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Alt-Frankfurt

Adolf Stoltze: Alt-Frankfurt - Kapitel 3
Quellenangabe
typefarce
booktitleFrankfurter Theater
authorAdolf Stoltze
firstpub1887
year1926
publisherBlazek & Bergmann
addressFrankfurt a. M.
titleAlt-Frankfurt
created20051031
sendergerd.bouillon
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Zweites Bild.

Wohnzimmer bei Muffel, gediegen möbliert. Im Hintergrunde ein großer Bücherschrank mit Glastüren. Kronleuchter.

Erster Auftritt.

Frau Muffel (allein).

Fr. Muffel (im Frisiermantel, sonst zum Ausgehen angekleidet, Bücher in dem Schrank ordnend). »Das Buch vom gesunden und kranken Menschen.« O, abscheulich! da hat mir jemand den ganzen Knochenfraß herausgerissen. Mein Mann hat recht, man soll niemals Bücher verleihen. »Praktische Winke zur Blutegelzucht«, ein Geschenk unseres lieben Kapitalisten. (Schlägt ein Buch auf, liest). »Die sauren Nieren – – saure Nieren – das muß ein neuentdecktes Uebel sein. (Betrachtet den Titel). »Kochbuch von Wilhelmine Rührig!« Wie kommt das in meine medizinische Bibliothek? (Legt es bei Seite). –»Blutarmut und Nervenschwäche«; seitdem ich dich besitze, entdecke ich täglich Leiden bei meinen Nebenmenschen, von denen die gar keine Ahnung haben. (Schließt den Schrank). Meine wissenschaftliche Bibliothek und meine Hausapotheke sind meine Schätze. Mögen andere Frauen am Roman Gefallen finden, ich fühle mich bei Herzerweiterungen, Magenkrebs und Leberleiden wohler. (Sieht nach der Uhr). Nein, dieser Haspel! Pünktlichkeit ist niemals seine Sache: wäre er mit meinem Kopfe nicht so vertraut, schon längst hätte ich mir einen anderen Friseur bestellt. Gleich zehn! immer Sonntags diese Verspätung und gar heute, wo wir Agathe erwarten. (Es klopft). Endlich! Herein!

Zweiter Auftritt.

Vorige. Haspel.

Haspel. Guten Morgen! Morgen!

Fr. Muffel. Kommen Sie heute spät.

Haspel. Spät kommt er – doch er kommt. Wir hatten eine Theaterprobe.

Fr. Muffel. Am Sonntag Vormittag?

Haspel. Es war eine Andacht der Kunst. Ich habe den Intrigant gespielt, »Franz heißt die Kanaille.«

Fr. Muffel (setzt sich). Der neue Zopf, Herr Haspel?

Haspel. Der Zopf! ja so! Donnerwetter! wenn ich den im Harmoniesaal – – – (Sucht in seinen Taschen) oder, wenn mir jemand einen Schabernack – – die erste Liebhaberin wollte ihn geliehen haben. Nein, nein! hier ist er, (zieht einen sehr langen Zopf aus der Tasche) würdig, dies schöne Haupt zu schmücken.

Fr. Muffel. Ah! prächtig. (Hält ihn wider ihre Haare). Paßt er?

Haspel. Wunderbar! Wie auf Ihrem Kopf gewachsen. Um zehn Jahre jünger – wahrhaftig! (Singt). »Dies Bildnis ist bezaubernd schön.«

Fr. Muffel (ärgerlich). Beeilen Sie sich!

Haspel (indem er sich hinter sie stellt und sie frisiert. Singt). »Du hast Diamanten und Perlen – hast alles, was Menschenbegehr, du hast ja die schönsten Zöpfe –«

Fr. Muffel. Sagen Sie meinem Mann nichts von dem Zopfe.

Haspel. Ueber Toilettengeheimnisse werde ich niemals mit Männern reden, auch scheint mir Ihr Herr Gemahl gar nicht in der Stimmung zu sein, sich Mitteilungen machen zu lassen.

Fr. Muffel. Ja, er ist äußerst aufgeregt. Auch diese starke Hülle umschließt nur eine schwache Gesundheit.

Haspel. Ueber was klagt er denn?

Fr. Muffel. Am meisten über unseren Heinrich.

