Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Hansmann >

Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 16
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070923
projectid907212d0
Schließen

Navigation:

Das Gänselein

Ich will euch eine Märe sagen:
Gebaut war vor schon vielen Tagen
Ein Kloster also schön und wohl,
wie wahrlich es ein Kloster soll.
Das Gasthaus dort und das Spital
Errichtet war für solchen Fall,
Daß hier, zu welchen Zeiten man
Geritten oder gangen kam,
Man stets ein Essen fand bereit;
Und liebreich und in kurzer Zeit
Gab man denn, was vorhanden war.
Wär'n Klöster so doch immerdar!
Am Essen wurde nie gespart:
Doch wenn das Tor verschlossen ward,
Verboten war's, bei ihrem Leib,
Den Mönchen, daß ein einzig Weib
Jemals sie ließen dann darin.
Und darnach nur stand all ihr Sinn,
Daß kaum sie fristeten ihr Leben,
Wie's ihnen ward von Gott gegeben.
Ich hörte von ihnen sagen auch,
Daß es verbiete des Klosters Brauch,
Daß seine Mönche und die Klausen
Jemand erblicke, der von draußen. –
Ich zeige es euch selber an,
Daß dort war manch ein Klostermann,
Der nimmer aus dem Kloster kam.
Ein Jüngling war dort lobesam,
Der hatte das Leben also vertrieben,
Daß er stets drinnen war geblieben
Seit seiner frühsten Kinderzeit.
Drum wußte er nicht, was weit und breit
Dort lebte in dem schönen Lande;
Nur Rosse er (nach Sagen) kannte,
Und daß auf ihnen man soll reiten. –
Geschehn ist's nun in diesen Zeiten,
Daß sein Herr Abt verreiten wollte
Und auch nicht unterlassen sollte
Das Reiten in des Klosters Sach'.
Der Jüngling bittend zu ihm sprach,
Er möchte mit ihm in das Land,
Auf daß ihm würden jetzt bekannt
Die Dinge in dem Lande,
Die er doch gar nicht kannte.
Der Abt nun gern gewährte,
Wes da der Mönch begehrte.
Mit kluger Absicht gab er nach,
Im Stillen dachte er sich und sprach:
»Und werden ihm jetzund bekannt
Die Dinge, Menschen, auch das Land,
Kann man ihm überlassen wohl,
was dort ein Mönch besorgen soll,
Und er wird gar ein nützer Mann!«
Also nahm er ihn mit sich dann.
Sie saßen auf und ritten fort,
Besuchten die Klosterleute dort.
Und wie sie in die Felder kamen,
Die Pferde schön den Paßgang nahmen,
Und wenn ein Tier da auf sie stieß,
Der Mönch es niemals unterließ,
Er fragte, wie es sei genannt,
Damit es würde ihm bekannt,
wie denn sein Name möchte sein.
Es war ein Schaf, Rind oder Schwein,
Das tat der Abt ihm lächelnd kund.
So kamen sie zu später Stund'
Zu einem Meier, wo sie bleiben
Wollten und den Zins eintreiben.
Der Meier unterließ es nicht,
Empfing den Abt nach seiner Pflicht
Und sprach: »Mein Herre, seid willkommen
Und alle, die Ihr mitgenommen!«
Man nahm die Rosse ihnen ab.
Der Abt und auch der Mönch begab
Zur Rast sich an ein Feuer da.
Nach einer Weile, dies geschah:
Der Meier hatte nun ein Weib
Und eine Tochter, deren Leib
Vollkommen war und wohlgestalt
Und achtzehn Jahre war sie alt.
Der Abt bat sie sich setzen nieder,
Schaut, das war ihnen nicht zuwider;
Man sich zu ihnen setzen tat.
Darauf den Abt das Mönchlein bat,
Daß er ihn wisse ließe,
Wie dies Geschöpf man hieße.
Da sprach der Abt gar kurzerhand:
»Sie werden Gänselein genannt!«
»Wahrhaftig,« sprach der Mönch geschwind,
»Die Gänse doch recht niedlich sind!
Wie kommt's, daß wir gar keine haben,
