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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Es war kalt, ich fröstelte vor dem Winter und vor dem Weibe, das meine Gastfrau war; aber noch ehe ich mich ins Nest verkroch, machte ich mit Neugierde die Tür des Kirchleins auf. Eine Maus huschte heraus, die hatte eben an dem goldpapierenen Altar und der pappenen Hand des heiligen Joseph ihr Nachtmahl gehalten. Es waren Heilige und Englein da und bunte Fähnlein und Kränzlein – ein lieblich Spiel. Ich meinte, das sei gewiß der alten Drachenbinderin ihre Pfarrkirche, weil das Weiblein doch schon viel zu mühselig sei, um nach Stanz zum Gottesdienst zu wandern. Ich betete vor dem Kirchlein mein Abendgebet, worin ich den lieben Herrgott bat, mich in dieser Nacht recht zu beschützen; dann löschte ich den Span aus, daß er nicht zu den Turmfenstern hineinbrennen konnte, und legte mich hernach in des lieben Gottes Namen auf das Heu. – Mir kam es vor, als wäre ich losgerissen von mir selber und ein gelehrter Schreiber in einem fernen kalten Haus, während der wahrhaftige Waldbauernbub gewiß daheim in dem warmen Nestlein schlummerte.

Als ich endlich im Einschlafen war, hörte ich drinnen in der Stube wieder das kurz ausgestoßene Jauchzen und bald darauf das heftige Lachen.

Was ergötzt sie denn so sehr, und wen lacht sie aus? – Ich fürchtete mich und sann auf Flucht.

Ein Standbrett wäre doch 'leicht ausgehoben – aber der Schnee!

Erst gegen Morgen schlief ich ein und träumte und träumte von einer roten Maus, die allen Heiligen der Kirche die rechte Hand abgebissen habe. Und zum Turmfenster sah mein Vater mit den eingeseiften schiefen Backen heraus, und er hielt einen brennenden Span im Mund; ich schluchzte und kicherte zugleich und hatte heiße Angst.

Als ich endlich erwachte, meinte ich, ich wäre in einem Käfig mit silbernen Spangen, so strahlte das weiße Tageslicht durch die aufrechten Bretterfugen. Und als ich hinausging vor die Tür des Hauses, da staunte ich, wie eng die Schlucht und wie fremd und hoch und winterlich die Berge waren. Im Hause schrie das Kind und jauchzte wieder die Drachenbinderin.

Bei der Frühsuppe war auch mein Gaul wieder da; aber er sagte schier kein Wort, er sah nur auf sein Essen, und als dieses gar war, stand er auf, setzte seinen großmächtigen Hut auf und ging gegen Stanz hinaus zur Kirche.

Als das Weib das Kind beruhigt, die Hühner gefüttert und andere Dinge des Hauses getan hatte, schob es den Holzriegel vor die äußere Tür, ging in die Kammer und hub mit den kleinen Glocken des Kirchleins zu läuten an.

Dann entzündete sie zwei Kerzen, die am Altare standen, und dann tat sie ein Gebet, wie ich meiner Tage kein ergreifenderes gehört habe. Sie kniete vor dem Kirchlein, streckte die Hände aus und murmelte:

»Von wegen der Marterwunden deiner rechten Hand, du kreuzsterbender Heiland, tu meine verstorbenen Eltern erretten, wenn sie noch in der Pein sind. Schon der Jahre ein halbes Hundert sind sie in der Erden, und heut noch hör ich meinen Vater rufen um Hilf mitten in der Nacht. – Von wegen der Marterwunden deiner linken Hand laß dir empfohlen sein meiner Tochter Seel. Sie hat kaum mögen die Welt anschauen, und wie sie dem lieben Gatten das Kindlein in die Hand will legen, da kommt der bittere Tod und tut sie uns begraben. – Von wegen der Marterwunden deines rechten Fußes will ich dich bitten wohl im Herzen für meinen Mann und für meine Blutsfreund und Guttäter und daß du den Waldbauernbuben nicht wolltest vergessen. – Von wegen der Marterwunden deines linken Fußes, du kreuzsterbender Heiland, sei auch eingedenk in Lieb und Gnaden all meiner Feinde, die mich mit Händen haben geschlagen und mit Füßen haben getreten. Dich haben verblendete Menschen gekreuzigt bis zum Tode, und hast ihnen auch wohl vergeben. – Von wegen der Marterwunden deines heiligen Herzens sei zu tausend- und tausendmal angerufen: Du gekreuzigter Gott, schließe mein Enkelkind in dein göttliches Herz. Sein Vater ist bei den Soldaten in weitem Feld, ich hab 'leicht kein langes Verbleiben, du mußt dem Kind ein Vormund sein, ich bitte dich...!«

So hat sie gebetet. Die roten Kerzen brannten so fromm.