Haspel. Ich meine bei seiner Gesundheit.

Fr. Muffel. Ueber nichts – das ist eben seine Krankheit, daß er niemals krank sein will.

Haspel. Allerdings bedenklich – zwar kommt er mir auch wohl vor.

Fr. Muffel. Wohl! Glauben Sie, diese Röte wäre Gesundheit? Dieser erstaunliche Durst der bei jedem Apfelweinkranz neu erwacht? Morgens muß er zweimal geweckt werden – was ist dieser Schlaf anders wie Schwäche? Ja, Herr Haspel, man muß populär-medizinische Bücher gelesen haben, um zu erfahren, wie krank man ist.

Haspel. Sie frugen doch einen Arzt?

Fr. Muffel. Nein, ich beurteile seine Leiden nach meinen Studien: Abends brennender Durst – morgens angegriffene Gehirnnerven und verdrießliche Stimmung. Ich rate zu Eisbeutel und Lindenblüttee, aber er ißt lieber nüchtern einen Hering.

Haspel. Sie müssen es ihm unbemerkbar beibringen.

Fr. Muffel. Ach, er ist so schlau, wenn er mich nur mit dem Eisbeutel kommen sieht, springt er schon aus dem Bette.

Haspel. Ein merkwürdiger Mann!

Fr. Muffel. Ebenso ängstigt mich die häufige Heiserkeit bei meinem Sohne; hier ist sicher eine akurate Kehlkopfentzündung im Anzug.

Haspel (für sich). Oder ein Herzleiden. (Laut). Das kann sich nicht fehlen, wenn er stundenlang in der kalten Klappergasse steht.

Fr. Muffel. In der Klappergasse?

Haspel. Stundenlang in Sturm und Regen. Ich würde das meinem Tenor nicht antun.

Fr. Muffel (für sich). In der Klappergasse – o, ich werde bald mehr wissen. (Laut, forschend). Sie sind zu empfindlich; was kann das schaden, wenn man einmal naß wird?

Haspel. Einmal! So oft ich zum Aepfelwein gehe, steht er an der Ecke und wartet. – So! nun noch den Zopf aufgesetzt, und die Frisur ist fertig.

Fr. Muffel (rasch aufstehend). Hören Sie denn nicht, mein Mann kommt. Dieser schwankende Schritt, ach, wie mich das ängstigt! – Tun Sie den Zopf weg – mein Mann, Sie wissen ja, lacht darüber. Also in der Klappergasse. (Haspel verbirgt eilig den Zopf, dessen Anfang mit einem kleinen Gewicht beschwert sein muß, derart in seine hintere Rocktasche, daß derselbe seiner Länge nach heraushängt).

Dritter Auftritt.

Vorige. Muffel.

Muffel. Noch net ferdig? Die Frää Schnippel is schon längst uff der Bahn, des Agathche abhole.

Fr. Muffel (betrachtet erschrocken Muffel). Aber bester Hieronymus, wie siehst du denn aus?

Muffel (sieht in den Spiegel). E bissi stääwig, gelle?

Fr. Muffel. Der Todesschweiß steht dir ja auf der Stirne.

Muffel (wischt sich die Stirne ab). Der Dodeschweiß? schwätz kää Blech. Ich habb e Limborjer Keeskist erunner gehowe. Es is ja kää Deiwel da, der ääm e bissi hilft.

Fr. Muffel (zu Haspel). Da hören Sie's! diese Gleichgültigkeit, wo er sich vielleicht innerlich verletzt hat. Soll ich dir ein Fußbad machen, oder einen kalten Aufschlag?

Muffel. E Fußbad! Dorscht haww ich uff die Arweit krieht.

Fr. Muffel. Schon wieder Durst. Ach, Hieronymus, komm folge meinen Ratschlägen: nimm dir ein Beispiel an deinem Associe, der schon sieben Jahre im Grabe ruht. Ich könnte den Witwenstand nicht lange ertragen. (Nimmt ein Handtuch und befeuchtet es).

Muffel. Ich bitt dich. Die medizinische Bicher mache dich ganz konfus.

Haspel. O, Lesen bildet!

