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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 45
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Als ich im Walde beim Käthele war

Seit Menschengedenken standen in unseren Wäldern die Lärchenbäume nicht so hoch im Preis als zur Zeit des Eisenbahnbaues durch das Tal. Mein Vater verkaufte an die dreißig Stämme um schöne Banknoten. Aber er gab die schönen Banknoten bald wieder weg, zuweilen gar eher, als er sie hatte. Er nahm beim Krämer Mehl und Salz, und sagte: »Sobald ich Geld vom Holzhändler krieg, kriegt Ihr's von mir.« Zuletzt sagte er dasselbe sogar den Steuerbeamten.

Aber unser Holzhändler, ein sehr alter Mann, der im Wald sein Haus hatte und um den, außer den Fichten und Tannen, noch ein Wald von Kindern und Enkeln herangewachsen war, hatte dem Vater den größten Teil des Lärchengeldes zwar gezahlt, aber mit dem Rest war er ausgeblieben. Wohl ein halbdutzendmal ging mein Vater die vier Stunden durch die Wälder zum Alten und bat: »Herr Zaunreuter, seid doch ja so gut und richtet mir heut das letzte Zipfel vom Lärchengeld, meine Kinder brauchen was zu essen.«

Die meinen halt auch, mochte sich der Alte gedacht haben, aber er sagte: »Ich seh's wohl ein, der Waldbauer tät auch sein Sach gern haben, aber wenn mir der Waldbauer alle Säck umkehren will, so wird er heut keinen Knopf darin finden. Ich krieg erst morgen das Geld von der Eisenbahn, nachher will ich dem Waldbauern das Restl schon mit Fleiß und Dank zustellen.«

Meines Vaters Herz war kein Stein, und er dachte: Es klemmt ihn halt, und einen Tag muß ein Christenmensch schon noch warten. Aber es verging ein Tag, und es vergingen mehrere, und es vergingen viele Tage, und der gute Zaunreuter kam nicht mit dem Geld. Da ließ mich – ich war damals so ein Schlingel von elf Jahren – mein Vater einmal von der Kuhweide in sein Stübchen rufen und sagte: »Bübel, leg jetzt dein besseres Jöpplein an, geh hinüber in das Weißbrunntal zum alten Zaunreuter und sag ihm, du bliebest so lang in seinem Haus und tätest essen an seinem Tisch und tätest schlafen unter seinem Dach, bis er dir tät das Geld geben. Sei aber schön ordentlich und tu danken nach jedem Essen, und wenn er dir eine Arbeit schafft und du kannst sie verrichten, so tu's mit Schick und Fleiß, und wenn du das Geld hast bekommen, so steig nur fein geschwind wieder heim.«

Hierauf legte ich mein besseres Jöpplein an und ging hinüber durch die dichten Wälder in das Weißbrunntal zum alten Zaunreuter. Dieser saß vor seinem Häuschen unter einer dichtbeästeten Fichte und hielt das Pfeiflein in der Hand und nickte mit dem Kopf auf und nieder wie die Zweige oben im Wind. Ich blieb von fern stehen und sah ihm zu; der Mann war doch gar alt. In seiner Kindheit waren hier die Urwälder ausgerodet worden; in seinen Jünglingsjahren hatten sich kleine Bauernwirtschaften angesiedelt; in seinem Mannesalter waren durch kalte, unfruchtbare Jahre die Bauernwirtschaften zugrunde gegangen, und nun in seinen Greisentagen ließen sie das Weißbrunntal wieder anwachsen.

Ich trat endlich zum Alten hin und sagte: »Mein Vater hat mich geschickt, und jetzt bleib ich in Eurem Haus so lang und ich geh nicht eher fort, bis Ihr mir das Geld gebt.«

»So geh hinein in das Haus, Kleiner, und setz dich auf die Bank, oder geh hinauf an die Lehne und hilf meiner Enkelin Ziegen hüten.« Er blieb sitzen, nickte mit dem Kopf und hielt das Pfeiflein in der Hand.

