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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Wie der Meisensepp gestorben ist

In meinem Vaterhaus fand sich die »Lebensbeschreibung Jesu Christi, seiner Mutter Mariä und vieler Heiligen Gottes«. Ein geistlicher Schatz von Pater Cochem.

Das war ein altes Buch; die Blätter waren grau, die Kapitelanfänge hatten wunderlich große Buchstaben in schwarzen und roten Farben. Der hölzerne Einbanddeckel war an manchen Stellen schon wurmstichig, und eine der ledernen Klappen hatte die Maus zernagt. Seit meines Großvaters Tode war im Hause niemand gewesen, der darin hätte lesen können; was Wunder, wenn die Tierlein Besitz nahmen von Cochems »Leben Christi« und aus dem »geistlichen Schatz« ihre liebliche Nahrung zogen.

Da kam ich, der kleine Abc-Schütze, verjagte die Würmer aus dem Buch und fraß mich dafür selber hinein. Täglich las ich unseren Hausleuten vor aus dem »Leben Christi«. Den jungen Knechten und Mägden gefiel der neue Brauch just nicht, denn sie durften dabei nicht scherzen und nicht jodeln; die älteren Hausgenossen aber, die schon etwas gottesfürchtiger waren, hörten mir mit Andacht zu; »und das ist«, sagten sie, »als wenn der Pfarrer predigen tät; so bedeutsam ausführen und so eine laute Stimm!«

Ich kam in den Ruf eines tüchtigen Vorlesers und wurde ein gesuchter Mann. Wenn irgendwo in der Nachbarschaft jemand krank lag oder zum Sterben, oder wenn er gar schon gestorben war, so daß man an seiner Leiche zur Nacht die Totenwache hielt, so wurde ich von meinem Vater ausgebeten, daß ich hinginge und lese. Da nahm ich das gewichtige »Leben-Christi-Buch« unter den Arm und ging. Es war ein hartes Tragen, und ich war dazumal ein kleinwinziger Knirps.

Einmal spätabends, als ich schon in meiner kühlen und frischduftenden Futterkammer schlief, in welcher ich zur Sommerszeit bisweilen das Nachtlager hatte, wurde ich durch ein Zupfen an der Decke von unserem Knecht geweckt. – »Sollst fein geschwind aufstehen, Peter, sollst aufstehen. Der Meisensepp hat seine Tochter geschickt, er läßt bitten, du sollst zu ihm kommen und ihm was vorlesen; er wollt sterben. Sollst aufstehen, Peter.« –

So stand ich auf und zog mich eilends an. Dann nahm ich das Buch und ging mit dem Mädchen von unserem Hause aufwärts über die Heide und durch die Waldungen. Das Häuschen des Meisensepp stand gar einsam mitten im Wald.

Der Meisensepp war in seinen jüngeren Jahren Reuter (Waldroder) und Waldhüter gewesen; in letzter Zeit hatte er sich nur mehr mit Sägeschärfen für Holzhauerleute beschäftigt. Und da kam plötzlich die schwere Krankheit.

Wie wir, ich und das Mädchen, in der stillen, sternhellen Nacht so über die Ödnis schritten, sagten wir keines ein Wort. Schweigend gingen wir nebeneinander hin. Nur einmal flüsterte das Mädchen: »Laß her, Peter, ich will dir das Buch tragen.«

»Das kannst nicht«, antwortete ich, »du bist ja noch kleiner wie ich selber.«

Nach einem zweistündigen Gang sagte das Mädchen: »Dort ist schon das Licht.«

Wir sahen einen matten Schein, der aus dem Fenster des Meisenhauses kam. Als wir diesem schon sehr nahe waren, begegnete uns der Pfarrer, der dem Kranken die heiligen Sakramente gereicht hatte.

»Der Vater – wird er wieder gesund?« fragte das Mädchen kleinlaut.

»Ist noch nicht so alt«, sagte der Priester; »wie Gott will, Kinder, wie Gott will.«

Dann ging er davon. Wir traten in das Haus.

