Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Peter Rosegger >

Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
Schließen

Navigation:

Als ich...

Einst war in unserem Waldhaus ein alter Knecht, der einen gloriosen Spitznamen hatte: er hieß der Talerbüchsen-Toni.

Er besaß nämlich – ob als Erbschaft oder als Ersparnis, das ist nicht ergründet worden – einen kleinen Schatz von alten Silbermünzen, teils mit Bildnissen Maria Theresias, Friedrichs des Großen, teils mit dem Bilde der Mutter Gottes oder mit dem Zeichen vom Krummstab und Schwert, von Adlern, Löwen, zweiköpfigen Tigern, von Kreuzen und Ringen, seltsamen Buchstaben oder anderen geheimnisvollen Markierungen. Etliche dieser Münzen, die wir, ohne Unterschied des Landes, der Prägung und der Größe, Taler nannten, sollen sogar vom Dreißigjährigen Kriege hergestammt haben. Den Schatz hielt Toni, der Knecht, eingeschachtelt in einer runden, blutrot angestrichenen Holzbüchse. Wenn nun der Feierabend kam oder eine stille Feiertagsstunde war, holte er aus seiner Kleidertruhe die Büchse hervor, aber nicht etwa, um nach alter Geizhalsart für sich allein darin zu wühlen und zu schwelgen, sondern um die Talerfreude mit seinen Hausgenossen zu teilen, ihnen nach seiner Weise die Geldstücke zu erklären, sie dann auf dem Tisch klingen zu lassen, um die Feinheit des Silbers zu bekunden, und sich an den gierigen Blicken zu weiden, die auf seine schönen Taler niederstachen.

Sobald jedoch die Leute merkten, es fiele bei dieser wiederholten Silberbeschau weiter nichts für sie ab, wurde ihnen die Sache langweilig, und sie sagten: »Geh, laß uns in Ruh, Toni, mit deinen alten, blinden Schimmeln, wenn du keinen herschenkst, so wollen wir sie auch gar nicht sehen.« Derlei undankbare und lieblose Bemerkungen verdrossen den Knecht Toni allemal so tief, daß er in dem betreffenden Hause sofort den Dienst kündigte und in einen anderen Hof zog, wo man die Talersammlung, die den Inhalt seines Knechtelebens ausmachte, wieder besser zu würdigen verstand. – Aber die Bauersleute sind soviel hochsinnig, sie halten nichts aufs Geld, wenn sie es nicht kriegen. Und so kam es, daß der Toni gar häufig seinen Dienst wechselte, trotzdem er sonst ein stiller, zufriedener Mensch und gewiß kein schlechter Arbeiter war.

Nun, so war der Talerbüchsen-Toni auch in unser Waldhaus gekommen, und weil er an meinem Vater einen Mann fand, der die Geldstücke nicht nach dem Gewicht schätzte, sondern an den Bildnissen der Könige und Kaiser und besonders an der lieben Mutter Gottes seine Freude hatte, und weil er an uns Kindern – ich war damals etwa acht Jahre alt – eine jubelnde Schar von unersättlichen Bewunderern fand, so lebte er in unserem Hause neu auf. Und jeden Abend nach dem Vesperbrot kam er denn von seiner Gewandtruhe, die oben im Dachgelaß stand, zu uns in die Stube, geheimnisvoll die rote Büchse noch unter dem Rock bergend, sie dann langsam hervorziehend, stets mit einer Miene, als ob es das allererstemal geschehe und er etwas unerhört Neues aufzuzeigen hätte. Und wenn er dann am sicheren Ort des großen Eichentisches saß und wir in einem festen Wall um ihn herum waren, schraubte er mit einer bedächtigen Fertigkeit die Büchse auf und faßte einen um den anderen mit zwei Fingern an, wie der Priester die Hostie, und begann mit seinen Auslegungen. An jedem Stück war eine besondere Merkwürdigkeit. Da war eine Maria Theresia, die scheinbar ihre Augen verdrehte, wenn man ihr die blinkende Münze Fritz des Großen gegenüberhielt. Ein anderer Taler zeigte noch Rostflecken vom Dreißigjährigen Krieg, von welchem der Knecht bemerkte, man müsse nicht glauben, daß dieser Krieg dreißig Jahre lang ohne alle Unterbrechung gedauert habe; in den meisten Nächten, besonders aber zu den hohen Festtagen, habe man die Schlacht unterbrochen, und Freund und Feind habe in Gemeinschaft sein Gebet verrichtet. – Auf einem andern Taler war das wahrhaftige Bildnis Unserer Lieben Frau und ein Ablaß daran für den, der es küßte. Wir durften es auch küssen, alle der Reihe nach, auch die Dienstboten, die der Knecht gut leiden konnte; zu den andern sagte er, sie möchten sich ihren Ablaß nur anderswo holen, sie saugeten mit ihren ungewaschenen Mäulern leicht die ganze heilige Weihe aus dem Silber.

