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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 42
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Beim Radwirt hielten wir an, mußten uns stärken. Wir hatten nun die Radsohl zu übersteigen, den Sattel der Veitschalpe, die mit ihren Wänden schon lange auf uns hergestarrt hatte. Die Wirtin schlug die Hände zusammen, als sie den kleinwinzigen Wallfahrer vor sich sah, und meinte, der Vater werde mich wohl müssen auf den Buckel nehmen und über den Berg tragen, wenn ich nicht brav Wein trinke und Semmel esse.

Hinter dem Wirtshaus zeigte eine Hand schnurgerade den steilen Berg hinan: »Weg nach Mariazell«. Aber ein paar hundert Schritt weiter oben am Waldschachen stand ein Kruzifix mit der Inschrift: »Hundert Tag Ablaß, wer das Kruzifix mit Andacht küsset, und fünfhundert Tag vollkommenen Ablaß, wer Gelobt sei Jesus Christus sagt.«

Auf der Stelle erwarben wir uns sechshundert Tage Ablaß.

Dann gingen wir weiter, durch Wald, über Blößen und Geschläge, bald auf Fahrwegen, bald auf Fußsteigen, und nach einer Stunde waren wir oben.

Wir setzten uns auf den weichen Rasen und blickten zurück in das weite Waldland, über die grünen Berge hin bis in die fernen blauen. Und zwischen den blauen heraus erkannte mein Vater jenen, auf welchem unser Haus steht. Dort ist die Mutter mit dem kleinen Brüderlein, dort sind sie alle, die uns nachdenken nach Zell. Wie müssen die Leute jetzt winzig klein sein, wenn schon der Berg so klein ist wie ein Ameisenhaufen! –

Es war die Mittagsstunde. Wir vermeinten vom Veitschtal herauf das Klingen der Glocke zu hören.

»Ja«, sagte dann mein Vater, »wenn man's betrachtet, die Leut sind wohl recht klein gegen die große Welt. Aber schau, mein Büberl, wenn schon die Welt so groß und schön ist, wie muß es erst im Himmel sein?«

Ich habe die Frage nicht beantwortet.

Wir erhoben uns und gingen den ebenen Weg, der hoch auf dem Berg dahinführt, und ich sah schaudernd zum schroffen Gewände der Veitsch empor, das schier drohend, als wollte es niederstürzen, auf uns herabstarrte. Endlich standen wir vor einem gemauerten Kreuz, in dessen vergitterter Nische ein lieber, guter Bekannter war. Der heilige Nikolaus, der mich alljährlich zu seinem Namenstag mit Nüssen, Äpfeln und Lebzelten beschenkte, anstatt daß ich es ihm tat. Und von diesem Kreuz sahen wir hinab auf die Zeller Seite. Doch wir sahen noch lange nicht Zell; wohl aber ein so wildes, steinernes Gebirge, wie ich es früher meiner Tage nicht gesehen hatte. Ein Gebet beim Nikolo, und wir stiegen hinab in die fremde, schauerliche Gegend.

Wir kamen durch einen finsteren Wald, der so hoch und dicht war, daß kein Gräslein wuchs zwischen seinen Stämmen. Mein Vater erzählte mir Raub- und Mordgeschichten, welche sich hier zugetragen haben sollen, und ein paar Tafeln an den Bäumen bestätigten die Erzählungen. Ich war daher froh, als wir in das Tal kamen, wo wieder Wiesen und Felder waren und an der Straße wieder Häuser standen.

Wir waren bald in der Wegscheide, wo sich drei Wege teilen, der eine geht nach Veitsch und auch nach Neuberg, der andere nach Seewiesen, und den dritten weist eine Hand: »Weg nach Mariazell«.

»Wenn du nach Zell gehst, so wirst du die größte Kirche und die kleinste Kirche sehen«, sagte mein Vater, »die größte finden wir heut auf den Abend, zur kleinsten kommen wir jetzt. Schau, dort unter der Steinwand ist schon das rote Türmlein.«

Das Wirtshaus war freilich viel größer als die Kirche; in demselben stärkten wir uns für den noch dreistündigen Marsch, der vor uns lag.

Dann kamen wir an der gezackten Felswand vorüber, die hoch oben am Berg steht und »die Spieler« genannt wird. Drei Männlein sitzen dort oben, die einst in der Christnacht hinaufgestiegen waren, um Karten zu spielen. Zur Strafe sind sie in Stein verwandelt worden, und sie spielen heute noch.

