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Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Sechstes Kapitel.

Heute Morgen in der Conferenz, welche der Fürst vor dem Frühstück mit seinen Beamten zu halten pflegte, hatte Herr von Zeisel gemeldet, daß der Fasaneriepark und das Theehaus zur Aufnahme der Gesellschaft in Stand gesetzt seien, und daß er Durchlaucht um die Erlaubniß bitte, für heute Abend den Thee oben ansagen zu dürfen.

Der Fürst hatte diese Erlaubniß nur halb widerwillig gegeben; und er ward erst, als bei der Tafel die Rede auf das Theehaus kam, durch Hedwigs Unbefangenheit beruhigt. Sie sei dem Fürsten dankbar, daß er ihr die romantische Grille vertrieben. Wenn man sie und den Prachatitz länger hätte walten lassen, wäre das Theehaus eine klägliche Ruine in einem Urwald gewesen. Jetzt habe sie selbst ihre Freude an der Restauration und sie hoffe heute Abend einige Ehre einzulegen.

Hedwig hatte nicht zu viel versprochen. Die Wiederherstellung des Hauses und des Parks war in der That eine vollkommene. Man überschüttete Hedwig mit Lobeserhebungen, welche sie auf Herrn von Zeisel ablenkte, der wiederum behauptete, er habe nichts weiter gethan, als die Angaben der gnädigen Frau blindlings ausgeführt.

Besonders war der Fürst entzückt.

Was ich noch mehr bewundere, sagte er, als die staunenswerthe Schnelligkeit der Arbeit, das ist die feine Empfindung, mit welcher man dem Geist der Zeit, der diese ganze Anlage geschaffen, bis in seine leisesten, fast verschütteten Spuren nachgegangen ist. Sie müssen wissen, lieber Graf, daß wenigstens ein Jahrhundert über dies Alles hier hinweggezogen, ohne daß sich irgend Jemand ernstlich darum bekümmert hätte. Die Wege verwachsen, die Bosquets undurchdringliches Gestrüpp, die verschnittenen Bäume und Hecken aus aller Form gewildert, die Statuen umgesunken, die Grotten verfallen – eine romantische Wüstenei, wie Hedwig heute Mittag mit Recht sagte; aber so romantisch, so wüst, daß unser gemeinschaftlicher Ahnherr Erich XXXIV., der Schöpfer der Fasanerie, vermuthlich seine eigene Schöpfung nicht wieder erkannt haben würde. Und nun hat eine sinnige Hand die entstellenden Spuren von hundert Jahren weggewischt und Alles ist wieder wie es war.

Der Fürst hatte bei diesen Worten Hedwigs Hand ergriffen und an seine Lippen geführt.

Auch der Graf beeilte sich, seine Zustimmung auszusprechen.

Ich vermag ja nicht zu beurtheilen, sagte er, was Alles geschehen mußte, um dies hervorzubringen. Ich kann nur versichern, daß das Ganze auf mich den harmonischsten, liebenswürdigsten Eindruck macht. Auf Dich nicht auch, liebe Stephanie?

Ganz gewiß, erwiederte die Gräfin; Alles harmonirt. Wir sind die einzigen Flecken in dem Gemälde; ich schlage vor, daß wir morgen uns sämmtlich wieder hier zusammenfinden, aber – wenn ich bitten darf, im Costüme Louis XV. Was sagst Du dazu, Hedwig?

Die Gräfin lachte hell auf.

Ich spiele nicht gern Comödie, antwortete Hedwig trocken.

Wollen wir nicht weiter gehen? sagte der Fürst.

Man kam zum Theehause. Der Fürst führte Stephanie die gewundene Treppe hinauf.

Ich mache Durchlaucht viel Mühe, sagte die Gräfin; ich bin Durchlaucht aber auch von Herzen dankbar.

Der Fürst drückte den schönen Arm, der in dem seinen ruhte.

Ich bin nach dieser Seite hin nicht gerade verwöhnt, erwiederte er, und seine Augen richteten sich dabei unwillkürlich auf Hedwig, die bereits oben auf der Terrasse stand.

Und doch wüßte ich Niemand auf Erden, der so viel Anspruch auf Dankbarkeit hätte, sagte Stephanie, welcher der Blick des Fürsten nicht entgangen war.

Der Fürst seufzte.

Ich glaube, Durchlaucht ist ein wenig hypochondrisch, fuhr Stephanie mit schelmischem Lächeln fort; seine unterthänige Dienerin wird sich Mühe geben, ihm diese kleine Schwäche – die einzige, die sie hat bemerken können – abzugewöhnen.

