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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Als ich zur Drachenbinderin ritt

Wenn mein Vater am Sonnabend beim Rasieren saß, da mußte ich unter den Tisch kriechen, weil es über dem Tisch gefährlich war.

Wenn mein Vater beim Rasieren saß, wenn er seine Backen und Lippen dick und schneeweiß eingeseift hatte, daß er aussah wie der Stallbub, welcher der Kuhmagd über den Milchrahm gekommen; wenn er dann das glasglänzende Messer schliff an seinem braunledernen Hosenträger und hierauf langsam damit gegen die Backen fuhr, da hub er an, den Mund und die Wangen und die Nase und das ganze Antlitz derart zu verzerren, daß seine lieben, guten Züge schier gar nicht mehr zu erkennen waren. Da zog er seine beiden Lippen tief in den Mund hinein, daß es aussah wie des Nachbars alter Veit, der keine Zähne mehr hatte; oder er dehnte den Mund nach links oder rechts in die Quere, wie die Köhler-Sani tat, wenn sie mit den Hühnern keifte; oder er drückte ein Auge zu und blies eine Wange an, daß er war wie der Schneider Tinili, wenn ihn sein Weib gestreichelt hatte.

Die spaßhaftesten Gesichter der ganzen Nachbarschaft fielen mir ein, wenn der Vater beim Rasieren saß. Und da kam mir das Lachen.

Darauf hatte mein Vater stets liebevoll gesagt: »Gib Ruh, Bübel.« Aber kaum die Worte gesprochen waren, wuchs wieder ein so wunderliches Gesicht, daß ich erst recht herausplatzte. Er guckte in den kleinen Spiegel, und schon meinte ich, sein schiefes Antlitz werde in ein Lächeln auseinanderfließen. Da rief er plötzlich: »Wenn du keine Ruh gibst, Bub, so hau ich dir den Seifenpinsel hinüber!«

Kroch ich denn unter den Tisch, und das Kichern schüttelte mich wie die Nässe den Pudel. Der Vater aber konnte sich ruhig rasieren und war nicht mehr in Gefahr, über seine und meine Grimassen selbst in ein unzeitiges Lachen auszubrechen.

So auch war's einmal an einem Winterabend, daß der Vater beim Seifenschüsselchen saß und ich unter dem Tisch, als sich draußen in der Vorlauben jemand den Schnee von den Schuhen stampfte. Gleich darauf ging die Tür auf, ein großer Mann trat herein, dessen dichter, roter Schnurrbart Eiszapfen trug wie draußen unser Bretterdach. Er setzte sich gleich nieder auf eine Bank, zog eine bauchige Tabakspfeife aus dem Lodenmantel, faßte sie mit den Vorderzähnen, und während er Feuer schlug, sagte er: »Tust dich halbieren, Waldbauer?«

»Ja, ich tu mich ein wenig halbieren«, antwortete mein Vater und kratzte mit dem Schermesser und schnitt ein wahrhaft gottverlassenes Gesicht.

»Na, ist recht«, sagte der fremde Mann.

Und später, als er schon von Wolken umhüllt war und die Eiszapfen bereits niedertröpfelten von seinem Bart, tat er folgende Rede: »Ich weiß nicht, Waldbauer, wirst mich kennen oder nicht? Ich bin vor fünf Jahren einmal an deinem Haus vorbeigegangen und hab beim Brunnen einen Trunk Wasser genommen. Ich bin von der Stanz, bin der Drachenbinderin ihr Knecht. Ich bin da um deinen größeren Buben.«

Mir unter dem Tisch schoß es bei diesen Reden heiß bis in die Zehen hinaus. Mein Vater hatte nur einen einzigen größeren Buben, und der war ich. Ich duckte mich in den finstersten Winkel hinein.

»Um meinen Buben bist da?« entgegnete mein Vater, »den magst wohl haben, den werden wir leicht entraten; halt ja, er ist gar so viel schlimm.«

Bauersleute reden gern so herum, um ihre vorwitzigen Kinder zu necken und einzuschüchtern. Allein der Fremde sagte: »Nicht so, Bauer, g'scheiterweis! Die Drachenbinderin will was aufschreiben lassen, ein Testament oder so was, und sie weiß weit und breit keinen zu kriegen, der das Schreiben tät verstehen. Jetzt, da hat sie gehört, der Waldbauer im Vorderschlag hätt so ein ausbündig Bübel, dem solch Ding im kleinen Finger stecken tät; und so schickt sie mich her und läßt dich bitten, Bauer, du sollst die Freundschaft haben und ihr deinen Buben auf einen Tag hinüberleihen; sie wollt ihn schon wieder fleißig zurückschicken und ihm was geben zum Lohn.«

Wie ich das gehört hatte, klopfte ich mit den Schuhspitzen schon ein wenig an den Tischschragen – das täte mir gleich nicht übel gefallen.

