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Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band

Paul Hansmann: Altdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Hansmann
titleAltdeutsche Mären und Schwänke - Erster Band
publisherGeorg Müller
editorPaul Ernst
year1913
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projectid907212d0
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Der Schüler von Paris

Man liest gar oft vom Liebesglücke,
Daß süße, minnigliche Blicke
Zwei Herzen aneinander schließen
Und also innig sie begießen
Mit Liebesflut, daß zwei in ein
Sich flechten, fester als ein Stein,
Den man gefügt in eine Wand. –
Es ist mir worden denn bekannt,
Daß in Paris, der großen Stadt,
Ein Bürger einst gesessen hat,
Der züchtig, reich und vornehm war;
Dem hatte Gott verliehen gar
Das allerschönste Kind,
Wie man kein andres weiter find't.
Ein weiblich Wesen also zart
Auf Erden nie geboren ward.
Es war die Jungefrau
Schön wie im Morgentau
Die Rose, die vor Dornen steht;
Behütet ward sie früh und spät,
Das muß ich offen eingestehn.
Es konnte zu jenen Zeiten denn
Wohl niemand ihrer Schönheit Glanz
Und ihre hohe Tugend ganz
Berichten noch beschreiben.
Sie war vor allen Weiben
An Tugend rein, von edler Zucht.
Da hat die wonnigliche Frucht
Ein Vorbild süßer, heißer Minne
Erkoren sich in ihrem Sinne.
Sie sah's in einem Schüler gar,
Der um die hohe Kunst fürwahr,
Weil gern er werden wollte weise,
Her nach Paris gemacht die Reise.
Es saget uns die Märe,
Daß dieser selbe wäre
Der allerschönste Jüngeling,
Den man dort in des Landes Ring
Zu seinen Zeiten finden möchte;
Auch stammte er von einem Geschlechte
Aus England her von edler Art.
Der hatte seinen Leib sehr hart
Durch manche Übung gar gemacht.
Er ward nun, wie man mir gesagt,
Mit jener Jungfrau dort bekannt;
Ihr Anblick sich ins Herz ihm brannt'
Durch seine Augen dazumal.
Es ist ihn aber grimme Qual
Mit großer Macht gar überkommen
Und hat ihm alle Freude genommen.
Darum begann er nachzusinnen,
Wie er es möchte wohl beginnen,
Daß er die Schöne öfters schaute.
Nun dachte sich der Edle, Traute,
Daß er sich wolle machen
Mit allen hübschen Sachen
Lieb und genehm denn ihrem Vater;
Die Sinne darauf richten tat er
Und seines Herzens ganzen Mut.
Gar oft er ihn zu sich einlud,
Und bot ihm großer Ehren viel.
So kam es wahrlich bald zum Ziel,
Daß ihrer beider Freundschaft
Erstarkte und ward dauerhaft.
Der Alte hielt auf gute Sitten:
Er tat den Jungen zu sich bitten
Denn auch sehr oft in den Palast.
Da wurde nun der edle Gast
Gar lieblich aufgenommen
Von ihr, der Tugendreichen, Frommen.
Das war des Edlen Trost und Heil,
Weil seiner Freuden besten Teil
Und seines Herzens Qual zugleich
Sie ausmacht', die so bälde reich.
Nun trifft es immer zu geschwind,
Wo je zwei schöne Menschen sind,
Da muß auch Liebe süß entstehn;
Drum hat die starke Minne denn
Sie fest verknüpft mit ihrem Strick.
Ach Gott, wie manchen Augenblick
Sie sich mit süßen Blicken maßen,
Bis sie sich dann genübersaßen
Der Sinne und der Einsicht bar;
Sie waren zueinander gar
In Liebe entbrannt zu jeder Frist.
Also es nun geschehen ist,
Daß sie die edle Minne gut
Nach ihrer beider Herzensmut
vereinte ganz natürlich.
Dem Wunsch, der so gebührlich,
Nach edler Minne süßerer Pflicht,
Entsagte auch ihr Herze nicht;
Und wenn es mochte nun geschehn,
Da taten sie in ihr vergehn
Mit Herzen, Rosen also zart,
Wie von zwei Liebenden es ward
Wohl nimmer lieblicher getan;
Und ihre süßen Mündlein dann
Fest aneinander hingen,
Und heiß sie sich umfingen,
Im Rosen lagen Brust an Brust.
Nie könnte besingen solche Lust
Jemand mit tausend Zungen,
Wie diese beiden Jungen
Da inniglich empfanden
Und sich in Liebe umwanden
Mit blanken Armen beiden.
Ihr Sterben war ihr Leiden.
Es hatte beider Sinne
Die weise, edle Minne
So ganz in eins geflochten,
Daß beide sie nicht vermochten
Die Herzensliebe zu lassen.
So ohne alle Maßen
Beseligt süß war ihre Minne.
Sie taten Herzen und auch Sinne
So ganz in eins verweben,
Daß ich ihr seliges Leben
Mit Worten nimmer ganz erzähle.
Noch lieber nun als seine Seele
Hat einer da den andern gleich.
O Herre Gott im Himmelreich,
Daß sie nicht immer sollen leben! –
Da du das nimmer zugegeben,
So wollte ihr Sinn und auch ihr Mut,
Daß sie sich wie Herzensblut
Denn liebten ohne Zagen –
Das muß ich stets beklagen!
Nun ist es aber leider wahr,
Daß Liebe, die so selig' gar,
Mit tiefem Leid verbunden ist;
Wir schaun es hier zu dieser Frist.
Der Jungfraun Vater merkte bald,
Daß süßer Minne Allgewalt
Da zwischen beiden arg ihr Spiel
Begonnen hat, weshalb er viel
Des Leids gewann in seinem Mut:
Um eine sichre, stete Hut
War er besorgt da väterlich,
Dieweil er dachte fest bei sich,
Daß dann gelöschet würde gar
Die Liebe, der er ward gewahr
In kurzer Zeit, die sie erfüllt'.
Zu solchem Tun war er gewillt;
Es war ein Plan seltsamer Art.
Denn stets es eine Wahrheit ward:
Daß, was man in den Weg ihm legt,
Ein Mannesherze unentwegt
Zur Seite räumt, eh' man mit Leiden
Es bringet um seiner Liebe Freuden.
Der Vater es nicht unterließ,
Er tat, was ihm sein Sinn da wies,
Und wie ihm ward geraten:
In einer Kemenaten
Versperrte er die Tochter sein.
Er ließ dann noch zu ihr hinein
Drei Mägde, lieblich anzuschaun,
Die sollten bleiben bei der Fraun
Und dienstreich ihr zur Seite stehn;
Die taten einen Eidschwur denn,
Sie wollten ständig sie behüten
Und immer stehn in Treu und Güten
Zu ihres Herren Kinde.
Der Herr auch dem Gesinde
Bei seinem Leben gar befahl,
Darauf zu achten allzumal,
Daß niemand weiter noch dahin
Dann käme wie die Kellnerin.
Die aber ließ er noch hinein,
Dieweil sie treu ihm schien zu sein.
Und weil er sie als gut erkannt,
Hat anvertraut er unverwandt
Ihr seiner Tochter Hut;
Er sprach mit sanftem Mut,
Sie sollte sie in Pflege haben,
Und möge reichlich sie erlaben
Wohl mit Getränk und guter Speise.
Und es vergaß auch nicht der Weise,
Zu bitten, daß die Tür sie hüte;
Damit sich keiner denn bemühte
Hineinzugehn; nur sie alleine.
Und das gelobte ihm die Reine.
Als nun die süße edle Magd
Mit solchem Eifer man bewacht,
Da duldete sie mit Schmerzen
Gar große Pein im Herzen
Und bitterliches Ungemach.
O weh, wie jämmerlich sie sprach:
»O Gott, was ward ich je geboren,
Die beste Freude hab ich verloren.
Soll ich also geschieden sein
Von ihm, der, ach, das Herze mein
Trägt süß in seines Herzens Schoß?«
Ein Bach ihr aus den Augen floß,
Wie es die Minne denn gebot;
Ihr Wängelein so rot
Von ihm benetzet ward;
Der Jammer quälte sie hart.
In Herzenssehnen sprach sie dann,
Wie nur die Liebe es schaffen kann:
»Ach süßer Gott im Himmel dort,
Ich klage dir nun fort und fort
All meiner Freuden Ungewinn,
Weil ich von ihm geschieden bin,
So gänzlich, daß ein grimmes Leid
Nach mir in wilden Nöten schreit
In seines Herzens Mauern;
Und sehnsuchtsvollem Trauern
Tat auf sich meines Herzens Tür!«
Und sie gedachte für und für
Gar manches zarten Blickes
Und auch des Minnestrickes,
Der sie so fest umwunden
Hat in der Liebe Stunden.
Sie mußte daran denken;
Und das begann zu senken
Der Schönen nun zu jeder Stund'
Jammer in ihres Herzens Grund.
Auch quälte die junge Stolze sich,
Daß er so ganz gewaltiglich
Gekommen war um süße Huld,
Und daß sie nun um seine Schuld
In enger Haft hier saß verzagt
Und alle Lust war ihr versagt
Und alle Freude obendrein.
Die Reine, Süße trug allein
Die Kreuzesnot fürwahr, und nie
Jemandem offenbart' sie sie
Dort draußen und da drinnen.
Jedoch an ihren Sinnen
Ersah und merkte man sehr gut,
Daß qualvoll litt das junge Blut,
Und daß sie Gram mehr als genug
Im sehnsuchtsvollen Herzen trug
Und dazu großes Ungemach.
In dieser Zeit es nun geschach,
Daß sie, die Reine voller Güte,
Bedachte still sich im Gemüte,
Wie sie ganz heimlich brächte ihr Lieb
Zu sich als einen Minnedieb,
So daß ihn niemand sähe gar;
Darauf sann immer sie fürwahr.
Hört, wie solches sie schön anfing:
Zu ihren Mädchen sie da ging
Und sprach: »Die Kellnerinne mein
Will gerne jetzt zu mir herein;
Mein Vater hat befohlen ihr,
Sie solle nächstens sein bei mir
In meiner Kemenaten;
Man hat ihm das geraten,
Daß stets er wäre sorgenfrei
Und niemand anders bei mir sei!« –