Ich hab gemeint zur selben Stund: Wenn ich der lieb Herrgott wäre, ich stiege herab vom Himmel und tät das Kind nehmen in meine Händ und tät sagen: Auf daß du's siehst, Drachenbinderin, ich halt's an meinem Herzen warm und will sein Vormund sein! Ich wollte ihm wachsen lassen weiße Flügel, daß es könnt fliegen in das schönste Land.

Aber ich bin der lieb Herrgott nicht gewesen.

Nach einer Weile sagte das Weib: »Jetzt heben wir zu schreiben an.« – Aber wie wir wollten zu schreiben anheben, da war keine Tinte, keine Feder und kein Papier. Allmiteinander hatten wir darauf vergessen.

Die Alte stützte ihren Kopf auf die flache Hand und murmelte: »Das ist schon ein Elend!«

Ich hatte einmal das Geschichtchen gehört von jenem Doktor, der in Ermangelung der Dinge sein Rezept an die Stubentür geschrieben. 's war hier der Nachahmung wert, fand sich aber keine Kreide im Haus. Ich wußte mir keinen Rat, und ich schämte mich unsagbar, daß ich ein Schreiber ohne Feder war.

»Waldbauernbub«, sagte das Weib plötzlich, »'leicht hast du's auch mit Kohlen gelernt?«

Ja, ja, mit Kohlen, wie sie auf dem Herde lagen, das war ein Mittel.

»Und das ist in Gottes Namen mein Papierblatt«, versetzte sie und hob die Decke eines alten Schrankes empor, der hinter dem Ofen stand. In dem Schranke waren Lodenschnitzel, ein Stück Linnen und ein rostiger Spaten. Als die Drachenbinderin bemerkte, daß ich auf den Spaten blickte, wurde sie völlig verlegen, deckte ihr altes Gesicht mit der braunen Schürze und murmelte: »'s ist doch eine Schande!«

Mir fuhr's ins Herz; ich hielt das für einen Vorwurf, daß ich kein Schreibzeug bei mir habe.

»Du wirst mich rechtschaffen auslachen, Waldbauernbub!« lispelte die Alte, »aber tu ja nichts Schlechtes von mir denken; ich kann halt nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich bin schon gar soviel ein mühseliger Mensch.«

Jetzt verstand ich vielleicht: Das arme Weib schämte sich, daß es den Spaten nicht mehr handhaben konnte und daß dieser also rostig geworden.

Ich suchte mir am Herd ein mildes Stück Kohle – die Kiefer ist so gut und leiht mir die Feder, daß ich das Testament, oder was es sein wird, der alten Drachenbinderin vermag aufzuschreiben.

Als also der graufarbige Schrank offenstand und ich bereit war, auf die Worte des Weibes zu hören und sie zu verzeichnen, daß sie nach vielen Jahren dem Enkel eine Botschaft seien – da tat die Alte neben mir plötzlich ein helles Aufjauchzen. Eilig wendete sie sich seitab, jauchzte zwei- und dreimal und brach zuletzt in ein heiseres Lachen aus. Ich zerrieb in der Angst die Kohle zwischen meinen Fingern und schielte nach der Tür.

Als das Weib eine Weile gelacht hatte, war es still, tat einen tiefen Atemzug, trocknete sich den Schweiß, wendete sich zu mir und sagte: »So schreib. Hoch werden wir nicht zählen, fang aber doch an in der oberen Eck.«

Ich legte die Hand auf die oberste Ecke des Deckbrettes.

Hierauf sprach das Weib folgende Worte: »Eins und eins ist Gott allein. – Das, du Kind meines Kindes, ist dein eigen.«

Ich schrieb diese Worte auf das Holz.

