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Alt-Frankfurt

Adolf Stoltze: Alt-Frankfurt - Kapitel 6
Quellenangabe
typefarce
booktitleFrankfurter Theater
authorAdolf Stoltze
firstpub1887
year1926
publisherBlazek & Bergmann
addressFrankfurt a. M.
titleAlt-Frankfurt
created20051031
sendergerd.bouillon
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Fünftes Bild.

Sachsenhäuser Aepfelweinwirtschaft. Geteilte Bühne. Rechts: Stube. Im Vordergrunde kleines Büffet, auf demselben großer Aepfelweinkrug. Neben dem Büffet Schemel mit Zuber. An der Wand Regale mit Gläsern. Altertümliche Tische und Bänke ohne Lehnen. An den Wänden vergilbte Kupferstiche, Hirschgeweihe und Schießscheiben. An der Decke Schnüre mit Zwiebeln. – Links: Von alten Mauern umschlossener Hof. Im Hintergrunde eine Linde, darunter Schiebkarren, Mahnen und Gartengeräte. Rechts an das Haus anlehnend, schräge Kellertüre mit Vorrichtung zum Aufziehen; davor Eingang zur Stube, über demselben Stange mit Tannenkranz. Links in der Mauer Türe nach der Straße. Im Vordergrunde Tische und Bänke. Stube und Hof sind mit Gästen überfüllt. In großen Krügen wird ab und zu Aepfelwein aus dem Keller geholt und am Buffet in Schoppengläser gegossen. Fortwährend kommen und gehen Personen, darunter stadtbekannte Figuren.

Erster Auftritt.

Frau Funk (hinter dem Büfett). Lorchen und Strampel (tragen Äpfelweinkrüge aus dem Keller herbei, füllen Gläser und bedienen die Gäste). Haspel (mit Hauskäppchen und sehr langer Pfeife) sitzt nächst dem Büfett, ihm gegenüber Dappler. An einem zweiten Tisch Niklees im Gespräch mit mehreren Sachsenhäusern. Blotzer (mit einigen Gästen Karten spielend).

Niklees (zu seinem Nachbar). Sie kenne merrsch glaawe, iwwer Nacht kanns losgeh: mir hat's dem kurhessische Gesande sei Kechin gesacht, so Leut wisse als mehr wie ihr Herrschaft.

Blotzer (unterbricht sein Spiel). Da hawwe Se ja recht, mei Onkel is Portje beim Bundesdag, der geht kaam Diplomat aus dem Weg. Die Franzose hawwe's widder uff den Rhei abgeseh.

Niklees. Die Kerl muß Gott verblitze!

Blotzer. Denke Se nor an den Komet vorig Jahr, der war doch net for die Katze do.

Niklees. Enn Krieg kriehe mer, des steht fest. Merr brauch ja nor dem alte Schäfer Tomas sei Prophezeiunge zu lese: Wann der Mond dem Jubitter im Juli zu nah kimmt, gibbts enn Zusammestoß uff der Welt. Unser Welf wern ewe schon eiexerziert. (Reden leise miteinander).

Fr. Funk. Gieh marr eweck mit deiner Kopphenggerei! sunst host de den ganze Dag gesunge wie e Lerch, un jetzt leßt de die Flichel hengge wie e Droschkegaul.

Lorchen. Es is marr aach darnach – am liebste ging ich in Recheneigrawe. Es is nor gut, daß ich dem Heinerich geschriwwe habb.

Fr. Funk. Hast emm den scheene Brief vun seim Vatter enneigelegt?

Lorchen. Naa! so krenke wollt ich enn net. Wann der lese deet, daß enn sei Leut aus dem Haus jage un enterwe wollte, wann er net hie eweck blieb, der deet sich enn Dod aa. – So is es besser, Mutterche – ich haww emm geschriwwe, daß ich marr die Sach noch emal iwwerlegt hatt un zu der Iwwerzeigung komme weer, daß marr doch net ze enanner basse deete (bricht in Tränen aus) un daß er net mehr komme selt.

