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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Die ledernen Brautwerber meines Vaters

Da nun noch viel von Vater und Mutter die Rede sein wird, so muß vorerst gesagt werden, wie sie es geworden sind.

Also der junge Lenzel.

Niemand ging öfter am Alitschhof vorüber als der junge Lenzel. Er stieg von seinem Berghaus herab ins Tal, diesseits wieder herauf, am Alitschhof vorbei, gegen die Waldhöhe hin. Was er auf der Waldhöhe tat, wußte niemand, man sah ihn nur allemal wieder zurückkehren denselben Weg – am Alitschhof vorbei. Der jungen Weiddirn Mirzel, der Kohlenbrennerstochter, die am Rain Gras mähte oder im Garten Kohlköpfe abschnitt, fiel es zuerst auf, aber sie sagte nichts. Das erstemal, als sie ihn sah, dachte sie auch nichts und schnitt ihr Gras. Das zweitemal dachte sie, der muß auf einem Viehhandel umgehen jetzt, und schnitt ihr Gras. Das drittemal, als er am Gartenzaun stehenblieb und eine Weile zuschaute, wie sie den Kohl abhieb, dachte sie: Stehenbleibt er! Ich tu nix dergleichen – und hieb Kohlköpfe ab.

Der Lenzel war noch vor keiner so lange stehengeblieben, obschon nach des Vaters Tod die Mutter gesagt hatte: »Bub, ich kann's nimmer dermachen mit der Wirtschaft, du mußt umschauen! Aber bring mir keine Dudl ins Haus, die alleweil nur ein schönes Gewand anhaben und nix arbeiten will!«

Nun also. Die dort im Krautgarten, die arbeitet ja, und Gewand hat s' auch kein schönes an. Das Köhlerdirndl. Das gestrickt Wollenjöppel und das blau Leinwandkitterl wird's wohl noch klecken. Schuh hat s' eh keine an. – Daß sie mit ihren drallen Barfüßlein dastand auf der schwarzen Erden, wollte ihm gefallen. Aber er sagte nichts und trottete wieder davon. Und dann tat's ihm leid, daß er sie nicht angeredet hatte. Das nächstemal nahm er sich's vor, ging aber wieder unverrichteter Sache vorüber, weil ihm nichts einfiel. Ihm war das Anschauen einstweilen ganz und gar genug; aber daß sie denken konnte: der muß ein Tappel sein, weil er nix zu reden weiß – das war's.

Das nächstemal ging er am Samstag vorbei, zur Feierabendstunde. Und wenn es auch schon finster sein sollte, das macht nix. Einfallen tut einem bei der Nacht leichter was. Da will er's bei ihr mit dem Fensterln probieren. Aber er kam zu früh, es war noch licht. Die Mirzel stand am Brunnen und scheuerte mit dem Strohwisch einen Zuber so heftig, daß das Kitterl lustig hin und wider schlug. Und dann ließ sie das kalte Wasser auf ihre Barfüße rinnen, bis Staub und Erde weggeschwemmt waren und sie feucht und rosig dastanden auf dem Brunnenstein. Und neben ihr stand der Soldat. Der Steinlacher-Zenz, der auf Urlaub daheim war. Er hatte blaue Hosen und einen weißen Rock an, und einen schwarzglänzenden Tschako mit dem goldenen Kaiseradler auf, und am schwarzen Lendenriemen das Stilett. An den Ohren zwei gefettete Haarsechser geschwungen und unter der langen Nase zwei falbe Bartspitzen. Mit solch bewaffneter Macht war sie jetzt besetzt, die Dirn, unter drohender Gefahr eines Belagerungszustandes. Der Lenzel stand am Hundskobel und schäkerte mit dem Kettenhund, dem er die Hand in den Rachen hielt, der darob schrecklich knurrte, mit den langen weißen Zähnen nagte und doch nicht dreinbiß. Aber des Burschen Auge war beim Dirndl, wie jetzt der Soldat mit ihm schäkerte. Einen langen Kornhalm hatte er vom Wege aufgelesen, der Kaiserliche, ihn in den Mund genommen und beim Plaudern so hin und her bewegt, daß der Halm ein paarmal in das weiße Rundgesicht des Dirndls schlug. Wie man Fliegen abwehrt, so tat sie mit der Hand und scheuerte wieder an dem Zuber. Jetzt wendete der Soldat den Halm bodenwärts und hub an, damit an ihren Barfüßen herumzugaukeln. Das war nicht mehr auszuhalten. Der Lenzel ließ Hund Hund sein, trat rasch an den Brunnen und sagte: »Laß mich ein wenig trinken, Mirzel?«

Sie lachte ihn freundlich an und meinte, das Wasser würde wohl noch ausreichen.