»Wir lassen es geschehen, Frau,
Doch wollet sagen uns genau,
Ob keine List damit verbunden;
Wir tun es gern zu allen Stunden,
Wenn Ihr all Eures Vaters Willen, –
Und Ihr tut gut dran, – wollt erfüllen!«
Als diese Rede war gescheh'n
Bedachte sie, wie sie ihm denn,
Der fest auf ihre Liebe baut,
So heimlich und nicht überlaut
Könnt' einen Boten jetzo senden,
Daß bis an aller Welten Enden
Es niemand weiter wüßte;
Und ganz verborgen müßte
Es wissen nur ihrer beider Sinn.
Sie dachte her, sie dachte hin;
Jedoch nach kurzen Stunden
Ist eine List gefunden.
Hört, wie sie's anfing ganz verschlagen:
Sie legte sich nieder in den Tagen
Und sprach, ihr wäre weh ums Herz,
Und drängte da in ihrem Schmerz,
Daß man all ihrer Not gedächte
Und zu ihr einen Priester brächte,
Dem sie die Beichte täte kund.
Nach einem Mönch zur selben Stund',
Der als ein Frommer war bekannt,
ward ohne Zögern ausgesandt;
Der kam zu ihr gegangen.
Gar freundlich ihn empfangen
Sie drauf in dem Gemache tat.
Die Frau ihn sich zu setzen bat
Auf einem seidenen Pfühle dann.
Sie saß nun vor dem frommen Mann;
Es sprach die Fraue gar wohlgemut
Die Beichte, wie sie sie deuchte gut,
damit den Liebsten sie gewann.
Mit solchen Worten fing da an
Die Schöne, die so minniglich:
»Viellieber Herre, vernehmet mich,
Hört meine Sünden allzumal:
Eh' mich nun überkam die Qual,
Daß ich hier wurde eingeschlossen,
Da ist die Minne unverdrossen
Und hastig auf mich eingedrungen
Und hat mir ganz und gar bezwungen
Das Herz, den Leib und auch den Mut,
Daß ich auf einen Schüler gut
All meine Sinne wandte;
Die Liebe mich so verbrannte,
Daß ich der Sinne bar
Und des Verstandes war.
Ich ließ ihn an mir stillen
All seines Herzens Willen.
Das ward mein Vater inne
In seinem klugen Sinne,
Und schnell er sich's erdenken tat,
Daß er mich hier versperret hat
Mit all den schönen Jungfrau'n mein.
Die Kellnerin darf nur herein,
Die meiner immer pflegen soll
In steter Treue und sehr wohl;
Dazu ist sie verpflichtet mir.
Auch soll sie in den Nächten hier
Ins Zimmer ständig zu mir kommen;
Und andrer Trost ist mir genommen,
Drum trag' ich Leides denn genug.
Es hat jedoch der Schüler klug
Gefunden gar in kurzer Frist
Nun eine schöne, gute List,
Wie er herein kommt hier
Und all die Not nimmt mir.
Er ließ sich Kleider machen,
Ganz gleich in allen Sachen,
Wie sie die Kellnerinne trägt.
Den Putz nun hat er angelegt;
Er kam geschlichen für und für
Und klopfte sacht hier an die Tür
Als ob er wär' die Kellnerin,
Und ich ging an die Türe hin,
Da mir sein Plan ja war bekannt,
Und öffnete ihm unverwandt.
Und er war mir willkommen sehr;
Ich sage Euch in Wahrheit, Herr,
Daß ich ihn liebreich gar empfing.
Nach solchen Listen also ging
Mit mir er schlafen leis' zur Stund;
Den Mädchen aber tat ich kund,
Die Kellnerin wär' da,
Die solle bei mir ja
Hier drinnen nächtens schlafen;
Sie möchten mich nicht strafen,
Auf Wunsch des Vaters sei's geschehn.
Also erreichte ich es denn,
Daß sie es duldeten bereit.
Dies wahrte nun so lange Zeit,
Geschah auch leider also viel,
Daß ich Gott eingestehen will
All meiner Sünden Qual.
O Herre, und einmal
Er mir ein schönes Kleinod gab.
Nun tut es, bei dem heiligen Grab,
Und bringt es wieder zu ihm hin,
Daß er verstehe meinen Sinn,
Daß ich mich will begeben
Der Schuld, damit mein Leben
Erhalte für die Sünde Buß'.
Nun sagt ihm, Herre, meinen Gruß
Und bittet ihn beim Himmelreich,
Bei Gott und seiner Tugend gleich
Daß, wenn ich je etwas getan
Zu Liebe ihm, er Treue dann
Möcht' halten mir und nimmermehr
Von nun an kommen zu mir her.
Das bracht' der Seele wenig Trost,
Die auf der Sünden bösem Rost
Ach, leider, ganz verdorret ist!
Nun bittet den gar süßen Christ,
Er möge sich erbarmen
Doch meiner, ach, der Armen,
Und alle Sünden mir vergeben
Und ihn in Sälde lassen leben!«
Der Märe ward der Herre froh,
Zur Jungfrau sprach er drauf also:

»Ich will die Sache auf mich nehmen
Und zu dem Herrn mich hin bequemen
Und will ihn bitten, ohne Spott,
Daß er es lasse denn bei Gott
Und auch noch auf das Wünschen mein;
Des dürft Ihr zuversichtlich sein!«
Sprach dann noch zu der Jungfrau gut:
»Gott halte Euch in seiner Hut!«
Darauf er zu dem Herren ging,
Der freundlich ihn bei sich empfing;
Und guter Wein ward aufgetragen.
Er sprach: »Jungherr, ich soll Euch sagen
Etwas gar voller Heimlichkeit,
Wenn es Euch paßt, bin ich bereit!«
Und faßt ihn an die Hände
Und führt ihn dann ein Ende
Hinweg wohl an den Händen sein;
Die Herren waren da allein.
Da sprach der Bruder kurzerhand:
»Jungherr, ich bin zu Euch gesandt
Von einer Magd gar süßen,
Die laßt Euch, Herre, grüßen:
Sie ist versperrt in einen Saal,
Davon ihr Rosenantlitz fahl
Ist worden und auch bleich dabei.
Und drin bei ihr sind Mägde drei
Gar jung und schön und minniglich;
Jedoch in Qual brennt jämmerlich
Ihr Herze wie die heiße Glut;
Und eine Frau bewacht sie gut.
Nun hat sie mir gesagt etwas
Hört ohne alle Feindschaft das:
Habt also Kleider Euch gemacht.
Und kleidet denn darein zur Nacht
Gar Euren wohlgestalten Leib,
Und gleichet so demselben Weib,
Der da der Schlüssel anbefohlen;
Und nächtens kommt Ihr drauf verstohlen
Geschlichen zu der Reinen
Und tröstet sie im Weinen,
Wie es die Kellnerin sonst tut.
Sie gab mir dieses Ringlein gut,
Daß ich's Euch wiedergäbe hier;
Ihr sollt gedenken für und für
An Eure eigne Ehr',
Und sollet nun nicht mehr,
Wenn's nächtet, zu ihr tun den Gang;
Denn sie ist leider also krank,
Daß sie ganz siech vor tiefem Leid.
O Herr, seid das zu tun bereit,
Und laßt es nicht entgelten mich,
Ich lohne es Euch sicherlich.
Auch bittet sie Euch noch bei Gott,