Fr. Funk (gerührt). Aarm Oos! – heer uff! die Mensche gucke.

Lorchen (sich die Tränen trocknend). Du hast recht! was wisse die, was in aam vorgeht, die mache hechstens schlechte Witz driwwer. – Ich bin dem Heinerich waaß Gott net bees, wann er die Freilein Schnippel nimmt; die hat Franzeesch gelernt, kann Klavier spiele un waaß mit de vornehme Leut umzegeh. Was kann ich odder – die Madammercher am Klaad zoppele un sage: Kaafe Se marr e Daalche ab. Ich halt mich net driwwer uff, daß de mich net ääch die Bildung host lerne lasse, marr redd nor davo – ich hätt ääch gor kää Pote forsch Klavier.

Fr. Funk. Ich hätt dich's gern lerne lasse, awwer als Wittfrää do vergiehn aam die Straach. Do siehst de's jo, weil marr den Weißbenner darhaam hawwe, misse marr bei Nachbarschleut zappe. Dei Vatter selig hat die ganz Weißbennerei selwer unner dar Hand gemacht.

Dappler (klopft). Freilein Lorche! enn Schoppe un enn Handkees mit Musik. (Zu Haspel). Sie kenne von Glick sage, daß Se Ihr Baricke widder hawwe.

Fr. Funk. Aach Peffer?

Dappler. Mehr Essig!

Haspel. Um eine bin ich doch gekommen.

Dappler. Mit der der Derekter dorchgebrennt is – der Verlust is net groß, die hat ja gar kää Haarn gehatt.

Lorchen (bringt Dappler Käse und Aepfelwein). Wohlbekomms!

Haspel. Ei ei! Herr Dappler, Sie schütten mir Ihren Essig in mein Glas.

Strampel. Enn frische Schoppe, Herr Haspel? (zu Lorchen). Awwer Lorche, du mechst ja e Gesicht, wie der Gickel in der Betstunn. Sei froh, daß d'enn los bist.

Niklees. Des weer odder des ehrschtemal, daß ich uff Pingste net ins Wäldche ging. Schon um finf Uhr werd iwwermorje uffgepackt –; Frää Funk, Sie zappe doch drunne?

Fr. Funk. Wos e Frog! uff den Wäldchesdag, sein ich da net jed Johr im Gescherr?

Strampel (zu Niklees). Da kennst de mich odder mitnemme.

Niklees. Wu kann ich dann des Gezeppel brauche – ich habb an meim Bärwelche genug. Du waaßt ja, wu marr sei, komm enunner.

Haspel (welcher neuen Apfelwein bekam). Aber bester Herr! jetzt tunken Sie gar Ihre Käse in mein Getränk.

Dappler. Wahrhaftig! des kimmt von der verwinschte Korzsichtigkeit – ich hatt's for mein Essig gehalte. Lorche, brenge Se dem Herr enn annern Schoppe. (Lorchen bringt ein frisches Glas).

Zweiter Auftritt.

Vorige. Kleiner Junge, Bretzelverkäufer kommen.

Kl. Junge (im Hof). Gebackene Fisch gefällig! gebackene Fisch gefällig!

Niklees (ruft hinaus). Gieh haam klaa Krott, mit deine Worschtfettgaase! Mit su arrer verschrumbelte Schneiderschfamilie kann mar nor sein Mage uze. Frää Funk, e Kristche un e bissi Salz, ich habb marr e Solwerknechelche mitgebracht.

Strampel (welche Brot bringt). Herrjeh, wie fett!

Niklees. Do rutscht aach dar Aeppellwei.

Lorchen. Bawett! geww emal dein Bretzelbub enn Stumber, der Herr hie will enn Kimmelweck.

Haspel (zu dem Bretzelverkäufer). Sind die Kümmelwecke auch frisch?

Bretzelverkäufer. Wie vom Lade.

