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Alt-Frankfurt

Adolf Stoltze: Alt-Frankfurt - Kapitel 8
Quellenangabe
typefarce
booktitleFrankfurter Theater
authorAdolf Stoltze
firstpub1887
year1926
publisherBlazek & Bergmann
addressFrankfurt a. M.
titleAlt-Frankfurt
created20051031
sendergerd.bouillon
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Siebentes Bild.

Bei geschlossenem Vorhang:
Männerchor von Mendelssohn-Bartholdy.

»Wer hat dich du schöner Wald
Aufgebaut so hoch da droben?
Wohl, den Meister will ich loben
So lang noch mein' Stimm' erschallt.
Lebe wohl, du schöner Wald.«

Während des Refrains erhebt sich der Vorhang. Die Bühne stellt den Frankfurter Stadtwald mit dem am dritten Pfingsttage stattfindenden Volksfeste dar. Im Hintergrunde das Oberforsthaus. Rechts und links leichte Erhöhungen mit Buschwerk. Rechts, zwischen den hinteren Seitencoulissen eine Schaukel, die darauf schaukelnden Mädchen springen nach der Bühne zu ab; auf derselben Seite, ungefähr in der Mitte, eine Mordgeschichte mit der Ueberschrift: »Lottchens Ende für drei Kreuzer.« Auf der linken Seite ein Kasperltheater, daneben ein Verkaufsstand mit Schnarren, Rasseln, Papierlaternen &c. &c. Ganz im Vordergrund der Äpfelweinstand der Frau Funk, daneben einige Bänke. Auf der Mitte der Bühne eine Baumgruppe, unter der eine blinde Frau mit immerwährend spielender Spieldose, neben einem lahmen Manne sitzt. Die ganze Szene ist äußerst belebt, hinter der Baumgruppe wird getanzt und Blindekuh &c. gespielt. – Man hört bald in der Nähe, bald in der Ferne Orgel-, Flöten- und Geigenspiel.

Erster Auftritt.

Frau Funk und Lorchen (hinter ihrem Stand). Niklees und Bärwelche, sowie verschiedene Paare tanzen zu den Klängen einer Drehorgel.

Niklees (tanzend). Gebb Owacht, daß de net stolwerscht.

Bärwelche. No, wann mar aach uff die Nas' fällt, heint is jo Wäldchesdag.

Niklees. Wann mar su enn Schottisch net mehr gewehnt is, kimmt ar am ganz spannisch vor. (Tritt mit Bärwelche zu Frau Funk). Ich habb wenigstens siwwe Pund Staab geschluckt. Enn Schoppe! schnell enn Schoppe, Fraa Funk.

Lorchen (bei Seite zu Bärwelchen). Wer hot darr dann des verzappt?

Bärwelche. Die Gretche, die war jo uff dar Verlowung.

Lorchen. Was e Babbelmaul!

Bärwelche. Heint Morjend um sechs Uhr haww ich's schon gewißt, sie hätt gar net schlafe kenne, hot se gesacht, bis se marrsch verzehlt hätt.

Lorchen. Do sieht mar wie su Sache erumkomme. Des arme Freilein Schnippel, was des aach for Straach mecht.

Bärwelche. Du bedauerst se noch, die iwwerecks Hahlgans.

Fr. Funk. Awwer Lorche! ich hätt die lieb Brieh vun euerm Gebabbel! do stieht mei Stann voll Mensche un ihr klawaatscht, als wann arr uff dem Mark weert.

Niklees. Der Hack finne marr gleich enn Stiehl. (Zieht seinen Rock aus). Ich will emol die Gleser widder zesammetrummele. (Sucht die Gläser zusammen).

Zweiter Auftritt.

Vorige. Frau Wuppdich (einen Kinderwagen vor sich herschiebend), ihr Mann (einen Jungen auf dem Rücken und ein Wickelkind auf dem Arm). Strampel. Ein Frankfurter Unteroffizier.

Fr. Wuppdich. Ach, was e Hitz! was e Hitz, was e Hitz!

Strampel (am Arm des Unteroffiziers, indem sie eine Schnarre in Bewegung setzt). Was hawwe merr Ihne gesucht, Frää Funk; – am Schwengelbrunne, am Kaffeeherdche un an der Säusteg. Des is recht, daß Se sich in die Neh vom Forschthaus gemacht hawwe. No, Lorche!