Ich ging in das Haus und saß eine Zeit auf der Bank in der Stube; als mir endlich aber doch die Zeit lang wurde, kletterte ich die Lehne hinan zur Ziegenhüterin. Ein Mädchen mit roten Wangen und lichtblonden Haaren, wohl um einige Jahre älter als ich, saß da oben, es flocht sich mit seinen behendigen Fingern, mit Beistand der weißen Zähne, die Haare. Da es mich sah, sprang es auf und floh ins Dickicht.

Als der Abend kam, füllte sich das kleine Haus im Anwuchs mit Menschen; es waren Weiber und Kinder gekommen und zwei junge, lustige Holzhauer und ein übermütiger Almhirt, der allweg pfiff, gern auf einem einzigen Fuße stand, tänzelte und die Weiber neckte. Es kam ein Wurzner und eine Ameiseiergräberin, und sie erzählten, wo sie an diesem Tage waren und was sie für Beute gemacht hatten. Alle diese Menschen, zum Teil noch jung und klein, waren Nachkommen des alten Zaunreuter.

Als sie sich alle um den Tisch zur Abendsuppe setzten, stand ich an der Tür und kaute an einem Finger. Ich empfand doch, daß ich hier nicht daheim war, und getraute mich nicht zum Tisch. Da sagte der Alte: »Waldbauernbub, setz dich neben das Käthele und iß mit uns eine Suppe!« Nach diesen Worten errötete das Mädchen, das ich früher oben als Ziegenhüterin gesehen hatte, dann rückte es ein wenig zur Seite. So setzte ich mich daneben hin und aß; aber mir wollte es nicht recht schmecken, ich schämte mich, daß ich den Leuten wegen so ein paar Gulden an der Schüssel lag.

Nach dem Nachtmahl nahm mich der Almhalter mit in sein Bett; es stand nicht im Haus und nicht im Freien, sondern hinter einer Felsnische unter drei dichten Tannen. Der Halter zog sich aus bis auf das Hemd und pfiff und tänzelte immer noch dabei und kitzelte mich in das Bett und unter die Decke hinein, daß ich laut schrie und kicherte. So war ich mit ihm gleich bekannt, und so kauerten wir uns recht aneinander, und er erzählte mir von seinen Kühen und Kälbern, und dabei zog er die Decke immer mehr über unsere Köpfe herauf, und sein mächtiger Atemstrom ergoß sich so sehr auf mein Gesicht, daß ich schier ersticken wollte.

Als ich am anderen Morgen aufwachte, flunkerte die Sonne durch das Geäst, und der Halter war schon längst davon. Ich stand auf und dachte, heute wird mir der Zaunreuter das Geld wohl geben. Es wurde die Morgensuppe vorgesetzt; das Käthele schnitt mir Brot hinein, und dabei flüsterte es mir zu, ob ich heute nicht mit ihm wolle mitgehen in die Geißhalde? Ich ging mit, und das Mädchen machte mich bekannt mit den Ziegen und mit seinen Spielplätzen. Das Käthele hatte unter einem Felsvorsprung eine Sennerei; aus Baumrinden hatte es einen Stall aufgezimmert, unter diesen stand eine Reihe dürrer Fichtenzapfen, das waren die Kühe. Das Mädchen lehrte mich von diesen Kühen die Namen und schob sie auf die Weide und wieder in den Stall. Auf einmal aber, als es merkte, daß ich mich nicht recht in diese Wirtschaft hineinfinden konnte, wendete es sich ab, hielt die Schürze vor das Gesicht und schämte sich. Als ich ein wenig später wieder an die Stelle kam, waren die Fichtenzapfen über den Hang geschleudert und der Stall zerstört.

Es verging der Tag, der Alte war nicht zu Hause, ich bekam das Geld nicht und blieb. Das Käthele zerrte mich überall mit, und als gegen Abend ein kalter Wind strich, schlug es sein Lodenjäckchen um meinen Kopf und wickelte meine Hände in seine Schürze, daß ich nicht sollte frieren können. Am Abend nahm es mich mit in den Stall und zeigte mir, wie es die Ziegen melke, und als wir in der Milchkammer standen, strich es mir mit dem Finger Rahm in den Mund.