Haspel. Vorgestern hatten Sie so mürbe.

Bretzelverkäufer. Des sein ja noch dieselwe. (Gäste suchen sich Backwerk aus).

Blotzer (kartenspielend). Herz is Trump! – Ihr Kenig hat die Krenk! (Trumpft). Un noch emal! un noch emal! – Genug! un verzig in de Henn.

Haspel. Wie, Sie sind verheiratet! ein Bretzelbube hat Frau und Kinder?

Bretzelverkäufer. Es gibt noch mehr Buwe, die Kinner hawwe. (Ab).

Niklees. Noch enn Schoppe un e bissi Babier, ich will des Knechelche meiner Scheckel mitnemme.

Fr. Funk (bringt das Verlangte). Niklees, du kennst merr enn Gefalle duh.

Niklees. Zehe for aan, des is ja aam sei Flicht bei errer Wittfraa. (Reden leise miteinander. Niklees ab nach dem Keller).

Haspel. Es gibt für mich keine größere Freude, als abends im Kreise biederer Bürger einige Stunden beim Hohenastheimer zuzubringen. Ich habe mir deshalb die lange Pfeife angewöhnt – denn meine Passionen sind: Stoffchen und Kunst.

Dappler. Nor kää Kunst beim Stoffche. Ich hätt die lieb Brieh davo, wann's gedääft is.

Haspel. Von dieser Kunst ist auch nicht die Rede. – Haben Sie Robert den Teufel gesehen? (Singt). »Einst hast du mir gehuldigt, zu Füßen lieg ich dir.«

Strampel. Ganz mei Fall. Was segt sie dann dazu?

Haspel (singt). »Du siehst meine Angst – Gnade! Gnade!«

Strampel. Da wern se ääch widder äänig wern. Ach, wie schee! ich muß doch ääch emal den Robert seh.

Haspel. Versäumen Sie's nicht, es ist vierundzwanzig Kreuzer für die Gallerie wert.

Strampel. Ui! Der Vichelinspieler is im Hefche: jetzt gibts gleich enn Hopser.

Dritter Auftritt.

Vorige. Bärwelche. Später Heinrich. Violinspieler.

Bärwelche (kommt und sieht sich um.) Is der Niklees net hier?

Strampel. Doch, der is nor in den Keller Aeppelwei abfille.

Bärwelche. Da waart ich e bissi.

Blotzer. Frää Funk noch aan zem Abgewehne!

Fr. Funk (bringt Aepfelwein.) Wohl bekomms!

Blotzer (trinkt). Hm! is des noch von dem alte?

Fr. Funk. Nadirlich, alles aus aam Faß.

Blotzer. Ich waaß net, er kimmt merr e bissi dinn vor.

Fr. Funk. Sie sinn aach dinn. Ich maan, es hätt drauß geklobbt. (Ab nach dem Hof, wo sie die Kellertüre etwas öffnet und in den Keller ruft.) Niklees heer uff sie merk es! (Ab nach dem Büfett.)

Lorchen. Ach Mutterche, der Heinerich! Sag, ich weer net darrhaam. (Verbirgt sich hinter das Büfett).

Heinrich (aufgeregt). Gun Awend Frää Funk – wo is dann des Lorche?

Fr. Funk. Die Lorche! ei, die is – ei die – die is noch im Feld.

Heinrich. Bei Nacht? Mir so enn Brief ze schreiwe, des hätt ich net for menschemeglich gehalte. Was stelle Se sich dann so bräät hie? da hockt ja's Lorche! No?

Fr. Funk. Da muß se jetz gleich ins Feld.

Heinrich. Dann geh ich mit.

Lorchen. Naa! naa Heinerich, unser Weg kenne net mehr newerenanner geh. – Ich habb derrsch doch geschriwwe, worum mechst de marr des Herz so schwer. (Sprechen leise miteinander).

