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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Siebentes Kapitel.

In das Zimmer der Gräfin wehte durch die weit geöffnete Balconthüre die warme würzige Gartenluft. Die Terrassen unter dem Balcon, die Parkwiesen im Thal, die Wälder drüben auf den sanft emporsteigenden Bergen lagen in vollem Vormittagssonnenschein. Es that der Gräfin leid, daß sie den Ausflug nach der Musterwirthschaft Erichsthal, zu welchem der Fürst eingeladen, ausgeschlagen hatte, um endlich an die Mama schreiben zu können.

Sie trat auf den Balcon, schaute in die Landschaft, ging in das Zimmer zurück, ließ sich in einen der Fauteuils sinken, betrachtete ihre rosigen Nägel und dachte an den jungen Doctor und daß er einer der schönsten Männer sei, die sie je gesehen, und daß er auch recht wohl heute Morgen nicht nach Hühnerfeld, oder wie das Nest hieß, hätte hinaufzureiten brauchen; trat dann wieder auf den Balcon, weil sie sich erinnerte, gehört zu haben, daß man das Dorf vom Schlosse aus auf dem Berge könne liegen sehen; wurde etwas ärgerlich, als in dem blendenden Sonnendunst auf den oberen Bergreihen nichts Einzelnes mehr zu erkennen war; endlich setzte sie sich an den Schreibtisch, betrachtete noch ein paar Augenblicke ihre Nägel und schrieb dann in einer leichten zierlichen Handschrift:

 

»Du bist böse, liebste Mama, daß Du außer den paar Zeilen nach unserer Ankunft noch immer ohne die versprochene ausführliche Nachricht bist; aber die Möglichkeit, ausführlich zu schreiben, wenn uns die Gesellschaft den ganzen Tag in Anspruch nimmt! Habe ich mir doch selbst diese Morgenstunde ertrotzen müssen; die ganze Welt ist ausgeflogen. Der Fürst wollte durchaus meine Begleitung, aber Deine Stephanie war standhaft: sie weiß, was eine gute Tochter einer so guten Mama schuldig ist.

Liebste Mama, ich kann Dir nicht sagen, wie glücklich ich mich hier fühle und wie dankbar ich bin, daß Du damals Deinen Willen durchgesetzt hast. Der arme Dagobert! Gestern sagte mir Heinrich, wie es schien, nicht ohne Absicht, daß er seine Güter, wenn der König nicht noch einmal aushilft, unmöglich länger halten könne und die ganze Herrschaft zum Herbst subhastirt werden soll. Das würde denn eine traurige Situation für mich geworden sein. Ich bedauere ihn von ganzem Herzen, er war wirklich ein gar zu lieber Mensch, wenn auch wohl von jeher ein wenig leichtsinnig. Nun, wir können ihm nicht helfen, und, wie gesagt, es ist ja nun auch Alles für uns so glücklich ausgeschlagen, wie ich es damals allerdings nicht hoffen konnte. Aber mein kluges Mamachen hat wie immer recht gehabt.

Darin hat sie freilich nicht recht gehabt, daß sie nicht gleich mitgekommen ist und ihre arme Stephanie allein hat reisen lassen. Ich versichere Dich, liebste Mama, es hätte dieser Zurückhaltung nicht bedurft, obgleich ich zugebe, daß es mehr comme il faut ist, wenn Du ein wenig später und scheinbar erst zu dem großen Ereignisse eintriffst, denn das hier abzuwarten, bin ich fest entschlossen. Der Fürst, welcher die Liebe und Güte selbst gegen mich ist, hat es nun einmal angeboten, hat es, wie er an Dich schrieb, sehr schön und wünschenswerth gefunden, daß der Erbe von Roda-Rothebühl-Steinburg – Tyrklitz nicht zu vergessen! – auf dem Schlosse seiner Ahnen das Licht der Welt erblicke. Nun wollen wir ihn auch beim Wort halten.

