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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Wie ich mit der Thresel ausging und mit dem Maischel heimkam

Die Kramer-Thresel, das war eine der acht Seligkeiten meiner Kindheit. Sie war ein altes Weib, und das war ein Glück, denn die jungen Weiber jener Gegend tragen ihre Seligkeiten nicht auf dem Rücken umher, wie das die Kramer-Thresel tat, und die jungen Weiber bieten ihre Schätze nicht an Knaben unter siebzehn Jahren aus, wie das die Kramer-Thresel tat. Sie trug eine braune Holzkraxe auf ihrem krummen Rücken, in derselben waren der Schubladen drei oder vier, und obendrauf lag noch ein großes blaues Bündel festgebunden.

Wenn wir Kinder etwas recht Braves, recht unerhört Braves taten, so sprach aus dem Munde unserer guten Mutter der Geist der Verheißung. »Kinder«, sprach er, »wenn einmal die Kramer-Thresel kommt, so will ich euch was kaufen.«

Da huben wir denn allemal ein Freudengeschrei an und stampften mit den Füßen, bis die Mutter wieder sagte: »Ja, wenn ihr ein solches Getös macht, da werde ich euch nichts kaufen!«

Alsogleich war's still, daß man ein Mäuschen hätte laufen hören können, wenn eins gelaufen wäre. Aber die Mäuse kamen nur in der Mitternacht hervor – und die Kramer-Thresel kam gar nicht.

Heißt das, sie kam. Seit urewigen Zeiten kam sie des Jahres ein- oder zweimal in unser Haus, wir selbst hatten das schon erlebt, doch so unbeschreiblich langsam ging die Zeit dahin, daß uns Kindern zwischen Frühjahr und Herbst und zwischen Herbst und Frühjahr eine blaue Ewigkeit lag, in der die Mythe von der Kramer-Thresel schwamm und verschwamm wie eine Lerche im Himmelsblau.

Und einmal mitten im Winter, an einem ganz gewöhnlichen Tag, da der Vater im Stall die Ochsen striegelte und die Mutter in der Stube spann und meine kleineren Geschwister sich einer zerbrochenen Spule wegen auf dem Fletz (Fußboden) herumbalgten und ich Feldrüben in den Schweinstrog schnitt, im Busen den Trieb, mich an dem Kampf zu beteiligen – ging die Tür auf, und sie war da.

Die Kramer-Thresel. Und als aus ihrer Kraxe die Schubladen mit den Taschenfeiteln und den Mundharmoniken, und den Tabakspfeifen und den hellrot angemalten Spielkästlein, und den messingenen Hosenknöpfen und Hafteln, und den bunten Zwirnsträhnen und Nähzeug, und den feingeschnitzten Holzlöffeln, und den Stehaufmandeln und allem, allem auf unserem Tisch ausgestellt waren und wir Kinder mit Poltern und Stoßen ringsumher die Bänke besetzten und Augen und Mund auftaten, da sah ich erst ein, was dieser Tag für ein grauenhaftes Loch gehabt hätte, wenn die Kramer-Thresel nicht gekommen wäre.

Mein Sinn stand nach allem, obzwar ich mir sofort klarstellte: Alles kannst nicht haben, den Himmel kriegst erst, wenn du gestorben bist, aber auf eins setz dich fest. – Meine Hand zuckte nach einem Rößlein, das auf einem Brettchen stand, welches vier »Radeln« hatte. Das Rößlein war ziegelrot angestrichen und hatte an den Weichen weiße Blumen.

Und im Sattel saß ein blauer Reiter, der hatte einen großen Schnurrbart im Gesicht und sogar Augen und einen wirklichen Federbusch auf.

»Laß stehen, Bub, und greif nicht alles an!« verwies mir die Mutter, aber die Kramer-Thresel, welche so gütig und geduldig war wie Unsere Liebe Frau, sagte: »Oh, das macht nichts, tu's nur angreifen, das Zeugl, schau, der Husar reitet dir schon entgegen!« und schupfte das Rößlein, daß es zu mir über den Tisch herrollte.

»Haben ja kein Geld nicht«, bemerkte die Mutter.