Strampel. Der Deiwel is doch e Steuweoos! Awwer der Robert is net mitgange, des fräät mich nor. O ja, mer verfiehrt nor die Leut so. – Hat's net draus gekloppt? (Ab nach dem Hof).

Niklees. Jetzt kriehn marr wos gegeiht, ewe is der Vichelinspieler im Hefche.

Fr. Funk. Der werd widder im Dach hawwe.

Niklees. Naa! er steht noch su grad wie e Kerwebaam.

Fr. Funk. Es is e Schann for enn Mensch der wos gelernt hat, su erunner ze komme. (Ab nach dem Hof. Alle, außer Lorchen und Heinrich folgen. Violinsolo: »Ach wie ist's möglich dann, daß ich dich lassen kann«.)

Heinrich. Was haww ich derr dann gedaa, daß de merr den Laafbaß gibst, wie emme Hausborsch?

Lorchen. Ach Heinerich, marr basse net zu enanner.

Heinrich. Schwätz net so ääfällig! Wer hat derr widder die Ratt in Kopp gesetzt?

Lorchen. Kaa Mensch; waaß Gott kaa Mensch.

Heinrich. Uff Pingste is es e Jahr, daß merr uns kenne gelernt hawwe. Wääßt de noch vorm Forschthaus, wo der klaane Buh von der Schaukel gefalle is, den merr zesamme uffgehowe un zu seine Leut gebracht hawwe.

Lorchen. Heer uff, ich will net draa denke.

Heinrich. Un wie ich dann mei Eltern gesucht un net mehr gefunne habb un mit euch häämgange bin, un wie ich derr unne im Hefche gesacht habb, wie merrsch ums Herz weer, un du fortgelääfe bist un uff äämal vom ehrschte Stock erunnergerufe hast: Gun Nacht! – morje zappe merr. –

Lorchen. Ob ich's waaß – sowos vergißt marr net.

Heinrich. Un jetzt schreibst de merr den Brief.

Lorchen. Wann de mein Brast wißt – ich habb net annerschter gekennt. (Violinspieler spielt einen Walzer. Im Hof wird getanzt).

Heinrich. Dei Mutter werd derr enn Gärtner ausgesucht hawwe – des sein ihr Leut.

Lorchen. Met Mutter hot dich liewer wie de glaabst.

Heinrich. Odder hawwe derr mei Leut ins Ohr gebischbelt, de sellst enn annern nemme, ich weer kää Mann for dich, odder meenst de gar, ich hätt e Ääg uff die Freilein Schnippel?

Lorchen. Un wann aach.

Heinrich. Aha! ewe hawwe merrsch – Eifersucht. – Nor Geduld, des Agathche kimmt selwer– mir zwää sein äänig. –

Lorchen. Des fraat mich.

Heinrich. Des kann's ääch. Die werd herkomme un werd derr sage, wie merr ze enanner steh. Dei Betrage fällt merr schon die ganz Zeit uff.

Lorchen. Begammel dich net, de siehst Gespenster. Wann nor dei Vatter un dei Mutter will, daß de des Mädche nimmst?

Heinrich. Ich nemm se odder net – ehnder gehn ich unner die Frankforter Soldate.

Lorchen. Unner die Welf – des dust de net. Du werscht's schon iwwernuppe. (Wendet sich ab).

Vierter Auftritt.

Vorige. Agathe (dicht verschleiert) kommt.

Heinrich. Es is gut, daß de kimmst. Da is des Agathche.

Lorchen (für sich). Ääch des noch. (Laut). Der bild sich allerhand Geschichte ei.

Heinrich. Ich bild merr gar nix ei, wann ääm ääns odder so enn meschante Brief schreibt, da muß mersch doch iwwerzeige, daß es uff dem Holzweg is.

Agathe. Es ist wahr, unsere Eltern wünschen unsere Verbindung.

Lorchen. Heerst de's! Un ich sollt mich dazwischekeile.