Am dritten Tag war ich schon um ein bedeutendes zutraulicher; da pflückte ich dem Käthele Erdbeeren und schenkte ihm ein Sträußchen rotblühenden Klees. »Die Erdbeeren mag ich schon«, sagte sie, »aber den Klee steck nur der Geiß zu, ich weiß damit nichts anzufangen.«

»Es wär aber Honig drin, Käthele«, sagte ich.

»Ja, weil ihn die Bienen nicht heraussaugen dürfen«, versetzte das Mädchen, »weißt du, was der heilige Petrus gesagt hat? Ja, der hat zu den Bienen gesagt: Was wollt ihr lieber, den Sonntag feiern oder den roten Klee meiden? Haben die Bienen zur Antwort gegeben: den roten Klee meiden. Deswegen dürfen sie beileib nichts zu schaffen haben mit dem roten Klee, und der Honig davon kommt in die Geißmilch.« –

Der Alte ging aus und kam heim, aber nie sagte er etwas von dem Geld. Ich blieb im Hause, wurde zu Tisch geheißen, schlief beim Halter und konnte die übrige Zeit machen, was ich wollte. Ich ging immer mit dem Käthele, und das führte mich im Wald umher, in jede Schlucht und auf jeden Felsblock, und wußte allweg zu plaudern und erzählte mir sogar einmal im Vertrauen: Zuweilen, wenn es so ganz still sei und nur die Hummel brumme oder ein Lüftlein wispere, da gehe Gott durch den Wald. Er sei größer als der allergrößte Baum, aber er kümmere sich um jedes Rehlein, und wenn wo eine Ameise krieche, der sie einen Fuß abgetreten, so helfe er ihr weiter, und wenn wo ein Blümlein stünde, das nicht aufwachen kann, weil ihm ein Steinchen anliegt, so neige sich der liebe Gott auf die Erde und tue dem Blümlein den Stein vom Herzen.

Wenn das Käthele ähnliche Dinge redete, so sah ich es nur so an, und da war ein Glanz in seinem großen, dunklen Auge wie in der Kirche zur heiligen Christnacht.

Einmal führte sie mich auf einen Steinbühel, um welchen Rotkiefern und Wacholder wuchsen, legte ihre beiden Hände auf meine Schultern und sagte: »Das freut mich, Waldbauernbub, daß du in unser Haus und zu mir in den Wald gekommen bist.« Nach diesen Worten geleitete sie mich von dem Steinbühel wieder herab. Weshalb ich aber da war, das wußte sie nicht.

Vergaß ich ja doch endlich selbst darauf. Ich lebte im Haus des Zaunreuters wie daheim, nur waren die Leute freundlicher mit mir, und ich durfte nicht so viel arbeiten, als ich an der Seite meines Vaters gemußt.

Da kam eines Tages durch den Holzschläger von meinem Vater der Auftrag, ich möge doch endlich das Geld heimbringen, das Steueramt wolle nicht mehr länger warten und habe ihm einen Soldaten ins Haus geschickt, der ohne den Steuerbetrag nicht fortgehen wolle und welcher – setzte der Bote bei – der Kuhmagd schon den ganzen Kopf verrückt habe und mit ihr heimlich die Butter verzehre. Das sei eine gefährliche Belagerung, und ich möge doch kommen und das Haus befreien.

Ich trug dem Alten unser Anliegen vor. Dieser nickte stetig mit dem kleinen Kopf und machte mir dann in bittendem Tone den Vorschlag, er wolle die Exekutionsmänner austauschen, mich heimgehen lassen und den gefährlichen Soldaten in sein Haus nehmen, bis er zahlen könne. Das brachte mich fast auf, denn ich konnte dadurch nur verlieren, ohne das Geld heimzubringen. Ich murmelte daher, zu Boden starrend und den Hut tief in die Stirne gedrückt: »Ich will unser Geld haben.«

Da sprang der Alte auf, einen Schritt gegen mich und stieß die Worte hervor: »Vom Erdboden herausgraben kann ich's nicht! Willst mir die Haut abziehen? Ich bin alt und hab eine Familie; du kennst von der Welt noch nichts wie das Essen. Wenn ihr glaubt, ich will euch was abstehlen, so verkaufet mein Haus, da steht's! und jaget die Kinder hinaus zu den Tieren des Waldes und scharrt den alten Mann in die Erden!«