Muffel. Des merkt mer an Ihne – verzwerwelter Barickestock! (Entschieden). Ää for allemal: Ich bin net krank un laß mich ääch dorch dei Gäulskurn net krank mache! Such derr e anner Versuchskaninche.

Fr. Muffel (mit einem feuchten Handtuch). Komm, Müffelchen, komme mir zuliebe.

Muffel. Jetzt reißt merr odder der Geduldsfaddem! Ich brauch dein nasse Lumbe net. (Wirft das Tuch zur Erde).

Fr. Muffel (sinkt weinend auf einen Stuhl). Du wirst nicht zur Witwe, wenn du stirbst.

Haspel (singt): »Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen.«

Muffel. Dann basse Se uff, daß se net iwwerlääft, wann se kocht. (Erblickt den Zopf). Is des vielleicht aus des Deiwels Aadeil? odder hawwe Se vor, als Aff in der Zauwerflet uffzetrete?

Haspel (stolz). Wir geben heute die Räuber.

Muffel (immer in Bezug auf den Zopf). Zopp un Schwert, dacht ich. Also die Räuwer; da nemme Se sich odder vor de Schandarme in acht, dann des sieht sehr verdächdig aus.

Haspel. Die Räuber von Schiller! ich erdrossle mich im fünften Akt.

Muffel. Ich glääb, es wer besser, es deet im ehrschte gescheh. (Geht kopfschüttelnd um Haspel herum).

Haspel. »Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen.«

Muffel (tritt auf den Zopf). Odder sin Se aus errer Menagerie dorchgange, geschwänzter Haarkinstler?

Fr. Muffel (springt auf). Um Gotteswillen! mein neuer Zopf! (Hebt ihn auf).

Muffel. Dei Zopp! nemm merrsch net iwwel, ich hatt immer gemeent, dei Zepp wern aagewachse.

Haspel. Ich begreife nicht – – –

Fr. Muffel. Soll ich mich denn von jeder Mode ausschließen?

Muffel. Warum net gar. Ich finn's nor seltsam, daß dei Haar in dem seim Rocksack wachse. Ich wern derr e Nudelkistche besorje, da kannst de se drei uffhewe.

Fr. Muffel (setzt sich). Nun Herr Haspel, beeilen Sie sich! (Zu Muffel). Du wirst staunen, was mich das gut kleidet. (Haspel befestigt den Zopf).

Muffel. Du gefällst merr immer, ich wollt, ich kennt des ääch von unserm Heinerich sage.

Fr. Muffel. Wieder etwas vorgefallen?

Muffel. Is des net genug, die Geschicht mit dem Lorche? Wann die des Agathche erfehrt, werd se sich hiete enn Mensch ze nemme, der wo annerscht e Bekanntschaft hat.

Fr. Muffel. Du nimmst es zu ernst.

Muffel. Ze ernst! Sie sin uff dem schriftliche Duzfuß; ja, wann se sich noch sieze deete.

Fr. Muffel. Vielleicht miteinander in die Schule gegangen.

Haspel. Das glaube ich kaum.

Muffel. In alles misse Se eneibabbele! Warum glääwe Se des kaum? Warum, warum? Kenne Se vielleicht des Mädche; stecke Se am Enn gar mit err unner ääner Deck? No, ins Deiwels Name, so redde Se doch!

Haspel. Ich? was denken Sie von mir – ich habe nur so meine eigenen Gedanken.

Fr. Muffel. Au! Sind Sie doch etwas vorsichtiger mit Ihren Haarnadeln.

Haspel. Ich danke Ihnen – ich bin fertig. (Frau Muffel steht auf).

Muffel. Eigne Gedanke! – eraus damit! Wo is des Mädche her?

Haspel. Ich – ich vermute – aus – natürlich unter uns – aus Sachsenhausen.

Muffel. So! so e Sachsehäusern! Weiter, weiter.

Haspel. Vielleicht aus der Klappergasse – mehr werde ich nicht sagen.

Muffel. Ich wääß genug, ich wääß grad genug! Geww emal acht, Sinche, wie schnell ich dere Hack enn Stiel finn. Ei, des deet noch fehle; e Sachsehäuser Hockin in unsrer Familch. – Herr Haspel, daß Se reine Mund halte, sonst hat unser Freindschaft e Enn. – Ich wer se ausenanner brenge – ich wern enn heint noch weise, wo Bardel de Most helt.