Er hielt seinen Mund ans sprudelnde Rohr und trank. Der Soldat gab ihm als altem Kameraden die Hand und sprach: »Ich sag gleich grüß dich Gott und b'hüt dich Gott auf einmal!« Das hieß soviel als: Nun kannst schon wieder gehen. Aber der Lenzel blieb stehen; er müsse warten, bis er noch einmal durstig werde. Das sei ganz gescheit, antwortete sie, und ob er sich nicht an den Trogrand niedersetzen wolle? Da merkte der Urlauber, daß er seinen Abschied habe, grüßte kaiserlich und marschierte ab.

Und nun waren sie allein, der Lenzel und die Mirzel.

Es dürfte kaum der Mühe wert sein, das Gespräch zweier blöder Bauernkinder aufzumerken. Solch junge Leute sind ja sonst ganz munter und witzig, doch in einer gewissen Standzeit sind sie äußerst ungeschickt und befangen. Aber die zuckenden Augen und die errötenden Wangen plaudern mehr, als sie sollen und wollen. Und die Lippen haben reichlich zu tun, um durch täppische Herumrederei die Wahrheit zu verleugnen. Und das leidenschaftliche Verneinen ist ein heimliches Bejahen.

Als der Lenzel nachher davonging, soll es keinen Erdboden gegeben haben. Er schwebte.

Drei Wochen später war Allerheiligen. Da kam in den Alitschhof ein mit steifem Zuckerhutpapier eingewickeltes Paket. Der Schickbub sagte: »Für die Weiddirn Mirzel!« und lief davon, als ob er gejagt würde.

Die Leute guckten: »Mirzel, dir soll's gehören!«

»Mir soll's gehören?« sagte sie und nahm zagend das Packel in den Arm. Trug es in die Kammer und machte es nicht auf. Sie hatte es aufs Fensterbrett gelegt, stand davor und schaute es an. Und den ganzen Nachmittag dachte sie: Was denn da drin sein könne? Das blutarme Kind war so reich an diesem Tag. Zehnerlei schöne Sachen dachte sie, jede konnte drinnen sein in dem blauen Papier. Hoch hatten ihre Wünsche sich ja nie verstiegen. Ein paar Wecken. Ein Rocken Flachs. Oder sollte der alte Kohlenbrennervetter vom Kreßbach Wollenstrümpfe schicken, die er selbst so schön strickt? Oder gar die Hausteinerin, bei der sie nächstes Jahr dienen soll, Zucker und Kaffee? – In Gottes Namen, tun wir halt schauen. Am End sind's Fichtenzapfen oder eine andere Fopperei.

Im blauen Packel waren ein Paar Schuhe. Ein Paar neuer kohlschwarzer Kalbslederschuhe mit Ochsensohlen, gezahnten Lascheln und Riemen. An den Zehenspitzen »abgehackt«, wie die Bezeichnung lautet. Man sah unten am Sohlenrand keinen Pechdraht wie bei den »Grobg'nahten«; die Naht war inwendig versteckt. Bei der Wichtigkeit, die dieses Paar Schuhe für mich hat, habe ich mich neuzeit an einen Schustermeister gewendet, daß er mir die Technik solch versteckter Nähte erkläre; aber der lachte, da könne er nicht dienen; sohlengenähte Schuhe seien längst abgekommen, seit man die »Zwecke« habe. Also wäre mein weiteres Herumfragen zwecklos.

