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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 52
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Als wir zur Seßlerschen Kohlenbrennerei kamen, wo neben einer verfallenden Hütte zwei Meiler dampften, hielt der Blasius wieder an. Er stieg ab, nahm den triefenden Korb und rief durch die offene Tür in die finstere Köhlerhütte hinein: »Susanna! Hörst du? Bist daheim, so komm heraus, und bist nit daheim, so sag's. Bis wir nach vier Stunden zurückkommen, sollst du uns eine Strauben (Eierkuchen) backen.«

Daß aus einer kohlrabenfinsteren Hüttentür ein blühröserlrotes Dirndlgesicht hervorgucken kann, sollte man sich nicht denken.

»Eine Strauben?« fragte sie zurück. »Hast Eier?«

Der Jungfuhrmann hielt ihr den Korb entgegen. Sie schlug die Hände zusammen: »Aber Jesseles na! Was habts denn da angstellt?« Sie kam mit einer blumigen Tonschüssel und schüttete das Gemenge hinein: Klar, Dotter, Schalen, alles durcheinander. Es hatte in der Schüssel nicht Platz, sie füllte auch noch einen Milchtopf. Und wurde es festgemacht: nach vier Stunden kommen wir, die Strauben zu essen. Es fanden sich noch Eier, denen nichts geschehen war, diese nahm ich im Korbe wieder zu mir, und so fuhren wir weiter talabwärts.

In Krieglach angekommen, nahm der Blasius seinen Weg zum Fleischhauer, ich ging mit meinem Korb zur Bürgermeisterin. Da sie sich verwunderte über die geringe Anzahl der Eier, die ich heute brachte und wohl auch die Spuren des Mißgeschickes sah, erzählte ich ihr das Malheur.

»Ja«, lachte die Frau, »Bübel, da hast heut ein gutes Lehrgeld gezahlt. Jetzt wirst dir's wohl merken, daß man den Eierkorb nicht in einen Kälberwagen hinstellt.«

Da der Erlös für die Eier durchaus nicht reichen konnte für ein Pfund Kalbfleisch und für ein Pfund Reis und drei Semmeln, so zog ich die Sackuhr aus der Tasche und fragte, was die Frau dafür geben wolle. Die Uhr gehe zwar nicht, weil sie das Fahren gewohnt sei, aber sie koste drei Gulden, mindestens zwei. Wenn der Frau das zu viel sei, so sei sie auch um einen Gulden zu haben, oder wie viel man halt dafür geben wolle.

Das kam der Frau nicht recht vor, sie rief den Bürgermeister. Der kam aus seiner Kanzlei heraus, setzte sich auf der breiten Stumpfnase die Hornbrille zurecht und fragte kurz und schneidig: »Bub, woher hast du diese Uhr?«

Erschrocken stotterte ich, ein Fuhrmann hätte sie mir geschenkt. »Das ist nicht wahr. Fuhrleute schenken keine Uhren. Du bleibst da, bis wir wissen, von wem du die Uhr hast!«

Die Bürgermeisterin wollte besänftigen, doch der Herr war überwältigt von seinem Richterberufe, er ließ schon den Gemeindediener rufen, der mich in den Kotter stecken sollte. – Es ist gefährlich, jetzt vor den Fenstern den Blasius vorbeifahren zu lassen, weil in solchen wahrhaftigen Erzählungen der Zufall nie eine zu auffallende Rolle spielen sollte, aber er fuhr doch vorbei. Erstens, weil der Blasius bei seinem Fleischhauer schon fertig war, und zweitens, weil die Straße da vorüberkam. Wie glaubte ich es der heiligen Kirche, daß Sankt Blasius ein Nothelfer ist, wie rief ich ihn an durch das Fenster. »Blasius, komm herein und sag, von wem ich die Uhr hab!«

Da hat sich denn rasch und schön alles aufgeklärt. Und als die Frau Bürgermeisterin hörte, alles sei darum, daß die kranke Mutter daheim Fleisch, Reis und Semmeln bekomme, rief sie lebhaft, das hätte ich gleich sagen sollen, und gab Geld her. Abzahlen sollte ich es mit Eiern, recht langsam und kleinweise, daß es mir nicht weh täte.

So steckte der Blasius seine Uhr wieder ein, ich ging ins Dorf, um meine Einkäufe zu machen, und dann setzten wir uns auf den nun leeren Wagen und fuhren heimwärts.

Der Korb stand unter den Füßen, und nun vertrug er die Püffe und Stöße ohne alle Gefahr. Der Jungfuhrmann fragte mich, was beim Fleischhauer das Pfund Kalbfleisch gekostet hätte.