Vierter Auftritt.

Vorige. Agathe. Gleich darauf Schnuckes, (eine kleine Reisetasche tragend).

Agathe. Bon jour! bon jour, liebe Madame Muffel! bester Monsieur Muffel!

Muffel. Ach des Agathche!

Agathe. Ma chère maman, wo ist sie?

Fr. Muffel. Nach der Bahn dich abzuholen, habt ihr euch denn nicht getroffen?

Agathe. Nein, wie schade! Ach, sie wird doch bald kommen?

Muffel. Sei unbesorgt, die vererrt sich net. (Für sich). E Staatsmädche! (Laut). No, wie bist de dann herkomme?

Haspel (singt). »Durch die Wälder, durch die Auen, zog sie leichten Sinn's dahin.«

Schnuckes (kommt). Hier is die Rääsdasch – den Koffer haww ich uff der Eisebah steh lasse, da sieht ääch die Frää Schnippel, wie schwer er is.

Muffel. Dessentwege haww ich dich net mitgeh hääße.

Schnuckes. Nää, awwer hernachend hätt's widder gehääße, was sich der Peter so dumm aastellt; des Schwere schleppt er, un des Leichte leßt er leihe.

Muffel. So! weil de so piffig warscht, kannst de jetz noch emal an die Bahn lääfe un des Kofferche hole.

Schnuckes. Geht des Freilein ääch mit?

Muffel. Nää, des Freilein geht net mit, die waart hier uff ihr Mutter. Wann de den junge Herr siehst, segst emm, er sellt gleich eruff komme, es wer Besuch da. (Schnuckes ab.) No, Agathche, hast de dann schon was gefriehstickt?

Agathe. Bin gar nicht hungrig. Herr Muffel, denken Sie nur, ein Herr, der mit mir reiste, ließ mir in Homburg einen halben Hahnen kommen.

Muffel. Un den hast de genomme?

Agathe. Oui! er war ja ganz frisch.

Muffel. Von emme wildfremde Mensch?

Agathe. Ich kann doch nicht alle Leute kennen.

Muffel. Am Enn hat er dich ääch emal an die Rassel gefiehrt?

Agathe. Haha! der Herr Theaterdirektor hatte ja kein Geld.

Haspel. Wie, mit einem Bühnenleiter, mit einem wirklichen, lebendigen Theaterintendanten sind Sie gereist?

Muffel. Da seid err also den Hahn schuldig gebliwwe?

Agathe. Was glauben Sie – Mama hatte mir doch zehn Gulden geschickt.

Muffel. Ich versteh – der hat gekloppt, un du hast beroppt. Nemm dich in acht, ich bin ääch emal mit ääm eneigefalle, der hat in Bockenem des Thejader gehatt un ich habb emm die eßbare Requisite geliwwert. Wie ich des ehrschtemal mei Geld hawwe wollt, da hawwe se grad den »Soh uff Reise« gewwe un wie ich des zweitemal widder komme bin, da warn se perr. No, wo is dann der gute Mann hiegefahrn?

Agathe. Er stieg hier aus, weil er in den Nachbarstädten Vorstellungen geben will.

Muffel. Du hast e merkwerdig Glick. Dei Muter schickt dich in e Pension, damit derr die Komödiandesträäch vergeh solle un kaum setzt de den Fuß widder nach Frankfort is dei ehrscht Begegnung die, mit ääm vom Thejader.

Fr. Muffel (Speisen auftragend). Greif zu, Kind, und wenn du satt bist, dann legst du die Hände auf den Rücken und gehst zehn- bis zwölfmal im Zimmer auf und nieder. Siehst du so! Immer Zwerchfellatem. (Geht mehrmals die Hände auf dem Rücken auf und ab).

Muffel. Verderw err doch den Appedit net dorch dein Zwerchfellatem.

Fünfter Auftritt.

Vorige. Heinrich.

Heinrich. Du hast mich rufe lasse, Vatter? Ach, des Agathche! No, Freilein Schnippel, wie geht's dann? (Begrüßung).

Muffel. Laß dich häämgeije mit deim Geschnippel! Geww err enn Kuß, daß es knallt; mer meent, ihr weerd enanner fremd.

