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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Sie hatte sich eine Kammer bestellt; ich wurde zum Pferdeknecht ins Bett getan. Der Pferdeknecht hatte schon von Natur einen stattlichen Leib, als er aber so neben mir im Bette lag und schlief – er schlief wie ein Pferdeknecht –, floß er so sehr auseinander, daß ich an den Rand gedrückt wurde und Gefahr lief, auf den Boden zu fallen. Glücklicherweise war vom Bett etwa nur einen Fuß entfernt die Stallwand, an welcher zwar das Wasser des Stalldunstes niedertropfte, an welche ich mich aber mit dem ausgestreckten Arm dermaßen anstemmen konnte, daß ich dem Druck meines Bettgenossen die ganze Nacht hindurch glücklich standhielt. Daß man in solcher Lage vom Schlaf nicht belästigt wird, ist selbstverständlich, und so hatte ich denn Zeit, in Gedanken den Pferdeknecht zu entschuldigen, der, müde von des Tages Last und Plage, rechtmäßig ja über das ganze Bett verfügen konnte; und in Gedanken auch Gebete zu verrichten, daß morgen unter meiner Mitwirkung der Kirchtag für meine Prinzipalin doch um Gottes willen gut ausfallen möge. Ich sann mir Reden aus, um die Käufer anzulocken und die Waren zu preisen, und ich sah die Leute herbeiströmen zu unseren köstlichen Sachen. Wir hätten alles verkauft, auch das leere »Standl« noch dazu, wenn ich nicht zu früh von meinem Traum erwacht wäre. Und nun gewahrte ich, daß sich mein Pferdeknecht mitsamt den Pferden fortgemacht hatte – »schon fahrend draußen auf den kalten Straßen«. Jetzt, das war ein Wohlbehagen, wie ich mich nach Gefallen strecken konnte im weiten Bett und mich einmal gründlich durchwärmen. Ich bedauerte den Pferdeknecht, daß er schon so früh in den Winter hinaus mußte, aber im Grunde war's mir doch lieber, als wenn er noch im Bett gelegen wäre mit seiner breiten, schlaftrunkenen Wesenheit.

Leider dauerte das nicht lange. Die Thresel tastete sich in den Stall, rief meinen Namen und fragte, ob ich ausgeschlafen hätte. Ich sprang sogleich auf. Als wir bei der Frühsuppe saßen in der wohldurchwärmten Wirtsstube, gab mir die Thresel Weisung, wie ich mich am Standl zu verhalten hätte. Fürs erste einmal achtgeben, daß nichts »Füße kriegt«, dann, wenn um den Preis von etwas gefragt würde, es ihr, der Thresel, alsogleich mitzuteilen, nach ihrem Ausspruch nachher aber nicht mehr »handeln« zu lassen, weil sie die Sachen nicht überschätze. Dann gab sie mir zwei Sechser, damit ich wisse, wofür ich mir am Standl Finger und Nase erfrieren lasse, dann nahm sie ihre Kraxe, und wir gingen in des lieben Gottes Namen hinaus auf den Kirchplatz.

Es war noch nächtig, aber man hörte schon das Gesurre der Leute, und die Kirchenglocken läuteten zu der Rorate. An den »Kramerstandln« war viel Hämmern und Schreien, und auch wir prüften nochmals unsere Bude und legten, während drin in der Kirche die Orgel tönte, unter stillem Einschluß in die heilige Messe die Waren aus. Und nun trat mir die Größe und Vielfältigkeit der Habe meiner Prinzipalin ganz vor Augen. Sie hatte alles, denn was sie nicht hatte, daran dachte ich nicht, es war Nebensache. Sie hatte Klein- und Galanteriewaren, wie sie der Bauer braucht, oder wenigstens gerne besäße, wenn er sie kaufen könnte: allerlei Messer und Gabeln und andere Werkzeuge, Geldtäschchen, Brieftaschen, Hosenträger, Uhrschlüssel, Rauchzeug, Sacktücher, Heiligenbildchen, Einschreibbüchlein, Zwirn, Bänder, Kinderspielwaren, Handspiegel und so weiter über den langen und breiten Tisch hin, und was an den Stangen und Haken hing, und was noch in den Laden der Kraxe und in dem unerschöpflichen Ballen war.