Da wären Sie freilich die Erste, die sich eine so undankbare Mühe gäbe, und Sie würden vermuthlich auch die Letzte sein, erwiederte der Fürst, indem er auf Stephaniens heiteren Ton einzugehen versuchte.

Durchlaucht belieben zu scherzen.

Stephanie fand das Theehaus, die Lage, die Einrichtung – sie fand Alles entzückend.

Ich habe doch so manches Lusthaus in königlichen Gärten gesehen, rief sie, aber keines, welches den Vergleich mit diesem aushielte. Wahrhaftig, die wahre Poesie des Rococo! Und wie wundervoll dieser Blick in die Berge, wechselnd nach jeder Seite, und auf der einen immer schöner als auf der andern! Und, Alles in Allem, wie behaglich, wie ganz geschaffen zum Sinnen und Träumen! Das muß etwas für Dich gewesen sein, Hedwig! Du wußtest von jeher in dem Sande des Alltagslebens die poetischen Perlen zu finden. Wahrhaftig, jetzt begreife ich erst die Größe des Opfers, das Du uns gebracht hast! Solchen Heimathswinkel des Herzens öffnet man nicht gern den Anderen. Aber die Anderen wissen es Dir auch zu danken. Nicht wahr, Durchlaucht?

Gewiß, gewiß, sagte der Fürst, obgleich ich eigentlich ein wenig ungehalten sein sollte, denn Sie, meine Herrschaften, ahnen doch kaum, wie groß das Opfer ist. Ich sehe, Hedwig, Du hast selbst Dein Atelier ausräumen lassen; das heißt die Güte zu weit treiben.

Ich meine, es heißt uns Eindringlinge für Barbaren erklären, sagte der Graf.

Bitte, bitte, liebe Hedwig, das mußt Du redressiren, rief Stephanie, und Du mußt mir erlauben, Dich hier zuweilen zu besuchen. Du weißt, welches Interesse ich von jeher an Deinen Studien genommen habe. Und für die Malerei hattest Du immer ein so entschiedenes Talent. Du hast es gewiß sehr, sehr weit gebracht. Nicht wahr, Durchlaucht?

Das müssen Sie den Prachatitz fragen, erwiederte der Fürst lächelnd, jenen Alten mit dem grauen Bart, der uns vorhin in der Fasanerie herumführte. Er allein ist begnadigt, die Arbeiten unserer Künstlerin bewundern zu dürfen. Gegen uns Andere – mich nicht ausgenommen – hüllt sie sich in ein eifersüchtiges Dunkel. Freilich, Sie wollen nicht vergessen, liebe Gräfin, daß wir Alle hier vielleicht zu einsam gelebt und Alle etwas einsame Neigungen ausgebildet haben, die wir unsern Gästen zu Ehren ein wenig ablegen wollen, nachdem unsere liebe Hedwig mit einem so guten Beispiele vorangegangen. Aber es ist, glaube ich, Zeit, daß wir unsern Thee einnehmen.

Er bat um Stephaniens Arm, sie aus dem Seitengemache, in welchem das Gespräch stattgefunden, nach der Rotunde zu führen, wo der Thee servirt war.

Graf Heinrich führte Hedwig; der Cavalier und Hermann folgten. In dem Augenblicke, als der Fürst mit Stephanie bereits an den Tisch getreten war und die beiden Herren noch ein wenig im Hintergrunde zögerten, beugte der Graf seine hohe Gestalt zu Hedwig herab und sagte leise und dringend:

Ich beschwöre Sie, gnädige Frau, gewähren Sie mir einige Minuten ungestörter Unterredung!

Hedwig hob die dunklen Augenwimpern und sah den Grafen mit einem so eigenthümlichen Blick an, daß ihn ein Schauer durchbebte. Sie war viel schöner, als damals, wo sie ja eigentlich noch ein halbes Kind gewesen war; aber welcher Trotz schürzte jetzt diese rothen Lippen, welcher Stolz blickte aus diesen braunen Augen!

Der Graf wußte nicht, ob er sich freuen solle, eine Bitte gewagt zu haben, die ihm schon seit der ersten Stunde auf den Lippen geschwebt hatte. Er hatte während des Thees Zeit, darüber nachzudenken; jedenfalls war er vorläufig ohne Antwort geblieben. Er mischte sich wenig in die Unterhaltung, die fast ausschließlich von dem Fürsten und Stephanie geführt wurde. Seine Augen ruhten wiederholt auf dem lebhaften Antlitze seiner Frau und glitten dann immer wieder zu Hedwig hinüber. Es kam ihm sonderbar vor, daß er jemals für seine Frau ernsthaft gefühlt haben sollte. Wieder und immer wieder verglich er sie mit Hedwig, und er mochte den Vergleich anstellen, von welcher Seite her er wollte, stets fiel derselbe zu Ungunsten seiner Gattin aus. Selbst die größten Schönheiten der reizenden Frau, ihr ungemein reiches blondes Haar, ihre weichen, von langen Lidern umfächerten blauen Augen, ihr blendend weißer Teint verblaßten neben den dunklen tiefen Farben Hedwigs. Winterlicher Mondschein neben Sommersonnengluth, sagte der Graf bei sich und dann fuhr er jäh aus seinen Träumereien auf und suchte den Faden des Gesprächs, den er verloren, wieder zu erhaschen.