Agathe. (Heinrich küßt sie). Au, wie rauh! Bist du groß geworden.

Heinrich. No, du brauchst dich ääch net ze beklage.

Muffel. Bei dere Greß kennt err heurate, wann err wollt.

Fr. Muffel. Komm, Hieronymus, die jungen Leute werden sich manches zu sagen haben.

Heinrich. Net, daß ich's wißt. Drunne steht der Lade voll Leut.

Muffel. Merr wern se schon bediene. Ihr sollt euer Widderseh feiern, daß es e Art hat. Haha! Bleib nor da, merr gehn schon. – Siehst de, Agathche, was der Heinerich for e fleißiger Geschäftsmann is? No, heint soll er sich emal Ruh genne.

Heinrich. Awwer Vatter – der Peter is net da, du werscht allääns net – –

Muffel. Bleib, sag ich derr. Guck nor, was des Mädche for Ääge mecht! (Zu Agathe, indem er sie näher zieht). Stell dich emal newern, ich will nur seh wer greßer is. (Leise zu Heinrich, indem er ihn zu Agathe drängt). Mach dich doch an se! (Laut). Nää, was die sich ähnlich seh! Haha! (Zu Haspel mit Zeichen, daß er sich entfernen soll). Herr Haspel, vergesse Se Ihr Kunne net, es is schon spet. (Dreht Heinrich so, daß er Agathe ins Gesicht sehen muß). Ich glääb beinah, ihr scheniert euch! Mir Alte dricke e Ääg zu, komm Sinche! Amesiert euch! amesiert euch! (Rasch ab mit Frau Muffel).

Agathe (sieht Heinrich verlegen an). Ist dein Papa heute aber komisch!

Heinrich. Ja, wie er grad sein kritische Dag hat. Dei Esse werd kalt. (Zu Haspel). Bleiwe Se noch enn Äägeblick. (Während sich Agathe zu Tisch setzt, leise zu Haspel). Ich haww Ihne enn neue Kunne besorgt. Heint Awend um halb acht solle Se nach Sachsehause in die Klappergaß zu dem Freilein Funk komme, e Ballfrisur. Da! da hawwe Se den Gulde im voraus.

Haspel. Sie sind ein charmanter Mann, danke! (Singt). »Ja das Gold ist nur Chimäre«. Um halb acht, o das geht prächtig, denn unsere Vorstellung beginnt erst um halb neun.

Heinrich. Un kää Geschwätz gemacht, heern Se!

Haspel. Stumm wie ein Grab. (Laut). Nun muß ich aber gehen.

Agathe. Wollen wir nicht ein wenig von unseren Zukunftsplänen plaudern?

Heinrich. (erschrocken für sich). Zukunftspleen! Die hat am Enn schon Feuer gefange. (Zu Haspel). Was lääfe Se dann so? Unnerhalte Se doch des Fräulein Schnippel e bissi. Agathche, hier stell ich derr enn Mensch vor, der wie du, for des Thejader lebt un sterbt. Herr Theophil Haspel, derzeit noch Haarkinstler, awwer sicherlich speter Kinstler ohne Haarn.

Agathe. Ah! Sie wollen sich der Bühne widmen?

Haspel (seufzt). Ach ja! das wäre mein liebster Wunsch, aber –

Agathe. Aber? – –

Haspel. Glauben Sie, daß ich ein Theater fände, wo ich einen ersten Versuch als König Lear oder Richard der Dritte machen könnte? Als Theaterfriseurgehilfe, und das nur aus Gefälligkeit, wollte man mich annehmen.

Agathe. Abscheulich! Doch verzweifeln Sie nicht, ich habe Verbindungen.

Haspel. O Sie sind reizend! – (Mit einem Blick auf Heinrich sich schnell verbessernd). Reizend – diese Aussichten.

Heinrich (für sich). Sie sin bei der Komedje, da kann ich schon emal meim Lorche uff dem Remerberg zu Gefalle geh. (Nimmt seinen Hut. Rasch ab).

Agathe. Sie deklamieren viel?