»Zwei und zwei«, fuhr sie fort, »zwei und zwei ist Mann und Weib. Drei und drei das Kind dabei. Vier und fünf bis acht und neun, weil die Sorgen zahllos sein. – Bet, als wenn du keine Hand; arbeit, als wenn dir kein Gott bekannt. Trage Holz und denk dabei: Kochen wird mir Gott den Brei.« –

Als ich diese Worte geschrieben hatte, senkte die Drachenbinderin den Deckel auf den Schrank, versperrte ihn sorgsam und sagte zu mir: »Jetzt hast du mir eine große Guttat erwiesen, jetzt ist mir ein schwermächtiger Stein vom Herzen. Diese Truhe da ist das Vermächtnis für mein Enkelkind. – Und jetzt kannst du sagen, was ich dir geben soll für deinen Dienst.«

Ich schüttelte den Kopf, wollte nichts verlangen, gar nichts.

»So gut schreiben lernen und so weit herreisen und eine ganze Nacht harte Kälte leiden und zuletzt nichts dafür nehmen wollen, das wär sauber!« rief sie. »Waldbauernbub, das kunnt ich nicht angehen lassen.«

Ich blinzelte durch die offene Tür ein wenig in die Kammer hinein, wo das Kirchlein stand. Das wäre eine prächtige Heiligkeit für mein Bettlein daheim. – Da roch sie's gleich. »Mein Hausaltar liegt dir im Sinn«, sagte sie, »Gotteswegen, so magst du ihn haben. Man kann's nicht versperren wie die Truhe, das liebe Kirchel, und die Leut täten mir's doch nur verschleppen, wenn ich nicht mehr bin. Bei dir ist's in Ehren, und du denkst wohl an die alte Drachenbinderin zur heiligen Stund, wenn du betest.«

Das ganze Kirchlein hat sie mir geschenkt. Und das war jetzt die größte Seligkeit meiner ganzen Kindschaft.

Gleich wollte ich es auf die Achsel nehmen und forttragen über die Alpe zu meinem Haus. Aber das Weib sagte: »Du lieber Närrisch, das kunnt wohl auf alle Mittel und Weis nicht sein. Kommt erst der Knecht heim, der wird einen Rat schon wissen.« Und als der Knecht heimgekommen war und mit uns das Mittagsbrot gegessen hatte, da wußte er einen Rat. Er band mir das Kirchlein mit einem Strick auf den Rücken, dann ließ er sich nieder vor dem Holzblock und sagte: »Jetzt, Bübel, reit wieder auf!«

Saß ich denn das zweitemal auf seinem Nacken, steckte die Füße in seine Hosentaschen und umschlang mit den Händen seinen Hals. Die Alte hielt mir das erwachende Kind noch vor, daß es mir das Händchen hinhalte, sagte Worte des Dankes, schoß hinter den Ofen und jauchzte.

Ich aber ritt davon, und an meinem Rücken klöpfelten die Heiligen in der Kirche, und in den Türmen schrillten bei jeder Bewegung die Glöcklein.

Als der Mann mit mir emporgestiegen war bis zu den Höhen des Bürstling und sich dort wieder die Schneescheiben festband, da fragte ich ihn, warum denn die Drachenbinderin allfort so jauchze und lache.

»Das ist kein Jauchzen und Lachen, liebes Waldbauernbüblein«, antwortete mir der Mann, »die Drachenbinderin hat eine böse Krankheit zu tragen. Sie hat jahrelang so ein Schlucksen gehabt, wie es eins bei Verkühlungen oder sonstwie bekommen kann; sie hat nicht darauf geachtet, hat die Sach übergehen lassen, und so ist nach und nach, wie der Bader sagt, das Krampfschreien und das Krampflachen daraus geworden. Jetzt ballt sich ihr Eingeweide zusammen, und wenn sie in der Erregung ist, so hat sie die starken Anfälle. Sie kann schier keine Speisen mehr vertragen und sieht den Tod vor Augen.«

Ich entgegnete kein Wort, blickte auf die schneeweißen Höhen, auf den dämmrigen Wald und sah, wie wir an dem reinen Sonntagnachmittag sachte abwärts stiegen gegen mein Heimathaus. Ich dachte, wie ich die Kirche, die ich zum Vermächtnis bekommen, nun aufstellen wolle in der Stube und darin Gottesdienst halten, und daß jetzt Vater und Mutter den weiten Weg nach dem Pfarrdorf nicht mehr zu machen brauchten.

Mein guter Gaul schritt geduldig dahin, und allweg klingelten hinter mir die Metallglöckchen in den Türmen.

Was läuten sie? ... Die alte Drachenbinderin ist gestorben.

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