Sie könnten sich doch gut erlaben
Auf unsrer Klosterweide!«
Darüber lachten beide:
Des Wirtes Tochter und sein Weib
Und wunderten sich, daß des Leib,
Der wahrlich schön und minniglich,
Doch nicht darauf verstünde sich,
Daß Weiber wären sie genannt.
Den Abt fragt man ganz unverwandt,
Ob der denn bei Verstande wäre.
Da kündet ihnen der die Märe,
wie frühe er ins Kloster kam
(Also wie man ja schon vernahm)
Und dorten aufgewachsen wäre.
Als diese schöne, gute Märe
Des Wirtes Tochter hat vernommen
Da ist ihr in den Sinn gekommen:
»Der ist doch ein gar schöner Mann,
wahrlich, wenn ich es fügen kann,
So prüf' ich heut' nacht, ob sein Leib
Erkennen mag, wie man ein Weib
Im Bette gut behandeln soll!«
Ja, er gefiel ihr gar zu wohl;
Der Rede sie ganz still gedachte,
Und was sie denkt, sie keinem sagte.
Als man sich schlafen legen sollte,
Der Wirt nichts unterlassen wollte.
Er ließ sie betten, wie's ihr Brauch;
Mitging da seine Tochter auch
Und schuf, daß diesem jungen Mann
Das Bett ward hergerichtet dann
Von seinem Abte fern,
Auf daß die Ruh' des Herrn
Gar nimmer werde nachts gestört;
Und ihre Bitte ward erhört.
Dorthin tat man die Herrn geleiten;
Darauf ließ dann der Wirt bereiten
Die Leute sich zum Schlafengehn;
Die Herren aber ruhten schön.
Doch keinen Schlaf der Mönch gewann;
Er lag im stillen da und sann,
Wie jeglich Ding ihm war benannt,
Das vordem worden ihm bekannt.
Die Jungfrau lag auch schlaflos da;
Manch ein Gedanke war ihr nah,
Wie von ihr würde das vollbracht,
Was sie sich vorher ausgedacht.
Stand auf heimlicherweise
Und schlich nun ganz, ganz leise
Sich an des Mönchleins Bett heran;
Als ihrer der gewahr ward dann,
Sprach er sogleich: »Wer mag da sein?«
Sie: »Ich, das junge Gänselein,
Und habe des Frostes viel gelitten,
Drum möcht' ich, Herre, Euch gerne bitten,
Daß Ihr jetzt zu Euch ließet mich
Um Gottes willen, auf daß ich
Erfriere nicht, es ist gar kalt!«
Der Mönch in seiner Einfalt
Sie sich schnell zu ihm legen ließ;
Um Gottes willen tat er dies.
Und wie sie kam an ihn heran,
Da konnte der junge Klostermann
Von dem weder wenig noch sehr viel,
Das man da nennt das Liebesspiel.
Sie aber wußte gut Bescheid;
Und mit Geschick sorgte die Maid,
Daß er in kurzer Stunde dann
Dies Spiel mit ihr gar schön begann.
Der Mönch ward da des Gänsels froh
Mit Fleiß; es deucht' ihn wahrlich so,
Daß ihm jetzt wohl und besser sei.
Und so schön spielten es die zwei,
Daß sie es schmerzt, als es ward Tag.
Das Mädchen jetzt nicht länger lag,
Stand auf und hub nun also an:
»Wollt Ihr mehr solcher Freuden han,
So sollt Ihr nimmer einem sagen,
was zwischen uns sich zugetragen;
Denn würde es dem Abt bekannt,
Er ließe uns beiden kurzerhand
Nichts wie den grimmen Tod!«
Sehr dringend sie ihm das verbot.
Auf zog indes der hohe Tag;
Der Abt jetzt auch nicht länger lag,
Steht auf, verrichtet seine Sach'
Er mit dem Jüngling in Gemach,
Um die sie hergekommen waren.
Als alles dies nun war im klaren,
Da saßen sie auf und ritten fort,
Besuchten Klosterleute dort.
Und als sie waren heimgekommen,
Da ward der Junge vorgenommen;
Man stellte ihm gar viele Fragen;
Sein Wort schafft ihnen manch Behagen.
Jedoch war er nun so verschlagen,
Daß keinem dorten er tat sagen,
wie ihm des Nachts auf ihrer Fahrt
Die junge Gans zuteile ward.