Du wunderst Dich vielleicht, liebste Mama, daß ich mit solcher Sicherheit von einem Erben spreche, aber ich bin diesmal meiner Sache so gewiß, als wäre das Kind schon getauft und hätte die Namen: Erich Heinrich Leopold, die er ja als Gesammterbe der drei Linien haben muß, bereits erhalten.

Wie ich zu dieser Sicherheit komme, ich weiß es, wie gesagt, selber nicht; es ist auch noch gar nicht lange her, ich glaube, eigentlich erst seit gestern Abend, wo ich auf einem Ausfluge nach der Fasanerie eine lange, sehr verständige, ganz hausmütterliche Unterhaltung mit dem Doctor hier gehabt habe, die mich ganz merkwürdig erquickt und beruhigt hat.

Es ist aber auch ein zu lieber, prächtiger Mensch, ein wenig scheu und melancholisch, wie aber, glaube ich diese Herren meistens sind, wenn sie nicht, wie unser lieber Geheimrath, fortwährend in der großen Gesellschaft sich bewegen, die denn auch die rauhesten Edelsteine etwas abschleift.

Bei dem Fürsten steht er hoch angeschrieben und der Fürst hat ihn mir in jeder Beziehung auf das Wärmste empfohlen. Der Mann ist rein wie Gold, hat er gestern zu mir gesagt, und man darf ihm unbedingt vertrauen. Indessen nehme ich an, daß dieses große Attachement des Fürsten wesentlich durch den Umstand bedingt wird, daß der Doctor kein Preuße, sondern Hannoveraner ist, der Sohn eines kleinen Beamten am Hofe des Königs Georg, der den Knaben, dessen Eltern früh starben, auf seine Kosten hat erziehen lassen. Da kann man es dem armen Menschen freilich nicht verdenken, daß er 1866 als Freiwilliger den unglücklichen Feldzug gegen uns mitgemacht hat. In der Schlacht von Langensalza – das, wie Du wissen mußt, nur wenige Meilen von hier liegt – ist er verwundet worden und im folgenden Frühjahr, ich weiß nicht durch welchen Zufall, hierher gerathen und in den Dienst des Fürsten getreten, der sich doch gewissermaßen mit dem unglücklichen König Georg in gleicher oder doch ähnlicher Lage befindet und seine ehemalige Souveränetät ebenfalls nicht verschmerzen kann. Aber darüber sprechen wir ausführlich, wenn Du hierherkommst. Es ist das ein gar delicater Punkt und ich wünschte wohl, daß Heinrich etwas mehr Verständniß dafür zeigte. Aber Du weißt ja, daß Rücksichten nehmen nicht gerade seine starke Seite ist, und so hat denn die Conversation schon ein paarmal eine recht häßliche Wendung genommen, woran freilich im Grunde fast immer Hedwig Schuld war, die so antipreußisch thut, als hätte sie mindestens selber durch den Krieg eine Krone verloren.

Es ist das ein recht häßlicher Zug von Hedwig, dem es auch hauptsächlich zuzuschreiben ist, daß wir noch gar nicht auf einen leidlichen Fuß kommen können.

Du darfst versichert sein, liebste Mama, daß ich unserer Verabredung ganz getreu geblieben bin und es ihr gegenüber in Artigkeit nie habe fehlen lassen. Ich bin ihr mit dem schwesterlichen Du entgegengekommen, habe sie noch jedesmal, wenn wir uns das erstemal am Tage sahen, und am Abend, wenn die Gesellschaft auseinanderging, umarmt; aber das scheint nicht den geringsten Eindruck auf sie zu machen und ich glaube manchmal wirklich, das arme Kind hat vor Hochmuth den Verstand verloren.

Ich bedauere nur die liebe alte Durchlaucht, die doch wahrhaftig nicht eine solche Mesalliance eingegangen ist, um hinterher mit schnödem Undank belohnt zu werden und den ganzen Tag kein freundliches Wort von seiner Frau – wenn man dergleichen Frau nennen darf – zu hören und keinen freundlichen Blick zu erhalten. Ich habe genau darauf geachtet und kann es beschwören, und trotzdem nimmt der liebe alte Herr die undenklichsten Rücksichten auf sie, daß er wahrhaftig nicht mehr thun könnte, wenn sie eine Prinzessin von Geblüt wäre und ihm ein Herzogthum zugebracht hätte.