Das Dirndl war sehr vergnügt. Schuhe! Buderlweiche Kalbslederschuhe mit Zahnlascheln! Und durchg'naht! »Jesseles, die hat mir frei der lieb Herrgott geschickt!« – Flugs an die Füße damit. »Für Strümpfeln sind sie gerichtet. Hab'n ma keine, so tun ma Stroh um die Zehen, ist auch schön warm. Und nix dabei? Kein March (Merkzeichen) und kein Nam. Wer's mir nur so gut tut meinen? – Du josl maron, was das für saubere Schuh sein! Und gut gehen drein!« Wie sie etliche Male im Zimmer hin und her getrippelt, streift sie die Schuhe wieder ab, beschaut sie noch einmal über und über und wischt mit einem Lappen etwaigen Staub weg. Dann stellt sie sie in ihren Gewandkasten, zieht den Schlüssel ab, was sonst nicht der Brauch ist im Alitschhof, und steckt ein Paar klobige Holzschuhe an die Füße.

Etliche Wochen später ist auf dem Hof des Lenzel Brecheltag gewesen. Mit Holzwerkzeugen, Brecheln genannt, wird der Jahresbau des vorher im Dörrofen getrockneten Flachses gebrochen, von Streu und Agen (Spelzen) befreit, so daß das gelbliche weiche Rockenhaar hervorkommt. Zu dieser Zeit pflegt der Bauer Nachbarsleute einzuladen, damit die Arbeit an einem langen Nachmittag vollzogen werden kann. Am Abend darauf große Mahlzeit, Tanz und andere Lustbarkeit. – Zu diesem Brecheltag lud der Lenzel unter andern auch die Weiddirn vom Alitschhof. Und richtete es so ein, daß ihre beiden Brecheln nebeneinander standen. Vor allem war er auf eins begierig, aber sie hatte die Holzschuhe an. Sie plauderten nicht viel selbander, sondern schwangen ihre Brechelscheiter über den Flachs. Aber als es Feierabend ward und sie nebeneinander zum Hause hingingen, fragte der Lenzel ruhig: »Tust nit schwer gehen in deinen Holzschuhen?«

»Im Winter sein s' halt schön warm, im Sommer trag ich gar keine«, antwortete sie.

»Im Sommer, meinst. Und tun dich nit immer einmal die Halme stechen?«

»Das ist man schon gewohnt«, sagte sie, verstand es nicht, auf was er angespielt hatte.

Da fragte er endlich zögernd: »Hast nit auch andere Schuh?«

»Ich hätt ein Paar schöne Schuh im Kasten, aber die behalt ich mir für die Feiertäg.«

»Tragst du sie im Winter, da mußt sie dir nageln lassen.«

»Weißt leicht, daß sie nit genagelt sind?«

»Werden eh, werden eh! Wie soll ich das wissen?«

»Die Schuh sein mir geschickt worden«, sagte sie und lauerte ein wenig.

»So, geschickt worden? Von wem denn?«

»Ja, Lenzel, wenn ich das kunnt herausbringen! Will sie nit eher tragen, bis ich's weiß.«

»Hast keinen Gedanken?« fragte er.

»Wohl schon gehabt, aber jetzt wieder nit. Herumfragen mag ich nit. Die Hausteinerin, hab ich einmal gemeint. Die sagt: Nein. Der Kreßbachvetter ist's auch nit.«

»Wirst ja noch mehr Bekannte haben. Vielleicht –«

»Was sagst?«

»Vielleicht der Urlauber Zenz?«

»Uh narrisch! Der ist selber barfuß gegangen, ehvor ihm der Kaiser die Stiefel geschenkt hat.«

Blinzelte der Lenzel ihr mit großem Wohlgefallen ins Gesicht, aber ganz flüchtig. Das Wort hat ihm getaugt.

»Einen Rat tät ich dir wohl wissen, Mirzel«, sagte er hernach. »jetzt kommt bald die Thomasnacht. Da wirfst du die Schuh über den Kopf hinteri, und wie sie nachher auf dem Fletz (Fußboden) liegen und nach welcher Seiten ihre Zehenspitzen hinzeigen, von derselben Seiten sind sie hergekommen. Weißt du, geschenkte Schuh trachten immer zurück.«

Da sagte sie nichts mehr.