Niklees Wen host de dann do widder am Bennel?

Strampel. Pst! net so laut, – mei Bräutigam, der dient schon in der dritte Koppelation. – Wahrhafdig! er soll speter Hellbardier beim jingere Herr Borjemääster wern – wenigstens hat er's stark vor.

Niklees. Wann ar dich nor heurat.

Strampel. Der! der hat ja die leiblich Ruh net. – E sehr braver Mensch – schenk emm emal ei. Da! da is Geld.

Niklees (bringt dem Unteroffizier Äpfelwein). Frankforter, wos sein Se dann for e Landsmann?

Unteroffizier. E Württemberger, aus Gaislinge. Proscht!

Niklees. E Schwob – do bin ich net fehl gange.

Unteroffizier. Ich henn denkt, des merkt gar kains.

Fr. Funk. Ach Niklees, heb marr emol des Fässi eruff, es is des elfte – bis in arre Stunn sein marr ferdig. (Niklees legt ein Faß auf. Ein Flötist bläst möglichst falsch eine volkstümliche Melodie).

Dritter Auftritt.

Vorige. Heinrich kommt.

Heinrich (für sich). Richdig, da sin sie. (Laut). Was hast de dann zu meiner Botschaft heint Morjend gesacht? des Agathche is perr.

Lorchen. E traurig Geschicht.

Heinrich. Warum? Meintwege hätt se dableiwe kenne, ich hätt se net geheurat. »Die Braut der Kunst will in kääm Muffel uffgeh«, was so e Thejaderprinzessin for enn Hochmut hat.

Lorchen. Die werd sich aach noch annerschter besinne.

Heinrich. Nadierlich! wann se dorchfällt werd se um gut Wetter bitte. Was hawwe all die Sporjemente gebatt, mei Familje sieht jetzt selwer ei, daß merr net zu enanner basse.

Lorchen. Werklich?

Heinrich. Gesacht hawwe se freilich noch nix – awwer des kimmt noch, nor Geduld. (Sprechen leise miteinander).

Vierter Auftritt.

Vorige. Frau Muffel und Jungfer Essig kommen von rechts, ein Bretzelverkäufer von links.

Fr. Muffel. Sie nehmen den verkehrten Atem, liebes Fräulein, daher diese Beschwerden. Nach meinem Dafürhalten, sollte man vor allen Dingen die Menschen atmen lernen. Wenn wir nur unsere Gesellschaft wiederfinden, – was hat es mich für Ueberredung gekostet, bis ich Frau Schnippel veranlaßt habe mitzugehen, und nun sind wir alle zersprengt. Denken Sie, mein armer Mann, vergessen wie er ist hat seine Universaltropfen daheim stehen lassen; ich habe sie darum zu mir gesteckt, und nun wird er mich und die Tropfen vermissen.

Essig. Wenn er nur die Mägde mit den Speisen bei uns gelassen hätte; ich muß Ihnen gestehen, daß ich Appetit verspüre. (Zu dem Bretzelverkäufer). Haben Sie Jünglingsschenkel?

Bretzelverkäufer. Jinglingsschenkel! nää, ich bin verheuratet.

Fr. Muffel. Die Dame ist fremd hier, sie meint große Bubenschenkel.

Bretzelverkäufer. Da soll se nach Hechst geh, wann err Buweschenkel in der Nas stecke. Hier in Frankfort gibt's nor Stutzweck, Kuchelloppe, Äppelranze, Fiezi, Fastebretzele un Kimmelweck.

Essig. Ich behalte diesen Stutzweck. (Nimmt einen und beißt hinein). Au! au, wie zäh! (Wirft das Backwerk wieder in die Mahne).

Bretzelverkäufer. Des glääw ich, da steckt ja ääch e ganz Gebiß drei.

Essig Geben Sie her! Nein dieses Gebäck. (Ab mit Frau Muffel. Tanzmusik in der Ferne.)

Strampel (zu Bärwelche). Des deet merr uffleihe, daß ich heint uff den dritte Feierdag mein Liebste den Schummel mache ließ.

Bärwelche. Loß doch, ar hilft arre Wittfraa.

Strampel. Da weer meiner ze stolz derrzu.

Bärwelche. Ze eigebildt werscht de sage wolle.

Strampel. Da vorne danze se ja, ich komm gleich widder – daß de nix babbelst. (Ab. – Bärenführer mit Tanzbär zieht vorüber).