Die Kramer-Thresel überhörte zum Glück das gefährliche Wort, sie machte einen Deuter auf mich und sagte: »Das ist gewiß das ausbündige Bübel, das lesen und rechnen kann und allerhand Gedichtet's austüpfelt, wie's die Leut verzählen.«

»Ja«, antwortete die Mutter, ohne das Spinnrad auch nur einen Augenblick stehenzulassen, »austüpfeln kann er schon was, wenn er nur nicht so schlimm sein tät!«

»'s selb glaub ich nicht, daß er schlimm ist«, meinte die Thresel, »weißt was, Waldbäurin, das Bübel kunntst mir leihen. – Ganz ernster Weis, Waldbäurin. Meine Tochter, die hat bei den Geißen heimbleiben müssen, und jetzt bin ich morgen auf dem Rattner Kirchtag hell allein. Der Kramerstand (Kramladen im Freien) ist just nicht klein, Leut sind viel, und ist allemal ein Gedräng ums Standl herum, eins kann nicht genug aufpassen, und hab ich mir unterwegs noch träumen lassen: wenn ich den Waldbauernbuben kunnt mitkriegen, ich tät schon was hergeben.«

So die Thresel. Und als jetzt die Mutter das Spinnrad stehenließ, um Antwort zu geben, war mir »wie einer armen Seel beim Jüngsten Gericht«.

Die Mutter sagte: »Ja, wenn die Thresel meint, daß sie ihn brauchen kann, vielleicht friert ihm der Unend (Fürwitz) dabei ein Eichtl (wenig) aus, und Zeit hat er, daß er mitgeht.«

Ich bin von der Bank geflogen, und ehe noch an den Vater berichtet werden konnte von meiner unglaublichen Standeserhöhung, war ich schon im Sonntagsg'wandel.

Meine Geschwister erhielten jedes ein Holzlöffelchen, das glänzend schwarz lackiert war und in der Höhlung ein rotes Blümlein hatte. Sie fuhren alsogleich damit in den Mund und bildeten sich ein, sie äßen Kindsbrei.

»Und der Reiter gehört dein«, sprach die Kramer-Thresel zu mir, »den hebt dir die Mutter auf, und morgen, wenn du heimkommst, laßt ihn recht ausreiten.«

Die Mutter riet, ich solle ein Stück Brot mitnehmen, allein die Thresel sagte, indem sie ihre Warentrage wieder zurechtmachte: »Das wär nicht schlecht: verköstigen werde ich meinen jungen Kramer schon selber. Verhoff's, daß wir ein gutes Geschäft machen werden auf dem Rattner Kirchtag. Und jetzt werden wir anrucken müssen, Bübel.«

»So gehts halt in Gottes Namen!« sagte die Mutter und spann. Meine Geschwister aßen mit ihren neuen Löffeln von der Tischplatte weg noch die leere Luft, und wir gingen, wie es die Mutter gesagt.

Ratten ist ein Dörflein zwischen den Waldbergen der Feistritz am Fuße der Rattneralpe. Es hat viele Bauernhäuser auf den Hängen und in den Schluchten zerstreut. Es hat einen ausgiebigen Dorftrost, nämlich ein paar stattliche Wirtshäuser, und es hat eine schöne, geräumige Kirche, in welcher der heilige Nikolaus als Pfarrpatron wohnt. Diesem Patron zu Ehren wird alljährlich zu seinem Namenstag, am 6. Dezember, ein Kirchtag abgehalten, und das war der Kirchtag, zu dem wir gingen.

Wir hatten drei Stunden dahin zu gehen, weil wir unterwegs in einigen Häusern zusprachen, verhoffend, ein paar Kreuzer zu lösen. Die Leute schoben aber ihre Einkäufe auf den morgigen Kirchtag. »Macht nichts«, meinte die Thresel, »sie kommen uns morgen.« Da im tiefen Schnee der Graben, den wir Pfad nannten, gar schmal war, so schritt voran die Thresel mit ihrer Kraxe, deren angebundener Ballen hoch über ihr Haupt hinausragte; und hintendrein trippelte ich und hatte nur selten einen Blick frei über die Schneemauer hinaus in die weite Welt. Diese weite Welt dehnte sich bis zum Waldhang, der hinter dem vereisten und versulzten Wasser aufstieg und an welchem dort und da ein Häuslein klebte oder eine träge rauchende Kohlstätte war. Und endlich sah ich über eine Höhung die rote Riesenzwiebel des Kirchturms von Ratten hervorragen. Auf der Straße, in die wir nun einbogen, war es recht lebhaft. Da fuhren Schlitten, mit einem alten Roß oder mit einem alten Weib bespannt, da schleppten andere an hochgeschichteten Rückentragen, Jüdlein darunter mit ihren Bündeln, doch den übrigen vorhastend, da huschten mit aufgestülpten Rockkragen Musikanten mit vereisten Schnurrbärten, da kamen schon Holzknechte und Tagwerker in ihrem Sonntagsstaat daher und trotteten recht langsam, als wenn es gar nicht eile, aber doch auf dem kürzesten Weg dem schon durch und durch lebendigen Wirtshaus zu.

Auf dem Kirchplatz baute das Krämervolk schon an seinen »Ständen«, deren Bretter noch öde und leer lagen, deren Wand- und Dachgerippe noch von keiner Plache überspannt waren.

