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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 51
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Als ich Eierbub gewesen

Meine Mutter hatte im Hofe gewöhnlich drei Hühner gehabt. Waren ihrer bisweilen vier, so beklagte sich der Vater, daß dieses Gefieder zu viel Korn fresse, und gab es gar einmal fünf, dann war schon die Rede vom »schnurgeraden Abhausen«, weil die Hühner alles Gesäme auskratzten und vernichteten. So manchmal gab es im Hofe etwas wie einen Hühnerkrieg. Als je schädlicher der Vater dieses flatternde Getier für die übrige Wirtschaft erklärte, je fester mußte die Mutter auf das Vorrecht der Bäuerin bestehen, sich Hühner zu halten. Denn die Eier waren zumeist ihre einzige Einnahmsquelle, von der sie einen Teil ihrer Kleider bestreiten mußte, überdies damit auch noch kleinere Bedarfe für die Kinder anzuschaffen hatte. Doch was der Vater nicht erreichte, das tat der Fuchs, der Iltis, die bisweilen den Hühnerkäfig ausleerten bis auf einige Federn und Knöchlein. Da gab's dann ein großes Klagen, und wenn dabei die Mutter gar mit der Schürze über die Augen fuhr, war der Vater allemal der erste, der von einem Nachbarhofe Hühner heimbrachte mit der Tröstung, daß der Nachbar im Bedarfsfalle auch den Hahn zur Verfügung stellen wolle.

Die gewöhnlichen drei Hühner nun waren das Kapital der Mutter, das im Frühjahr bis in den Sommer hinein höhere Zinsen trug, als heutzutage irgendeine neugegründete Aktienunternehmung bei allem Optimismus in Aussicht stellt. Das möchte ich gerne sehen, wie in unserer Zeit die Steuerbehörde hüpfen würde, wenn ihr ein Denunziant beibrächte, daß in irgendeinem Bauernhause drei wohlfeile Hühner im Monat um einen Gulden Eier legen! Welch hundertfältige Verzinsung! Da kann man ja die hochnotpeinliche Schraube anlegen! – Leider versiegte die Eier- und Steuerquelle allemal schon nach wenigen Monaten. In übriger Zeit machten die Hühner sich nur bemerkbar, da sie in Küche und Stube auf allen Kästen und über allen Töpfen herumflatterten, im Garten Gruben auskratzten und dann von vorbeikommenden Jagdhunden manchmal unter schrecklichem Gegacker bis auf die Dachfirste gescheucht wurden. In fruchtbarer Zeit war dem brummenden Vater der Mund leicht mit einer Eierspeise verstopfbar, aber in den vielen eierlosen Monaten des Jahres mußte die Mutter dann ihre ganze Beredsamkeit aufbieten, um die Hühner zu rechtfertigen. Die Hühner brächten Glück ins Haus, sagte sie einmal, die Hühner seien ein Gottesschutz gegen Seuchen und Blitzschlag und sie wären nach altem Glauben auch die Friedensvögel. – Das war auf dem Geleise des »alten Glaubens« um ein Wort zu weit gegangen, denn eben zankten sich die Hühner um ein paar Haferkörner, die auf dem Boden verstreut lagen; eine suchte die andere zurückzutreiben, so pickten sie sich gegenseitig mit dem Schnabel, schlugen unhold mit den Flügeln um sich, sprangen mit scharfen Krallen eine auf die andere und machten ein ohrenzerreißendes Gekreische. – »Na ja«, sagte die Mutter, während sie mit der Schürze bledernd die kämpfenden Tiere auseinanderscheuchte, »na ja, raufen tun s' freilich auch. Was rauft denn nit auf der Welt? Sogar immer einmal ein Paar Leut, und haben sich doch gern.«