Nun, liebste Mama, uns kann das ja eigentlich nur recht sein, denn allzu scharf macht schartig; und so sagte ich auch gestern Abend, als wir nach Hause kamen, zu Heinrich, aber er wurde gleich so heftig und eigentlich recht unartig. Als ob ich etwas dazu könnte! Heinrich sollte doch wirklich dankbarer sein, wenn ich ihm sein Faible für Hedwig niemals vorgerückt habe. Und er hat so gar keine Ursache dazu, wieder in seine alte Schwachheit zurückzufallen, denn Hedwig behandelt ihn nichts weniger als liebenswürdig, was ihr freilich um so leichter wird, da sie es gegen Niemanden ist. Mit dem Doctor, zum Beispiel, spricht sie gar nicht. Der Himmel mag wissen, was der ihr gethan hat! Vielleicht neidet sie ihm die Gunst, in welcher er bei dem Fürsten steht; vielleicht verzeiht sie ihm seine unglückliche Liebe zu einer kleinen Rothebühlerin nicht, der Tochter von des Fürsten Kanzleirath, einem unglaublich insipiden Geschöpf, das, wie ich höre, halb und halb mit einem Herrn von Zeisel verlobt ist, dem Cavalier des Fürsten, für den sie auch wohl besser paßt, als für meinen Doctor.

Du siehst, liebste Mama, ich habe mich schon ganz eingewöhnt und weiß von Allem ordentlichen Bescheid. Das ist ja auch nothwendig, wenn ich hier über lang oder kurz die Herrin sein soll. Und nun, nachdem ich mich mit meiner liebsten Mama wieder einmal so recht ausgeplaudert, will ich nur Sophie klingeln, Toilette machen und eine Stunde spazieren fahren.

Ich erwarte eigentlich den Doctor, aber er bleibt mir zu lange und vielleicht begegne ich ihm unterwegs, da ich weiß, wo er hingeritten ist.

P.S. Eben, als ich Sophie weggeschickt hatte, um den Wagen zu bestellen, kam der Doctor doch noch und ich habe wieder eine lange, höchst interessante Unterredung mit ihm gehabt. Denke Dir nur meinen Schrecken: er will fort! Er hat schon an dem Tage vor unserer Ankunft den Fürsten um seine Entlassung gebeten, die ihm Durchlaucht, Gott sei Dank, verweigert hat. Nun ist er freilich geblieben, aber er hielt es für seine Pflicht, wie er sagte, mir mitzutheilen, daß er nichtsdestoweniger sein Bleiben nur noch nach Tagen berechne.

Ich habe ihm sofort erklärt, daß er an ein Fortgehen nicht denken dürfe, daß wir ganz und gar auf ihn gerechnet haben, daß er unmöglich eine Dame in meiner Lage hilflos lassen könne. Natürlich blieb diese kleine Attaque, die ich mit Willen etwas lebhaft machte, nicht ohne den gewünschten Erfolg. Solche Leute widerstehen uns ja nie, wenn wir es darauf anlegen. Er hat mir in die Hand versprochen, nicht zu gehen, ohne vorher für ausreichenden Ersatz gesorgt zu haben – den alten, stumpfen Landdoctor von Rothebühl nehme ich natürlich nicht als Ersatz – und dabei habe ich die Bemerkung gemacht, daß der Mann die aristokratischste Hand hat, die man sich denken kann.

Er ist ein Phänomen.

Eben kommt die Cavalcade zurück. Ich höre sie über die Brücke galoppiren. Ach, daß ich auf dergleichen nun so ganz verzichten muß! Es ist zu hart! Und Hedwig macht sich das natürlich zu nutze. Sie reitet nicht schlecht, obgleich ich glaube, nicht so gut wie ich, aber sie kokettirt natürlich mit ihrer Kunstfertigkeit und thut, als ob sie nicht leben könne, wenn sie nicht alle Tage ein paar Stunden im Sattel gesessen hat. Ich fürchte, es wird doch bei aller meiner Gutmüthigkeit auf die Dauer recht schwer werden, Prinzessin Hochmuth gegenüber die Rolle, die wir uns vorgeschrieben haben, durchzuführen.