Fünfter Auftritt.

Vorige. Frau Schnippel und Schnuckes kommen.

Fr. Schnippel. Ach Gott, mei Fieß! die enge Schuh un die Leichderner. Warum haww ich mich ääch verschwätze lasse, mit meine Sorje ins Wäldche zu geh. Au, mei Fieß! Komm, Peter, fiehr mich!

Schnuckes Gelle, damit die Mensche meene, Sie wern verlobt – anstatt dem Freilein!

Fr. Schnippel. Du werscht mit jedem Dag dummer un frecher!.– Uff dem Sandhof wollt ich die Familje Muffel treffe, habb se awwer verfehlt un kann jetzt allääns im Wald erumlääfe.

Schnuckes. Hier sin doch Leut genug.

Fr. Schnippel. Un was des erjerlichste is, ich habb kään Sack im Rock.

Schnuckes. Un kää Geld im Sack.

Fr. Schnippel. Nadierlich!

Schnuckes. Soll ich Ihne zwelf Kreuzer lehne?

Fr. Schnippel. Noch net. (Beide ab).

Unteroffizier (springt auf und eilt zu einem Dienstmädchen, das vorübergeht). Käterle! Käterle! dich muß e Maisle beische, wo kommscht du dann her? (Hängt sich an ihren Arm. – Beide ab).

Heinrich (zu Lorchen). No nemm merrsch net iwwel, dei Mutter hat e bitterbees Maul.

Lorchen. Des is ihr Stolz.

Heinrich. Hätt se mei Leut net so behannelt, es weer besser for uns.

Lorchen. Schlag darr doch die Geschichte aus dem Kopp – an e Heuerat zwische uns is net ze denke.

Sechster Auftritt.

Vorige. Strampel kommt.

Strampel (sehr erregt). Nää, wie der estreicher Korperal danzt, lieb Bärwelche, so was kimmt net widder. Des geht derr nor so – Hopp! hopp! hopp! (Sieht sich um). Wo is dann mei Herr Unneroffizier hiekomme?

Niklees. Der Frankforter, der do gesotze hot? Gebb darr kaa Mieh – der hot sich emme Frauenzimmer an Aarm gehenggt un is lengst iwwer alle Berg.

Strampel. Was! der schlechte Kerl! Es hat merr gleich geahnt; mer soll doch niemals nix mit Saldate aafange. Waart Schlippche, wann ich widder bei der jinger Frää Borjemääster bichel, will ich err doch emal dei Betrage verzehle.

Siebenter Auftritt.

Vorige. Mordgeschichterklärer. Später Muffel mit einer Magd, (welche einen schweren Henkelkorb trägt).

Mordgeschichtenerklärer (singt im Vorübergehen).

Das Lottchen liebte früher schon
Einen reichen Bankierssohn,
Und als der von ihr schied in Groll
Da kaufte sie sich Vitriol
Und schüttet es dem ins Gesicht.
Der Mensch verlor sein Augenlicht!
Auch nicht mehr zu gebrauchen sind,
Sein neuer Rock und seine Bind.

Muffel. Wie lang wolle merr dann noch unser Leut suche? Halt ei, un stell dein Korb ab! Des is ja heint e Gäulstour! Seit vier Uhr spiele merr Nachlääfches un noch kään Hollerhopp. (Sieht nach der Uhr.) Halb sechs – da glääw ich's, daß ääm der Mage knorrt. Wer ich, wege deim schwere Korb, net mit dem Nache gefahrn, kennte merr jetzt all schee beisamme sitze. (Breitet sein Taschentuch auf der Erde aus und setzt sich darauf). So, mach emal dein Korb uff. (Die Magd kniet neben Muffel und entleert den Korb). Des duh widder enei, des is der Frää Schnippel ihr Säuohr. – Aha! jetzt kimmt mei Schinke. Des geschmierte Groschelääbche geheert zu meim Soh sein Preßkopp. Halt emal, meiner Sinche ihr Rindszung. (Versucht sie). Richdig widder versalze – mei Frää hat awwer ääch immer e versalze Zung. – Mer meent dorch des Brot hätt der Bäcker sei Määd gejagt. (Sieht durch). Wie im e Panorama, nix wie Gucklecher. – Die Budell Affedaler stell for mich uff die Seit. – Uij! Der Jumfer Essig ihr gefillt Kalbsbrust. (Riecht daran). Die is ääch net mehr ganz frisch. – Wickel se schnell widder ei, sonst meent die, merr hätte draa genascht. Jetzt hawwe merr noch finf Budelle Deidesheimer, der Frää Schnippel ihr Gensschenkel – un dreizeh Eier un dein Schwartemage. – Greif zu un nemm derr ääch e Budell Wei. (Magd nimmt Flasche und Glas und will sich damit entfernen). No, no, no! ich glääb gar, die Määd trinke aus de Gleser un die Herrschafte saufe aus de Flasche. Des Glas her, merr hawwe nor ääns! Guck dich e bissi um, vielleicht entdeckst de unser Leut. (Magd ab). Die wern enn scheene Hunger hawwe. – Warum hawwe se awwer ääch net am Sandhof gewaart bis merr komme sin. (Ißt und trinkt). Wääß der Deiwel, es schmeckt merr net recht! Immer muß ich an des Agathche denke wo die sich erumtreibt. (Gesangverein im Hintergrunde singt ein kurzes heiteres Lied).