Also war es ihr stets gelungen, die Hühner zu behaupten, bis sie im März wieder anfingen, Ostereier zu legen. Diese wurden als Erstlinge rot gefärbt und dann verschenkt an arme Kinder, die von Hof zu Hof gingen, um Ostereier zu sammeln, und an die Dienstmägde, die mit solchen Eiern wieder junge Burschen erfreuten. In manchen Gegenden bedeutete es geradezu eine Liebeserklärung, wenn das Mädel dem Buben ein rotes Osterei schenkt. Das berechtigt den Burschen übrigens einzig nur, des Abends manchmal ans Fensterlein zu kommen, um ihr »gute Nacht« zu sagen. Die Burschen pflegten die geschenkten Eier zu benützen, um untereinander zu »dutschen«. Da werden die Spitzen der Eier aneinander gedupft; der, dessen Ei ganz bleibt, hat das zerbrochene damit gewonnen, es wird sofort verzehrt. Ein anderes Eierspiel besteht darin, daß einer das rote Ei hinhält, es mit der geschlossenen Hand so weit verdeckend, daß nur eine kleine Fläche offen bleibt. Ein anderer schleudert nun zielend eine kleine Münze darauf hin. Trifft diese die Fläche und bleibt sie im Ei stecken, so gehört es ihm, trifft die Münze nicht, so gehört diese dem Eigentümer des Eies. Ein weiteres Gesellschaftsspiel ist das Eiersuchen. Die Mädchen verstecken Eier in Winkeln, unter Stroh, Busch und dergleichen, und die Burschen müssen dann suchen. Wer eins findet, glaubt bisweilen nicht bloß Eigentümer des Eies zu sein, sondern auch derselben, die es versteckt hat. Sie meldet sich aber nur, im Falle der Bursche recht nett ist. Ansonsten will keine hinter dem gefundenen Ei stehen und der Finder »ist der Narr, frißt den Dotter samt dem Klar«. – Mein Vater hat solche Eierspiele zwischen Burschen und Dirndlein nie gern gesehen. Tat man s' aber hinter seinem Rücken, so ward es oft noch bedenklicher.

Waren die Ostern endlich vorüber, dann kam die Zeit der Ernte. Meine Mutter hatte einen semmelgelben Korb mit Henkelreifen. Manchmal am Sonntage füllte sie diesen Korb mit Eiern, streifte den Henkel über den Arm und trug ihn ins Mürztal zum Verkaufe. In den Jahren aber, als die Mutter kränklich war, mußte ich der Eierbub sein. Alle Monate ein- oder zweimal wurde der Korb voll; ich, der zehn- oder zwölfjährige Junge, trug ihn über Berg und Tal nach Krieglach, wo die festen Abnehmer waren, als: die Frau Bürgermeisterin, die Frau Lebzelterin, die Frau Wirtin und die Frau Bäckin. Zwei Kreuzer für das Ei, das war der Preis, keine gab mehr, keine weniger. Nur dazu noch einen »Tragerlohn«, der bei einem vollen Korbe in einer Schale Kaffee bestand oder in einem Gläschen Wein oder in einer Semmel. Die Frau Bürgermeisterin gab fast allemal ein Silbergröschlein, weshalb ich den Korb am liebsten zu ihr trug. Der Nachteil war nur, daß ich an solchen Tagen auf der ganzen Wanderung nichts zu essen hatte, weil die Gröschlein für Bücher und Schreibpapier zusammengespart wurden. Daß dem kleinen, kleberen Waldbauernbuben eine Semmel oder eine Schale Milchkaffee besser bekommen hätte als das »Ägyptische Traumbüchel« oder »Die Geschichte der heiligen Monika« oder ein Roman von Eduard Breier, das wollte ich heute schier meinen. Meine damalige Weisheit ging darauf hin, daß man morgen nichts mehr hat von den Schätzen, die man heute verspeist, weshalb man daher die Sachen nicht verspeisen soll, sondern sie für was Beständiges verwenden. Daß eine solche Weisheit allmählich recht mager machte, davon mag dieser Eierbub ein Beispiel gewesen sein. Manchmal bekam ich in Krieglach auch Bücher geborgt. »Bin froh, wenn sie mir weggelesen werden«, sagte die alte Lebzelterin und öffnete mir ihren Dachboden. Er war eine untereinandergeworfene Sammlung von alten Geschichtenbüchern, Gedichtesammlungen, Reisebeschreibungen, Kalendern, Mode- und Theaterzeitungen, Anekdotenschätzen usw. Aus diesem Gelaß, das ich nach Herzenslust beherrschen durfte, ist mir im Laufe der Zeit so viel Geist und Weisheit entgegengeströmt, daß ich fast verrückt geworden bin. Wie ich den Korb voll Eier austrug, so trug ich ihn voll Bücher heim. Den Korb an den Arm gestreift, in einem Buche lesend, so trottete ich über Berg und Tal dem Waldhause zu, und wenn ich etwa einmal stark stolperte, so war ja nun keine Gefahr dabei. Die gelesenen Sachen mengten sich im Kopfe ohnehin zu einem so fabelhaften Weltgetrödel durcheinander, daß sie durch ein wenig Schütteln nicht leicht noch ungeheuerlicher werden konnten. Öfter geschah es auch, daß ich für das gelöste Eiergeld häusliche Notwendigkeiten einkaufen mußte und der Korb mit Band und Zwirn, Kerzen, Salz und dergleichen sich füllte. So war ich das merkantile Organ des Waldhauses geworden zur allseitigen Zufriedenheit. Da kam über den Eierbuben einmal das Verhängnis.