Das war klein, und nach der Art der Waldhütten standen die Familienstube und Schlafkammer gleich in der Küche. Am Herd in einem Eisenhaken stak ein brennender Kienspan, von dem die Stubendecke in einen Rauchschleier gehüllt war. Neben dem Herd auf Stroh lagen zwei kleine Knaben und schlummerten. Sie waren mir bekannt vom Walde her, wo wir oft mitsammen Schwämme und Beeren suchten und dabei unsere Herden verloren; sie waren noch um etliche Jahre jünger als ich. An der Ofenmauer saß das Weib des Sepp, hatte ein Kind an der Brust und sah mit großen Augen in die flackernde Flamme des Kienspans hinein. Und hinter dem Ofen, in der einzigen Bettstatt, die im Hause war, lag der Kranke. Er schlief; sein Gesicht war recht eingefallen, das grauende Haar und der Bart ums Kinn waren kurz geschnitten, so daß mir der ganze Kopf kleiner vorkam als sonst, da ich den Sepp auf dem Kirchweg gesehen hatte. Die Lippen waren halb offen und blaß, durch dieselben zog ein lebhaftes Atmen ein und aus.

Bei unserem Eintritt erhob sich das Weib leise, sagte eine Entschuldigung, daß sie mich aus dem Bette geplagt habe, und lud mich ein, daß ich mich an den Tisch setzen und die Eierspeise essen möge, die der Herr Pfarrer übriggelassen hatte und die noch auf dem Tische stand.

Bald saß ich auf demselben Fleck, den der geistliche Herr noch eben warm gemacht, und jetzt aß ich mit derselben Gabel, die er in den Mund geführt hatte!

»Jetzt schläft er passabel«, flüsterte das Weib, nach dem Kranken deutend. »Vorhin hat er allweg Fäden aus der Decke gezupft.«

Ich wußte, daß man es für ein übles Zeichen auslegt, wenn ein Schwerkranker an der Decke zupft und kratzt, »da kratzt er sich sein Grab«. Ich entgegnete daher: »Ja, das hat mein Vater auch getan, als er im Nervenfieber ist gelegen. Ist doch wieder gesund geworden.«

»Das mein ich wohl auch«, sagte sie, »und der Herr Pfarrer hat dasselb gesagt. – Bin doch froh, die Beicht hat der Seppel recht fleißig verrichten mögen, und ich hab jetzt wieder rechtschaffen Trost, daß er mir noch einmal gesund wird. – Nur«, setzte sie ganz leise bei, »das Spanlicht leckt alleweil so hin und her.«

Wenn in einem Hause das Licht unruhig flackert, so deutet das der Glaube des Volkes: es werde in demselben Haus bald ein Lebenslicht auslöschen. Ich selbst glaubte an dieses Zeichen, doch um die Häuslerin zu beruhigen, sagte ich: »Es streicht die Luft alles zu viel durch die Fensterfugen; ich verspür's auch.« Sie legte das schlummernde Kind auf das Stroh; und das Mädchen, welches mich geholt, war schon zur Ruh gegangen. Wir verstopften hierauf die Fensterfugen mit Werg.

Dann sagte das Weib: »Gelt, Peter, du bleibst mir da über die heutige Nacht; ich wüßte mir aus Zeitlang nicht zu helfen. Wenn er munter wird, so liest uns was vor. Gelt, du bist so gut?«

Ich schlug das Buch auf und suchte nach einem geeigneten Lesestück. Allein Pater Cochem hat nicht viel geschrieben, was armen, duldenden Menschen zum Trost sein könnte. Pater Cochem meint, Gott wäre unendlich gerecht, und die Leute wären unsäglich schlecht, und neun Zehntel der Menschen liefen schnurgerade der Hölle zu.

Es mag ja wohl sein, dachte ich mir, daß es so ist; aber dann darf man's nicht sagen, die Leute täten sich nur grämen, und des weiteren blieben sie leichthin so schlecht wie früher. Wenn sie sich bessern hätten wollen, so hätten sie's längst schon getan.