Achter Auftritt.

Vorige. Dappler (etwas angetrunken) kommt von rechts, gleich darauf Purzler (am Arm eines schäbig-elegant gekleideten Herrn von links).

Muffel. No, no, no! gucke Se doch, wo Se eneitrete.

Dappler. Bin ich wo eneigetrete?

Muffel. Nadierlich! uff meim Soh sein Preßkopp.

Dappler. Werklich eneigetrete – ei – ei – ei!

Muffel. Gewwe Se als e bissi acht.

Dappler. Achtgewwe is mei Amt. Nix for ungut. (Ab).

Muffel. Des war ja der Verwalter von der Mehlwag. Gott wann ich an die Geschicht denk, da falle merr all mei Sinde ei. –

Purzler (zu seinem Begleiter). Sie haben den Undank meiner Gesellschaft ja mit eigenen Augen gesehen. Denken Sie, ich hatte eine neue Heldin gewonnen; gestern Nacht traf das Fräulein mit zwei wohlgefüllten Koffern in Langen ein, und heute Morgen, bei der Probe der Dido, setzte man mir, dem verdienten Direktor, weil er in Krotzenburg nichts verdient hatte, den Stuhl vor die Türe und spielt nun ohne mich auf Teilung. (Treten dicht an Muffel). Ah! da ist ja was wir suchen. Wurst und Schinken noch unangeschnitten und staubfrei. – Heda! Wurstmann – schneiden Sie mir für dreißig Kreuzer Schinken ab.

Muffel. Ich glääb gar, der meent mich. Worschtmann! (Sieht in die Höhe und springt dann zornig auf.) Oho, Herr Dorchbrenner, hier sin merr uff frankforter Gebiet. (Faßt ihn am Rock). Jetzt uze Se mich net mehr. (Ruft). Herr Dappler! Herr Verwalter! ebei, ebei, merr hawwen!

Purzler. Nur sachte, nur sachte! dieser Rock ist noch nicht bezahlt. – Ich suche Sie schon den ganzen Nachmittag.

Muffel. Sie solle Ihrn Mann gefunne hawwe. (Ruft). Herr Verwalter!

Purzler (ruft). Herr Verwalter! Ohne Direktion, wie ich eben bin, kommt mir Ihr Haftantrag äußerst erwünscht.

Muffel. Was Se net sage.

Purzler. Was würde mein Kollege hier darum geben, wenn er solche edle Menschen fände.

Muffel. Uff den Leim gehn merr net! – Warum sin Se dann dorchgebrennt, wann's Ihne so gut uff der Mehlwag gefalle hat?

Purzler. Damals war ich noch Direktor einer Gesellschaft, heute bin ich ohne Bühne, ohne Engagement, ohne Geld. Sie können sich also denken, wie erwünscht mir diese Begegnung ist.

Muffel (für sich). Da hätt ich merr am Enn e schee Rieb verkääft. (Laut). Der Wäldchesdag is der frankforter Versehnungsdag, ich will da ääch net garschdig sei un Gnad for Recht ergeh lasse – ich schenk Ihne mei Guthawwe.

Purzler. Glauben Sie, daß ich das annehme?

Muffel. Soll ich Ihne vielleicht fußfällig drum bitte?

Purzler. So handelt kein Ehrenmann – Sie werden mich verhaften lassen.