Weshalb nur, sagte Stephanie, ist dieses reizende Haus trotz seiner schönen und bequemen Lage von seinen letzten Besitzern, sowohl von Durchlauchts seligem Herrn Vater, als auch von Durchlaucht selbst so arg vernachlässigt worden? Ich kann mir nicht anders denken, als daß hier irgend eine romantische Veranlassung vorliegt, die ich – offen gestanden – herzlich gern kennen lernen möchte.

Sie irren, liebe Gräfin, erwiederte der Fürst. Es handelt sich hier gar nicht um einen galanten Roman, um ein dunkles Geheimniß, aus welchem ein paar schöne blaue oder braune Augen hervorschimmern, vielleicht gar gezückte Degen blitzen. Im Gegentheil, das Ereigniß, das hier hineinspielt, gehört der Geschichte an. Wer glauben Sie, meine Damen und Herren, ist es gewesen, der hier zuletzt gewohnt, der hier zuletzt an dieser selben Stelle, an diesem selben Tisch soupirt, für wen jener Kronenleuchter zum letztenmal gebrannt hat? Nun, Sie würden es nicht rathen, und so will ich es Ihnen sagen, wer es war: kein Geringerer als Napoleon nach der Schlacht bei Jena. Ich wiederhole, lieber Graf, die Sache gehört der Geschichte an, und so dürfen wir mit voller Ruhe darüber sprechen und es kann Niemanden kränken, wenn ich der Geschichte nacherzähle, daß mein hochseliger Vater, ein Schüler Rousseau's und begeisterter Apostel der humanitären Bestrebungen des vorigen Jahrhunderts, in dem Kaiser der Franzosen den Gesalbten Gottes, den Vollstrecker der großen Ideen der Menschheit sah, für welche er selbst schwärmte. Ich, sein Sohn, brauche wohl kaum hinzuzufügen, daß seine Begeisterung für den Kaiser auch nicht durch den Schatten des Egoismus getrübt wurde. Man hat daran , weil ein großer weltlicher Vortheil im Hintergrunde gestanden habe: die unbedingte Herstellung der ehemaligen Souveränetät, Vermehrung des Gebiets auf den Umfang, den das Fürstenthum zur Reichszeit besessen, ja, die Krone eines neu zu errichtenden Herzogthums. Nun will und kann ich nicht leugnen, daß dies Alles sich so verhielt, aber für meinen hochseligen Vater – ich bin davon auf's tiefste überzeugt – war dies Alles nur Mittel zum Zweck, und dieser Zweck kein anderer, als die Realisirung seiner Träume von Menschenwohl und Menschenglück in großartigem Maßstabe. So begrüßte er den Kaiser, so empfing er den Kaiser, den er schon von Paris her kannte und dessen Gastfreundschaft er nur erwiederte, als er denselben auf dem Schloß seiner Ahnen willkommen hieß. Hier in diesem Pavillon, dessen Lage ihn wunderbar anzog, hatte der Kaiser Wohnung genommen.

Der Fürst schwieg einen Augenblick und strich sich mit der Hand über die Stirn, dann fuhr er, wie aus einem Traume erwachend, fort:

Es war der Glanzpunkt in dem Leben meines unglücklichen Vaters. Er sah sich schon auf der Höhe, die ihm vor Vielen gebührte; er fühlte sich bereits als das Centrum eines großen Kreises, bis zu dessen äußersten Grenzen sein großes schönes Herz Leben, Licht und Wärme ausstrahlte. Es war nur ein Traum. Nur zu bald sah er, daß Napoleon seine Versprechungen nicht erfüllen wollte oder konnte, und daß es nur ein Traum gewesen, hat jenes schöne große Herz gebrochen. Die Gegenwart war ihm durch den Sturz seines Helden, durch die Anfeindungen, denen er sich selbst ausgesetzt sah, verbittert; die Zukunft konnte ihm nichts mehr bringen; an die Vergangenheit mochte er nicht weiter erinnert sein. Vor Allem hat diese Stätte, die gleichsam die Wiege jenes Traumes war, die ihm durch die grenzenlos schmerzliche Erinnerung zugleich geweiht und verflucht erschien, sein Fuß nie wieder betreten.