»Fünfunddreißig Kreuzer.«

»Was sagst du? Fünfunddreißig das Pfund? Fünfunddreißig Kreuzer, sagst du? Und mir hat er's am Kalb um vierzehn abgedruckt, das Pfund. Ist das ein Lump! Der ist ja für den Galgen zu schlecht! Und hat mir nicht einen Kreuzer ausbezahlt. Weil ich ihm schuldig bin gewest. Fünfunddreißig hast du ihm geben müssen für das Batzel? Und noch ein Knochen dabei. Sind doch Erzräuber, diese Fleischhacker, diese gottverfluchten Wuchererbuben, diese kreuzweis verdammten!«

Mit heiligem Schauder blickte ich auf. Als ob ein wildes Wetter mit Blitz, Donner und Hagel vom Hochgebirg herabkäme, so schreckbar erhaben kam mir dieser Fluch vor. Bei uns daheim wurde so was nie gehört. »Sapperawold nohamol!« war schon der höchste Zornesruf, dessen mein Vater in den widerwärtigsten Momenten fähig war. Später freilich habe ich die Fleischer noch ganz anders verfluchen hören, und man kann begierig sein, wie es diesen feisten Leuten ergehen wird am Jüngsten Tage, wenn die Teufel mit ihren neunmalhunderttausend Gehilfen in großen Krenzen (Rücktragkörben) all die Flüche vor den Richter schleppen werden, die je gegen die Fleischwucherer ausgestoßen worden sind. Ein halbdutzend Krenzen dürften allein von den meinen schon voll werden.

Als wir in die Nähe der Kohlenbrennerei kamen, wurde der Blasius sänftiglich. Mit dem Peitschenstab zog er sich von einem Vogelbeerbaume einen Ast nieder, pflückte eine Rispenblüte und steckte sich dieselbe auf den Hut, dann drehte er seinen falben Schnurrbart in Spitzen, was bei den widerspenstigen Haaren, wovon jedes für sich Spitze sein wollte, nicht sonderlich gelang.

Als wir aus der dunklen Hüttentüre den zarten blauen Rauch hervorsteigen sahen, schnalzte der Blasius mit der Zunge. Die Strauben war fertig und lag gleichsam wie ein goldener Turban (deren gab's in meinem Buch von dem Türkenkrieg) auf dem Porzellanteller. Auch überzuckert war er. Das Dirndl hatte sich ebenfalls bereitet, schön die blonden Haare geflochten und eine Steinnelke hinters linke Ohr gesteckt. Ich weiß von ihr nicht viel zu beschreiben, als daß sie wie ein lichtes Röselein in der dunklen Hütte stand. Wir setzten uns um etwas, das sie Tisch nannte, einer nahm die eiserne Gabel zur Hand und begann den stattlichen Kuchen zu zerreißen. Wir aßen mit Andacht und Dank gegen die brave steinige Waldstraße, die den Wagen hatte holpern und die Eier in süßer Wehmut hatte zerfließen gemacht.

Das Köhlerdirndl aß auch mit, und als dann die Abrechnung kam, was wir schuldig wären für das Kochen und für das Schmalz und für den Zucker, schickte der Blasius mich hinaus, um aufzupassen, daß das Pferd nicht davongehe. Weil das Tier ganz ruhig stand, so dachte ich, er habe mich fortgeschickt, um in seiner Großmut die Zeche allein zu bezahlen. Es war vielleicht nicht genauso. Um die Ecke – damals hatte ich noch ein scharfes Ohr – hörte ich folgendes, wenn auch nur geflüstertes Gespräch:

»Wie soll ich dir die Strauben denn bezahlen, Susanna?«

»Ja, das mußt du wissen, wohlfeil wird sie nit sein.«

»Ist dir's derweil genug, wenn ich die Sackuhr da laß?«

»Uh, was brauch ich denn eine Uhr, die nit geht?«

»Weißt, Dirndl, gehen tut gar keine Uhr. Jede muß man tragen.«

»Schau, wie du gscheit bist! Kannst denn so viel Gescheitheit derführen mit deinem Einspänner?«

»Ich tät schon auch lieber zweispännig fahren«, sagte er, und wie mir schien, legte er gleich seinen Arm als Joch um ihren Hals. Nach ihren halblauten Einwänden zu schließen, suchte sie sich einer solchen Zweispännigkeit zu entwinden.

Sprechen hörte ich nichts mehr. An einem der Kohlenmeiler, die neben der Hütte rauchten, war eine Glutstelle offen geworden, aus der Funken stoben. Ich wußte von meinem Vater her, der auch das Köhlern verstand, daß solches nicht sein dürfe, und rief laut: »Köhlerin, das Feuer tut Schaden!«

Darauf sind beide hervorgekommen aus der Hütte, nicht wenig verwirrt und erschrocken darüber, daß der Meiler zu Schaden brenne!

Na, dann gegen Abend, bin ich glücklich nach Hause gekommen. Es war ja soweit alles gut abgelaufen, aber als nach einem Monat wieder der Eiertag kam, habe ich mir doch gesagt: Einem Fuhrmann sitze ich nicht wieder auf!

Hoffentlich hat die junge Kohlenbrennerin nicht einen ähnlichen Vorsatz zu fassen gehabt.

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