Muffel. Des deet merr uffleihe.

Purzler. Herr Verwalter! Herr Verwalter!

Muffel (hält ihm den Mund zu). Wolle Se schweihe! Warum komme Se dann grad an mich, wenne Se sich doch an Ihrn Schneider.

Purzler (verächtlich). Diese Krämerseelen denken nur an den eigenen Vorteil. (Ab mit seinem Begleiter).

Muffel. Der weer im Stann und deet den Fijaker bezahle, wann mern uff die Mehlwag brenge wollt. Nää! nää, liewer e Stoppgans for mei Koste hiegesetzt, wie so enn Kerl. (Setzt sich).

Neunter Auftritt.

Vorige. Italienerin (mit Tamburin) kommt und stellt sich in der Nähe Muffels auf. Frau Muffel und Jungfer Essig vom Hintergrund kommend, setzen sich auf eine Bank neben den Stand der Frau Funk, jedoch so, daß sie weder Frau Funk noch Muffel bemerken. Es wird allmählig finster, man hört fernen Donner.

Essig. Wo kann man hier im Gedränge jemand finden.

Fr. Muffel. Wir sind aber jedes Jahr auf diesem Hügel. (Fächelt sich Kühlung zu). Es ist entsetzlich schwül – und dabei einen leeren Magen.

Essig. Ach, meine schöne Kalbsbrust – jetzt muß ich mich mit einem Schinkenbrötchen begnügen.

Fr. Muffel. Fünf Flaschen Deidesheimer im Korb und hier müssen wir diesen sauren Apfelwein trinken. – Ich habe wenigstens die Universaltropfen meines Mannes bei mir, Sie glauben nicht, wie die die schlechten Getränke verbessern.

Niklees (bringt Frau Muffel ein Glas Apfelwein). Sie wolle doch enn Schoppe? – Ich glaab marr kriehn wos, es werd so trieb un staawig. Unser Harrgott werd doch kaa Bosse mache.

Italienerin (singt und tanzt).

»Sul mare luccica l'astro d'argento,
Placida é l'onda, prospero é il vento!
Venite all 'agile barchetta mia,
Santa Lucia, Santa Lucia!«

Muffel (springt auf). Bravo! bravo, Signorini! (Wirft ihr ein Geldstück in's Tambourin und kneift ihr in die Wange). Nix deutsch?

Italienerin. Gohr nix. (Singt und tanzt).

»In fra le tende bandir la cena,
In una sera cosi serena,
Chi non domanda? chi non desia?
Santa Lucia, Santa Lucia!«

(Sammelt Geld ein).

Muffel. Des Zoppe habbt err los, da kennt err euch e Badent druff gewwe lasse. Ich muß se nor emal frage, wie lang se schon in Deutschland is: Signorini Tambourini, adio a Napoli, anno domini? – Verstanne? – net! ich ääch net. (Spricht leise mit der Italienerin, wobei er ihr häufig in die Wangen kneift).

Fr. Muffel. Ah, mein Mann – Haha! er hat galante Anwandlungen. (Lorgnettiert Muffel).

Essig. Ich mag gar nicht hinsehen – mich empören solche Szenen. (Setzt eine Brille auf). Am Ende gibt er noch meine Kalbsbrust zum besten.

Fr. Muffel. Bleiben wir unbemerkt – mich amüsiert die Geschichte.

Niklees (legt ein frisches Faß auf). Mit dem werd's happern – ich glaab, marr kriehn enn Schittel.

Fr. Funk. Es is jo des Letzte – marr kenne zefridde sei. (Bemerkt Frau Muffel und stößt Lorchen an, die neben Heinrich und Bärwelchen hinter dem Äpfelweinstand sitzt. Leise). Guck emol Lorche, die Madame Muffel! Hast de dann sowas schon geseh – Un do driwwe ihr Herr Gemahl, wie er arre Idaljenern die Cour schneid.

Lorchen (leise eindringlich). Ich bitt dich, Mutterche, mach kaa Uffseh.

Fr. Funk. Ich will an mich halte, awwer nor wege dem Heinerich – dann wann marrsch nochging, deet ich arr noch emol mei Maanung sage, der uffgeblosene Kaafmannsfamilje.