Die Straße ist hin und hin besät mit Wegkreuzen und Marienbildern; wir verrichteten vor jedem unsere Andacht, und dann schritten wir wieder vorwärts, wohl etwas schwerfälliger als gestern, und im Rockschoß meines Vaters schlug fort und fort das unbekannte Ding hin und her.

Neben uns rauschte ein großer Bach, der aus verschiedenen Schluchten, zwischen hohen Bergen, hervorgekommen war. Die Berge waren hier gar erschrecklich hoch und hatten auch Gemsen.

»Jetzt rinnt das Wasser noch mit uns hinaus«, sagte mein Vater, »paß auf, wenn es gegen uns rinnt, nachher haben wir nicht mehr weit nach Zell.«

Wir kamen nach Gußwerk. Das hatte wunderprächtige Häuser, die waren schön ausgemeißelt um Türen und Fenster herum, als ob sich die Steine schnitzen ließen wie Lindenholz. – Und da waren ungeheure Schmieden, aus deren finsterem Innern viel Lärm und Feuerschein herausdrang. Wir eilten hastig vorbei, und nur bei der damals neuen Kirche kehrten wir zu. Das war wunderlich mit dieser Kirche, nur ein einzig Christuskind war darin und sonst gar nichts, nicht einmal Unsere Liebe Frau. Und so nahe bei Mariazell! Die Lutherischen sollen es geradeso haben. Wir gingen bald davon.

Und als wir hinter dem letzten Hammerwerk hinaus waren und sich die Waldschlucht engte, daß kaum Straße und Wasser nebeneinanderlaufen konnten, siehe, da war das Wasser so klar und still, daß man in der Tiefe die braunen Kieselsteine sah und die Forellen – und das Wasser rann gegen uns.

»Jetzt, mein Bübel, jetzt werden wir bald beim Urlaubkreuz sein«, sagte der Vater, »bei demselben siehst den zellerischen Turm.«

Wir beschleunigten unsere Schritte. Wir sahen die Kapelle, die gerade vor uns auf dem Berge stand und die Sigmundskapelle heißt. Da oben hat vor noch nicht lange ein Einsiedler gelebt, der sich nicht für würdig gehalten, bei der Mutter Gottes in Zell zu sein, und der doch ihr heiliges Haus hat sehen wollen jede Stund. Ein Vöglein hätte ich mögen sein, daß ich hätte hinauffliegen können zum Kirchlein und von dort aus Zell etliche Minuten früher schauen als von der Straße aus.

An der Wegbiegung sah ich an einem Baumstamm ein Heiligenbild.

»Ist das schon das Urlaubkreuz?«

»Das kleine«, sagte mein Vater, »das ist erst vom Urlaubkreuz das Urlaubkreuz. Schau, dort steht das große.«

Auf einem roten Pfahl ragte ein roter Kasten, der hatte ein grün angestrichenes Eisengitter, hinter welchem ein Bildnis war. Wir eilten ihm zu; ich hätte laufen mögen, aber mein Vater war ernsthaft. Als wir vor dem roten Kreuz standen, zog er seinen Hut vom Kopf, sah aber nicht auf das Bild hin, sondern in das neu hervorgetretene Tal hinaus und sagte mit halblauter Stimme: »Gott grüß dich, Maria!«

Ich folgte seinem Auge und sah nun durch die Talenge her und durch die Scharte einiger Bäume eine schwarzglänzende Nadel aufragen, an welcher kleine Zacken und ein goldener Knauf funkelten.

»Das ist der Zellerische Turm.«

Ein klein wenig haben wir alle beide geschluchzt. Dann gingen wir wieder – einen Schritt vorgetreten, und wir haben den Turm nicht mehr gesehen. Wir sollten ja bald an seinem Fuße sein.

Wir stiegen die letzte Höhe hinan und hatten nun auf einmal den großen Markt vor uns liegen und inmitten, hoch über alles ragend und von der abendlichen Sonne beschienen, die Wallfahrtskirche.

Die Stimmung, welche zu jener Stunde in meiner Kindesseele lag, könnte ich nicht schildern. So, wie mir damals, muß den Auserwählten zumute sein, wenn sie in Zion eingehen.

Wir taten wie alle andern auch: auf den Knien rutschten wir zum Gnadenbilde hin, und ich wunderte mich nur darüber, daß der Mensch auf den Knien so gut gehen kann, ohne daß er es gelernt hat.