Das Fürsten Stimme hatte bei den letzten Worten gezittert und wieder strich er sich mit der Hand träumend über die Stirn.

Was mich nun betrifft, fuhr er in leichterem Tone fort, denn ich sehe, liebe Stephanie, daß Ihnen diese Frage auf den Lippen schwebt, so habe ich meinen Vater so tief bewundert und so heiß geliebt, daß ich ihn selbst in seinen Schwächen verehrungswürdig und nachahmenswerth fand. Dieser Park, den sein Fuß nie betrat, galt auch mir von vornherein unbetretbar; und es hat lange gedauert, bis ich meine Scheu so weit überwinden und wenigstens die Erlaubniß zur Wiedereinrichtung der Fasanerie geben konnte. Ja, ich will es jetzt gestehen, es berührte mich förmlich unheimlich, als Du, liebe Hedwig, von Anfang an Dich so hiehergezogen fühltest. Ich meinte immer, Dich hier vor bösen Dämonen beschützen zu müssen. Nun freilich sehe ich, wie unnöthig das war, und wie behaglich es sich in dem verwunschenen Hause Thee trinkt. Ich danke Allen, die mir zu der angenehmen Stunde verholfen: unseren verehrten Gästen, welche die erste Veranlassung gewesen; Dir, liebe Hedwig, die Du uns Dein Asyl geopfert; Ihnen, lieber Zeisel, daß Sie bei dem schönen Arrangement so wacker mitgeholfen, und Ihnen, bester Doctor, daß Sie mir, trotz meiner Indisposition, die Erlaubniß gegeben, heute Abend auszufahren, aber jetzt gewiß an den alten Spruch erinnern werden, daß man die Tafel aufheben soll, wenn es Einem am besten mundet.

Der Fürst gab das Zeichen zum Aufbruch. Die Wagen hielten vor dem Pavillon. Als die Gesellschaft auf die Rampe hinaustrat, ging eben der Mond über den Wäldern auf, während im Westen der letzte Schein des scheidenden Tages den Horizont umdämmerte. Die Luft war sommerlich warm; kein Lüftchen regte sich in den hohen Bäumen, deren Silhouetten sich scharf von dem lichteren Himmel abhoben.

Ich möchte mir fast den Vorschlag erlauben, daß Durchlaucht die Wagen ein wenig voraussendet und wir zu Fuß gehen; sagte der Graf.

Bravo! sagte der Fürst. Wir müssen etwas für die Damen thun. Mondscheinpromenade, das ist das Wort! So etwas darf man nicht verabsäumen. Ich weiß nur nicht, ob unsere theure Gräfin – nun denn, lieber Zeisel, wollen Sie den Leuten Bescheid sagen: bis zur großen Eiche, das ist der halbe Weg; und mir dann Ihren Arm geben, ich möchte Sie etwas fragen.

Die Wagen waren vorausgefahren. Der Fürst sah im Dunkeln sehr schlecht und fürchtete, wenn er die Führung einer Dame übernähme, seine Schwäche zu verrathen. Selbst jetzt ging er vorsichtig langsam. So kam es, daß die Anderen, der Graf und Hedwig, die Gräfin und der Doctor, bald eine Strecke voraus waren, und da die Ersteren in eifrigem Gespräch, wie es schien, weiter schritten, die Letzteren langsamer gingen, um den Fürsten herankommen zu lassen, zwischen den Paaren ein Zwischenraum entstand, der die Freiheit der Unterhaltung sehr begünstigte.

Haben Sie meinen Auftrag ausgeführt, lieber Zeisel, und herauszubringen gesucht, was ihn eigentlich von uns treibt? fragte der Fürst.

Ich kann mir nicht anders denken, Durchlaucht, als daß der von dem Herrn Doctor angegebene Grund der wahre ist, erwiederte der Cavalier. Jedenfalls ist Fräulein Iffler, wie Durchlaucht anfänglich vermutheten, nicht im Spiel. Ich glaube das mit Bestimmtheit zu wissen.

Das ist ja sehr unangenehm, sagte der Fürst. Ich hoffte noch immer, von jener Seite her für ihn eine Fessel zu finden. Daß ich selbst ihn nicht zu halten vermag, Euch Alle nicht zu halten vermag, habe ich immer gewußt und niemals tiefer empfunden, als jetzt, wo über Roda dieses neue Gestirn aufgegangen ist.

