Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Peter Rosegger >

Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
Schließen

Navigation:

Alles stürzte zu den Fenstern, zur Tür.

»Das ist gewiß, der höllisch Drach frißt den Mond auf!«

»Und kehr die Hand um, wird er auch die Sonn im Rachen haben, nachher, behüt dich Gott, Taglichten, nachher mögen wir in der Finsternis den Haber schneiden.«

»Ja, wenn einer wachst!«

»Ja, wenn einer anbaut wird! Ich denk, nach dem Haberfeld werden wir nicht viel fragen. Werden bald die Posaunen zu hören kriegen!«

»Wer hätt's gemeint, daß wir das noch sollten erleben!«

»Und von Toten auferstehen sollten, ehvor wir gestorben sind«, sagte der alte Michel, »aber ich fürchte, es ist nur eine Mondesfinsternis.«

In der Erregung war das Licht ausgelöscht; die Ampel an der Leiche glimmte kaum; der Mond schien mit mattem Licht auf den Fußboden der Stube herein. Ich tat mein Fernrohr hervor, zog es auseinander und hockte unter den Tisch hinab, damit ich durch das kleine Fenster mit meinem Instrument dem schon hochstehenden Mond beikommen konnte.

Ich erschrak selber. Der ganze untere Teil, wo sonst Adam und Eva saßen, war weg, und der andere, der noch da war, zitterte wie das zusammengebrochene Lamm vor dem Wolf.

Mehrere Weiber waren, wie es bei Finsternissen gebräuchlich ist, mit Hafendeckeln, Pfannen und Töpfen ins Freie geeilt und huben an zu schellen und zu klirren: vielleicht gelänge es doch noch, dem Ungeheuer die Beute abzujagen.

Mittlerweile war die vorher leuchtende Scheibe schier zu einem Kipfel zusammengeschwunden – und ich begann nun zu meinem Erstaunen auch jenen Teil wiederzusehen, der gar nicht da war. Es stand wahrhaftig noch der ganze Mond am Himmel, nur war er fleckig und schwarz geworden, wie im Herbst die kranken Erdäpfel schwarz werden. Und nun dachte ich bei mir: Es sieht nicht aus, als ob ein Ungeheuer den Mond im Rachen hätte, es weist sich vielmehr als wie eine Krankheit, die den lieben Mond überfällt, daher auch das Fieber, das Zittern, wie ich es durch mein unruhiges Fernrohr beobachten konnte.

Ich war mitten in meinen Forschungen, da rief plötzlich einer: »Was macht denn der da unter dem Tisch? Hat er was Heimliches?«

»Das werden wir gleich sehen, herauf mit dem Waldbauernbuben!«

Sie zogen mich hervor, und jetzt sahen sie mein Instrument, womit ich den Mond betrachtet hatte.

Das war Unheil. Zuerst fuhr die Riegelbergerin auf mich los. Sie hieß mich den Unchrist, der selber nicht glaubt, was er gerade erst aus dem heiligen Buch gelesen hat, der wie die Heiden mit Röhren und Gläsern den Himmel ergründen will, mit Teufelswerkzeugen dem Herrgott gleichsam ins Auge schaut und in den Magen hinein!

Der Holzschlager Thomerl riß mir das Fernrohr aus der Hand und stürzte damit zum Ofen: »Da gehört's hinein!«

Alles war außer Rand und Band und wollte mir böse. Da flüsterte mir der Michel ins Ohr: »Bub, lüg ihnen geschwind was vor, sonst kratzen sie dir die Augen aus.«

Jetzt rief ich den Leuten zu: »Seids froh, daß ich mit dem Fernrohr hinaufgeschaut hab, daß ich's euch erzählen kann, wie's jetzt zugeht da oben!«

»Wir wollen's nicht wissen!« schrien einige.

»Ist alles Verblendung!«

»Na!« sagten ein paar Weiber spottweise, »wenn du schon so gescheit bist, so erzähl's halt, was du gesehen hast.«

»Soviel ich hab sehen können«, sprach ich, »hält der Mond sein Sacktuch vors Gesicht und weint.«

»Über was kann er denn weinen«, rief die Riegelbergerin aufgeregt, »als aber die Schlechtigkeit der Welt!«

»Oder über die Dummheit der Leut«, ergänzte der Michel.

Ich sah, daß es schiefging, und meinte gleichwohl mit etwas Schalkheit, ich wäre in meiner Beobachtung nur zu früh gestört worden und hätte es nicht so genau gesehen, möglicherweise, und mir habe es sogar so geschienen, als hätte der Mond vor lauter Lachen sein Taschentuch vors Gesicht gehalten.

»So hat er wen ausgelacht!« sagte der alte Michel und schielte auf die Riegelbergerin hinüber.

»Weißt du was, Bub!« fuhr mich diese an, »du bist ein Fabelhans und du gehst hinaus! – aber gleich gehst hinaus!« Sie hob gegen mich ihre zwei mageren Fäuste.

»Oho!« rief der Michel und stellte sich dazwischen, »ist das eine Mode? Beim Leichwachen? Dem Bübel geschieht nichts, und jetzt, Weiberleut, singts wieder eins, wißts kein Lustiges, so tut's ein Trauriges, aber fein nach dem Takt, daß einer dabei tanzen kann.«

»Die Finsternis ist schon vorbei«, berichtete der Hausvater, der zur Tür hereinkam. Und siehe, der Mond war wieder licht und rund, er weinte nicht und lachte nicht – in stiller Freundlichkeit blickte er nieder auf den Zimmermann, der über den Anger schritt und auf der Achsel den kleinen weißen Sarg herantrug.