Agathe. Sie lieben Heinrich. Ich bin deshalb gekommen, Ihnen zu sagen, daß Sie von mir nichts zu fürchten haben.

Heinrich. Gell, jetzt bist de geschlage!

Agathe. Wir sind einander fremd auf diesem Gebiete.

Heinrich. Spinnefeind sin merr uns. Gebb merr e Hand druff, daß merr uns spinnefeind sin.

Agathe. Als Braut und Bräutigam – gewiß! (Reicht ihm lachend die Hand).

Heinrich. Jetzt haww ich dich grad noch emal so gern.

Lorchen. Sie wern Ihrer Fraa Mutter doch net vor den Kopp stoße wolle. Ich habb marr verzehle lasse, schon morje sellt der Verspruch sei.

Heinrich. Mir lasse die Alte gewährn, die heern ja doch net uff ihr Kinner. Verlobt is noch lang net verheurat.

Agathe. Ich hege nur eine Liebe, und das ist die Liebe zur Bühne.

Lorchen. Zum Thejader! e schee Bekanntschaft.

Heinrich. Merr hawwe uns vorweck ausgehalte, ehrscht in zwää Jahr heurate ze misse; bis dahie odder fließt noch viel Wasser dem Mää enunner, un kimmt Zeit, kimmt Rat. Die Hauptsach is, daß merr äänig sin. – Was kann da bassirn! Es hääßt ja Verspruch, also kann mer sich schon emal verspreche. Net wahr Agathche?

Lorchen. Schem dich!

Agathe. Ich bin auch anderer Meinung, dem ich mich verspreche, dem will ich auch angehören.

Heinrich. Halt! des is gege die Absprach. – Mit dem Schmus häst de derrhääm bleiwe kenne.

Agathe. Ja, glaubst du denn, daß es dahin kommen darf? Bei mir ist alles vorbereitet, mein Plan steht fest, ich gehe zur Bühne.

Heinrich. Wann?

Agathe. Das wirst du schon erfahren.

Lorchen. Ich bitt Ihne! Iwwerlege Se sich die Sach zehemal. Marr laaft seine Eltern net so fort. Mir brauche Se des Opfer net ze brenge, for mich is der Heinerich sowieso verlorn.

Heinrich. Verlorn! ich for dich verlorn – so nemm doch Vernunft aa, ich habb ja gar niemand uff der ganze Welt so gern wie dich. (Für sich). Wann ich se nor eifersichdig mache kennt. (Laut). Setz nor dein Trotzkopp uff, un ich weern derr enn Bosse spiele, daß de an mich denkst so lang de lebst.

Lorchen. Is des dei Abschidd?

Heinrich. Geww acht, ich weern flenne – da kennst de mich odder schlecht. Ich heurat die Fräulein Schnippel – ja, des dun ich.

Agathe (betroffen). Das ist gegen die Absprache.

Heinrich. Was licht merr an der Absprach. Dei Mutter wills; da wern korze Fuffzeh gemacht un eh de dich verguckst, bist de geheurat.

Agathe. Ich zweifle wahrhaftig an deinem Verstand.

Heinrich. Da kann mer ääch iwwerschnappe. No Lorche, was segst du derrzu?

Lorchen. Ich habb darr jo alles geschriwwe – loss' mich doch.

Heinrich (hoffnungslos). Is des dei letzt Wort? – No, dann leb wohl! awwer des Unglück des de aarichst, des sollst de ääch verantworte. (Stürmt ab).

Lorchen. Heinerich! Heinerich! so heer doch! Ach, du liewer Gott, wos haww ich do gemacht! ich hätt net schreiwe solle. Ach, wann arr sich nor nix aadut. (Läuft nach dem Hofe). Heinerich! Heinerich! (Die Gäste nehmen ihre früheren Plätze wieder ein).

Strampel (stößt wider Lorchen). Wo brennts? du gibst aam ja scheene Buffer.