Durchlaucht meinen –

Unsern Grafen, lieber Zeisel; wen anders könnte ich meinen! Gestehen Sie nur, Sie sind fascinirt, Ihr Alle seid es. Der Rattenfänger von Hameln ist ein Lehrbube gegen diesen Meister. Worin seine Meisterschaft besteht, ich weiß es nicht; aber wissen möcht' ich's, sehr gern.

Der Fürst sagte das Alles in seiner heitersten, scherzhaftesten Weise, aber selbst der junge Cavalier, so wenig er auf dergleichen zu achten pflegte, glaubte herauszufühlen, daß diese Heiterkeit gemacht sei, daß dieser Scherz einen bitteren Ernst nur mühsam verhülle. Auch verfiel der Fürst alsbald in einen andern Ton und fuhr ohne allen Uebergang fort:

Die Wolken ziehen sich immer dichter am politischen Horizont zusammen. Ich habe heute eine Nachricht aus Paris, die mich sehr stutzig gemacht hat; ich kann die Empfindung nicht los werden, daß es bald zum Ausbruch kommen wird.

Ich meine, Durchlaucht sehen die Dinge doch zu schwarz, sagte der Cavalier.

Meinen Sie? sagte der Fürst in sonderbarer Erregung. Nun, die Sache hat auch ihre lichte Seite, ihre sehr lichte Seite, und aus dem Traume könnte doch noch Wirklichkeit werden. Ich bin ein deutscher Fürst, so deutsch wie Einer, aber gerade deshalb will ich kein preußischer Vasall sein, wenn ich es hindern kann; und wir werden die Fesseln, in die uns Preußen schmiedet, nie aus eigener Macht brechen können. Ich sage das Ihnen, lieber Zeisel, weil ich weiß, daß Sie den Erbfeind nicht da finden, wo ihn die bornirte Menge sucht; weil ich weiß, daß Sie mir nicht nur persönlich attachirt sind, sondern meine Sache auch die Ihre ist.

Auf alle Fälle darf Durchlaucht meiner unbedingtesten Discretion versichert sein, sagte der Cavalier.

Ich weiß es, lieber Zeisel. Und dabei fällt mir ein, ich habe ja ganz vergessen, Ihnen mitzutheilen, daß wir in den nächsten Tagen noch einen Gast mehr haben werden: den Marquis de Florville, den wir im Herbst 1866 in Rom als Attaché der französischen Gesandtschaft trafen, und den ich als einen liebenswürdigen, vielfach unterrichteten jungen Mann kennen und schätzen lernte. Er hat vor Kurzem seinen Vater beerdigt und kommt jetzt nach Deutschland, um unsere agrarischen Verhältnisse zu studiren. Ich hatte ihm in Rom von unserer Musterwirthschaft erzählt. Er bittet um die Erlaubniß, sich dieselbe ansehen zu dürfen. Der junge Mann schien mir nebenbei ein wenig verwöhnt. Sie werden gut thun, lieber Zeisel, Porst zu sagen, daß er ein Paar unserer besten Zimmer einrichtet.

Ganz wie Durchlaucht befehlen. Man darf also von dem bevorstehenden Besuche sprechen?

Weshalb denn nicht, lieber Zeisel? Mein junger französischer Freund ist doch kein geheimer Agent? Aber ich glaube, wir haben die Gesellschaft wieder eingeholt. Wer ist es?

Die Frau Gräfin und der Doctor, wie es scheint.

Da wird man über häusliche Angelegenheiten verhandelt haben.

Die Gräfin hatte kaum bemerkt, daß sie mit Hermann so gut wie allein war, als sie sich seinen Arm ausbat, um sich auf denselben fester zu stützen, als ihr Zustand vielleicht erforderte. Sie sagte dabei:

Dem Arzte gegenüber kann man ja seine Schwächen eingestehen, ohne sich etwas zu vergeben, nicht wahr, Herr Doctor?

O gewiß, gewiß! sagte Hermann, dessen Gedanken durchaus bei dem Paar weilten, welches eben vor ihnen her in dem dämmernden Walde verschwand.

Ich bin sonst sehr tapfer, fuhr die Gräfin fort, aber das Gefühl der großen Verantwortlichkeit macht mich zaghaft und feig. Sie werden mich auslachen, lieber Doctor; lachen Sie immerhin, Aber wenn Sie wüßten, was eine Frau empfindet, der nun schon zwei Kinder wenige Tage nach der Geburt entrissen wurden und die jetzt ein drittes erwartet – und wenn uns abermals ein Mädchen bescheert werden sollte, oder mein armer Heinrich stürbe –

Warum sollte der Graf sterben? sagte Hermann zerstreut.

