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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 32
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Als ich von der Bruckerstadt fortging, lagen die Schatten der Berge schon weit in das Tal hinein. Meine Füße hatten sich in schwerem Schuhwerk heißgegangen, auch das Atemziehen machte sich wichtig, und es war, als ob mir jemand ein hartes Brett fest an die Brust gebunden hätte. Nach Alpl war es bloß noch acht Stunden. Weil es etwas langsam voranging, so holte mich ein Fuhrwerk ein. Zwei klobige Pferde zogen einen großen Bauernwagen, auf dessen Vordersitz ein Bursche, etwa in meinem Alter, kutschierte. Der Wagen selbst war fast leer. Er war mit Lärchentaufeln (Faßdauben) nach Bruck zum Faßbinder gefahren, auf dem Rückweg hatte er einen Sack Feldbohnen und einen Stock Salz aufgeladen; daneben war noch reichlich Platz für einen einfältigen Buben, der am Leiblein ein Paar müde Beine hatte, hingegen aber in der Tasche die Salbe für Dummköpfe, die gescheit werden wollen. Ich war bereits so gescheit, um den Burschen auf dem Wagen anzurufen, ob er mich aufsitzen lassen wolle.

»Wohin willst denn?« fragte er fast vornehm von seiner Höhe herab.

»Heimzu.«

»So setz dich auf, ich fahr auch heimzu.«

Bald war der Bohnensack mein Kopfkissen und der Salzstock mein Schlafkamerad, der Fuhrmann schnalzte mit der Peitsche, und es ging knarrend voran. – Viel weiß ich nicht von derselbigen Fahrt »heimzu«. Einmal, als ganz zufällig die Augen aufgingen, sah ich kohlschwarze Baumzacken in den mächtigen Himmel aufragen, welche ganz unheimlich ächzten, knarrten und holperten. Und dann wieder nichts.

Als ich erwachte, na, das war etwas! Da lag ich auf dem Wagen unter einem alten Holzschuppen, um mich war ein heller Tag und eine fremde Welt. Eine schreckbar fremde Welt. Der rauschende Bach mit der Mühle daneben, das gemauerte Haus mit einer breiten, braun angestrichenen Tür, der Anger mit den Pferden, und solcherlei war mir seltsam genug, noch unheimlicher war etwas anderes. Dort hinter den Waldbergen stand breit und hoch etwas Weißes, Leuchtendes auf, fast ähnlich den mittägigen Sommerwolken, wie sie sich am Sehkreise emporbauen, wenn's nachmittags Gewitter gibt. Aber das stand so starr und ruppig und rissig da im Sonnenschein, und von unten hinauf sah es aus, als ob brauende Wälder sich hinzögen, von steilen grauen Streifen überall unterbrochen. Und höher oben war alles wie purer Stein, der zerklüftet und zersprungen ist. Und so war es voran oben, und so war es rechts oben, und so war es links oben und überall die ungeheure Höhe, daß mir schwindlig ward, als ich den Kopf so weit nach rückwärts bog, um hinaufzuschauen. Mein Lebtag hatte ich derlei nicht gesehen. Zum Glück kam nun mein junger Fuhrmann, der fragte mit lautem Lachen, ob ich gut geschlafen hätte. Vom Wagen gesprungen war ich schon, so rief ich nun voll Entsetzen: »Du, wohin hast du mich geführt?«

»Heimzu!« lachte er, »da bin ich daheim.«

»Wie heißt's denn da?«

»Da heißt's Tragöß«, sagte er.

»Und da droben? Was ist denn das lauter?«

»Die Berge meinst?«

»Nit die Berge, was hinter den Bergen so steht, das mein ich.«

»Jeßtl!« lachte der Bursche und klatschte mit beiden Händen auf seine Knie, »das sind halt wieder Berge, da ist die Mesnerin, dort ist die Pribitzen, und hier ist der Hochturm, und du sollst jetzt ins Haus gehen, Suppen essen.«

So habe ich an jenem Morgen das erstemal die hohen Felsenberge in der Nähe gesehen und jene Gegend, aus der mir fünfundzwanzig Jahre später der Geist zu meinem »Gottsucher« aufgestiegen ist. Auf dem Tisch der Hausstube, in die der Junge mich geführt, stand schon die dampfende Suppenschüssel mit weißem Brot. Ich wollte aber den Löffel nicht in die Hand nehmen: ißt du, so gehörst du ihnen, mußt dableiben und weißt gar nit, wer sie sind. Von der Küche kam ein älteres Weib herein, das schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als es hörte, wie weit ich verführt worden war, und daß ich anstatt nach Krieglach im Mürztal nach Tragöß am Fuß des Hochschwabgebietes gekommen bin.