Die schreckhaften Gedanken gingen wie eine zischelnde Natter durch das Cochemsche Buch. Fürwitzigen Leuten gegenüber, die mich nur anhörten der »lauten Predigerstimm'« wegen, donnerte ich die Greuel und Menschenverdammung recht mit Vergnügen heraus; wenn ich aber an Krankenbetten aus dem Buche las, da mußte ich meine Erfindungsgabe oft sehr anstrengen, daß ich während des Lesens die harten Ausdrücke milderte, die schaudererregende Darstellung der vier Letzten Dinge mäßigte und den grellen Gedanken des eifernden Paters eine freundlichere Färbung geben konnte.

So plante ich auch heute, wie ich, scheinbar aus dem Buche lesend, dem Meisensepp aus einem anderen Buch her Worte sagen wollte von der Armut, von der Geduld, von der Liebe zu den Menschen und wie darin die wahre Nachfolge Jesu bestehe, die uns – wenn die Stunde schlüge – durch ein sanftes Entschlummern hinüberführe in den Himmel.

Endlich erwachte der Sepp. Er wendete den Kopf, sah sein Weib und seine ruhenden Kinder an; dann erblickte er mich und sagte mit lauter, ganz deutlicher Stimme: »Bist doch gekommen, Peter. So dank dir Gott, aber zum Vorlesen werden wir heut wohl keine Zeit haben. Anna, sei so gut und weck die Kinder auf.«

Das Weib zuckte zusammen, fuhr mit der Hand zu ihrem Herzen, sagte aber dann in ruhigem Ton: »Bist wieder schlechter, Seppel? Hast ja recht gut geschlafen.«

Er merkte es gleich, daß ihre Ruhe nicht echt war.

»Tu dich nicht gar so grämen, Weib«, sprach er, »auf der Welt ist's schon nicht anders. Weck mir schön die Kinder auf, aber friedsam, daß sie nicht erschrecken.«

Die Häuslerin ging zum Strohlager, rüttelte mit bebender Hand am Schaub, und die Kleinen fuhren halb bewußtlos empor. »Ich bitt dich gar schön, Anna, reiß mir die Kinder nicht so herum«, verwies sie der Kranke mit schwächerer Stimme, »und die kleine Martha laß schlafen, die versteht noch nichts.«

Ich blieb abseits am Tisch sitzen, und mir war heiß in der Brust. Die Angehörigen versammelten sich um den Kranken und schluchzten.

»Seid ihr nur ruhig«, sagte der Sepp zu seinen Kindern, »die Mutter wird euch schon morgen länger schlafen lassen. Josefa, tu dir das Hemd über die Brust zusammen, sonst wird dir kalt. Und jetzt seid allweg schön brav und folgt der Mutter, und wenn ihr groß seid, so steht ihr bei und verlaßt sie nicht. – Ich hab gearbeitet meiner Tag mit Fleiß und Müh; gleichwohl kann ich euch weiter nichts hinterlassen als dieses Haus und den kleinen Garten und den Rainacker und den Schachen dazu. Wollt euch's teilen, so tut es brüderlich, aber besser ist's, ihr haltet die Wirtschaft zusammen und tut hausen und tut bauen. Weiters mach ich kein Testament, ich hab euch alle gleich lieb. Tut nicht ganz vergessen auf mich, und schickt mir dann und wann ein Vaterunser nach. Und euch, die zwei Buben, bitt ich von Herzen: Hebt mir mit dem Wildern nicht an, das nimmt kein gutes End. Gebt mir die Hand drauf. So. – Wenn halt einer von euch das Sägefeilen wollt lernen, ich hab mir damit viel Kreuzer dermacht; Werkzeug dazu ist da. Und sonst wißt ihr schon, wenn ihr am Rainacker die Erdäpfel anbaut, so setzt sie erst im Mai ein; 's ist wohl wahr, was mein Vater fort gesagt hat: Bei den Erdäpfeln heißt's: Baut mich an im April, komm ich, wann ich will; baut mich an im Mai, komm ich glei. Tut euch so Sprüchlein nur merken. – So, und jetzt geht wieder schlafen, Kinder, daß euch doch nicht kalt wird, und gebt allzeit rechtschaffen Obacht auf eure Gesundheit. Gesundheit ist das Beste. Geht nur schlafen, Kinder.«

Der Kranke schwieg und zerrte an der Decke.