Fr. Muffel (versucht den Äpfelwein). Puh! wie sauer. Wo habe ich denn die Tropfen! Ah hier! (Zieht ein Fläschchen aus der Tasche und gießt einige Tropfen in ihr Glas, wobei sie beständig nach Muffel sieht). Schon das Aroma veredelt das Getränk. (Trinkt ein wenig, schüttelt mit dem Kopf und stellt Glas und Fläschchen neben sich).

Fr. Funk. Ich glaab gor, die schitt Spritt enei. (Tritt leise hinter Frau Muffel und nimmt das Fläschchen heimlich).

Muffel. Signorini Tambourini il Baccio! (Küßt die Italienerin).

Fr. Muffel. Das ist stark – das ist mehr als Herzerweiterung. (Will nach dem Glase greifen, Frau Funk reißt es ihr aus der Hand).

Fr. Funk. Sin Se dann ganz des Deiwels, wann e Mann emol enn Spaß mecht. (Hält das Fläschchen empor). »Gift; stindlich enn Eßlöffel voll.«

Fr. Muffel. Sie sind verrückt!

Fr. Funk. Odder Sie! mit Ihrer aafällige Eifersucht. Scheme Se sich, sich vergifte ze wolle, un noch dazu uff Pingste. (Betrachtet das Fläschchen.) Zwaa Dodekepp! – was steht dann do unne im Eck: Heinrich Muffel! Am Enn wollte Se gor Ihrn Suh von wege meim Lorche – –

Fr. Muffel (starrt das Fläschchen an). Gift! wahrhaftig, Gift! Wie kommt das in meine Hausapotheke! ich muß mich vergriffen haben. – Gift! Gift! ach, ich habe Gift in Äpfelwein genommen! Jungfer Essig, rufen Sie meinen Mann! – Gift! ach, ich spüre schon etwas! Ach! (Fällt in Frau Funks Arme. Italienerin ab. – Das Gewitter kommt näher).

Muffel (eilt herbei). Was is dann los? So redd doch Sinche.

Fr. Muffel (deutet auf den Äpfelwein). Gift! – ich habe Gift.

Muffel (zu Frau Funk). Was! Sie wollte mei Frää vergifte!

Fr. Muffel. Nein! – ich selbst – ach Hieronymus!

Muffel. Du selbst! Hast de dann kää Arzenei bei derr?

Fr. Muffel. Die Arznei – das ist ja Gift.

Lorchen. Awwer lieb Fraa Muffelche, wo duts Ihne dann weh?

Heinrich. Soll ich in die Stadt lääfe, enn Dokter hole? (Alle bemühen sich um Frau Muffel. – Das Gewitter nimmt an Heftigkeit zu, es blitzt und donnert – Staubwolken verhüllen den Hintergrund – Platzregen. Alles flüchtet: Dienstmädchen, Kinder nachzerrend; Frauen hochaufgeschürzt, zum Teil die Röcke über den Kopf geschlagen; Männer, Taschentücher um die Hüte, Kinder auf den Armen tragend. – Der Lahme wirft seine Krücken fort und läuft, die blinde Frau hebt sie auf und folgt ihm. – Allgemeine Verwirrung).

Zehnter Auftritt.

Vorige. Bayerischer Unteroffizier (trägt Strampel über die Bühne)s.

Strampel (welche nur einen Schuh trägt). Was e Wetter! was e Wetter! Mußt merr ääch grad jetzt mei Schuh in erre Worzel stecke bleiwe. – Lasse Se mich nor net falle, Herr Unneroffizier – gell, ich bin e schwer Person?

Unteroffizier. Sakrisch leicht sains. (Ab mit Strampel).

(Musikanten flüchten über die Bühne, in einer Baßgeige sitzt ein Kind. – Ein Bretzeljunge und eine Harfenistin legen das Kasperltheater um und kriechen hinein).

Heinrich (welcher Frau Muffel mit Tüchern usw. vor dem Regen zu schützen versucht). Wo habbt err dann nor des Fläschi?

Fr. Funk. Hier! Gewwe Se acht, daß nix an Ihr Finger kimmt, Sie kennte sunst uff dar Stell des Dods sei.

Heinrich (lachend). Davo hast de getrunke, Mutter? ich kennt mich schiewele! Haha!

Lorchen. Awwer Heinerich, bei so me ernste Fall!

Heinrich. Ich kennt merr enn Ast lache – des is ja Sääfebrieh, davo schadde e paar Troppe nix.

Fr. Muffel. Gift ist es – ich kenne den Geschmack.

