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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 33
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Als ich mir die Welt am Himmel baute

War damals ein Bursche von zwölf Jahren. Trug eine ungebleichte Leinwandhose, eine Jacke aus grauem Wilfling (grobes Gewebe aus Schafwolle und Garn) und eine buntgestreifte Zipfelmütze. War barfuß und ungeschickt im Gehen und Laufen, jeden Tag trug ich eine andre Zehe in der Binde. Die Haare hatte ich mit den fünf Fingern vorn herabgekämmt, mit den Zähnen kaute ich an einem Grashalm. Es war mit mir bisweilen nichts anzufangen; wenn man mich auf das Feld stellte, so stolperte ich über den Pflug und den Spaten, und wenn man mich in den Wald schickte, so hieb ich die Axt anstatt in das Holz in einen Stein, und bald war die Schneide des Werkzeuges so stumpf, daß man hätte darauf reiten können. Und ich stand und glotzte zum Himmel hinauf.

Unsere Waldberge waren mir schon gar so lästig geworden, das ewige Dunkelgrün und das ewige Vogelzwitschern und Windrauschen war nicht mehr auszustehen. Es war ein Einerlei, nicht zu sagen. Und ich sann, ich träumte anderem nach. Da, eines Tages, ich weidete unsere Herde auf der Hochöde, wie wir ein hochgelegenes Brachfeld, auf dem schon die Eriken und Wacholder wuchsen, nannten, entdeckte ich – den Himmel, den wunderbaren, ewig mannigfaltigen Wolkenhimmel. Ich war nun plötzlich entzückt über die Formen und wunderbaren Gestalten in allen Lichtarten. Ich wunderte mich nur, daß mir der Wolkenhimmel nicht schon längst aufgefallen war. So stand ich nun da und sah empor zu der neuen Welt, zu den Ebenen und Bergen und Schluchten, zu den ungeheuerlichen Tieren, die bewegungslos dastanden und dennoch dahinkrochen und sich reckten und dehnten und Arme und Beine ausstreckten, die sich wieder in Wedel und Rümpfe und Flügel verwandelten. Und ich glotzte die Luftschlösser an, die sich vor mir aufbauten, und kaute dabei an meinem Grashalm.

Von nun an war auf der Heide meine Freude, und gerne weidete ich die Herde, weidete ich dabei doch auch die lockigen Lämmer des Himmels.

In demselben Jahr war ein heißer Sommer, da ging's am Himmel wohl auch oft ein wenig einförmig zu, aber des Morgens und des Abends gab's doch immer was zu sehen. Ich war eine Zeitlang wie vernarrt in das Firmament. Mein Vater wunderte sich, daß ich oft gar der erste aus dem Bett war, daß ich die Morgensuppe stehenließ und die Rinder mit einer fast ängstlichen Behendigkeit auf die Hochöde jagte. Er wußte nicht, warum. Ich aber setzte mich in der Hochöde auf einen Stein, über welchen das Moos ein zartes, gelblich-grünes Sammetpelzchen gelegt hatte, und während die Kühe und die Kälber emsig im Heidekraut grasten und dabei mit ihren Schellen lustig glöckelten, biß ich allfort an einem dünnen Federgrashalm und blickte hin gegen Sonnenaufgang. Da war zuerst über dem fernen Gebirgszug des Wechsels eine dunkle, mattrote Bank; sie dehnte sich weit, weit hin und verlor sich, man wußte nicht, wo. Mit einem Male zogen sich goldige Fäden durch, und die ganze Wolkenbank wurde lieblich durchbrochen von Licht und sah nun aus wie ein ungeheurer, rotglühender Eisenklumpen.

Da waren alle meine Kühe plötzlich rot, und das Heidekraut war rot, das sie grasten, und die Steine waren rot, und die Stämme am Waldrand waren rot, und meine Leinwandhose war rot. Jetzt flammte am Rande der Wechselalpe plötzlich ein kleines Feuer, wie es Hirtenjungen gern anzünden, wenn sie sich Erdäpfel braten wollen. Aber das Feuer dehnte sich aus nach rechts und links und ging in die Höhe; das war ja ein Brand, zuletzt brannten dort alle Alpenhütten? Aber in einer wunderbaren Regelmäßigkeit hob sich der Brand empor, und eine großmächtige Glutscheibe tauchte auf – die Sonne. Da hatten meine Kühe und die Steine und ich auf einmal lange Schatten hin über die Heide. Mein Schatten war so lang, daß, wenn er vom Boden aufgestanden wäre, er mit seinen Fingern in den weißgelblichen Wolkenballen des Himmels hätte Wolle zupfen können. Die Nebelbank über dem Gebirgszug wurde schmächtiger, es ging ihr ans Herz, noch streckte sie einen glühenden Speer aus, der ging mitten durch die Sonne, aber er schmolz, und die Sonne wurde kleiner und funkelnder, und bald war die Wolkenbank, waren die roten Fäden am Gesichtskreis verschwunden.

Hie und da in der weiten Himmelsrunde hing es wohl noch wie weiße Wolle, und dort und dort schwamm ein Federchen hin, aber bald gingen auch die Federchen verloren, und die Wolke wurde unmerklich langsam auseinandergezupft in leichten Locken und dünnen Fädchen, und auf einmal war gar nichts mehr da als der tiefblaue Himmel und der blitzende Sonnenstern.

Es lag fast wie Dunkelheit über den Waldbergen, so unsäglich klar und leer war der Himmel, es war, als ob die Sonne zu klein werden wollte für die unendliche Weite.