Wir besahen an demselben Abend noch die Kirche und auch die Schatzkammer. An den gold- und silberstrotzenden Schreinen hatte ich lange nicht die Freude wie an den unzähligen Opferbildern, welche draußen in den langen Gängen hingen. Da gab es Feuersbrünste, Überschwemmungen, Blitzschläge, Türkenmetzeleien, daß es ein Schreck war. Es ist kaum eine Not, ein menschliches Unglück denkbar, das in der Zellerkirche nicht zur bildlichen Darstellung gekommen wäre. Wer hat diesen Volksbildersälen eine nähere Betrachtung gewidmet?

Wir stiegen auch auf den Turm; das war unerhört weit hinauf in den finsteren Mauern, und wie oft mochte der Rockschoß meines Vaters hin und her geschlagen haben, bis wir oben waren! Und endlich standen wir in einer großen Stube, in welcher zwischen schweren Holzgerüsten riesige Glocken hingen. Ich ging zu einem Fenster und blickte hinaus – was war das für ein Ungeheuer? Eine Kuppel der Nebentürme hatte ich vor Augen. Und, du heiliger Josef, wo waren die Hausdächer? Die lagen unten auf dem Erdboden. Dort auf dem weißen Streifen krabbelte eine Kreuzschar heran. Als der Türmer dieselbe gewahrte, hub er und noch ein zweiter an, den Riemen einer Glocke zu ziehen. Diese kam langsam in Bewegung, der Schwengel desgleichen, und als derselbe den Reifen berührte, da gab es einen so gewaltigen Schall, daß ich meinte, mein Kopf springe mitten auseinander. Ich verbarg mich wimmernd unter meinen Vater hinein, der war so gut und hielt mir die Ohren zu, bis die Kreuzschar einzog und das Läuten zu Ende war. Nun sah ich, wie die beiden Männer vergeblich an den Riemen zurückhielten, um die Glocken zum Stillstand zu bringen; hilfsbereit sprang ich herbei, um solches auch an einem dritten niederschlängelnden Riemen zu tun – da wurde ich schier bis zu dem Gebälk emporgerissen.

»Festhalten, festhalten!« rief der Türmer mir zu. Und endlich, als die Glocke in Ruhe und ich wieder auf dem Boden war, sagte er: »Kleiner, kannst wohl von Glück sagen, daß du nicht beim Fenster hinausgeflogen bist!«

»Ja«, meinte mein Vater, »kunnt denn da in der Zellerkirchen auch ein Unglück sein?«

Abends waren wir noch spät in der Kirche; und selbst als sich die meisten Wallfahrer schon verloren hatten und es auch an dem Gnadenaltar dunkel war bis auf die drei Ewigen Ampeln, wollte mein Vater nicht weichen. Gar seltsam aber war's, wie er sich endlich von seinen Knien erhob und in die Gnadenkapelle hineinschlich. Dort griff er in seine Rocktasche, langte den von mir unerforschten Gegenstand hervor, wickelte das graue Papier ab und legte ihn mit zitternder Hand auf den Altar.

Jetzt sah ich, was es war – ein Eisenzahn von unserer Egge war es.

Und am anderen Tag gegen Abend, als wir meinten, unsere Kirchfahrt so verrichtet zu haben, daß Maria und unser Gewissen zufrieden sein konnten, gingen wir wieder davon. Beim Urlaubkreuz blickten wir noch einmal zurück auf die schwarze, funkelnde Nadel, die zwischen zwei Bäumen hervorglänzte.

»Behüt dich Gott, Mariazell«, sagte mein Vater, »und wenn es Gottes Will, so möchten wir noch einmal kommen, ehvor wir sterben.« –

Dann gingen wir bis Wegscheid, dort hielten wir nächtliche Rast. Und am nächsten Tag überstiegen wir wieder den Berg und wanderten durch das Veitschtal. Als wir zu den Bauernhäusern der Niederaigen kamen, sprach mein Vater dort zu, wo wir auf dem Hinweg zur Nacht geschlafen hatten, und überreichte der Bäuerin ein schönbemaltes Bildchen von Mariazell.

Als wir am Abend desselben Tages heimgekommen waren und uns zur Suppe gesetzt hatten, soll ich, den Löffel in der Hand, eingeschlafen sein.

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