Es wäre entsetzlich, sagte die Gräfin; denn sehen Sie, lieber Doctor: ist die männliche Nachkommenschaft ganz erloschen – und der Stifter hat auf diesen Fall nichts Ausdrückliches verordnet – so wird das Fideikommiß freies Eigenthum des zeitweiligen Besitzers, also des Fürsten, der es mit gewissen Einschränkungen vermachen kann, wem er will; so lautet die Successionsordnung im preußischen Landrecht.

In welchem die gnädige Frau, wie es scheint, sehr bewandert ist.

Nun, man hat wahrhaftig Ursache, sich darum zu bekümmern, wenn davon unsere ganze Zukunft und die Zukunft unserer Kinder abhängt, sagte Stephanie eifrig; und das ist ja hier durchaus der Fall. Freies Eigenthum, lieber Herr Doctor! Ich kann Ihnen sagen, es hat mir schon manche schlaflose Nacht gekostet. Erlöschen der männlichen Nachkommenschaft! und wir armen Frauen werden für Alles verantwortlich gemacht! Ist das nicht ein grausames Unrecht, lieber Herr Doctor? Bitte, bitte, Sie können es mir sagen: ist es wirklich kein Zufall, wenn jetzt so viele fürstliche Häuser aussterben?

Schließlich sind wir Alle sterblich, gnädige Gräfin.

Freilich, aber das beiseite; ich wollte Sie eigentlich etwas Anderes fragen. Unsere arme liebe Durchlaucht beunruhigt mich. Ich habe ihn, wie Sie wissen, seit vier Jahren nicht gesehen. Damals war er so rüstig, so munter, so – ich würde ihn jeden Augenblick selbst geheirathet haben – und jetzt finde ich ihn sehr gealtert, so gar nicht, wie ich ihn zu finden erwartete. Sagen Sie mir um Gottes willen, lieber Doctor, was ist das? Der bloße Einfluß der Jahre? Unmöglich. Der Fürst ist zweiundsechzig, was will das sagen! Ich kann mir nicht anders denken, als daß er ernstlich leidet. Sie dürfen gegen mich ganz aufrichtig sein.

Durchlaucht erfreut sich Alles in Allem einer vortrefflichen Gesundheit.

Wirklich! Gott lohne Ihnen das Wort! Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen. Aber so hat er irgend einen andern Grund des Kummers? Ich sagte ihm das heute Abend geradezu und er seufzte; Herr Doctor, er seufzte! Bitte, erklären Sie mir das. Sie dürfen meiner vollkommenen Discretion versichert sein.

Die gnädige Gräfin fordern wahrlich mehr, als wozu ich beim besten Willen von der Welt im Stande bin, erwiederte Hermann, dem dieses Gespräch von Minute zu Minute peinlicher wurde. Ich sollte indessen denken, daß so manche Sorge, welche einem so gütigen, weitblickenden Herrn nicht erspart bleibt, die drohende politische Lage –

Um Himmels willen, rief Stephanie, kommen Sie mir nicht damit, wie mein Mann, der anzunehmen scheint, daß ich mich für nichts Anderes interessire, und fortwährend behauptet, wir würden binnen kurzer Zeit einen Krieg mit Frankreich haben. Aber, Herr Doctor, Sie sind doch nicht Soldat; Sie sind ja wohl nicht einmal Preuße, ich meine geborener Preuße, denn schließlich gehört Ihr Hannoveraner jetzt doch zu uns. Aber, großer Gott, ich glaube, nun fange ich am Ende auch noch an, zu politisiren! Um wieder auf unser Thema zurückzukommen, Sie kennen mich nicht lange genug, lieber Doctor, und wissen nicht, daß man mir Alles sagen darf. Und dann vergessen Sie nicht, Hedwig und ich sind von unserem dritten Jahre an zusammen gewesen, zusammen groß geworden. Und ich verstehe in Folge dessen Hedwig besser als irgend ein Mensch, vermuthlich sogar als sie sich selbst. Da kann mir denn so Manches nicht entgehen, was für Andere allerdings unverständlich sein muß. Ich habe es ihr damals genug gesagt: Du machst Dich unglücklich, Hedwig, und den Fürsten nicht glücklich. Es war vergebens; sie wollte ihren Willen haben. Sie hat ihn gehabt. Es ist nicht immer gut, lieber Herr Doctor, wenn die Menschen ihren Willen haben.

Freilich, freilich, murmelte Hermann.