Haspel. Deklamation ist mein Hauptfeld – sonst singe ich auch. Darf ich Ihnen vielleicht ein Billett überreichen für heute, oder heute in acht Tagen? Heute, die Räuber von Schiller. Sehen Sie hier auf dem Programm. (Zieht ein Papier aus der Tasche). Franz Moor: Herr Haspel. – Später Ball, vorher darf nicht geraucht werden. Aeußerst anständige Gesellschaft. – Präsident: Theophil Haspel.

Agathe. Sie sind Präsident! (Für sich). Habe ich heute Glück! Theaterdirektoren und Präsidenten auf Schritt und Tritt. (Laut). Also die Räuber?

Haspel. Sie kennen das Stück?

Agathe. Ob ich die Räuber kenne! Amalie war an meinem schlechten Zeugnis schuld – statt französische Vokabeln zu üben, studierte ich diese Rolle.

Haspel. Und Sie haben sie noch im Gedächtnis?

Agathe. Gewiß! ich memoriere fleißig.

Haspel. Sie marmorieren auch! O bitte, gehen Sie eine Szene mit mir durch. (Deklamiert). »Du weißt, was du unserm Hause warst, du wardst gehalten wie Moors Tochter, selbst den Tod überlebte seine Liebe zu dir, das wirst du wohl niemals vergessen?« –

Agathe (immer essend und kauend, deklamiert). »Niemals, niemals! Wer das auch so leichtsinnig beim frohen Mahle hinwegzechen könnte!«

Haspel (deklamiert). »Die Liebe meines Vaters mußt du in seinen Söhnen belohnen, und Karl ist tot. – Staunst du? schwindelt dir? Ja, wahrhaftig, der Gedanke ist auch so schmeichelnd erhaben, daß er selbst den Stolz eines Weibes betäubt. Franz tritt die Hoffnungen der edelsten Fräulein mit Füßen. Franz kommt und bietet einer armen, ohne ihn hülflosen Waise, sein Herz, seine Hand und mit ihr all sein Gold an und alle seine Schlösser und Wälder. (Kniet vor Agathe). Franz, der Beneidete, der Gefürchtete, erklärt sich freiwillig für Amalias Sklaven.« (Agathe springt auf).

Sechster Auftritt.

Vorige. Herr und Frau Muffel, Frau Schnippel, Schnuckes (mit einem Koffer kommen und bleiben beim Anblick der Szene betroffen stehen).

Schnuckes (läßt den Koffer fallen). Ach, e Betstunn!

Muffel. Ich bin sprachlos! So e Duckmäuser!

Fr. Schnippel. Agathche! Agathche, was soll des hääße?

Fr. Muffel. Hieronymus, bedenke deine Gesundheit. (Tritt an den Schrank und nimmt aus demselben eine große Arzneiflasche nebst Löffel).

Haspel (springt erregt auf). Es war nur eine Probe.

Muffel. So, bloß e Prob! Drum hawwe Se mein Soh fortgeschustert.

Fr. Schnippel. Hast de sonst nix im Institut gelernt, wie dich aabete lasse? Mach, daß de uff dei Stubb kimmst.

Haspel. Aber ich bitte Sie, Ihre Fräulein Tochter ist ja ganz unschuldig.

Muffel (hitzig). Wie kenne Se sich unnersteh, e hiesig aastennig Berjersdochter verfiehrn ze wolle? un noch derrzu in meim Logie!

Agathe. So hören Sie doch nur.

Muffel. Was! du hälst emm noch die Bardie? Enaus! sag ich, enaus!

Haspel. Aber Herr Muffel, eine Probe – eine –

Muffel. Des kenne merr. Ehrscht prowiert mersch, bis es klappt. E Kääfmannsdochter un e Barickemachersgesell, da heert ja alles uff!

Haspel (unter der Türe). – Sie werden doch nicht glauben, daß ich mir erlaubt habe – (Haspel ab).

Muffel. Von Ihne glääw ich alles. Sie Schaf im Wolfsbelz! Sie Kuschemuschemächer! (Schlägt die Türe zu).

Agathe (lachend). Er hat mir ja nur eine Szene vorgespielt.

Fr. Muffel (mit einem großen Löffel Arznei). Komm, Hieronymus, das beruhigt dich wieder.

Muffel. Zehe Schritt vom Leib!

Vorhang fällt.

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