»Frei zu viel reden tut er mir«, flüsterte das Weib, gegen mich gewendet. Eine bei Schwerkranken plötzlich ausbrechende Redseligkeit ist eben auch kein gutes Zeichen.

Nun lag er wie zusammengebrochen auf dem Bett. Das Weib zündete die Sterbekerze an.

»Das nicht, Anna, das nicht«, murmelte er, »ein wenig später. Aber einen Schluck Wasser gibst mir, gelt?«

Nach dem Trinken sagte er: »So, das frische Wasser ist halt doch wohl gut. Gebt mir recht auf den Brunnen Obacht. Ja, und daß ich nicht vergeß, die schwarzen Hosen und das blaue Jöppel weißt, und draußen hinter der Tür, wo die Sägen hängen, lehnt das Hobelbrett, das leg über den Schleifstock und die Hanselbank (Schnitzbock); für drei Tag wird's wohl halten. Morgen früh, wenn der Holzjosel kommt, der hilft mich schon hinauslegen. Schau aber fein gut, daß die Katz nicht dazukommt; die Katzen gehen los und schmecken's gleich, wenn wo eine Leich ist. Was unten bei der Pfarrkirchen mit mir geschehen soll, das weißt schon selber. Meinen braunen Lodenrock und den breiten Hut schenk den Armen. Dem Peter magst auch was geben, daß er heraufgekommen ist. Vielleicht ist er so gut und liest morgen beim Leichwachen was vor. Es wird ein schöner Tag sein morgen, aber geh nicht zu weit fort von heim, es möcht ein Unglück geschehen, wenn draußen in der Lauben das Licht brennt. – Nachher, Anna, such da im Bettstroh nach; wirst einen alten Strumpf finden, sind etlich Zwanziger drin.«

»Seppel, streng dich nicht so an im Reden«, schluchzte sie.

»Wohl, wohl, Anna – aber aussagen muß ich's doch. Jetzt werden wir wohl nicht mehr lang beisammen sein. Wir haben uns zwanzig Jahr gehabt, Anna. Du bist mein alles gewesen; kein Mensch kann dir's vergelten, was du mir gewesen bist. Das vergeß ich dir nicht im Tod und nicht im Himmel. Mich gefreut's nur, daß ich in der letzten Stund noch was mit dir reden kann, und daß ich gleichwohl soviel bei Verstand bin.«

»Stirb doch nicht gar so hart, Seppel«, hauchte das Weib und beugte sich über sein Antlitz.

»Nein«, antwortete er ruhig, »bei mir ist's so wie bei meinem Vater: leicht gelebt und leicht gestorben. Sei nur auch du so, und leg dir's nicht schwer. Wenn wir nun auch wieder jedes allein ankommen, zusammen gehören wir gleichwohl noch, und ich heb dir schon ein Platzerl auf im Himmel, gleim (nahe) an meiner Seit, Anna, gleim an meiner Seit. Nur das tu um Gottes willen: die Kinder zieh gut auf.«

Die Kinder ruhten. Es war still, und mir war, als hörte ich irgendwo in der Stube ein leises Schnurren und Spinnen. –

Plötzlich rief der Sepp: »Anna, jetzt zünd geschwind die Kerzen an!«

Das Weib rannte in der Stube umher und suchte nach Feuerzeug; und es brannte ja doch der Span. – »Jetzt hebt er an zu sterben!« wimmerte sie. Als aber die rote Wachskerze brannte, als sie ihm dieselbe in die Hand gab, als er den Wachsstock gelassen mit beiden Händen umfaßte und als sie das Weihwassergefäß vom Gesims nahm, da wurde sie scheinbar ganz ruhig und betete laut: »Jesus, Maria, steht ihm bei! Ihr Heiligen Gottes, steht ihm bei in der höchsten Not, laßt seine Seele nicht verloren sein! Jesus, ich bete zu deinem Allerheiligsten Leiden! Maria, ich rufe deine heiligen sieben Schmerzen an! Du, sein heiliger Schutzengel, wenn seine Seel vom Leib muß scheiden, führ sie ein zu den himmlischen Freuden!«