Heinrich. Harzsääf un Lakritz is es – ich habb's selwer fawerizirt, damit err gläwe sellt. ich wollt merr enn Dod aaduh von wege der Verlowung.

Fr. Funk. Su ze frevle!

Muffel. Harzsaäf un Lakritz – was e Schinnoos!

Fr. Muffel. Es wird mir auch merklich leichter. Ich habe gleich gewußt, daß es kein schweres Gift ist – aber Arznei nehme ich keine mehr. (Zu Frau Funk). Ihnen werde ich diesen Liebesdienst nicht vergessen.

Fr. Funk. Wann Se widder wos brauche.

Muffel. Des is e Wäldchesdag, der hat sich gewäsche. – Putschtreppelnaß un kään Barbleh. (Bärenführer führt einen Bären, über den er seinen Schirm hält, über die Bühne). Da guck, Sinche, was Bärn for glickliche Mensche sin. – Wann merr nor wenigstens e Kutsch hätte. (Man hört in der Ferne Peitschengeknall). Ich glääb, da kimmt ää hergejackert. – Heda Kutscher! Heda stillgehalte! E krank Frää! (Rasch ab. – Das Gewitter verzieht sich und der Himmel erglüht im Abendrot).

Elfter Auftritt.

Vorige. Frau Schnippel. Schnuckes. Später Haspel und Agathe.

Fr. Schnippel (den Rock über den Kopf geschlagen, schnappt und hält sich an Schnuckes). Ach, mei Fieß! mei Fieß! die enge Stiwwel. (Setzt sich auf eine Bank). Un wann ich versääf, hier bleiw ich sitze. Ach, mei scheener Hut, wie is der verknutscht!

Heinrich. Ei, Frää Schnippel, wo komme Sie dann her?

Muffel (eilt herbei). Ich haww e Kutsch uffgetriwwe un dabei enn Fang gemacht, da werd err gucke.

Haspel (mit einem Reisesack kommt). Victoria! ich habe sie gefunden. Denken Sie, in Langen bei einer ganz entsetzlichen Schmiere. Nur gegen eine Conventionalstrafe von einem Viertel Äpfelwein gab man sie frei. Eine Stunde später und die Vorstellung hätte begonnen, schon war das Fräulein als Jungfrau von Orleans angekleidet, aber ich habe nichts darnach gefragt und bin mit ihr davongefahren. (Singt).

Ho, ho, ho, ho, so schön und froh,
Du Postillon von Lonjumeau!

Muffel (hält ihm den Mund zu).

Fr. Schnippel. Mei Kind! mei Agathche! Wo? wo?

Agathe (mit einer großen Krone von Pappe, roter Tunica, blauem Ueberwurf und rotem Regenschirm). Mama! (Fällt Frau Schnippel in die Arme). Du verzeihst mir doch! Ach, ich bin do unglücklich! – Was hab' ich alles ausgestanden! – Nie mehr an's Theater.

Fr. Schnippel. Ach, mei Agathche! alles is vergesse.

Agathe (reicht Heinrich die Hand). Du Heinrich zürnst mir auch nicht?

Heinrich. Net enn Äägeblick! Awwer vom Lorche laß ich net, des wääßt de.

Muffel (gereizt). Des werd sich zeige.

Fr. Muffel. Ihre Mutter hat edel an mir gehandelt.

Muffel. Dann versehn dich mit err – ich geh odder flichdig, wann se ze babble aafängt.

Fr. Schnippel. Nemmt die Kerb un macht, daß err fortkommt. (Agathe ergreift den einen Henkelkorb, Schnuckes den anderen).

Fr. Funk. Do kann mar odder e Schlagzung heern. Redd vun meiner Beredsamkeit, un er muß zehe Johr nach seim Dod noch von Nodar un Zeige des Maul versiegelt kriehe, domit err schweiht.

Muffel. Haww ich's net gesacht, sie fengt widder aa. – Adschee Frää Funk, gewwe Se acht, daß Se sich die Ihne Ihrige Kielad net verrenke.

Fr. Funk. Glücklich Raas mit dar Wäldchesdagkenigin!

(Lampionzug, dem sich in komischen Gruppen alle Waldbesucher in heiterster Stimmung, unter Musik und Hochrufen auf Frankfurt anschließen. Alle ab, außer Lorchen und Frau Funk.)

Vorhang fällt.

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