Wir waren auch Alle ganz consternirt und gewissermaßen indignirt, fuhr Stephanie fort. Ich sehe noch immer die bestürzte Miene von Mama und der Graf war wirklich ganz außer sich. Nun, unter uns, wir hatten das vielleicht nicht um Hedwig verdient. Aber wir sind Alle ein wenig egoistisch. Meinen Sie nicht? Wie schade, ich hätte Sie noch so Vieles zu fragen, aber vielleicht haben Sie morgen die Güte –

Wo sind die Anderen? fragte der Fürst, der jetzt mit Herrn von Zeisel herankam.

Wir haben sie verloren, sagte die Gräfin.

Wir werden sie bei den Wagen wiederfinden, sagte Herr von Zeisel.

Unterdessen hatte der Graf kaum bemerkt, daß er, schnell vorwärts schreitend, einen hinreichenden Vorsprung gewonnen hatte, als er mit leiser leidenschaftlicher Stimme sagte:

Ich danke Ihnen, gnädige Frau, daß Sie mir meine Bitte so schnell gewährt haben.

Ich vermuthe, Sie haben keinen Grund, mir zu danken, erwiederte Hedwig.

Sie hatte ihren Arm aus dem ihres Begleiters gezogen, und in ihrer Stimme zitterte eine Aufregung, die der Graf keineswegs zu seinen Ungunsten auslegte.

Ich würde die Gnade einer Unterredung nicht erbeten haben, sagte er, wenn ich irgend hätte hoffen dürfen, daß Sie die stumme Sprache meiner Blicke verstehen würden, verstehen wollten. So aber –

Verzeihen Sie, Herr Graf, unterbrach ihn Hedwig, ich glaube, ich kann Ihnen alles Uebrige ersparen, wenn ich Ihnen sage, daß ich meinestheils nicht verstehe, daß es mir gänzlich unfaßbar ist, woher Sie, Herr Graf, den Muth nehmen, mich auch nur mit einem Blicke daran erinnern zu wollen, daß Sie und ich uns jemals vor dieser Zeit gekannt haben. Und da ich nun weiß, was Sie mir sagen wollten und Sie die einzige Antwort kennen, die ich Ihnen zu geben habe, so ist ja wohl diese Unterredung zu Ende.

Hedwig dachte in ihrer zornigen Aufregung nicht daran, daß, sollte diese seltsame Scene wirklich zu Ende sein, sie stehen bleiben und die Anderen herankommen lassen mußte. Sie ging mit hastigen Schritten vorwärts, der Graf blieb an ihrer Seite. Er hatte vorausgesehen, daß Hedwig ihm so antworten würde, und in die Leidenschaft, die mit jedem Augenblick sich mächtiger in seinem Herzen regte, während er so allein mit dem schönen Wesen durch den nächtlichen Park dahinschritt, fielen ihre Worte wie Oel in loderndes Feuer. Dennoch sagte er im gemessenen Tone sicherer Ueberlegenheit:

Freilich, gnädige Frau, ist diese Unterredung zu Ende, wenn Sie es befehlen; aber Sie würden Unrecht damit thun, sich selbst und mir. Sich selbst, denn es kann Ihnen nicht gleichgiltig sein, wie wir für jetzt und für die Folgezeit mit einander stehen; und mir thun Sie Unrecht, weil es dem Verbrecher verstattet sein muß, seine Vertheidigung zu führen. Ich bin mir keines Verbrechens bewußt, wohl aber, daß ich von Ihnen falsch beurtheilt werde; und ein solches Bewußtsein, gnädige Frau, drückt einen Mann von Ehre wie ein Verbrechen.

In der That, sagte Hedwig.

In der That, gnädige Frau, und deshalb müssen Sie mir verstatten, das zu sagen, was ich Ihnen an jenem Abend in Wiesbaden sagen wollte und –

Großer Gott, sagte Hedwig, ist es möglich, daß Sie mich daran erinnern dürfen, ist es möglich!

Es ist möglich, gnädige Frau, und es ist einfach nothwendig. Es ist nothwendig, daß, wollen wir zu einer Verständigung kommen, ich da wieder anknüpfe, wo der Faden abriß – ich frage nicht, ob durch meine Schuld oder wessen. Ja, bei Gott, gnädige Frau, heute müssen Sie mich anhören und, damit es Ihnen nicht allzu schwer wird, denken Sie, wir sprächen nicht von Ihnen und von mir; denken Sie, wir sprächen von dritten Personen: von einem jungen vierundzwanzigjährigen Manne und einem Mädchen von sechzehn Jahren. Der junge Mann ist Officier, von einem so alten und echten Adel, mit einem so großen Namen, daß er in der Gesellschaft wohl oder übel eine Rolle spielen muß. Er verkehrt in hohen und höchsten Kreisen, am liebsten aber in dem Hause seines Generals, der, als Obrist, Gouverneur der Cadettenschule war, in welcher er erzogen wurde, und dem er nach jeder Seite hin Außerordentliches verdankt. Die Gemahlin des Generals hat die Güte einer Mutter für den jungen Mann, und, wenn sie ihn merken läßt, daß sie es nicht ungern sehen würde, ihn Sohn nennen zu dürfen, so ist das wiederum ein Beweis mehr ihrer uneigennützigen Liebe, denn der junge Officier ist arm, blutarm, und der General nichts weniger als reich. Dennoch spricht man allerorten – in der Gesellschaft, bei Hofe – von dieser Verbindung als von einer selbstverständlichen Sache.