Aber als nun der Tag graute – ein trüber, sachte schneiender Wintertag –, da mußte ich sehen, daß der Jude uns gegenüber all dieselben Sachen ausgestellt hatte, aber viel kecker und wirrer ausgestellt, daß sie ordentlich in die Augen schrien. Und an den Dachecken seines Standls prangten zwei rote Fähnlein wie bei uns zu Kriegszeiten, wenn die Soldaten fortzogen, oder beim Festscheibenschießen am Kaisertag, oder wenn sonst etwas Unerhörtes war. Und zwischen den Fähnlein war eine große Tafel: »Gut und billig, da kaufts ein!« Und nahm jetzt – wie die Leute aus der Kirche strömten – der Racker eine Mundharmonika zwischen die Zähne und blies darauflos und schrie über die Leute hin, daß er einen Haupttreffer gemacht hätte in der Lotterie und daher heute alles verschenke. »Das Stück Silberlöffel fünf Kreuzer, das Dutzend noch billiger!« rief er und brachte damit die Leute in Verwirrung. Dann schwang er hellrote Seidentücher über die Köpfe hin, »für Dirndaln!« rief der Maischel, konnte aber nicht einmal die Worte aussprechen, »und wenn das eine tragt um den Hals, laufen ihr alle Buiben nach. Ich geb's aber nicht her!« Und zog es hastig wieder zurück. Solche Sachen trieb er und schrie fortwährend: »Da gehts herbei! Da wird gehandelt, geschenkt, noch was draufgegeben, da ist der Glücksberg!« Und immer dichter wurde um das Judenstandl die Menschenmenge, und uns, dem ehrbaren Stande der Thresel, wendeten sie den Rücken zu.

Mir wurden in meinem Zorn alle Schneeflocken grün und gelb vor den Augen, und ich stieß die Thresel: sie solle doch auch zu schreien anheben, daß uns die Leute sähen.

»Du bist nicht gescheit«, sagte sie zu mir, »wo solche Leute lärmen, da ist's ein Schand und Spott, das Maul aufzumachen. Da packen wir lieber z'samm.«

Jetzt hub weiter unten auf dem Platz auch noch ein anderer zu schreien an; das war ein Krainer, wollte aber gescheiter sein als der Jude und rief: »Daher, Leutel, daher! Bei mir ist die Schönheitsseife zu haben, die echte, approbierte und privilegierte Schönheitsseife! Werden alle garstigen Dirndln, die sich damit waschen, engelsauber und alle alten Weiber blutjung!«

»Das ist Schwindel vom Krainer!« rief der Maischel, »bei mir zu bekommen die ganz neu erfundene, blütenweiße und rosenrote Schönheitsseife, aber nur für die Jungen und Schönen zu gebrauchen, daß sie nicht werden alt. Echt und billig. Meine Herren und Damen, geht nicht vorbei an eurem Glück!«

Selbstverständlich wählte jeder die Seife des Juden.

Nun hub der Maischel an und schellte mit einem Sack Nummern und ließ ziehen. Er spielte seine Waren aus; mit einem Groschen Einsatz konnte man goldene Ringe und Uhren, ganze Fläschchen von Liebestränken und die unglaublichsten Schätze gewinnen.

Die Thresel hatte den lärmenden Juden lange beobachtet – Zeit hatte sie dazu –, und nun sagte sie kopfschüttelnd: »Der ist vom Teufel besessen.«

Der Markt war schon in vollstem Gang, es wurde gefeilscht und gekauft, es wurden Späße getrieben beim Lebzelter und beim Schnapsschenker, und man hörte singen:

»In Ratten, da ist alles frei,
da gibt's ka Polizei!«

Weiber gingen umher von Stand zu Stand und füllten ihre Handbündelchen mit Äpfeln, Nüssen, Lebzelten und Spielwaren für ihre Kinder zum »Nikolo«. Ich hielt die Hände in den Hosentaschen und zappelte mit den Füßen hin und her und klöpfelte die hartgefrorenen Schuhe aneinander. Von den Zehen wußte ich ohnehin nichts mehr, sie gaben kein Lebenszeichen von sich, was übrigens in jenen Zeiten bei mir nichts Neues war – die Zehen hielten ihren Winterschlaf, und die Kälte fing in ihnen allemal erst an weh zu tun, wenn es warm wurde.

Nun, so trippelte ich an unserem vergessenen Standl, und wir hatten immer noch nicht ein Stück verkauft. Mir war zum Verzagen.

»Ich möchte in den Erdboden sinken«, flüsterte ich der Thresel zu.

»Dazu ist er viel zu hart gefroren«, war ihre Antwort, »aber das muß ich schon sagen, ein solcher Kirchtag ist mir was Neues.«

Das Wort hat mich ins Herz getroffen. Vielleicht war ich die Schuld? Ich hatte keinen Schick, gar keinen, konnte die Sache nicht betreiben, stand da »wie der Damerl beim Tor« und schaute blitzdumm drein. – Ein solcher Kirchtag ist ihr was Neues!

Jetzt sah ich am Rande unseres Standes einen guten Bekannten von meiner Gegend, es war des Grabenbergers Geißbub, das Natzelein. Das lugte so auf die bleiernen Taschenuhren her und auf die Ludelpfeifen und auf die blinkenden Federmesserlein und auf mich, wohl erwägend, wieso ich bei diesen Schätzen stehe, die er mit gierigen Augen angriff, nachdem ihm früher die Thresel mit den Worten: »Schau, das gehört nicht dein, das laß stehen!« seine Finger von einem zinnernen Streichholzbüchslein losgelöst hatte. Zu diesem Natzelein strich ich nun hin, und ihm heimlich meine zwei Sechser in die Hand drückend, flüsterte ich ihm hastig ins Ohr: »Kauf was! Kauf dir was!«

Alsbald stand ich wieder an meinem Platz und schaute mutiger auf die ergebene Thresel hin, mit Herzklopfen die Herrlichkeit erwartend, da jetzt bald ein Käufer anrücken würde.