»Geh«, sagte mein Vater, da er auf einem Backen bereits glattgekratzt war, »wie könnt denn mein kleiner Bub jetzt im tiefen Winter in die Stanz gehen, ist ja völlig vier Stunden hinüber!«

»Freilich wohl«, versetzte der große Mann, »deswegen bin ich da. Er steigt mir auf den Buckel hinauf, tut die Füß auseinander, legt sie mir zu beiden Seiten an den Rippen nach vorn, wo ich sie anfaß, und mit den Händen halst er mich, wie eine Liebste, daß er nicht mag rückwärts hinabfallen.«

»Versteh's schon«, drauf mein Vater, »ist nicht nötig, daß du mir das Buckelkraxentragen so auslegst.«

»Na, und nachher wird's wohl gehen, Waldbauer, und wenn der Sonntagabend kommt, trag ich dir ihn wieder ins Haus.«

»Je nu, dasselb weiß ich wohl, daß du mir ihn wieder redlich zurückstellst«, sagte mein Vater, »und wenn die Drachenbinderin was will schreiben lassen, und wenn du der Drachenbinderin ihr Knecht bist, und wenn mein Bübel mit dir will – meinetwegen hat's keinen Anstand.«

Diese letzten Worte hatte er bereits mit glattem, verjüngtem Gesicht gesprochen.

Eine kleine Weile nachher stak ich in meinem Sonntagsgewand; glückselig über die Bedeutung, die ich so plötzlich hatte, ging ich in der Stube auf und ab.

»Du Ewiger Jud, du«, sagte mein Vater, »hast mehr kein Sitzfleisch?«

Aber mir ließ es keine Ruhe mehr. Am liebsten hätte ich mich sogleich auf das breite Genick des großen Mannes niedergelassen und wäre davongeritten. Da kam erst die Mutter mit dem Sterz und sagte: »Esset ihn, ihr zwei, ehe ihr fortgeht!«

Umsonst hatte sie es nicht gesagt; ich habe unsern breitesten hölzernen Löffel nie noch so hochgeschichtet gesehen als zur selbigen Stunde, da ihn der fremde, große Mann von dem Sterztrog unter seinen Schnurrbart führte. Ich aber ging in der Stube auf und ab und dachte, wie ich nun der Drachenbinderin ihr Schreiber sein werde.

Als hierauf die Sache insoweit geschlichtet war, daß die Mutter den Sterztrog über den Herd stülpen konnte, ohne daß auch nur ein Brosamchen herausfiel, da hüpfte ich auf das Genick des Mannes, hielt mich am Barte fest und ritt denn in Gottes Namen davon.

Schon ging die Sonne unter; in den Tälern lagen bläuliche Schatten, die fernen Schneehöhen der Almen hatten einen mattroten Schein.

Als mein Gaul über die kahlen Weiden aufwärts trabte, da trug ihn der Schnee, aber als er in die Gegend des jungen Lärchenwuchses und des Fichtenwaldes kam, da wurde die Bodenkruste trügerisch und brach ein. Jedoch darauf war er vorgesehen. Als wir zu einem alten, hohlen Lärchenbaum kamen, der sein wildes Geäst recht keck in die Luft hinausstreckte, hielt er an, langte mit der einen Hand in die schwarze Höhlung und zog ein Paar aus Weiden geflochtene Fußscheiben hervor, die er an die Schuhsohlen band. Mit diesen breiten Sohlen begann er die Wanderung von neuem; es ging langsam, denn er mußte die Füße sehr weit auseinanderbiegen, daß er die Scheiben vermitteln (benützen) konnte, aber mit solchen Entenfüßen brach er nicht mehr durch.

Auf einmal, es war schon recht finster und die Sterne leuchteten klar, hub mein Gaul an, mir die Schuhe loszulösen, zog sie zuletzt gar von den Füßen und tat sie in seine aufgebundene Schürze. Dann sagte er: »Jetzt, Bübel, steck deine Pfötelein da in meine Hosentaschen, daß die Zehen nicht herabfrieren.« Meine vorgestreckten Hände nahm er in die seinen und hauchte sie mit dem warmen Atem an – was anstatt der Handschuhe war.

An meinen Wangen kratzte die Kälte, der Schnee winselte unter den Scheiben, so ritt ich einsam fort durch den Wald und über die Höhen. Ich ritt den ganzen langen Grat des Hochbürstling, wo ich nicht einmal zur Sommerszeit noch gewesen war! Ich preßte zuweilen, wenn es schon ganz langsam ging, mein Knie in die Weichen, und mein Gaul ertrug es willig und ging, wie er konnte, und er wußte den Weg. Ich ritt an einem Pfahl vorbei, auf welchem Winter und Sommer der heilige Viehpatron Erhardi stand. Ich kannte den heiligen Erhardi von daheim; ich und er hatten zusammen die Aufsicht über meines Vaters Herden; er war immer viel angesehener als ich, ging ein Rind zugrunde, so hatte ich, der Halterbub, die Schuld; gediehen die andern recht, so hatte er das Lob. – Es tat mir wohl, daß er sah, wie ich es zum Rittersmann gebracht, während er die ewige Weil wie angenagelt auf dem Pfahle stand.