Adieu, liebste Mama, ich höre Heinrich in seinem Zimmer und muß eilig schließen. Er bekümmert sich freilich, Gott sei Dank, nicht um meine Korrespondenz, aber es ist immer unbequem, wenn man weiß, daß der Mann jeden Augenblick hereinkommen und Einem im Vorbeigehen auf das Papier sehen kann; und Heinrich hat so scharfe Augen. Adieu!«

 

Der Graf trat herein, ging quer durch den Raum auf den Balcon und blickte, sich auf das Geländer stützend, zu den Bergen hinüber, in den Garten hinab.

Dann kam er wieder in das Zimmer.

Ah, sagte er, ich hatte Dich nicht gesehen.

Ich dächte, wir hätten uns seit gestern Abend nicht gesehen, lieber Freund, sagte Stephanie, die Briefmappe schließend.

Freilich, sagte der Graf, Du warst ja so müde und ich auch.

Und konntest doch so heftig gegen Deine kleine Frau sein, sagte Stephanie aufstehend und sich an die hohe Gestalt des Gatten schmiegend.

Ich heftig? erwiederte der Graf, das blonde Haar der jungen Frau streichelnd. Wo denkst Du hin! Lebhaft vielleicht, aber gewiß nicht heftig. Weiß ich doch gar nicht mehr, um was es sich handelte. Jetzt erinnere ich mich. Du machtest eine Bemerkung über das Verhältniß zwischen dem alten Herrn und Hedwig, die mir nicht gefiel. Und ich meine wirklich, wir sollten die Delicatesse haben, uns jedes Commentars darüber zu enthalten.

Ich dächte, Du hättest seinerzeit genug darüber commentirt, sagte Stephanie, die sich in einen Fauteuil gesetzt hatte.

Seinerzeit, sagte der Graf, es hat eben Alles seine Zeit. Jetzt sind wir hier zu Gaste, und es ist nur billig, wenn man gegen seine Wirthe freundlich und nachsichtig ist.

Nun, ich dächte, ich hätte es an Freundlichkeit und Nachsicht aller Art nicht fehlen lassen, sagte Stephanie.

Aller Art, mit Ausnahme vielleicht der rechten, sagte der Graf, im Zimmer hin- und hergehend. Laß mich offen sein, Stephanie; Deine Art Freundlichkeit gefällt mir nicht. Und was Du Nachsicht nennst, hat etwas zu viel von der Absicht, die man bekanntlich nicht merken darf, soll sie nicht verstimmen. Man merkt aber bei Dir die Absicht. Du unterschätzest den Fürsten. Er ist bei allen seinen Schrullen ein echter Gentleman von feinstem Tact. Man darf ihm nicht allzu deutlich den Hof machen. Meine Frau darf es wenigstens nicht aus zwei Gründen: einmal, weil sie meine Frau ist, Du weißt, was ich damit sagen will; sodann weil ihn seine Frau – denn das ist die Hedwig doch nun einmal – an diese Sorte Freundlichkeit – verzeihe mir das Wort – nicht gewöhnt hat, und es nun immer den Anschein gewinnt, als wolltest Du Hedwig eine unschickliche Concurrenz machen.

Du bist sehr zärtlich für Hedwig besorgt, sagte Stephanie.

Umgekehrt, sagte der Graf, ich bin für Dich besorgt, wenn ich Dein Betragen gern so schicklich wie möglich sehen möchte. Du bist mir auch gegen Hedwig zu freundlich; auch sie wirst Du damit nicht gewinnen, wirst sie nicht vergessen machen, wie Du früher oft und nur zu oft die Herrin herausgekehrt, sie ihre abhängige Lage mitleidslos hast fühlen lassen. Frage Dich doch selbst, ob Du von Hedwig bis jetzt etwas Anderes als höflich kühle Zurückweisung erfahren hast! Du wirst mir zugeben, daß dieses Schauspiel für mich gerade nicht erbaulich ist.

