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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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So waren die Tage des Juli und August. Die Kornfelder im Tal nahten langsam der Reife, sie wurden gar sorgfältig bewacht, sie machten für den Winter die einzige Hoffnung aus. Die Früchte an den Berghängen aber waren im Verdorren, denn es rieselte wochenlang kein Regen. Da blickten auch andere Leute zuweilen aufwärts zu den Wolken oder hin gegen die Rax, die aber stets klar war und an der nie die Nebelflocke klebte; eine Nebelflocke an der Rax jedoch war das einzige sichere Anzeichen eines nahen Regens.

Ich saß täglich auf meiner Hochöde und sah den Himmel an. Ich wußte nicht, warum, ich dachte es mir auch kaum, was ich sah, ich fühlte es nur.

Einmal gegen die Abendstunde hin saß über der Felsenkette ein ungeheures Eichhörnchen. Es setzte seine Vorderfüßchen gerade auf, es hatte ein deutliches Schnäuzchen und spitzte die Ohren, und der buschige, sanft wollige Schweif ging weithin gegen die Neubergalpen. Es war ein launiges Wolkengebilde, gar ein Äuglein hatte das Tier, ein blaues Äuglein, durch welches der klare Himmel guckte; aber auf einmal wurde es licht und funkelnd in diesem Auge, und es warf einen mächtigen Strahl über den ganzen Himmel. Es hatte sich hinter der Wolke ja die Sonne verborgen gehalten. Endlich erlosch das Auge wieder, ich wußte nicht, hatte ein Wölkchen das Lid zugedrückt oder war die Lichtscheibe zu sehr gesunken; aber ich wartete, bis die Sonne unterhalb am Hals herauskommen würde, und ich freute mich schon auf das goldige Halsgehänge, das mein Eichhörnchen bekommen sollte. Aber siehe, während ich so wartete und mich freute, war das Tier zu einer formlosen Masse geworden, nur der buschige, sanft wollige Schweif ging noch weit hin in das Österreicherland.

Einmal war der Himmel mit einer leichten, gleichmäßigen Nebelschicht umzogen, auf welcher tiefer liegende Wolken verschiedene Figuren bildeten. So kroch eine Kreuzspinne dahin und der Sonne zu. Die Kreuzspinne war riesig groß, und meine Phantasie sah acht oder zehn Füße. Sie kam der ohnehin matt scheinenden Sonne immer näher, und die fraß sie auf, so daß ein tiefer Schatten lag über dem Waldrand. Als ich wieder hinaufsah, war das Gebilde verschwommen, und eine plumpe Wolkenmasse verhüllte die Sonne.

Wieder zu anderen Tagen war es aber wirklich lebendig am Himmel. Von der Felsenkette über unsere Waldberge und gegen Morgen und Mittag hin zog ein endloses Heer von Wolken. Stellenweise wanderten sie einzeln, stellenweise wieder in großen Gruppen und Massen, licht und dunkelgrau und »wollig« und »lämmelig«, und sie duckten sich untereinander, und sie ritten übereinander, und es war eine wüste Flucht. In den Wäldern rauschte unwirtlich der Wind. Das war eine wahre Völkerwanderung am Himmel tagelang. Ich fragte die Wolken, woher sie kamen, wohin sie zogen; sie hatten nur Schatten für mich und keine Antwort.

Nach den Tagen des Windes blieb der Himmel eine Zeitlang gleichmäßig trüb, und es strich eine kühle, oft fast frostige Luft. Die Leute meinten, nun werde der ersehnte Regen kommen. Aber das Wolkengewölbe wurde lichter und durchsichtiger, und endlich sah man durch dasselbe wieder den weißen Punkt der Sonne schimmern.

Ich vergaß wohl die welkenden, verdorrenden Pflanzen der Erde, die bereits fahl oder rot gebrannt waren, ich vergaß auch die Waldvöglein, die nicht mehr singen wollten, weil sie schier vertrocknete Kehlen haben mochten, ich freute mich, daß sich der Himmel wieder erheiterte. Die Wölklein waren nun so zart und leicht und milchweiß, und leichte Fäden zogen hin, als ob in den weiten Lüften eine unsichtbare Spinnerin wäre, oder ein Webstuhl stünde in der hohen Himmelsrunde.

Und aus den wunderbaren Geweben fügten sich Nester mit Eiern und schneeweißen Tauben; dann machten diese Tierchen hohe Kragen und schnäbelten miteinander, und da dachte ich mir: Zuweilen trifft es doch zu, daß der Himmel ein Spiegel ist für die Erde. Ich hatte zu derselben Zeit mehrmals von einem Müllerstöchterchen geträumt, das Maria hieß und ein schneeweißes Hemdchen trug.

Die Himmelsgebilde waren an diesen Tagen gar zu lieblich, und dazu hauchte eine labende Kühle von der fernen Felsenkette her. Die Leute aber waren mißmutig, man hörte kein Singen und Jauchzen, das sonst den Wald so lebendig machte. Es war eine eigenartige Trägheit im Walde.

Endlich, eines Morgens – es war ein tiefblauer Himmel – klebte an der halben Höhe der Rax ein Nebelchen. Die Leute jubelten; ich betrachtete gedankenlos die Flocke an der Felswand, die fast den ganzen Vormittag in derselben Stellung blieb. Es zog ein beinahe frostiger Alpenhauch, zur Mittagsstunde aber wurde es empfindlich schwül.