Gegen die Mittagszeit ging die Bläue etwas in das Graulichte über, da sah es noch sonniger aus, und es war sehr heiß. Meine Herde hatte schon kühles, schattiges Dickicht aufgesucht, um sich die stechenden Fliegen abzuhalten; ich saß noch auf dem Stein und sah den Himmel an und dachte, wie schön das sein müßte, wenn die Himmelsrunde ein Spiegel wäre und wenn das Bild der ganzen Erde drin läge mit aller großen Herrlichkeit; vielleicht hätte ich dann von meiner Hochöde aus fremde Länder und große Städte sehen können.

Nach der zwölften Stunde, die ich an dem Schatten einer aufrechststehenden Stange bestimmte, erhob sich gewöhnlich ein Lüftchen, das ein paar Stunden fächelte und leise in den Bäumen säuselte. Das war zum Einschlummern süß zu hören. Mir fiel gar der Grashalm aus dem Mund. Die Ameisen konnten innerhalb meines Höschens emporkrabbeln, wie sie wollten, ich gewahrte sie nicht. Ja, ich gewahrte es nicht einmal und wußte nicht, wie es kam, aber plötzlich waren auf allen Seiten des Gesichtskreises – sowohl über den schwarzbläulichen Waldbergen der Mittagsseite als über der Wechselalpe und über den Matten der Mitternachtshöhen, hinter welchen die kahle, wettergraue Rax aufragte, und über der fernen Felsenkette der Abendseite – schneeweiße Wolken. Sie waren in halbrunden Haufen, sie waren wie dicht aufqualmender Rauch, der plötzlich versteinert wird zu weißem Marmor.

Die Ränder waren so scharf, wie mit einer feinen Schere von Papier geschnitten. Ganz unbeweglich schienen die Wolken, und doch änderten sie sich in jedem Augenblick und bauten sich auf, eine über die andere, und schoben sich von unten nach, dichter und dichter, grauer und grauer, oder es war jählings ein Riß, eine Lücke hinaus in die unendliche Bläue.

Und hoch oben über meinem Scheitel standen auch Wolkenschichten, grau, stellenweise ganz dunkel, aber mit lichten, federartigen Rändern.

Da blickte man hin und sah das Verwandeln nicht und sah die Verwandlung. Wie war das wunderbar! Ist es möglich, daß das jeden Tag geschieht, und die Menschen achten es nicht, bemerken es nicht einmal und wundern sich mehr über ein albernes Taschenspielchen als über den allherrlichen Wolkenhimmel?

Die Schichten über der fernen Felsenkette waren niedlicher und gegliederter als die näheren Ballen; sie waren zum Teil bläulich wie der Himmel und wären von diesem kaum zu unterscheiden gewesen, wenn die Ränder nicht milchweiß geglänzt hätten.

Ich tat die Füße auseinander, bückte mich und guckte zwischen den Beinen hindurch auf die fernen Wolkenschichten hin, um durch diese ungewohnte Lage des Blickes ein möglichst abenteuerliches Bild zu schauen. Da sah ich unerhörte Bergriesen mit den schwindelndsten Kuppen und schauerlichsten Abgründen, und da ragten die Felshörner, und da glänzten die Gletscher in unermeßlichen Höhen. Wenn dann vor diesen Gebilden ein dunkles Wölkchen dahinschwamm, so hielt ich das für einen riesigen Steinadler oder gar für den Vogel Greif. Das war mein Tirol, von dem ich schon gehört hatte, und ich guckte so lange zwischen den Beinen darauf hin, bis ich schwindlig wurde und in das Gras purzelte.

Fürchterliche Riesen mit goldigem Mantelsaum, mit verknorrten Gliedern und gewaltigen Köpfen standen am Himmel und schwangen ihre Arme und streckten ihre Finger nach der Sonne aus. Die Sonne hatte sich lange sehr geschickt zwischen diesen Ungeheuern durchgewunden, aber endlich ging sie doch ins Netz. Da lag dann ein dunkler Fleck über dem Waldland oder über den kleinen, reifenden Feldern im Tal, und es lagen mehrere Flecken und zogen sich langsam hin auf ebenen Flächen und krochen wachsend empor an Hängen und verschwanden endlich wieder.

Je mehr die Sonne niedersank, desto schwächer wurde ihr Strahl; der Himmel graute, aber die dichten Wolken schwanden, gingen in Federn und Fransen aus, und gegen Abend weideten am Firmament, wo früher die Ungeheuer gestanden, milde, weiße Lämmchen.

Nur die Bilder über der fernen Felsenkette blieben am längsten. Aber auch dort waren großartige Veränderungen; das gewaltige Hochgebirge war zu einer leuchtenden Stadt mit goldigen Türmen und Kuppeln und Zinnen geworden. Das war mein Zion, ich blickte wieder zwischen den Beinen darauf hin.

Aber wie wenn das ganze Reich von Butter gewesen wäre, so zerging es nun, als die Sonne nahe kam, und es dehnte sich eine weite Ebene aus über der Felsenkette, eine rötlich-graue, unabsehbare Ebene mit Licht- und Schattenfäden und darüber hin der Himmel. Das war mir das Meer, und ich guckte wieder durch mein dreieckiges Fernrohr.

Die Sonne durchbrach die Ebene und tauchte als große rote Scheibe hinter den scharfen Kanten der Felsen hinab. Da lagen rote Linien und glühende Nadeln darüber hin, die noch lange leuchteten und erst zur späten Stunde erloschen, als über unserem Gehöft schon die Stille der Nacht lag und am Himmel die Sterne sichtbar wurden oder das milde Mondlicht liebliche Schleier wob.

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