Bin ich nicht, sagte Stephanie, auch gegen die Anderen zu freundlich: gegen Herrn von Zeisel, gegen den Doctor, gegen –

Wenn ich ganz offen sein soll, ja, erwiederte der Graf lebhaft, besonders gegen den Letzteren, bei dem Du abermals das Unglück hast, an den Unrechten gerathen zu sein. Der Mann haßt uns preußische Aristokraten mit dem doppelten Haß des Hannoveraners und Demokraten. Ich beehre ihn freilich nicht wieder mit meinem Haß – dazu finde ich keine Veranlassung – aber ich mag ihn auch nicht, und ich wünschte wohl, daß wir, da wir uns seine Gesellschaft nun einmal gefallen lassen müssen, ihm wenigstens sonst für weiter nichts verbunden wären. Und das bringt mich auf den Punkt, über den ich eigentlich mit Dir sprechen wollte. Du schriebst ja wohl an Deine Mama; möchtest Du nicht hinzufügen, daß ich auf unseren ursprünglichen Plan zurückgekommen bin und sie bitte, den Geheimrath auf jeden Fall mitzubringen?

Aber mein Gott, sagte Stephanie ernstlich erschrocken, das geht ja nicht mehr, das würde den Fürsten empfindlich beleidigen und den Doctor dazu. Ich habe ihn ja gewissermaßen ganz ausdrücklich engagirt – noch heute Morgen – vor einer Stunde.

Ich sehe nicht ein, erwiederte der Graf, weshalb Du hier nicht ebensogut, wie in Berlin gelegentlich – und noch dazu bei einer solchen Gelegenheit! – zwei oder drei Aerzte haben solltest. Und nun, liebes Kind, muß ich Dich verlassen. Ich will noch vor dem Diner mit Zeisel nach einem benachbarten Gute reiten, wo ein paar Pferde, die er als vorzüglich rühmt, zu kaufen sind. Es ist mir nicht angenehm, immer des Fürsten Pferde reiten zu müssen, und die meinen mag ich mir nicht nachkommen lassen. Wer weiß, wie schnell ich nach Berlin zurück muß. Adieu, liebes Kind, und nicht wahr, Du thust mir den Gefallen?

Der Graf berührte die Stirne seiner Frau flüchtig mit den Lippen und verließ das Gemach. Stephanie war regungslos in ihrem Fauteuil sitzen geblieben, wie es ihre Gewohnheit war, wenn sie mit ihrem Gatten eine lebhaftere Scene gehabt hatte. Sie hegte gar keinen Zweifel mehr über zwei Dinge: einmal darüber, daß der Graf auf dem besten Wege sei, sich wieder in Hedwig zu verlieben, wenn er es nicht bereits gethan, und zweitens, daß er sie im Verdacht habe, sich für den Doctor zu interessiren.

Sie wußte nicht, ob sie sich über das Erstere mehr ärgern, oder über das Letztere mehr freuen solle. Daß der Graf schönen Frauen leidenschaftlich den Hof zu machen pflegte, war ihr nicht gerade etwas Neues, aber sie hatte ihn, trotzdem sie ihm ein- und das anderemal dazu Gelegenheit gegeben, jetzt zum erstenmal eifersüchtig gesehen. Das war pikant, das schmeichelte ihrer Eitelkeit. Dem Willen des Grafen mußte sie natürlich Folge leisten; man konnte ihm nicht ungestraft widersprechen oder gar zuwiderhandeln. Aber die kleine Genugthuung, den schönen Doctor vollends zu umstricken, wollte sie sich wenigstens gewähren.

Dieser Gedanke hatte etwas so Tröstliches für Stephanie, daß sie in einer zweiten Nachschrift der Mutter den Wunsch ihres Gemahls ohne besondere Bitterkeit melden und bei der Tafel mit jener Freundlichkeit erscheinen konnte, die der Graf für so unangebracht und sie selbst für so bezaubernd hielt.

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