Ihr sollet ohne allen Spott
Es fürder lassen denn
Und nicht mehr zu ihr geh'n
Um Ihres Heiles willen, ach!«
Darauf der Junge also sprach:
»Ihr dünket, Herr, mich dessen wert,
Wes Ihr in Güte da begehrt:
Ich will das alles gerne tun.
Kommt zu mir morgen frühe nun; –
Daß Ihr in Freude möget leben! –
Ein Kleinod hat sie mir gegeben,
Das sollt Ihr da vor allen Dingen
Auf meinen Wunsch zurück ihr bringen!« –
Schnell ließ der Gute, Reine,
Aus Gold und edlem Steine
Nun eine Spange fertigen an,
Es mußten sein darinnen dann
In mannigfachen Farben schön
Zwei kleine Bilder gar zu seh'n.
Die sollten ganz vollkommen sein;
Das eine war ein Jungfräulein,
Ein Schüler denn das andre gar:
»Gott tröste ihn für immerdar.«
Die Spange zeigte an genau,
Daß diese schöne junge Frau
Trug einen Bogen in den Händen,
Mit dem behende sie tat senden
Der süßen Minne herben Strahl
Nach seinem Herzen allzumal.
Auch ließ er einen Kreis drein graben.
Der war aus Lettern ganz erhaben
Und schloß das schöne Bildnis ein.
Auf dem sollte zu lesen sein:
Ach, reine, süße Minne,
Du legst geheime Sinne
Hinein in manches kranke Herz,
Das in der Liebe süßem Schmerz
Erfindet solche List,
Die ja zu andrer Frist
Und ohne alle Hilfe dein
Wohl nimmer würde ersonnen sein. –
Die Spange schickt' er der Frauen da
Durch jenen Bruder, daß sie sah,
Wie sehr sie ihn verwundet hat
Und er vor Gram ist siech und matt.
Die Spange brachte der Bruder hin
Zur schönen Frauen mit frohem Sinn;
Sprach:

»Bring Euch liebe, gute Mär',
Dies sendet Euch der Schüler her;
Und er versprach mir treu und fest,
Daß er Euch hier in Ruhe läßt;
Und tut es, ohne allen Spott,
Um meinetwillen und um Gott!«
Als dieser fromme Bruder nun
So gut vollbracht sah all sein Tun,
War er in seinem Herzen froh,
Daß er geschieden sie also.
Der Gute sich nicht dachte,
Daß er zusammenbrachte
Die beiden jetzt durch seinen Gang.
Darnach denn währte es nicht lang,
Da ließ der junge Mann
Sich Kleider fertigen an
Gleich denen jener selben Magd,
Wie's ihm der Bruder hat gesagt.
Und ging zu seiner Liebe,
Gleich einem Minnediebe,
Der nach Gelüsten tuet minnen,
Doch stets verheimlicht sein Beginnen.
Wie nun der Kluge lobesam
Also zu seiner Frauen kam,
Ward ihr Gemüt von Kummer heil
Und sie flocht ihm ein süßes Seil
Vom wahren Minneglücke,
Und ohne alle Tücke
Er da von ihr empfangen ward.
Die Süße, die auf ihn geharrt,
Sie legte sich mit ihm nieder nun
Ins Bette zu sehr süßem Tun,
Gar reich verziert stand das bereit
Mit einer Seidendecke breit.
Sie pflogen hoher Wonnen viel,
Und ihrer beider Freuden Ziel
War nun die schöne Lagerstatt;
Und die sehr Minnigliche hat
Gar liebreich ihn umfangen,
Ihr Mündlein und die Wangen
Er oft und oft an seine drückte.
Nicht räge war der Hochentzückte,
Freiwillig herzt' sie ihn
Und zog ihn freudvoll hin
Mit weißem Arm an ihre Brust;
Sie lagen da in süßer Lust
Und seligstem Empfinden.
Ihr Trauern mußte schwinden,
Wie vor dem Winde Zephirus
Der arge Wind verziehen muß,
Und wie der edle Theriak
Das Gift zu töten ja vermag:
So mußt' ihr Trauern fliehen
Und Freude ein nun ziehen
In ihrer beider Herz.
Verschwunden war der Schmerz,
Wie also alles glückte dies
Und sich das Glücksrad drehen ließ
Gar manche Stunde dann.
Darnach jedoch begann
Zu zeigen sich des Glückes Wende,
So daß das Spiel ein böses Ende
Nahm und man an den beiden, ach,
Sah grenzenloses Ungemach.
Denn späterhin es einst geschah,
Daß dieser edle Schüler da
Zu Ader hat gelassen
Und wollt' doch nicht verpassen
Die Liebste in der treuen Liebe,
Die er in reinem, edlem Triebe
In aller Stille ja zu ihr trug.
Mit einem Jüngling, der sehr klug,
Kam er zu ihr gegangen hin
Und Leid kam über sie und ihn.
Der Jüngling war ein edles Blut,
Dem er vertrauen konnte gut;
Er bracht' ihn her in Weiberstaat,
Wie mir die Märe künden tat,
Weil der ihn, wie er wollte,
Vor Schaden wahren sollte
Und ihn behüten auch fürwahr,
Was der denn tat mit Eifer gar.
Als sie nun kamen zu ihr hin
Und seine Liebste hörte ihn,
Empfing sie liebreich ihn und froh
Und sprach darauf zu ihm also:
»Mein Leben, sei mir hochwillkommen,
Nun ist mir alle Qual genommen!«
Das Knechtlein hieß sie draußen sein,
Ihr Herzlieb ließ sie zu sich ein
Allda nun zu derselben Stund'
Und tat ihm solche Freude kund
Mit Herzen, Rosen und mit Küssen,
Daß niemand wohl es möchte wissen
Zu sagen, wollt' er's zeigen an
Und gar in Worte kleiden dann,
Hätt' er auch dreier Meister Kunst.
So liebte sie ihn mit heißer Brunst,
Sie trieb ihr seligstes Verlangen.
Den Mund und ihre Rosenwangen
Hat oft an seine er gepreßt,
Die Minne sie nicht ruhen läßt,
Sie kosten fast die ganze Nacht,
Bis sie ergriff des Schlafes Macht,
Daß sie entschliefen beide.
Dadurch viel bittres Leide
Der Süßen, Zarten hier geschah,
Aufbrach die Ader leider ja
Und blutete so viel, so sehr,
Daß da von Blute ward ganz leer
Der junge, vielgeliebte Mann.
Der Zärtliche erwachte dann;
Ach, wie gar jämmerlich er sprach:

»O wehe, immer wehe, ach!
Du hast mich nun ergriffen, Tod,
Ach, du im Himmel droben, Gott,
Steh mir bei meinem Ende bei
Mit deiner hohen Namen Drei!
Hör, Christe, mein Gebet nun an:
Hab' etwas wider dich getan
Ich je, so reut's mich bitterlich;
Bei deiner Mutter, rette mich
Und tue gnädig mir vergeben
Mein arges, sündenvolles Leben!
Gedenke der Barmherzigkeit,
Die du für Sünder hast bereit!
Ach, Lieb, aus deinen Banden,
Die mich so fest umwanden,
In denen ich lag gebunden,
Will Gott zu diesen Stunden
Erlösen mich mit strenger Hand;
Fürwahr, ich sterbe unverwandt.«
Die Fraue aus dem Schlaf aufschrak:
Sie sprach:

»O weh dem schlimmen Tag,
An dem ich einst geboren ward!
Stirbst du mir jetzt an dieser Fahrt,
Ist alle meine Freud' zunicht'.
Ich weiß nicht, was mit mir geschicht,
Was fernerhin geschehen soll:
Der liebe Gott erlaubt es wohl
Und läßt so lange dich am Leben,
Bis dir und mir wurde gegeben
Der heilige Leichnam sein,
Dann mag das Leben mein
In diesem großen Ungemach
Mit deinem Leben enden, ach!«
Er sprach:

»Ich wünscht' es sehr,
Daß keinem Mann du mehr
Nach mir auf dieser Erden
Zuteile möchtest werden.
Doch das will Gott nicht geben,
Ich sterbe, du sollst leben!
Kund werden lasse die Treue dein
Mir: du sollst, Fraue, gedenken mein.
Gott will gebieten über mich,
Ihm anempfehl' ich, Fraue, dich!«
Damit hat seine Rede ein Ende;
Der Tod streckte aus nach ihm die Hände.
Aufsprang die süße Fraue dann
Und ging an ihren Herd heran,
Blies in das Feuer kurzerhand,
Und hat ein Licht sich angebrannt.
Und lief dahin in großer Not,
Sie fand den Jüngling liegen tot.
Gott nahm von ihm die Erdenpein;
Er möge uns allen gnädig sein!
Als sie, die alles Makels bar,
Die böse Märe ward gewahr,
Daß er bei ihr gestorben lag,
Da tat sie manchen harten Schlag
Nach ihrem armen Herzen,
Sie litt gar große Schmerzen
Und kummervolle Not
Um ihres Liebsten Tod.
Mit ihren weißen Händen gar
Den Kopfputz und ihr schönes Haar
Zerraufte sie sich jämmerlich,
Ach, guter Gott, wie kläglich sich
Sie raufte da und schlug!
Mit Herzleid, das sie trug,
War sie so gänzlich überladen,
Ihr Herze mußte in Jammer baden.
Auf ihn fiel sie vor Leide
Und seine Hände beide,
Die küßte sie da manche Stund',
Die Augen, Wangen sein und Mund,
Die herzte sie gar minniglich
Und sprach darauf sehr inniglich:
»O weh der jämmerlichsten Fahrt,
Zu der ich einst geboren ward!
O weh der bitterlichen Not,
Soll nun dein Mund dir, der so rot,
Jetzt werden bleich und blaß fürwahr?
O wehe deinen Augen klar,
Die so vollkommen und so gut,
O weh, daß sich verändern tut
Dein, ach, so süßer Anblick jetzt;
Darob mein Herz sich so entsetzt,
Daß meine Freude sterben mag.
Verflucht sei nun der Unglückstag,
An dem ich auf die Welt bin kommen,
Weil mir der Tod ihn hat genommen!
Ach, weinen muß ich, armes Weib;
Was soll mir jetzt mein junger Leib,
Da er mir ist genommen,
Zu dem ich erst gekommen,
Der allerliebste Mann,
Den je ein Weib gewann,
Wie keiner wieder wird geboren.
O weh, ich hatt' ihn auserkoren
Von allen, die ich je gesehn;
Groß Unheil ist mir nun geschehn.
O daß mir doch das Heil geschähe,
Und daß der Tod mir, der gar jähe,
Nun käme, nähme hin mein Leben!
Hin wollt' ich gerne mein Dasein geben;
Was soll des Lebens ich begehren,
Da ich doch deiner muß entbehren?
Ach, grimmer Tod, du fliehest mich,
Es ist ja Zeit nun, nahe dich;
Ach, warum schonest du denn meiner,
O komme her, ich warte deiner!
Was fürchtest du mich arme Magd?
Du, der sonst wild, bist nun verzagt
Und nimmst für ihn mich, ach, nicht hin.
In dem ja all, all mein Gewinn
Und meines Herzens Freude lag,
Ach, o du grauenvoller Tag,
In dem dein Leib erstorben ist!
O krankes Herze nun zerbrist
In meinem Leib an dieser Not.
O, du gar unbarmherziger Tod,
Vermag ich nicht dein Freund zu sein,
Was rächst du dich am Freunde mein,
Der Treue nie vor mir verbarg?«
Da wurde ihre Not so stark,
Daß jämmerlich tönt' ihr Geschrei:
»O komm, Tod, brich mein Herz entzwei!
Ach, Gott, ach, könnte es geschehn –
Du läßt oft deine Wunder sehn
Hier unten auf der Erden –
Daß er lebendig werden
Nun könnte durch Geschrei; fürwahr,
Ich wollte fröhlich seien gar.
Dann wollt' ich schreien ohne Scham
Und so laut rufen sonder Gram
Wie Löwen ihre Kinden,
Damit sie Leben finden:
Durch Gott und durch Geschrei wird Leben
Den jungen Löwen ja gegeben.
Und möcht' es mir gelingen,
Daß ich nun könnte singen
In Nachtigallen Tönen,
Die mit Gesängen, schönen,
Ausbrüten ihre Jungen,
So würde von mir gesungen,
Daß keine Sirene süßer sang;
Dies wollte ich treiben also lang,
Bis meiner Stimme Ton dir Leben,
Und neues Dasein würde geben.
Ach, möchtest du, Gott, gnädig sein,
Daß ich nun mit den Augen mein
Gar lieblich könnte sehn;
Mit deiner Hilfe denn
Säh' ich da, wie der Strauß es kann:
Der sieht nur seine Eier an,
Bis durch sein Sehen unbeirrt
Da in dem Ei lebendig wird,
Das vor ihm liegt, das Junge.
Und solche Anordnunge
Von der Natur befolgt der Strauß,
Er siehet seine Eier aus:
Möcht' doch das Wunder mir geschehen,
Daß ich so lieblich könnte sehen,
Und ich dich aufstehn sähe vor mir,
Mein Leiden hätte ein Ende hier.
Ach Gott, wär' es erlaubt also,
Daß ich mir dürfte wünschen froh,
Daß ich dich wie der Vogel da
Galadrius erwecken ja
Zum Leben könnt'; so starke Macht
Des Sehen hat: wo Tag und Nacht
Er Sieche ständig siehet an,
Da heilt er auch den kränksten Mann.
So rein ist seine Art.
O Auserwählter zart',
Ach, könnte ich mit solchen Sachen
Dich wieder mir lebendig machen,
So täte ich es sicherlich,
Daß ich ineinemfort nur dich
Mit meinen Augen sähe an,
Bis mir das Heil geschähe dann,
Daß ich erlangte das Leben dein;
Und würde mein Auge gar zu Stein,
Das wollte ich gerne darum geben.
Und würde ich blind und dir dein Leben
Dafür aufs neue zugestanden,
So ginge all mein Leid zuschanden.
Ach Lieb', das täte ich um dich,
Dein junger Leib, der dauert mich!
O allbarmherziger, guter Gott,
Mich könnte jetzt dein Machtgebot
Nach großem Leide machen froh,
Wenn du ihm, wie einst Lazaro,
Gäbst wieder nun sein junges Leben:
Dann müßte mein Herz in Freuden schweben,
Dann schwüre ich dir mit treuem Sinn,
Daß ich mit ihm ja fürderhin
Wollt' keusch und ehrbar leben
Und mich der Welten ganz begeben.
Wenn es nun aber nicht soll sein,
Daß du ihn willst vom Tod befrein,
Gewähre mir die große Freude
In meinem bittren Herzeleide,
Daß ich ihn wagte zu herzen ja
Vor allen Leuten, die stünden da!«
In dieser großen Quale
Holt sie nun eine Schale,
Die war gemacht aus rotem Gold,
Dieweil sie denn abwaschen wollt'
Sein schönes, edles Blut,
Das aus den Adern lief in Wut.
Auf ihn goß sie da Wein,
Damit wusch sie ihn rein,
Und auch mit Wasser mancherhand,
Aus Rosen war das gar gebrannt,
Aus Salbei und aus Rauten,
Darnach hat sie dem Trauten
Gar schön und unentwegt
Die Kleider angelegt,
In denen er gekommen her;
Sie stand vor ihm gar traurig sehr
Und blickte weinend auf ihn hin:

»O wehe, ach, ich Mörderin!«
Sprach sie, »dein Leib gestorben ist
Durch mich, dieweil ich diese List
In Liebe mir erdachte,
Daß sie dich zu mir brachte:
Hätt' ich mich des nicht unterfangen,
Wär' besser es vielleicht ergangen
Dir, als es nun geschehen ist.
O allbarmherziger guter Christ,
Wenn, ach, ich Arme, wagte dich
Zu bitten, so erhöre mich!«
Als die gar edle Fraue verzagt
Also genug und lange geklagt
Und alles, alles nichts verfing,
Stand mutlos sie nun auf uns ging
Zu jenem Jüngling denn hervür,
Der draußen stand vor ihrer Tür;
In großer Furcht sah sie ihn an,
Und voller Nummer sprach sie dann:
»Gesell, was sagst du nun hierzu?
O rate schnell mir, was ich tu'
In meinem großen Leiden:
Dein Herr tat hier verscheiden,
Der nie ein Böses zu mir sprach;
Ach, Freund, in meinem Ungemach,
Das über mich nun kommen tat,
Gib mir doch einen guten Rat.
Sag an, wie ich mit ihm verfahre,
Auf daß ich meine Ehre wahre!
Da sprach der Knecht geflissentlich:

»Vielliebe Fraue, was soll ich
Euch raten in des Jammers Not?
Ach, meines lieben Herren Tod
Bis an mein Ende, ich armer Mann,
Ja nimmermehr verwinden kann!«
Die Fraue sprach:

»Erbarme dich,
Geselle mein, und balde sprich,
was sollen wir denn tun?
Erschreckt der Tag uns nun,
So bin ich immerdar in Schand'.
Sei jetzt bei aller Treu gemahnt
Und hilf aus meinem Leide mir,
Ich will es ewig danken dir!«
Es sprach darauf der Knappe das:

»Ich riet Euch gern, wüßt' ich nur was.
Doch lasset Euer wildes KIagen:
Ich will ihn in sein Bette tragen,
Eh' daß es werde voller Tag;
Zu fügen ich's mit List vermag,
Daß jeder meinet alsofort
Er sei in der Kemnate dort
Daheim jetzo verdorben,
Im Bette da gestorben!«
Drauf nahm ihn der beherzte Mann
In seine beiden Arme dann
Und trug ihn von der Frauen leise;
Und in gar jammervoller weise
Legt er ihn in sein Bette da,
Wie er es ihr gelobte ja.
Des Morgens, als der Tag anbrach,
Des Herren Wirt ein Leid geschach,
Als ihm die Märe verkündet ward
Daß diesem Jüngling also hart
Gekommen war sein Ende,
Der offen stets die Hände
Und manche Ehr' ihm angetan.
Groß Jammer überkam den Mann
Und er beklagte ihn bitterlich;
Als edler Mann bewährte er sich:
Ließ ihn bestatten so in Ehren,
Daß wahrlich einem andern Herren
Man nie so schön mit Recht und Fug
Wie ihn zu seinem Grabe trug.
Die Fraue hat aber kurzerhand
Zu ihrem Vater hingesandt,
Ließ ihn bei Treu' und Vaterschaft
Anflehen denn gar tugendhaft,
Daß er doch zu ihr käme
Und ihre Rede vernähme.
Der Vater wollte ja fürwahr
Nun auch nicht länger zaudern gar,
Und eilte dorthin unverwandt,
Wo er die Minnigliche fand.
Da sagte sie mit wundem Herzen:

»O Vater mein, von deinen Schmerzen,
Bei meiner Treu, werd' ich gequält!
Mir hat man aber jetzt erzählt,
Daß jener Jüngeling sei tot,
Durch den ich ja in diese Not
Bin kommen; o, das tut mir leid,
Wennschon ich manche Bitterkeit
Und Nöte auch um seinetwillen
Gar oft und schmerzreich litt im Stillen.
Du hieltest mich in starker Hut:
Bei deiner Ehre, sei nun gut
Und wolle mir ein Vater sein.
O laß mich jetzt aus dieser Pein,
Brauchst ja zu hüten mein nicht mehr:
Du tatest gar zu sehr
All deine Härte kund an mir,
Ich saß, ach, fest gefangen hier
Sehr lange Zeit im düstern Haus;
Ich legt' es dir nicht übel aus
Wenn du mir wolltest nun gewähr'n
Ach, diese Bitte, die ich gern
Erfüllet sähe, ohne Spott:
Daß du mich, beim allmächtigen Gott,
Zu seinem Opfer ließest gehn
Und dorten mich solange stehn,
Bis jener edle Mann
Zur Erde gebracht wird dann,
Der unser Gast war hier!«
Die Bitte gewährte er ihr.
Als sie nun, die so lobesam,
Aus ihrer Kemenaten kam
Und man da trug den Reinen
Zur Kirche unter Weinen,
Eilte die Jammerreiche,
Gar Züchtigliche, Bleiche
Herzu mit andern edlen Frauen.
Jetzt aber soll man Wunder schauen:
Als sie erblickte die Bahre dort,
Entfärbte sie sich alsofort
Und wurde blaß und gelb zugleich,
Ihr Mund und ihre Wänglein weich,
Die wurden naß vom Weinen. –
Und glichen Herzen Steinen,
So hart wär' ja ein Felsen nie,
Daß er, sah' er in Jammer sie
Und Qual hier die gar Arme.
Sich ihrer nicht erbarme. –
Als man das Opferamt dann sang,
In Jammer sie zur Bahre drang,
Sie opferte den Kopfputz und
Tat damit allen Leuten kund,
Daß ihre Keuschheit sie und Jugend
In ihrer reinen, edlen Tugend
Für immer hätte ihm gegeben:
So quälte sie ihr junges Leben.
Dabei man eine Messe sang:
Die Freudenlose dahin drang.
Als man das Opfer singet
Und man zur Bahre dringet,
Da trat die Arme, Trostes bar,
Mit ihren Mägden nahe gar
Und opferte nun hier
Die Spange, die er ihr
Ließ machen und hat hergesandt;
Damit tat sie ihm denn bekannt,
Daß sie die Treue ihm gäbe zurück,
Die sie empfangen hätte im Glück.
Und als das Opfer war getan,
Ging abermals sie nahe heran
An seine Bahre, trat vor die
Und wer gar innig bat jetzt sie
Und sie bei Gott drum flehte an,
Dem gab sie milden Herzens dann
Viel reiche Gaben für und für;
Die reine Fraue vermochte hier
Ihr sehnsuchtsvolles, grimmes Klagen
So heimlich wahrlich zu ertragen,
Daß niemand etwas ward gewahr;
Manch ungestümen Jammer gar
Mußt' sie so unterdrücken,
So daß ihr Herz zu Stücken
Allda sich mußte grausam spalten;
Die Klagen, die dem Liebsten galten,
Die durfte sie nicht offen tun;
Das war ihr größter Jammer nun.
Und als das Amt zu Ende kam,
Da wuchs ihr Kummer und ihr Gram,
Und wie man ihn zu Grabe trug,
Solch große Qual ihr Herze schlug,
Daß sie in Ohnmacht niederfiel;
Es wallt' ihr Herz so vor Gefühl,
Wie nie ein Kessel also gut
Und heftig wallt' durch Feuersglut.
Doch kam sie zu Bewußtsein wieder
Und schleppte zu ihm ihre Glieder,
Als man ihn legte in das Grab.
Doch Jammer, wie es keinen gab,
Tat über sie herein jetzt brechen
Und ihren zarten Leib so schwächen,
Daß sie auf ihn sank und war tot.
Da überkam gar bittre Not
Die Menschheit, die dort war und saß,
Jedwedes Augen wurden naß,
Die solchem Jammer schauten an,
Und es begannen Weib und Mann
Zu klagen ohne Maß und Ziel
Ob solchem Jammer, groß und viel.
Und wie ihr Vater das vernahm,
Ein Schrecken ihm ans Herze kam
Und er vor Leid beinah verging.
Ich glaube, daß nie ein Mann empfing
Ein also großes Ungemach,
Wie man an dieses Herzen sach.
Es kann erfassen nicht mein Sinn
All seines Leides Ungewinn
Und all sein jämmerliches Klagen,
Daß ich es gänzlich möchte sagen,
Wie auch sein schweres Ungemach.
O wehe, jammervoll er sprach
In seines Leides Grimme
Mit schwerer, zager Stimme:

»Ach, Herre Gott, mir recht geschah;
Ich habe es verschuldet ja,
Was du verhängt hast über mich,
Daß also mir nun hier verblich
All meiner Freuden bester Hort.
Ich habe begangen diesen Mord!
Daß jetzt der Jüngling und mein Kind
So jämmerlich gestorben sind,
Das hätte ich gar wohl vermieden,
Ließ ich mein Kindelein in Frieden.
Hielt ich es nicht in Haft gefangen,
Es wäre anders zugegangen.
Doch ist es also nun geschehen,
So soll man mich in Jammer sehen
Und aller, aller Freuden bar
Bis hin zu meinem Tod fürwahr.
Was soll mir Ehre, was mir Gut,
Was frommet Reichtum krankem Mut,
Was soll mir Würde, hohes Lob?
Bin ja noch ärmer denn Hiob
Einst ward in seiner schwersten Zeit,
Seit mir für alle Ewigkeit
Mein schönes Kind gestorben ist.
Die Freude soll zu dieser Frist
Nun gänzlich von mir scheiden.
Wär ich ein Jude, Kind der Heiden,
Gott hätte mir doch zu viel getan;
Was ich des Guts und Gelds gewann
Will ich jetzt alles von mir tun!«
Tat gegen seine Brust, ach, nun
Gar manchen harten, schweren Schlag
Und sprach: »Und jetzt, von diesem Tag,
Soll hier in meines Herzens Schrein
Fernhin dies Leid verschlossen sein,
Es wird mir nimmermehr genommen!«
Da sah man eilends zu ihm kommen
Die guten Freunde allzugleich,
Sie mochten arm sein oder reich,
Sie führten ihn in sein Gemach;
Er dankte es ihnen nimmer, ach.
Darnach, wie es mein Mund euch spricht,
Da wollte er länger zaudern nicht,
In seinem Herzen dachte er sich
Er wollte stiften freiwillig
Ein Kloster. Er es bauen ließ,
Und sie darin bestatten hieß.
Sein Gut er ganz dem Kloster gab,
In seine Hand nahm er den Stab
Und ward ein armer Pilgersmann,
In Buße litt er Qualen dann
Und wallend zog er durch das Land
Nach seinem Willen mit leerer Hand
Durch Kirchen und durch Klausen da
Und alle Gotteshäuser, ja
So lange, bis daß Gott bereit
Die drei nahm in die Ewigkeit
Und sie in seinen Himmel kamen:
wie einst auch wir noch kommen. Amen.

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