Als wir mitten auf den Platz gekommen waren, blieb die Thresel stehen, starrte gegen das Kirchhofstor hin und murmelte: »Was ist das?«

War der Standplatz schon verbaut, der an der lebhaftest begangenen Stelle lag, just vom Kirchtor her, und den die Thresel von alters her besessen hatte. Der Maischel, ein wegen seiner spottbilligen Waren berüchtigter Hausierjude, hatte hier seine Stätte aufgeschlagen.

»Ich pack nit aus«, sagte die Thresel in einem schönen Ebenmaß von Entrüstung und Selbstgefühl und tat just so, als wollte sie auf der Stelle umkehren. Stand noch zu rechter Zeit der Taverner da, der Kirchenwirt, der die Standplätze zu vergeben hatte und der seine Handlung damit entschuldigte, daß er der Thresel zu bedenken gab, der Jude habe doppeltes Standgeld für den Platz am Kirchhofstor geboten.

Für einen solchen Handel, sagte nun die Thresel, sei ein Jude zu wenig, einer müsse sein, der das Gebot mache, und ein zweiter, der es annehme.

Der Taverner tat ein süßes Lächeln, als hätte ihm die Thresel eine Schönheit gesagt, dann schlug er ihr den gegenüberliegenden Platz vor, just neben der Bildsäule des heiligen Nikolaus, das wäre eigentlich noch ein viel besserer Platz und für den alten Preis zu haben.

Was blieb nun übrig, als anzunehmen? Nun gingen wir eine warme Suppe essen, dann machten wir uns flink an das Standaufrichten. Die Thresel hatte ihr eigenes Zeug dazu, welches in einem Gelaß der Taverne aufbewahrt war und welches wir nun herbeischleppten. Als wir die Bretter heranschleiften, wußte die Thresel ein paarmal solche Schwenkungen zu machen, daß wir damit scharf an das gegenüberliegende Judenständlein anrannten. Dieses wackelte, aber der Maischel stützte es behendig und schmunzelte dabei. Der Jud Maischel war ein gar schlichtes, aber rührsames Männlein, sein Haar und Bart war kohlschwarz und gekräuselt wie bei neugeborenen Lämmern die Wolle, in seinem dunkelroten Gesicht lugten zwei Äuglein, die einem nie ins Antlitz schauten, sondern allemal, wenn er sprach, der Gegenperson an den Hals oder an die Achsel guckten. Der Jud Maischel hatte eine geradezu überchristliche Sanftmut, er war mit nichts zu erzürnen. Tief entrüstet war er einzig nur, wenn man ihm für eine Ware, die er auf drei Gulden schätzte, etwa zwölf Groschen anbot. Aber voll tiefer Verachtung schlug er die Ware um dies schmähliche Angebot los, und dem Käufer wurde angst und bang.

»Frau Thresel«, sagte ich nun zu meiner etwas schwermütig gewordenen Prinzipalin, »die Rattnerleut sind Ehrenleut, die kaufen dem Leutanschmierer nichts ab, die Frau Thresel wird's schon sehen.«

»Gott geb's!« seufzte sie auf.

Nun wurde es Abend, und am Abend wurde es lustig. Beim Taverner waren alle Tische besetzt, und auf jedem Tisch stand ein Kerzenlicht, und darüber war der Wein- und Bratenduft und der blaue Tabakrauch, daß es eine helle Pracht war.

Wir zwei saßen im Ofenwinkel, hatten neben uns auf der Bank ein Glas Obstwein stehen, in das wir – einmal ich und einmal die Thresel – eine Semmel tauchten. Die Wirtin wollte uns Licht bringen, indem sie sagte: »Nicht einmal ein Toter mag ohne Licht sein.«

»Das schon«, antwortete die Thresel, »aber wir zwei sind noch lebendig, und zum Dasitzen sehen wir häufig genug, und daß wir uns für andere beleuchten lassen wollten, dazu sind wir zu wenig schön.«

In Wahrheit wollte sie nur nicht, daß das übrige Krämervolk, welches in der Wirtsstube hochmütigerweise bei Wein und Schöpsenfleisch schwelgte, unser bescheidenes Nachtmahl sehen sollte. Sie hatte eine Ahnung davon, was bei einem Kaufmann der äußere Schein bedeutet.

Die Gesellschaft wurde immer lauter und unbändiger, und etliche Burschen huben an zu singen:

»In Ratten, da ist's lustig,
in Ratten, da ist's lustig,
in Ratten, da ist alles frei,
da gibt's ka Polizei!«

»Leider Gottes!« sagte die Kramer-Thresel vor sich hin, »und jetzt gehen wir schlafen.«

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