Besonders ein halberwachsener Bursche, der Hiasel, war es, welcher durch manch lose Bemerkung über den Toni und seine Büchse des alten Knechtes Unwillen in so hohem Grade erweckt hatte, daß er nicht ein einzig Mal zur Talerschau, geschweige zum Kuß zugelassen wurde.

Der Hiasel war kurze Zeit früher als unterstandsloser, etwas verkommener Junge des Weges gestrichen, und mein Vater hatte ihn aufgenommen, mit gutem Hanfzeug bekleidet, auch ordentlich ausgefüttert, denn die ersten Wochen war der heimatlose Bursche gar nicht zu sättigen gewesen. Dafür griff der Hiasel nun auch die Arbeit flink an, war munter, und das regelmäßige Leben schien ihm gar nicht übel zu gefallen. Er sah jetzt recht gesund aus, war schlank gewachsen, und weil er sich auch die Haare kämmte, so wollte er schier ein hübsches Bürschlein werden. Ich, das muß ich wohl gestehen, hatte keine besondere Zuneigung zum Hiasel, nicht allein, weil er mir immer als Beispiel aufgestellt wurde, wenn ich mich nicht waschen und strählen lassen wollte, sondern und viel mehr noch, weil der Hiasel »Peitenstegga« anstatt Peitschenstecken sagte. Er war aus dem Niederösterreich herübergekommen, und mir war das »Fremdeln« in der Sprache unheimlich und dieses »Peitenstegga« geradezu eine Ungeheuerlichkeit. Der Bursche schnitt mir manchen Peitschenstecken und unterstützte mich bisweilen in meinen kindlichen Spielen; doch niemals vermochte ich für ihn Neigung zu fassen, da wandte ich mich zehnmal lieber dem alten Toni und seiner Talerbüchse zu.

Des Alten schmunzelndes, wichtigtuendes Gesicht anzuschauen war für mich eine rechte Unterhaltung. Dieses platte runzelige Gesicht mit den großen Wangenknochen, mit den völlig wasserfarbigen Äuglein, die fortwährend hinter den buschigen Brauen Verstecken spielten, wenn die Taler aufmarschierten, dieses Gesicht war ein großer Spaß; und wie der Mann als Zeichen seiner höchsten Befriedigung die furchige Stirnhaut auf und nieder riß und selbst die Ohrläppchen bewegte wie ein Eselein, das war doch gar zu possierlich. Und nun kam mir auf einmal der Gedanke: Wenn der Toni schon in seiner Lustigkeit ein so spaßiges Gesicht machte, wie erst, wenn er zornig und wild ist? – Mit diesem Gedanken hebt die Geschichte an.

Eines Tages, als die Leute auf dem Feld waren, stieg ich mit etwas schlotternden Beinlein die Stiege vom Dachgelaß herab und freute mich auf die Stunde, wenn der Toni wieder seine Taler aufzeigen will und sie nicht findet. Das wird ein Gelächter geben! Aber ich lache still und sag den Spaß erst am andern Tag.

Es war die g'nötige (drangvolle) Schnittzeit, da wird bis in die späten Abende hinein gearbeitet, da ist's nichts mit dem Talergucken. Ich vergaß auch bald darauf, ich mußte Garben tragen und dem Vater die Kornschöberlein aufspreizen helfen. Auch waren die Kirschen reif, eine Zeit voll Sehnsucht für mich, denn ich wagte noch nicht, den Stamm emporzuklettern, und das Niederziehen der Äste vermittels Haken war scharf verboten; wenn ein Ast brach, da verstand mein Vater keinen Spaß. Das mutwillige Abreißen von Ästen nannte er: den Nachkommen Kirschen stehlen. Das war freilich ein garstiges Wort, und darum verzichtete ich schließlich doch lieber auf die so hellrot niederleuchtenden Kirschen bis zum Samstagfeierabend, wenn sie mir der Vater regelrecht herabholte oder der Hiasel es tat, der ein arger Kletterer war.