»Jetzt mußt erst recht essen, Bübel, daß du nachher heimgehen magst.«

»Frau Mutter, wie weit hab ich denn heim?«

»Jetzt wart einmal«, antwortete sie und hub an, an ihren Fingern die Ortschaften und die Stunden abzuzählen, »ihrer zwölf Stunden wirst wohl brauchen bis ins Krieglach hinaus. Bist aber schon ein rechtes Tschapperl! So fest schlafen! Mein Seppel hat's freilich nit wissen können, wo du hinwillst, und hat sich gedacht, 's wird eh recht sein ins Tragöß herein. Aber das ist jetzt schon ein helles Kreuz. Mach dir nur nichts draus, mein Wagen hat dich hergeführt, und dein Schutzengel wird dich hinführen.«

Während sie mich so tröstete, war draußen in der Küche fortwährend ein klägliches Wimmern, und nun kam der Seppel herein und berichtete, das Menschl hätte halt wieder gar soviel Zahnweh.

»Was aber das Zahnweh für ein Elend ist!« rief das Weib, »jetzt leidet das Kind schon die ganze Nacht wie eine arme Seel im Fegefeuer. Alles haben wir schon angewendet: heiße Tücher aufgelegt, kaltes Wasser in den Mund getan, mit Rosenbuschbalsam ausgewaschen, Kalmusgeist hineingetropft, mit Salz eingerieben, einen Mariazeller Rosenkranz umgehängt, zwei Zehen mit einem Seidenfaden zusammengebunden, die Füße ins Ofenloch gesteckt und sonst allerhand Sympathiemittel angewendet. Einen Kletzen hat's geholfen! Schreien tut das arme Wesen, als ob man's wollt köpfen, und jetzt weiß ich nichts mehr. – Katherl, Katherl, du gutes, armes Kindel, du! Wart einmal, jetzt will ich dir Hühnermist aufs Gnack (Genick) legen, das zieht's aus, das hilft, Katherl, wirst es schon sehen, das hilft!« Damit eilte sie wieder hinaus.

Das ganze Hausgesinde war zusammengeeilt um die Leidende, die nun neuerdings anhub, herzbrecherisch zu schreien: »Mein Zahnt, mein Zahnt! Ahndl, mein Zahnt tut mir so viel weh!«

»Laß nur Zeit«, tröstete die Angerufene, »das Mittel greift halt an, jetzt wird's bald besser sein, schau, bist ja mein liebes Katherl, du!«

Auch ich war in die Küche hinausgegangen. Auf dem Herd, mit den Füßen im Ofenloch, kauerte ein Dirndl, das ein so rundes, liebes Gesichtlein hatte, seine gefalteten Hände, wie um Hilfe flehend, an die rechte geschwollene Wange preßte und mich schrecklich erbarmte. Jedes im Haus hatte schließlich noch ein Mittel gewußt, keines und gar keines hatte geholfen. Ein Mensch war zugegen, der behauptete, Dummheit wär's, die Zähne nicht ordentlich zu pflegen, und deswegen alleweil das Zahnweh! Gott, wenn's von der Dummheit kommt, da muß ja mein Hasenöl helfen! Aus meinem tiefen Sack zog ich das kostbare Tiegelchen hervor und aus meinem gescheiten Kopf den guten Rat, mit diesem gestockten Hasenöl die geschwollene Wange einzuschmieren. »Schaden wird's wohl doch nit, wenn's ein Hasenöl von der Apotheken ist, kann's unmöglich schaden!« sprach die Großmutter und fettete das Dirndl ein. – Nicht fünf Minuten, so rief die Kleine aus: »Ahndl, jetzt ist's gut!«, und flink sprang sie vom Herde herab.

Freilich ging nun meine Not an, denn alles Hasenöl wollten sie haben, ich sollt nur sagen, was es kostet! Von ihren dringenden Bitten kamen sie erst ab, als das geheilte Dirndl erklärte, der Zahn wäre so fest gut geworden, daß er gar nimmer weh tun werde, also konnte ich mein Öl wieder in den Sack stecken und sehen, wie man von Tragöß nach Krieglach-Alpl kommt.