Endlich wendete sich der Lauf, ich ritt abwärts über Stock und Stein einem Lichtlein zu, das unten in der Schlucht flimmerte. Und als so alle Bäume und Gegenden an mir vorübergegangen waren und ich vor mir den dunklen Klumpen mit der kleinen Tafel des Lichtscheines hatte, stand mein guter Christoph still und sagte: »Du liebes Waldbauernbübel! Da du mir fremdem Menschen so unbesonnen gefolgt bist – wohl könnte es sein, daß ich schon jahrelang einen Groll hätt gegen deinen Vater und daß ich dich jetzt in eine Räuberhöhle führte.«

Horchte ich einen Augenblick so hin.

Weil er zu seinen Worten nichts mehr beisetzte, so sagte ich in demselben Ton: »Da mein Vater mich der Drachenbinderin ihrem Knecht so anvertraut hat und da ich so unbesonnen gefolgt bin, so wird der Drachenbinderin ihr Knecht keinen Groll haben können und mich nicht in eine Räuberhöhle führen.«

Der Mann hat nach diesen meinen Worten in seinen Bart gepustert. Bald darauf hub er mich auf einen Strunk und sagte: »Jetzt sind wir bei der Drachenbinderin ihrem Haus.« Er machte an dem dunklen Klumpen eine Tür auf und ging hinein.

In der kleinen Stube war ein Herd, auf dem ein Häufchen Glut lag, ein Kienspan, der brannte, und ein Strohlager, auf dem ein Kind schlief. Daneben stand ein Weib, das schon sehr alt und gebückt war und das im Gesicht schier so blaß und faltenreich aussah wie das grobe Nachtkleid, in das es gehüllt stand.

Dieses Weib stieß, als wir eintraten, einige jauchzende Töne aus, hub dann heftig zu lachen an und verbarg sich hinter dem Herde.

»Das ist die Drachenbinderin«, sagte mein Begleiter, »sie wird gleich zu dir reden, setz dich dieweilen auf den Schemel da neben dem Bett und tu deine Schuh wieder an.«

Ich tat es, und er setzte sich daneben auf einen Holzblock.

Als das Weib still geworden war, trippelte es am Herd herum, und bald brachte es uns in einer Tonschüssel eine graue, dampfende Mehlsuppe und zwei beinerne Löffel dazu. Mein Mann aß würdevoll und beharrlich, mir wollte es nicht recht munden. Zuletzt stand der Knecht auf und sagte leise zu mir: »Schlaf wohl, du Waldbauernbub!« und ging davon.

Und als ich in der schwülen Stube allein war mit dem schlummernden Kind und dem alten Weib, da hub es mir schon an, recht unheimlich zu werden. Doch nun trat die Drachenbinderin heran, legte ihre leichte, hagere Hand an meine Wange und sagte: »Dank dir Gott, unser lieber Herr, daß du zu mir gekommen bist! Es währet kein halbes Jährlein noch, seit mir meine Tochter ist gestorben. Das da« – sie deutete auf das Kind – »ist mein junger Zweig, ist ein gar lieber Wurm, wird mein Erbe sein. Und jetzt hör ich schon wieder den Tod anklopfen an meiner Tür; ich bin halt schon an die achtzig Jahr. Mein Leben lang hab ich gespart – mein Sargbett will ich mir wohl erbetteln von guter Leute Herzen. Mein Mann ist früh gestorben und hat mir das Drachenbinderhäusel, wie es genannt wird, zurückgelassen. Meine Krankheiten haben mir das Häusel wieder gekostet – sind's aber nicht wert gewesen. Was ich hinterlaß, ist meinem Enkelkind zu eigen. In sein Herz geht's heut noch nicht hinein, und in die Hand geben kann ich's keinem Menschen. So will ich's schreiben lassen, daß es bewahrt ist. Durch den Schulmeister in der Stanz will ich's nicht tun, und der Doktor kann's ohne Stempelgeld nicht machen. So haben die Leut vom Waldbauernbuben erzählt, der wär so hochgelehrt, daß er auch ohne Stempel einen Letzten Willen wüßt zu schreiben. Und so hab ich dich von weiten Wegen bringen lassen. Morgen tu mir die Lieb, und heute geh zur friedsamen Ruh.«

Sie geleitete mich mit dem brennenden Span in eine Nebenkammer; die war nur aus Brettern geschlagen. Ein Lager von Heu und eine Decke aus dem dicken Sonntagskleid des Weibes war da, und in einem Winkel stand ein kleiner brauner Kasten mit zwei Türmchen, in welchen Glöcklein schrillten, sooft wir auf den wankenden Fußboden traten. Die Drachenbinderin steckte den Span in ein Turmfenster, segnete mich mit einem Daumenkreuz, und bald darauf war ich allein in der Kammer.

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