Der Thomastag ist der kürzeste Tag des Jahres, und doch konnte das Dirndl den Abend kaum erwarten. Nach dem Mahle erzählte ein alter Knecht Geschichten, und die Alitschbäuerin wollte Lieder singen, bei denen die Mirzel ihr sonst mit »zweiter Stimm« zu helfen pflegte. Heut aber sagte das Dirndl, es sei nicht ganz richtig, und zog sich bald in ihre Kammer zurück. Nicht ganz richtig! Das deuteten die Hausleute auf Schläfrigkeit. Allein es war etwas anderes. Wenn eine immer ein Paar Kalbslederschuhe mit Ochsensohle im Kopf hat, wie soll sie da singen können? Als die Tür hinter ihr verschlossen war, zündete sie die rote Ampel an, die sonst nur an hohen Festabenden vor einem Marienstatuettlein brannte. Dann holte sie aus dem Kasten die Schuhe und warf sie rasch hinter sich auf das Fletz. Und schaute, wie sie gefallen waren. Beide hatten ihre Zehenspitzen nach der Seite hin, wo das menschenleere Gebirge stand. Das war sicherlich falsch, von dort konnte kein Schuh kommen. Sie warf ein zweites Mal, da war's noch dümmer, die eine Schuhspitze zeigte nach St. Kathrein, die andere nach dem Mürztal. Sollten zwei Spender aus verschiedenen Richtungen zusammengeschossen haben? Aller guten Dinge sind drei, dachte sie, hub die Schuhe auf und warf sie ein drittes Mal über den Kopf nach hinten. Diesmal mit bedachtsamer Vorsicht. Jetzt hatte sie's. Beide Schuhe zeigten einstimmig die Richtung quer über das Hochtal nach dem Berg, auf dem der Hof des Lenzel stand. Nun warf sie nicht mehr. Nun war's ihr recht. Sie nahm ein Tüchlein, reinigte die Schuhe sorgfältig von jedem Stäubchen und stellte sie mit Zärtlichkeit in den Kasten. Dann legte sie sich nieder und weinte die halbe Nacht.

Vier Tage nachher war Christtag. Der Lenzel legte sein neues Lodengewand an mit den grünen Aufschlägen an Kragen und Ärmel und setzte den schwarzen Hasenhärenen auf. Der breite schneeweiße Hemdkragen war von einem roten Seidentuch zusammengehalten. In der Weste hatte er, an einem Packfongkettlein hängend, die große Taschenuhr mit Schildkrotgehäuse, die einst sein Ahn Josef teuer gekauft hatte. Diese Uhr zog er nun auf dem Weg zur Kirche mehrmals heraus, um ins Glas zu gucken, ob er wohl auch ein so freundliches gutes Gesicht hatte, als er heute haben wollte. – Tags zuvor hatte es geschneit. Nun stieg hinter dem Wald die rote Sonnenscheibe groß herauf, daß die weite Schneelandschaft zart erglühte. So kam der Lenzel zur Kirche. Dort drängte er sich mit anderen durch das rückwärtige Tor hinein, das unter dem Turm ist. Ganz flüchtig hatte er bemerkt, daß hinter ihm die Mirzel nachging und daß sie am Tor zurückblieb. Denn sie hatte heute die neuen Schuhe an, und da wäre es gerade, als trippelten sie ihm – dem Spender – nach. Das durfte nicht so aussehen, so ging sie außen links um die Kirche. Das hatte er bemerkt, kehrte um und ging außen rechts um die Kirche.

Und draußen, just hinter dem Schiff des Hochaltars, unter einer schneebeschwerten Tanne, haben sie sich begegnet.

Nach der ersten Verwunderung darob, daß die neuen Schuhe schnurgerade zum Spender zurückgekehrt waren, und nach dem Schreck darüber, daß bei dieser Rückkehr sie selbst in den Schuhen steckte, hat sie aber lachen müssen. Während drinnen schon die Orgel klang, haben sie sich die Hand gegeben – das schweigende Versprechen.

So haben ihm die Schuhe, die er ausgesandt, das Weib zugebracht.

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