Lorchen (zu Niklees, der aus dem Keller kommt.) Ach liewer Niklees, laaf dem Heinerich nach un geww uff enn acht, daß er sich nix aadut.

Niklees. Deim Liebste? Wos habbt arr dann gehott?

Lorchen. Frag net – eil dich!

Niklees (setzt seine Kappe auf). Der werd doch kaa Straach mache.

Lorchen. Ich verzwatschel jo vor Angst – eil dich!

Niklees. Ich will enn schon am Schlaffittche dappe. (Ab mit Lorchen).

Haspel (erkennt Agathe). Ah, Fräulein! das, Glück, Sie hier zu sehen, blendet mich. (Sucht seine lange Pfeife zu verbergen und richtet dadurch verschiedenes Unheil an). Sie erinnern sich meiner schwerlich – mein Name ist Haspel – Theophil Haspel.

Agathe. Wahrhaftig! Wenn ich an Ihren Franz Moor denke, könnte ich mich zu Tode lachen.

Haspel. Es war auch ein komisches Mißverständnis.

Agathe. Es tut mir nur leid, daß Sie einen Kunden dadurch verloren haben.

Haspel. Das könnte ich verschmerzen; aber Sie meiden zu müssen, von der ich so viel hätte lernen können, das kränkt mich.

Strampel (zu Haspel). So, Sie kenne ääch Baricke mache? wie schadd, daß ich schon frisiert bin. Hääße Se des Frauenzimmer doch sitze. (Es wird allmählich dunkel).

Haspel (indem er einen Stuhl holt). Wenn ich mir erlauben darf, bitte, nehmen Sie Platz.

Strampel. Nemme Se uns die Ruh net mit – es gibt Ihrer Ehr kää Loch, wann Se sich e bissi setze. (Für sich). Der Barickemacher scheint ja schee in die verschammeriert ze sei. Wohlbekomms! (Zündet die Gaslampen an und tritt dann hinter das Büffet). Ääch enn Schoppe? ich schenk for mei Lewe gern ei. (Bringt ein Glas Aepfelwein).

Agathe. Warum nicht gar!

Haspel. Nur einen Schluck – auf das Wohl der dramatischen Muse! auf eine lorbeerreiche Zukunft.

Agathe. Nun, darauf will ich es einmal wagen. (Stößt schüchtern an und setzt sich so, daß sie dem Höfchen den Rücken zukehrt). Fräulein Funk wird doch nicht lange bleiben?

Strampel. Die muß jeden Äägeblick komme.

Blotzer (kartenspielend). Beschummelei! Beschummelei! mit de Buwe werd net gemeldt. (Zu einem Nachbar). Lege Se sich doch net in unser Kaarte – der iwwerzehlige Spieler heert unnern Disch. – Trump!

Agathe. Es wird schon finster.

Haspel. Sie gestatten mir doch, Sie später über die Brücke zu begleiten? (Zu Dappler). Aber Herr Dappler, qualmen Sie doch nicht so fürchterlich.

Dappler. Nix for ungut! Awwer Mädercher, die zem Äppelwei geh, misse sich an starke Tuwack gewehne. (Haspel und Agathe reden leise miteinander).

Fünfter Auftritt.

Vorige. Herr u. Frau Muffel, Frau Schnippel kommen.

Fr. Schnippel. Da enei, in die Stubb – net for e Million!

Muffel. No, no, es is noch lang kää Mehlwag.

Fr. Schnippel (leise zu Muffel). Ich bitt Ihne, Ihr Frää.

Muffel (leise zu Frau Schnippel). Ferchte Se nix – der Borzler bleibt unner uns.

Fr. Muffel. Dieser brennende Durst, der dich immer quält, sobald wir nach Sachsenhausen kommen, bestätigt nicht nur meine Ansicht, bezüglich deiner schwankenden Gesundheit, er ist auch für uns Frauen sehr peinlich, indem er uns zwingt, das wüste Wirtshaustreiben mitanzusehen.