Vor einem Fest traf dieses zu,
Das fällt in stille Wintersruh'
Und ist die Weihnacht ja genannt.
Zum Kellner und zum Koch gewandt,
Sprach da der gute Abt also:
»Es naht sich eine Woche froh
In der wir lesen viel und singen;
Drum sollt Ihr wahrlich fleißig springen
Und sollt uns eine Mahlzeit geben.
Derweile die Mönche in Arbeit leben
Soll man sie, weiß Gott, besser pflegen!«
Solch Wort lobten die allerwegen.
Der junge Mönch stand auch dabei.
»Da Ihr es wünschet,« sprach er frei,
»Und große Messen haben wollet,
Ihr es nicht unterlassen sollet,
Möcht' es Euch wirklich möglich sein,
Daß Ihr dafür sorgt, Herre mein,
Daß jedem Mönch ein Gänslein werde;
Dann würde auf dieser schönen Erde
Nie irgendwem ein schöner Ding!«
Den Abt verdroß der schnöde Wink.
»Ei, Bruder, tut die Rede hin,
Weh, wohin habt Ihr Euren Sinn
Und allen Euren Witz getan?
Ihr müßt doch selbst die Einsicht han,
Daß wir gar nimmer Fleisch genießen.
Ich muß mich stracks dazu entschließen,
Daß Ihr müßt Buße drum bestehen!«
Er hieß ihn gleich von hinnen gehen;
Da durfte der wahrlich zögern nicht.
Doch sprach er: »Was mir auch geschicht,
Wer junge Gänse könnte haben,
Der möchte liebreich sich erlaben;
Denn Gänse und junge Gänselein,
Die können gute Speise sein!«
Den jungen Mönch tut man vertreiben;
Die Alten aber dorten bleiben
Und über Leibesnahrung reden,
Weswegen sie dahingetreten,
Und wie man lese, sänge fein
Und wer der Meister solle sein.
Und alles dies geschah; darnach
Der Abt zu einem Mönche sprach:
»Bringt her mir jenen jungen Mann!«
Den führte er voll Eifer dann
An seinen, ihm vertrauten Ort,
Und er beschwur ihn heimlich dort
Und sprach zu ihm: »Nun sage an,
Von wem dir solche Rede kam,
Daß du ein Gänslein sollst begehren!«
Der Junge tat sich lange wehren,
Doch als er dringend ward ermahnt,
Erzählte er denn kurzerhand,
wie ihm des Nachts auf jener Fahrt
Die junge Gans zuteile ward.
Als dies dem Abte ward bekannt,
Da sprach er traurig unverwandt:
»Weh mir, du bist betrogen,
Ich selbst hab' dich belogen!
Glaub' mir, es war ein Weib;
Dein gar einfältiger Leib
Hat wahrlich da beim Weib gelegen!
Ich hätte dich sollen besser hegen,
So hätt' ich recht getan!«
Er ließ ihn büßen dann,
Das tat der auch nach dem Gebot. –
Hätt' der getrieben nicht seinen Spott,
Und richtig, ohne allen Spaß
Und ehrlich ihm gesagt all' das,
So war er besser auf seiner Hut. –
Ja lügen und trügen tut selten gut.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.