Damals erfuhr ich, was ein böses Wort vermag. Als der Hiasel hoch oben auf einem schaukelnden Aste saß und ihm bei jeder Schwenkung des Hauptes die frischen Kirschengabeln förmlich in den Mund hineinhingen, rief er zu mir nieder ins Gras, es wäre eine Schande, daß ich noch auf keinen Kirschbaum könne! Und er warf mir, der ich die Haube nach Kirschen auftat, ein paar feuchte Kerne hinein. Ich sprang ergrimmt an den Baumstamm, und in wenigen Augenblicken war ich zu meiner eigenen Überraschung oben beim Hiasel.

Ich wollte eben der Jubelstimmung über meine plötzlich eingetretene Mannhaftigkeit in einem hellen Juchschrei Luft machen, als daneben im Hause auf einmal ein unheimlicher Lärm entstand. Der Toni sprang wie rasend zur Tür heraus, hielt mit beiden Händen seinen grauen Kopf und schrie:

»Mein Geld ist weg! Mein Geld ist weg!«

Ihm folgte mein Vater: der Toni solle sich doch nicht den Kopf wegreißen, das Geld würde sich ja finden, er ließe das ganze Haus untersuchen. Ein paar Dienstmägde zeterten: das wäre ihnen auch auf der Welt noch nicht passiert, daß sie sich aussuchen lassen müßten wie Schelminnen, aber sie täten es von selber, würfen dem Bauern all ihre Habseligkeiten vor die Füße, Stück für Stück, und solle er schauen, ob die dumme Talerbüchse darunter sei.

»Die dumme Talerbüchse!« stöhnte der alte Knecht, »o Bauer! mein Bauer! Das Herz möchte mir zerspringen vor lauter Unglück!« Und er hub an laut zu weinen und ging, immer noch den Kopf zwischen den Händen haltend, ums Haus herum, als müsse die Talerbüchse irgendwo auf dem grünen Rasen liegen.

Jetzt hörte ich auch die Stimme meiner Mutter, welche darüber schalt, daß die Leute an ihren Gewandtruhen die Schlüssel stecken ließen, daß sie damit leicht ein ganzes Haus in Unehr bringen könnten; sie halte aber dafür, der Toni hätte in seiner verrückten Weise das Geld aufs Kornfeld mitgeschleppt und dort verstreut. Seit Wochen sei kein Bettler, kein Handwerksbursch oder sonst ein Fremder in den Hof gekommen, und daß im Haus kein Dieb lebe, das wisse sie gewiß.

Mir, der ich auf dem Kirschbaum hockte, war wunderlich zumute. Wenn ich jetzt nur wieder unten wäre! Das Ding geht höllisch schief!

Im Haus wurde der Hiasel gerufen.

»Wenn's eins im Haus getan hat – niemand anderer als der Hiasel!«

Als der Junge dieses Wort gehört hatte, sprang er vom Baum mit einem kecken Schwung über die Äste hinweg auf den Erdboden. Bald war er von den Leuten umringt. Der Toni hatte seine Fassungskraft wiedererlangt, er faßte daher den Hiasel am Arm und fragte, wo er das Geld habe!

Der Bursche war im Gesicht röter als die reifste Kirsche und sagte, er wisse von keinem Geld.

Das Leugnen würde ihm nichts nutzen. Man wisse bestimmt, daß er die Taler genommen habe!

Auf eine solche Anschuldigung ist der Bursche – überhaupt ungewandt im Reden, aber gewohnt, herrischen Aussprüchen sich zu fügen – ganz stumm geworden. Er stand da wie ein Stück Holz und starrte den Ankläger schier seelenlos an.

»Wenn du's willig sagst, wo mein Geld ist«, sprach der Toni in milder, fast bittender Weise, »so geschieht dir nichts; ich lege beim Waldbauern ein Gebitt ein, daß er dich frei laufen laßt. Wenn du aber leugnest, so schlage ich dich tot!«

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.