Fr. Schnippel. Eile Se sich e bissi, mir waarte solang hier im Hefche.

Muffel. Was Umstenn! was Umstenn um enn lumbige Schoppe Aeppelwei! Ehrscht wollt err gar net erei, obwohl merr die Zung am Gaume klebt, un jetzt soll ich mich abhetze, un den kalte Aeppelwei enunnersterze.

Fr. Muffel. Um Gotteswillen, nein! Trinke ganz bedächtig.

Muffel. Merr bleiwe enn Äägeblick hier. Ich will nor mein Hut in die Stubb hengge, weil merr des Jahr schon zwää eweckkomme sin. (Hängt seinen Hut in die Stube an ein Hirschgeweih, in nächster Nähe der Türe). So, es geht nix iwwer Kihlung. (Setzen sich auf eine Bank im Hofe).

Fr. Muffel. Du wirst dir eine Hirnhautentzündung zuziehen, wo du so erhitzt bist. Komm', binde wenigstens das Tuch um deinen Kopf. (Will ihm ein rotes Tuch umbinden).

Muffel (reißt das Tuch ab und steckt es in die Tasche). O ja! du deest mich noch z'emm Butterweibche mache.

Fr. Muffel. Wer nicht hören will, muß fühlen!

Muffel (klopft). Wertschaft! Wertschaft! Drei Schoppe, merr verdorschte!

Fr. Funk (in der Stube). Gleich, gleich, ich habb nor zwaa Henn'.

Haspel (zu Agathe). Der Prolog zu den Räubern war von mir gedichtet.

Agathe. An Ihrer Wiege standen ja alle Musen Gevatter.

Haspel. Und meine Patin.

Agathe (für sich). Ein ganz netter Mensch, wenn er nicht so überspannt wäre.

Fr. Funk (kommt mit drei Gläser Äpfelwein nach dem Hof um sie Muffel zu bringen. – Prallt zurück). Su e Unverschemtheit! Ihne soll ich vun meim Äppelwei verzappe. – Ihne, der mei Lorche su unglicklich gemocht hot! Ei, ehnder schitt ich enn allmitenanner in Maa!

Muffel. Da wern ja die Fisch voll.

Fr. Funk. Gelle, weil marr net in unserm eigene Häusi zappe, seid arr err warn un hie ereigedappt?

Muffel. Merr brauche Ihr Gesöff! Merr danke Gott, daß merr Ihne los sin.

Fr. Funk. Et worum kummt arr dann? Ich laß mich net ins Blettche ricke, wie su e uffgeblose Kaafmannsfamilje: »Böster Java-Kaffee – däglich frisch verbrennt.« Zu mir kumme die Leut ääch ohne su enn »Moses Lärmeschleger« – do wisse se, daß se wos for ihr Geld kriehe. Marr lege kaa Pund Babier uff die Wog. Verstanne!

Fr. Schnippel. Ich glääb, die stichelt. Des derfe Se sich net gefalle lasse.

Muffel. Ja, wann mer ze Wort kem.

Fr. Funk. Wos wolle Se dann, Sie alt Rosineschachtel! bekimmern Se sich um Ihr Aagelegenheite.

Fr. Muffel. Die Beredsamkeit einer Höckerin ist unberechenbar. Komm Hieronymus, du ärgerst dich sonst krank – komm! komm! –

Fr. Funk. Jo, mache Se, daß Se fortkumme. Mir zwaa sin geschiedene Leut. – Der orme kranke Mann! wickle Se sich enn in Seidebabier un dun S'enn in Ihr Nehlad, daß kää Liftche an enn kimmt; dann wann der Ihne sterbt, kriehn Se kaan annere, un wann Se's ausschelle losse. Su e Mann is e Rarideet, do kann mar sich schon die Bää ablääfe, bis mar noch emal su e Stick Mewel findt. Will sein aanzige Suh verstoße weil er net aach enn Gewichtstaa statt emme Herz im Leib hot.