Und sie betete lange. Sie schluchzte und weinte nicht; nicht eine einzige Träne stand in ihren Augen, sie war ganz die ergebene Beterin, die Fürbitterin.

Endlich schwieg sie, beugte sich über das Haupt des Gatten, beobachtete sein schwaches Atemholen und hauchte: »So behüt dich Gott, Seppel, tu mir meine Eltern und unsere ganze Freundschaft (Verwandtschaft) grüßen in der Ewigkeit. Behüt dich Gott, mein lieber Mann! Die heiligen Engel geben dir das Geleit, und der Herr Jesus mit seiner Gnad wartet schon deiner bei der himmlischen Tür.«

Er hörte es vielleicht nicht mehr. Seine blassen, halboffenen Lippen gaben keine Antwort. Seine Augen sahen starr zur Stubendecke empor. Und aus den gefalteten Händen aufragend, brannte die Wachskerze; sie flackerte nicht, still und geruhsam und hell, wie eine schneeweiße Blütenknospe, stand die Flamme empor – sein Atemzug bewegte sie nicht mehr.

»Jetzt ist's gar, jetzt ist er mir gestorben!« rief das Weib aus, schrill und herzdurchdringend, dann sank sie nieder auf einen Schemel und begann bitterlich zu weinen.

Die wieder erwachenden Kinder weinten auch; nur das kleinste lächelte...

Die Stunde lag auf uns wie ein schwerer Stein.

Endlich richtete sich die Häuslerin – die Witwe – auf, trocknete ihre Tränen und legte zwei Finger auf die Augen des Toten.

Die Wachskerze brannte, bis die Morgenröte aufging.

Durch den Wald war ein Bote gegangen. Dann kam ein Holzarbeiter. Der besprengte den Toten mit Weihwasser und murmelte: »So rücken sie ein, einer nach dem andern.«

Dann taten sie dem Meisensepp festtägliche Kleider an, trugen ihn hinaus in die Vorlauben und legten ihn auf das Brett. Das Buch ließ ich liegen auf dem Tisch, für die Leichenwachen der nächsten Nächte, zu denen ich der Häuslerin das Lesen zugesagt hatte. Als ich fortgehen wollte, kam sie mit einem grünen Hut, auf welchem ein weit ausgeborsteter Gemsbart stak.

»Willst den Hut mitnehmen für deinen Vater?« fragte sie, »der Seppel hat deinen Vater fortweg gern gehabt. Den Gamsbart magst zum Andenken selber behalten. Bet einmal ein Vaterunser dafür.« Ich sagte meinen Dank, ich tat noch einen unsteten Blick gegen die Bahre hin; der Sepp lag langgestreckt und hielt seine Hände über der Brust gefaltet. Dann ging ich hinaus und abwärts durch den Wald. Wie war's licht und taufrisch voll Vogelgesang, voll Blütenduft – voll Leben im Walde!

Und in der Hütte auf dem Bahrbrett lag ein toter Mensch.

Ich kann die Nacht und den Morgen – das Sterben mitten in dem unendlichen Lebensquell des Waldes – nimmermehr vergessen. Auch besitze ich heute noch den Gemsbart zum Andenken an den Meisensepp.

Wenn mich die Gier anpackt nach den Freuden der Welt, oder wenn mich die Zweifel überkommen an der Menschheit Gottesgnadentum, oder wenn mich gar die Angst will quälen vor meinem vielleicht noch fernen, vielleicht schon nahen Hingang, so stecke ich den Gemsbart des Sepp auf den Hut.

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