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Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070923
projectid907212d0
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Die Meierin und die Geiß

Dies Märchen ist mir worden kund:
Es lebte ein Meier zu einer Stund',
Der hatte das allerschönste Weib,
Die je gewann eines Mannes Leib;
Und das ist zweifelsohne wahr.
Wie gelbe Seide war ihr Haar,
Ihr Kinn, ihre Brauen man loben soll,
Die Augen leuchteten wonnevoll;
Ihr Mund und ihre Wängelein,
Die gaben rosenroten Schein,
Ihr gelbes Haar war lockig und
Die Brüstlein klein und kugelrund.
Die Arme waren drall und blank;
Und zierlich waren, schneeweiß, lang,
Der Frauen zarte Händelein.
Daß sie nicht sollte Gräfin sein,
Das klag' ich laut und offen gar.
Sehr hübsch und schön ihr Leiblein war.
Ihr Lob zu singen wäre mir Sporn,
Scheut' ich nicht hoher Frauen Zorn.
Drum schweige ich von der Meierin still
Und von dem Meier ich sprechen will:
Dem war sein Weib so lieb,
Daß sie allein nicht blieb
Und ohne Obhut einen Tag.
Und wenn er nicht daheime lag,
Kam seine liebe Schwester her
Und paßte auf sein Weibchen sehr.
Bei einer Burg ein Kirchlein war,
Drin las und sang man immerdar;
Daneben hat gesessen
Ein Ritter, kühn, vermessen.
Der Ritter nun war unverzagt,
Die Meierin ihm so sehr behagt',
Daß er bestürmte sie fürwahr
Mit List, die ohne Maßen gar.
Derselbe Ritter aber wär'
Geschwommen durch das weite Meer
Zu seiner klugen Meierin,
wär' er gekommen zu ihr hin.
Es dachte sich das edle Blut:
Es kommet mir vielleicht zu gut,
Tut sie in jenes Kirchlein gehn;
Denn das kann nimmermehr geschehn,
Geht sie nicht durch das weite Holz!
Es würde freuen des Ritters Stolz,
wenn ihm die kluge Meierin
wär' gnädig worden in ihrem Sinn.
Der kühne, ritterliche Mann
Nun eine Werberin gewann,
Der gab er Gaben tausendfach;
Und bald hat diese seine Sach'
So bei der Meierin betrieben,
Daß die sich wahrlich seinem Belieben
Sehr gerne wollte fügen;
Das mußte ihm doch genügen!
Dies war zu einer Sommerzeit,
wo aller Vögelein Widerstreit
Sehr hübsch klang, wo ein jeder saß.
Da ließ der hübsche Ritter das
Entbieten seiner Meierin:
Er wolle auf Gnade und Gewinn
Ihr dienen bei der Kirchenfahrt,
wenn sie sie füge auf eine Art.
Sie fände einen grünen Zweig
Vor sich da liegen auf dem Steig,
Der aber mache ihr bekannt,
Daß, wenn sie ginge rechter Hand,
Sie dort ihn zu derselben Zeit
Ganz sicher fände und bereit.
Da sprach die kluge Meierin:
»Sehr gerne käme ich zu ihm hin,
Wo aber ich nur gehe
Und eine Weile stehe,
Kommt meine Schwägerin mit mir,
Ihr Bruder ist auch noch bei ihr,
Sie hüten alle Zeiten mein;
Drum kann es also ja nicht sein!«
Der Bote war ein altes Weib,
Sprach: »Fraue, meines Herren Leib
Erleidet durch Euch solche Not,
Daß besser wäre ihm der Tod.
Denkt nach und gebt mir Kunde,
Ob nicht zu einer Stunde
Mein Herre kann zu Euch kommen,
Sonst wird ihm Seele und Leib genommen!«
Ihr Köpfchen jetzo niedersank
Und sie schwieg eine Weile lang,
Als sie dann wieder aufwärts sah:
»Bei meinem Eide,« rief sie da,
»Nichts Besseres ich wahrlich weiß,
Als das: wir haben eine Geiß,
Nach der die Wölfe spähn zur Nacht.
Bestimmt ihn, daß er's auch so macht.
Und daß er seinen Knappen heiß'
Still fortzurauben unsere Geiß.
Zur selben Zeit, das weiß ich gut,
Der Meier denn nichts anderes tut,
Als daß er gleich läuft hinterdrein,
Sie zu befrei'n durch lautes Schrein.
Er ruft: Hehe, gib sie heraus!
Dann kann der Ritter in das Haus!«
Die Alte sprach: »Nun glaubet wohl,
Mein Herr sich dessen freuen soll
Und muß auch immer fröhlich sein!«
Da trat der Meier ins Haus hinein.
Die Alte nun so zu husten anfing,
Daß Sehen und Hören ihr verging.
Er meinte, sie könne nicht länger leben,
Und hieß sein Weib ihr etwas geben.
Es sprach die stolze Meierin denn:
»Sie könnte wahrlich dort lange stehn,
Ich gebe ihr nichts, wenn Ihr's nicht gesagt!«
Dies Wort dem Meier sehr behagt.
Als nun die Alte vor die Tür
Hinaustrat, rief sie: »Wehe mir!«
Sie schrie dann auch: »Ach, ach, o weh!«
Bis niemand stand mehr in der Näh'
Und keiner dorten weilte.
Sie nun von hinnen eilte
Und fand und traf den Ritter klug,
Dem sagte sie wahrlich Liebes genug.
»Ich hab' einen Knappen auf meiner Feste,«
Sprach der, »der macht mir das aufs beste.
Auch habe ich einen meiner Knechte,
Der tut dazu auch noch das Rechte,
Und weiß, wie man die Sache macht!«
Es kam nun eine finstre Nacht,
Da gingen denn die drei dahin,
Wie es gebot die Meierin.
Als man sich dort zurechtgefunden,
Da ward die Geiß schnell losgebunden.
Es meckerte dann laut das Tier;
Die Meierin schrie: »Wehe mir,
Herr Meier, hast du nicht vernommen?
Die leidigen Wölfe sind wiederkommen!«
Bis daß es ihr gelungen,
Daß der ist aufgesprungen.
Dann brachte der Knappe die Geiß
Weg über viele Zäune, Gott weiß.
Und biß gar fest sie in das Ohr,
Ihr nach lief nun der alte Tor
Und schrie: »Hoho, du feiger Graus!«
Der Ritter aber schlüpfte ins Haus.
Als der Meier dem Wolfe die Geiß entriß,
war der Ritter verschwunden, das ist gewiß.

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