Unterwegs bedachte ich das Hasenöl. Wenn es beim dummen Weber-Hartl auch so heftig wirkt wie bei dem Zahnweh-Dirndl, dann geht er mit den drei Weisen aus dem Morgenlande als der vierte.

Nach einer fünfstündigen Wanderung war ich beiläufig wieder dort, wo der müde Junge einen Tag früher in den Bauernwagen gestiegen. In einem Gehöft sprach ich zu und fragte, wieviel es an der Uhr sei, wie weit es noch bis Krieglach wäre und ob ich wohl den richtigen Weg hätte. Die gründlichsten Auskünfte haben sie gegeben, jedoch, ob ich etwa einen Löffel Suppe möchte, das fragte niemand. Unter einem Kirschbaum lag ein Mensch und wimmerte vor Kopfweh; alsogleich wollte ich mein Mittel anbieten, jedoch ein Weibsbild behauptete scharf und stramm, das Kopfweh sei in der vorigen Nacht in einem Wirtshaus eingekauft worden, und vor dem Abend gebe es gar kein Mittel; am Abend aber würde dieser Kopf schon von selber gut, hingegen dürften nachher dem, der ihn aufhätte, die Backen weh tun! – Eine Handbewegung des Weibes hat das undeutliche Wort sehr klargestellt.

Unterwegs nach Krieglach lud mich ein Floßenführer (Flözenfahrer, hier Roheisenführer) ein, auf seinen Eisenschollen Platz zu nehmen; ich, besorgt, auch der möchte mich »heimzu« führen in die Stanz oder in die Veitsch oder sonstwohin, wollte daher ablehnen. Der Fuhrmann kannte mich aber und sagte, daß er über Alpl nach dem Rettenegger Hammer fahre – ja, das war freilich eine Schickung Gottes. Gelegen bin ich mein Lebtag schon weicher als damals auf den Eisenflossen, geschlafen habe ich selten besser. Richtig hätte ich mich jetzt auch an Alpl vorbei bis weit hinüber ins Rettenegg geschlafen, wenn mein Führer mich nicht abgesetzt hätte beim Heidenbauern-Thörl, nahe von daheim.

Um Mitternacht kam ich zu Hause an. Sie waren ein wenig in Spannung und schliefen noch nicht. »Wir haben schon gemeint, der Kindberger Apotheker hat zum Schweinefett dich selber als Draufgabe genommen«, sagte der Vater, das war Spaß. Dem alten Weber-Hartl jedoch war etwas ganz anderes eingefallen. Er erinnerte sich, einmal gehört zu haben, daß die Apotheker jährlich ein Menschenkind abtäten, um daraus eine ganz besondere Medizin für ganz besondere Krankheiten zu gewinnen. – Es war wohl die höchste Zeit für den alten Hartl, daß ich mit dem Hasenöl heimkam!

Erst steckte er seine Nase ins Tiegelchen. »Scharf schmecken tut's, das wird schon angreifen«, murmelte er, »tut eh schon wieder so viel brummen im Kopf.« Mein Vater roch auch und schaute mich grauenhaft streng an. Ich hatte nie begriffen, weshalb die Apotheker auf jeden Tiegel, den sie verkaufen, einen Zettel mit ihrem Namen und Wohnort kleben. Jetzt ward es mir klar, ohne diesen Zettel auf dem Tiegelchen hätte man es mir daheim niemals geglaubt, daß ich mein Hasenöl nicht aus dem Schweinsfettkübel genommen, sondern aus der Apotheke »Zum heiligen Josef« in Bruck.

»Hat er's genommen, wo der wöll«, rief der alte Weber hochgemut aus, »wenn's nur hilft!«, und begann sich gleich die Stirn einzureiben mit dem Hasenöl.

Hat's geholfen? – Nun, die Wahrheit, zu sagen, beim alten Weber-Hartl konnte eine nennenswerte Besserung nicht nachgewiesen werden, hingegen ist mein Vater durch dieses Hasenöl klüger geworden, obschon er sich damit gar nicht eingerieben hatte. Er hat wohl auch in späterer Zeit noch manches Küblein Schweinsfett, manches Bündlein Wurzeln und Kräuter in die Apotheke geschickt – holen aber ließ er nichts mehr aus ihr. Das für alles heilsame »Hasenöl« hat uns für alle Zukunft geheilt.

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