Am Gesichtskreis stiegen wieder die vielgestaltigen Wolkenhaufen auf. Die Sonne verzog sich für kurze Zeit; an der Mitternachtsseite gingen mattgraue Streifen nieder, und man hörte mehrmals ein dumpfes Donnern. Das Gewitter verging, ohne daß auf unsere Gegend ein Regentröpfchen fiel. Das Wölkchen an der Rax war längst verschwunden. Über der Felskette baute sich sandgraues Gewölke, und eine gleichmäßige Schicht zog sich über den ganzen Himmel.

Das Waldland lag im Schatten, kein Vöglein war zu hören, nur vernahm man zuweilen den Pfiff eines Geiers. Ich wäre noch gern auf der Hochöde geblieben und hätte die so ruhsamen Dinge betrachtet, aber meine Herde graste talab und gegen unser Haus, ehe es noch Abend wurde.

Als ich zum Hause kam, stand die Mutter am Gartenrain und betete aus einem Buche halblaut das Evangelium des heiligen Johannes und machte mit dem hölzernen Kruzifix unseres Hausaltars Kreuze nach allen Himmelsrichtungen hin.

Es war noch die Sonne nicht untergegangen, aber es war schon ganz dunkel. Das Bächlein unten in der Schlucht war so klein, daß es nur sickerte, und doch war ein seltsames Brausen wie von einem mächtigen Wasserfall. Der Hof lag wie träumend da, die Tannen daneben regten sich nicht. Ein großer, glitzernder Habicht schwamm von der Hochöde hernieder und über den Hof hin. Im Gewölk hallte ein leises, fast röchelndes Donnern, das sich mit Mühe weiterzudrängen schien und plötzlich erstickte.

An der Mitternachtsseite des Hauses wurden die Fensterbalken geschlossen; einzelne Schwalben flatterten verwirrt unter dem Dach umher. Der Brunnen vor dem Hause spritzte zuweilen unregelmäßig über den Trog hinaus, und doch merkte man kein Lüftchen. Mein Vater ging vor der Haustüre auf und ab und hielt die Hände über den Rücken.

Plötzlich begann es in den Tannen zu rauschen, und mehrere bereits vergilbte Ahornblätter hüpften vom Wald heran. Regentropfen schlugen nieder und spritzten von der Erde wieder auf. Jetzt war es wie ein schwaches Aufleuchten durch die Abenddämmerung, dann tanzten wieder lose Blätter über den Anger. In den Wolken rauschte es wie das Rollen wuchtiger Sandballen.

Nun brach es los. Die Bäume wurden lebendig, und es krachten die Strünke. Vom Dach der Scheune rissen sich ganze Fetzen los und tanzten in den Lüften.

In demselben Augenblick sauste das erste Schloßenkorn nieder; doch sprang es wieder auf und kollerte hüpfend über den Boden hin. Das Schloßenkorn war so groß wie ein Hühnerei.

Die Leute sahen es, und mit einem leisen; »Jesus Maria!« eilten sie ins Haus. Ich blieb so lange im Freien, bis mir ein Eisklumpen auf die Zehen fiel, daß ich vor Schmerz fast zusammensank; dann huschte ich unter das Dach.

Nun war eine halbe Stunde lang nichts als ein fürchterliches Geknatter. Die Leute beteten den Wettersegen, aber man verstand kein einziges Wort.

Zuletzt klirrten gar die Fenster der Morgenseite, auf den Dächern knatterte es greulich, und zackige Schloßen kollerten in die Stube, und der Wind wogte herein und blies die geweihte Wetterkerze aus und fachte das Herdfeuer an zu einem wilden Sprühen, und wir glaubten schon, es käme uns das Feuer zum Rauchfang hinaus. Erst als ein gewaltiger Donnerschlag krachte und ein zweiter, legte sich das Mark und Bein durchdringende Getöse, und es zog nur noch ein eiskalter Luftzug durch die Fenster, und es rieselte der Regen. Endlich legte sich auch dieser. Es war Nacht geworden; draußen lag eine Winterlandschaft.

Wir nahmen kein Nachtmahl, wir gingen nicht zur Ruhe. Ich legte Strohschuhe an und ging mit meinem Vater hinaus auf das hohe, knisternde Eis. Wortlos schritten wir um das Gehöft. An den Gebäuden lagen Haufen von Schloßen und Dachsplittern, unter den Tannen waren hohe Schichten von Reisig, und die schönen Stämme hatten nur kahles oder zerzaustes Geäste. Auf dem Kornfeld und auf dem Kohlgarten lag die gleichmäßige Eisschicht, kein einzig Hälmlein, kein einzig Häuptchen ragte hervor.

Mein Vater stand still, hielt die Hände über das Gesicht, und seine Atemstöße zitterten.

Von der Mittagsseite war noch das ferne Murren des Gewitters zu hören. Über dem Wechsel ging zwischen zerrissenen Wolken der Mond auf, und aus dem dunkeln Grunde der Wälder erhoben sich weiße Nebelgebilde. Am Himmel standen zarte Flocken mit silbrigen Rändern.

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