Das traf mich, niederfallen hätt ich mögen vor dem Greis und ihm sagen, daß ich's so nicht gemeint. Ich schlich davon und wollte heim zu meinem Vater und ihm sagen, ich hätte das Geld wohl bekommen, aber ich hätte es unterwegs in dem dichten Gesträuch verloren, und ich wolle dafür arbeiten Tag und Nacht und fasten dabei, und er möge mich strafen, wie er wolle.

Als ich sonach durch die Schlucht ging, rief mich das Käthele an. Es stand hoch auf einem Baumstrunk und sagte mir, ich möge auch hinaufkommen, denn man sehe von dort aus ins Land, wo die Feigen wachsen. Da mußte ich denn freilich hinauf; allein, als ich oben stand bei dem Käthele, schalt es, daß ich so langsam geklettert sei, es seien in der Weile die Bäume so hoch gewachsen, und nun könne man nicht mehr in das Land der Feigen sehen. Ich stellte mich, als hätte ich dem Käthele alles aufs Wort geglaubt. Ich vergaß aber dabei auf mein Heimgehen.

Als wir eine Weile beisammengestanden waren, lispelte sie: »Ich will dir was sagen, Waldbauernbub«, und zerrte mich mit fort, zwischen den Bäumen und durch Gesträuch, fort und fort, bis wir hineinkamen tief in den Hochwald. Dort blieb sie endlich stehen, blickte verwirrt um sich und ließ sich auf einen verwitterten Strunk nieder. Ich stand vor ihr; sie faßte meine Hände und legte sie in ihren Schoß. Dann neigte sie das Haupt vor gegen meine Stirne und flüsterte: »Du bist mein lieber Waldbauernbub!« – Sie war gerötet, sie ließ alle Haarsträhnen niedergleiten über ihr Antlitz, daß ich es nicht hätte sollen sehen, wie sie glühte.

Gleich darauf erhob sie sich, und wir gingen zurück durch den Wald, durch das Gesträuch, wie wir gekommen waren.

An demselben Abend lud mich der alte Holzhändler ein, daß ich mich zu ihm auf das Fichtenbänklein setze. Als ich es getan hatte, sagte er, daß ich heute wohl nicht mehr fortgehen könne, da der Weg zu meinem Vaterhause lange durch unwirtliche Waldungen führe. Ich blickte ihn an, da fuhr er in den Sack, zog ein abgegriffenes Büchlein hervor und aus demselben eine Geldnote: »Da nimm, Waldbauernbub, und ich laß mich bedanken, daß er mir so nachgewartet hat, bis ich's jetzt zahlen kann. Ich hab ihm deswegen auch um zwölf Groschen mehr zugelegt.«

Ich getraute mich an demselben Abend beim Mahl kaum einen Bissen zu essen, und in der Nacht lag ich mäuschenstill neben dem Halter – ich war bezahlt, ich hatte kein Recht mehr, das Bettgewand zu strapazieren.

Am andern Tag stand ich gar zeitlich mit dem Halter auf und eilte meiner Heimat zu.

Es war auch schon die höchste Zeit; der Exekutionssoldat hatte im Kuhstall und in der Butterkammer bereits schauderhaft gewirtschaftet. Nun erhielt er den Steuerbetrag und damit den Laufpaß.

Bei meinem Vater erntete ich nicht die Ehren, die ich für das Aufbringen des Geldes zu beanspruchen geglaubt hatte. »Dalketer Bub«, sagte er, »jetzt gehst gleich und tragst dem Zaunreuter die zwölf Groschen wieder zurück!«

So lief ich denn. Im Wald traf ich wieder das Käthele. Es sah mich kaum an, es spielte mit den dürren Fichtenzapfen und hatte sein Gesicht dicht mit den Haaren verschleiert. Es hatte erfahren, daß ich nur des Geldes wegen so lange bei ihm im Walde geblieben war.

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