Das Natzelein lugte in seine hohle Hand, und als es sah, es wären zwei silberne Sechser drin, machte es ein grinsendes Gesicht zu mir herüber, dann drehte es sich flugs um und kaufte drüben beim Juden ein Tabakrauchzeug.

Jetzt vergaß ich meiner Würde, hin schoß ich zwischen den Beinen der Leute wie ein gereizter Tiger auf das Natzelein zu und warf es zu Boden. Ein Gebalge entstand, daß der Schnee stäubte und die Leute mit hellem Gelächter einen Kreis um uns bildeten. ich wollte dem Natzelein für seinen Hochverrat die neue Pfeife entwinden und sie zu Scherben machen, aber der Rattner Gemeindediener ließ mir keine Zeit dazu. Dieser Mensch faßte mich beim Rockkragen an und zog mich hübsch kräftig in die Höhe, und weil alles rief, ich hätte ohne allen Anlaß den arglosen Jungen überfallen, so war nun vom Gemeindekotter die Rede.

Da kam ich drauf, daß der Ausspruch der Thresel auch auf mich passe: »Ein solcher Kirchtag ist mir was Neues.« Aber ich biß in die Lippen hinein, und wie sie mich auch verhörten: warum ich raufend geworden? das wäre sauber, wenn es an Kirchtagen die kleinen Buben den Großen nachmachen wollten! – ich sagte kein Wort. Ich konnte keines sagen und wollte auch nicht, weil ich mir dachte, sie könnten dann glauben, das, was geschah, wäre aus Geschäftsneid geschehen.

So wurde ich nun befragt, ob ich der Kramer-Thresel ein Sohn sei; da schrie meine Prinzipalin vom Standl her, ich wäre nichts weniger als ihr Sohn, ich wäre der Waldbauernbub, sonst ein gutes Kind, aber ich müsse vor Kälte wahnsinnig geworden sein.

Der Gemeindediener von Ratten konnte nichts Besseres tun, als stark in seinen riesigen Schnurrbart hineinzufauchen und mich dann an der Hand durch die Leute, die ganz grauenhaft bereitwillig uns eine Gasse bildeten, vom Marktplatz wegzuführen. Vom Markte weg und hinaus vor das Dorf, wo er mich mit dem wohlgemeinten Rat, ich solle schauen, daß ich heimkäme, auf der freien Straße stehenließ.

Von Rechts wegen hätte ich jetzt wimmern sollen, allein ich konnte nicht, meine Entrüstung war zu groß. Ich beschloß, nicht zu schauen, daß ich heimkäme, sondern auf der Straße zu warten, um über den Grabenberger-Buben, wenn er des Weges ginge, ein gerechtes Gericht zu halten und auch die Kramer-Thresel abzupassen, um ihr den ganzen Sachverhalt mitzuteilen, wie ich dem Natzelein mein Geld gegeben, daß er ehrenhalber bei uns was für sich kaufe, und wie diese falsche Kreatur die Silberlinge zum lärmenden Juden getragen habe.

Spät am Nachmittag, als schon das Volk der ganzen Gegend mit seinen verschiedenen Einkäufen und Räuschen zu Fuß und zu Schlitten vorübergezogen war, kam die Thresel mit ihrer schweren Trage herangeschnauft, und neben ihr watschelte die Kreatur daher mit verbundenem Kopf, liebreich von der Alten an der Hand geführt und gezärtelt, als wollte sie es gutmachen, was ihr Bursche an diesem Natzelein verbrochen. Unter solchen Umständen verbarg ich mich rasch hinter einem Fichtenstamm und ließ sie vorbeiziehen. Und dann ging ich ihnen langsam nach, voll der tiefsten Betrübnis.

Ich war noch nicht auf halbem Wege, als eine solche Müdigkeit über mich kam, daß ich mich an den Schnee hinlehnte, um zu rasten. Auf diesem Pfad gingen keine Menschen mehr. Es war im Hauensteiner Wald, die Häher und Krähen stäubten Schnee herab von den Bäumen. – Ich mußte schon recht gut geschlafen haben, da wurde ich plötzlich aufgerüttelt, und vor mir in der Abenddämmerung stand der Hausierer Maischel mit seinem Bündel.

»Was ist's denn mit dir, Würmlein«, sagte er, »das Erfrieren ist ja nicht gesund! Da müssen wir noch beizeiten einheizen!« Er hielt mir ein Holzplützerchen an den Mund, und als ich daraus ein paar Schlucke tat, da wurde mir so warm inwendig, so warm ums Herz, daß es mir zu Sinn kam: Der Maischel ist doch kein schlechter Mensch. Da er fand, daß es nicht ratsam sei, mich allein zu lassen, so ging er mit mir bis zum Hause meines Vaters. Also ist es geschehen, daß ich mit der Thresel ausging und mit dem Maischel heimkam.

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