
Und sprach: »Herr Wirt, solang' ich lebe,
Stets ich Euch leihe und auch gebe!«
So wurden wahrlich alle drei
Durch große Treue sorgenfrei,
Der Wirt und seine Gäste noch:
Die Treue ist das Beste doch!

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