Agathe (sehr ängstlich). Man zankt sich im Garten. Ach, Herr Haspel, es wird doch keine Schlägerei geben? Ich muß fort!

Haspel. Fürchten Sie nichts!

Dappler. Was gläwe Se dann, e Schlegerei beim Äppelwei, des weer noch net dagewese. Die Frää Funk leßt ihrn Schnawwel e bissi spaziern geh.

Haspel. Sie nehmen doch meinen Schutz an?

Agathe. Ja, ja! bringen Sie mich nur weg.

Haspel (für sich.) In dieser Mütze eine Dame begleiten – das geht nicht. (Laut zu Strampel). Fräulein Babettchen! ich nehme einen Augenblick diesen Hut, man wird wohl nicht böse sein – ich komme sofort wieder. (Nimmt Muffels Hut und hängt dafür seine Mütze auf).

Fr. Funk (im Hof). Je ehnder Se geh', desto aagenehmer! Es is nor schadd, daß marr kaa Equibaag hawwe, sunst deete marr Ihne abfahrn lasse, wann Se odder mit emm Schubbkarrn forlieb nemme wolle, stieht Ihne nix im Weg. Die Madammercher kenne jo dricke. Hie, Schimmel! hie! – Su e Keckheit, aam in's Geheg ze kumme.

Haspel (zu Agathe). Darf ich um Ihren Arm bitten? (Gehen der Türe zu).

Fr. Schnippel. Es hat merr von klääne Kinner un Konfekt geträämt, des bedeut jedesmal Verdruß.

Muffel. So was is merr noch net bassiert – emme hiesige Berjer den Äppelwei ze versage.

Fr. Muffel. Hättest du deinen Hut aufbehalten, wir wären längst fort.

Muffel (tritt in die Stube, sucht seinen Hut). No, ich haww enn doch hier uff des Geweih gehengt. (Indem er sich umwendet, stößt er wider Haspel und Agathe, welche betroffen nach dem Hofe ausweichen).

Fr. Schnippel (stößt beim Anblick Agathens einen Schrei aus). – Wa–a–as! ihr seid ääch hier!

Haspel (sehr verlegen). Der – Zufall – –

Fr. Schnippel (faßt Agathe gewaltsam am Arm). Du gehst häämlich mit emme Barickemacher zem Äppelwei? Schem dich! schem dich!

Haspel. Ich wollte die Dame nur nach Hause begleiten.

Muffel. Un dabei fihrn Se mein Hut aus! Sie Filzmarder! (Reißt ihm den Hut vom Kopf).

Haspel. Ihren Hut – ich wollte – –

Muffel (wütend). Miserawler Kerl. Hutstrippser! Bomadedippe, infames!

Haspel. Bomadedippe! Ich bin Haarkünstler, Herr Muffel.

Fr. Schnippel (zu Agathe, welche sich noch an Haspel führt). Leßt d'enn los! Ei glääbst de dann, daß dich e orndlicher Mensch nemme deet, wann de so Strääch mechst?

Agathe (stürmt weinend ab). Nein! diese Behandlung lasse ich mir nicht gefallen.

Sechster Auftritt.

Vorige. Lorchen kommt eilig, gleich darauf Niklees.

Lorchen. Ach, du allmächdiger Gott! Gell ar hot sich wos aagedaa, drum sein se hier versammelt?

Muffel. Freilich hat er uns was aagedaa – der Hutgampfer!

Lorchen (weinend). Mei Heinerich! mei Heinerich!

Niklees (kommt). Mach darr kää Sorje! der hockt in de drei Hase un sterzt aa Glos Bier nach dem annern enunner.

Muffel (im Abgehen). Morje is Verlowung da hat die Geschicht e Enn.

Fr. Funk. Fellmich Ihne! Glicklich Raas!

(Gäste verlassen die Bank Dapplers, wodurch dieselbe aufschnappt und Dappler zur Erde fällt).

Vorhang fällt.

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