Neben diesem glitt ein schwarzes Ungeheuer daher. Es war der Schatten vom Zimmermann und dem Sarge.

 

Einmal zur Herbstzeit war ich mit Markus, unserem alten Knecht, spätabends noch auf dem Felde. Wir lehnten Habergarben aneinander; ich hielt die Garben zusammen, und der Markus bog die Hüte darauf.

Ich blickte dabei den aufgehenden Mond an und konnte mein Auge gar nicht wenden, bis der Markus plötzlich rief:

»Jesus Maria, das ist ein Unglück! Jetzt ist mir der Bub mondsichtig geworden!«

Ich erschrak. Ich kannte einen Mondsüchtigen, der schlafend auf allen Dächern herumstieg und dabei ein Gesicht hatte, so blaß wie der Mond selber.

Der Markus lachte über meinen Schreck, und ich wendete mein Auge von der Mondscheibe ab.

»Ja, ja, magst schon gucken«, sagte der alte Knecht, »jetzt aber werd ich dir's deuten, wie der Mond da oben aufgekommen ist.« Das war mir gleich recht, obwohl man, wenn der Markus was erzählte, nie wußte, ob er zum Ernst oder zum Spaß rede; sein Gesicht freilich, das war dabei ernsthaft genug, und diesem nach meinte man immer, seine Worte seien der dreizehnte Glaubensartikel ein für allemal. Aber ein paarmal waren doch Reden von ihm ertappt worden, die keinen Reisepaß durch das Land der Wahrheit mit sich getragen hatten.

»Wie der Mond aufgekommen ist?« fragte ich erstaunt.

»Wie der Mond aufgekommen ist«, versetzte der alte Knecht. »Spitz die Ohren, Kleiner, aber fürcht dich nicht, daß ich dich dran pack; hör, gewesen ist es so: Wie Sankt Michael Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben gehabt hat, kehrt er zurück in den Himmel. – Na, hast sie ausgejagt, diese Herrgottssakermenter? fragte der Gottvater. – Hätt der Herr auch einen anderen schicken mögen! brummt Sankt Michael in seinen Bart; nein du, Bart wird er keinen gehabt haben... Ich hab mir, sagt er, in dieser Höllenfinsternis da unten das Knie angestoßen, daß schon all des Teufels ist, oder was. Beim Tag geht's noch an, da schupfen die Engel den Sonnenball hin und wieder; aber in der Nacht ist das schon eine stockfinstere Welt übereinand! Kann's der Eva gar nicht für übel halten, wenn sie in der rabenschwarzen Nacht einen unrechten Apfel erwischt hat; wird schon noch öfters so was passieren. Die Leut müssen einen Mond haben! – Ja? fragt der Gottvater, na, so steh ein wenig beiseit, Sankt Michael! ich erschaff jetzt den Mond! – Richtig, hat's getan! Aber, sagt der Gottvater, auf daß die Leut wissen, daß es nur ein guter Wille ist von mir, und daß sie sich nicht eine Rechtssache daraus machen, so laß ich den Mond im Monat allemal nur vierzehn Nächte scheinen, die übrigen vierzehn laß ich's finster sein. – Und deswegen«, setzte der Knecht bei, »haben wir den zunehmenden und den abnehmenden Mond.«

»Ja so, deswegen«, sagte ich sehr zufrieden; nun wußte ich schon mehr als der Pfarrer, der an die Offenbarungen unseres alten Evangelisten Markus nicht immer glauben wollte.

 

So ging es eine Weile fort, da kam endlich für mich und den guten Mond eine andere Zeit. Ich hatte in Kindberg einen Vetter, der ein gelehrter Mann war. Den besuchte ich einmal und fand ihn desselben Abends spät auf dem Dach seines Hauses, wo er vor einer erschreckend großen Kanone stand. Die Kanone war schnurgerade auf den armen Mond gerichtet, der über den Giebeln des Ortes mit weinendem Vollgesicht stand und herniederschaute. Der Vetter guckte durch das gewaltige Rohr so hinaus und sagte dann zu mir:

»Jetzt komm, Bursch, stell dich da her und guck auch einmal!« So guckte ich denn auch einmal. – Josef und Jerum, hab ich aber jetzt meinen Kopf zurückgeworfen! Was habe ich gesehen? Da drin in der Kanone ist ein mächtig großes helles Schneefeld gewesen; und wie ich länger geschaut, hab ich Berg und Tal gesehen und ein ganzes Alpenland, und alles wie von purem Eis und Schnee. Ich habe mit meinen Augen alle Höhen und alle Täler und Schluchten abgesucht – aber ich habe Adam und Eva nicht gefunden, und ich habe Unsere Liebe Frau mit dem Spinnrocken nicht gefunden.

»Ist ein schöner, lieblicher Glaube gewesen«, sagte mein Vetter, »und wenn du dabei bleiben willst, gut, aber gehen wir jetzt schlafen.«

»Nein«, rief ich, »wenn etwas dahintersteckt, so will ich's wissen.«

Dann hat mir der Vetter die Naturgeschichte des Mondes erzählt. – Was hab ich jetzt? Einen starren, toten, ausgebrannten Himmelskörper ohne Wärme, ohne Lächeln. Selbst das Licht ist nicht sein Eigentum.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.