Als ich mit meinem reichlich gefüllten Eierkorb eines Tages wieder einmal auf der Waldstraße ging gen Krieglach hinab, holte mich der Jungfuhrmann Blasius ein mit seinem flinken Rößlein. Da er sah, wie sehr weich und behutsam ich voranschritt, erstens der Eier wegen und zweitens der steinigen Straße halber, deren scharfe Splitter mich in die Barfüße stachen, so hielt der Blasius seinen Wagen an und sagte, ich dürfe aufsitzen.

»Es ist ja schon wer im Wagen«, lachte ich.

»Der liegt«, antwortete er. Denn es war ein abgestochenes Kalb, das er zum Fleischhauer führte. Ein unterhaltsamer Fahrgast war das nicht, aber ich setzte mich zu ihm. Das Kalb schaute mich mit seinen großen, pechschwarzen Augen gleichgültig an, als ich mich so zwischen seine vier ausgestreckten Beine hinschob und den Eierkorb daneben aufs Stroh setzte.

»Hat's dich denn nit derbarmt, Blasius, weil du es hast abgestochen?«

»Gerad weil's mich derbarmt hat, hab ich's abgestochen«, sagte er. »Lebendigerweis auf dem Wagen zum Fleischhacker schleppen oder gar mit einem Hund hetzen, und am End bleibt's ihm doch nit erspart, nur daß es der Fleischhacker vielleicht viel dümmer macht. Da hab ich 's Messer lieber gleich selber hineingeschoben. In zwei Minuten ist's hin gewesen.«

Kaum er's gesagt, bewegte das Kalb den Kopf – es war aber nichts als das Schütteln des Wagens. Der Blasius ließ das Zeug flink vorangehen; mir tat das Sitzen auf dem hüpfenden Wagen sehr wohl. Da kam mir allmählich der Gedanke, es dürfte nicht ungeschickt sein, den Eierkorb auf den Schoß zu nehmen. Aber es war schon zu spät. Die schleimige, gelbliche Flüssigkeit sickerte hervor durch alle Spalten des Korbes.

Auf mein Klagegeschrei riß der Blasius sofort die Halfter zurück.

»Ein Pfund Fleisch hätt ich sollen heimbringen für meine kranke Mutter, und ein Pfund Reis und drei Semmeln, und jetzt ist das Eiergeld hin!«

Der Fuhrmann schaute auf die Bescherung und schwieg.

»Wart, Bübel, das wollen wir gleich machen«, sagte er endlich und langte um seinen Geldbeutel.

»Oha!« rief er überrascht, denn das lederne Säcklein mit dem roten Bindriemen war leer. »Macht nichts, ich geb dir meine Taschenuhr. Der Knödel geht eh nix nutz, aber ein paar Gulden ist das Glump noch wert. Verkauf sie in Krieglach und kauf Fleisch für deine Mutter. Fleisch da aus dem Kalb schneiden, wenn wir könnten! Ist eh dumm, daß wir Kalbfleisch hinführen, das Pfund nit teurer als etwa fünfzehn Kreuzer und dort mußt du's sicher um zwanzig zahlen.«

»Ich kann von dir nichts verlangen, Blasius. Die Eier sind wegen meiner Leichtsinnigkeit zerbrochen.«

»Dummes Zeug! Der Wagen hat sie zerschüttelt, und wenn ich dich nit auf den Wagen steigen hätt heißen, so wär den Eiern nix geschehen. Ich bin schuld, seh, da hast die Uhr!« Ich nahm sie leihweise, und wir fuhren weiter.

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