Da kommt der Krieg, den der junge Officier als Adjutant des Generals mitmacht, und der General fällt an der Seite des jungen Officiers, dem er sterbend seine Gattin, seine Tochter anvertraut. Der Officier wird verwundet. Er geht in Gesellschaft der Damen, die sich seine Pflege nicht nehmen lassen wollen, in ein Bad und trifft dort mit dem Senior seiner Familie, von dem er sich durch tiefgehende Familien-Differenzen geschieden weiß, den er selbst niemals vorher gesehen hat, zusammen. Auch jener protegirt gegen alle und jede Erwartung in auffallender Weise die besprochene Verbindung. Der Officier thut, was er – gleichviel ob gern oder ungern – wie die Dinge nun einmal lagen, unbedingt thun mußte – was jeder Andere an seiner Stelle gethan hätte: er spricht nur öffentlich aus, was seit zwei Jahren Jedermann weiß, und –

Die rührende Geschichte ist zu Ende, sagte Hedwig. Sie haben sie vortrefflich erzählt, so gar nichts hinzugesetzt, so gar nichts weggelassen, bis auf das junge Mädchen, Herr Graf, das von sechzehn Jahren, wissen Sie, mit welchem Ihre Geschichte anfing, und das hernach nicht wieder vorkommt. Aber das war wohl nur eine feine Allegorie, nicht wahr? Sie wollten damit andeuten, daß das junge Mädchen zu denen gehört, die in der Gesellschaft nicht zählen und die Aufgabe haben, auf den Wink eines Auges spurlos zu verschwinden, sobald sie im Wege stehen; und sie stehen leider immer im Wege. Oder dachten Sie, in diesem Theil der Geschichte wüßte ich denn doch am Ende besser Bescheid als Sie; wüßte besser, wie es dem jungen Ding zu Muthe war, wenn der Herr Graf kam und ging, und ging und kam und der Tochter vom Hause den Hof machte und – nein, Herr Graf, lassen wir die Masken fallen, spielen wir nicht weiter eine Comödie mit einander, die sich für uns Beide und gewiß für mich nicht schickt. Haben wir den Muth, uns offen in's Gesicht zu sehen und die Wahrheit zu sagen. Nur unter dieser Bedingung kann ich eine Unterredung, die ich nicht gewünscht, die ich nicht herbeigeführt habe, vor mir selbst rechtfertigen.

So hören Sie denn die Wahrheit, ich schäme mich derselben nicht, ich schäme mich nicht, es auszusprechen: daß ich Sie damals geliebt habe mit ganzer, voller Leidenschaft, und daß ich mich von Ihnen wieder geliebt glaubte! Ich will nicht untersuchen, ob ich ein Recht dazu hatte, ob Sie mir ein Recht zu dieser Annahme gegeben haben. Ich sage nur: es war so; ich muß es sagen, weil ich mich sonst in Widersprüche verwickeln würde, und ich darf es sagen, denn ich war jung, kindisch jung und unerfahren und konnte nicht begreifen, daß ein edles Herz etwas Anderes wollen könne als seine Liebe, daß es auf Erden ein Hinderniß, eine Schwierigkeit gebe, welche die Liebe nicht zu überwinden im Stande wäre. Nun, Herr Graf, ich muß jetzt selbst darüber lächeln. Damals lächelte ich nicht, damals lachte ich: ein wildes, verzweifeltes Lachen, als ich endlich mich nicht länger gegen die furchtbare Wahrheit verschließen konnte, daß der Mann, den ich liebte, von dem ich mich wieder geliebt glaubte, zum Verräther an meiner, an seiner Liebe werden konnte; als ich es, – denn keinem Andern hätte ich's geglaubt – aus dem Munde dieses Mannes hörte, und er nicht einmal die edle Grausamkeit hatte, mir zu sagen, daß unsere Liebe ein Irrthum gewesen sei; nein, im Gegentheil, bei Allem, was ihm heilig war, schwur, daß er mich noch immer liebe, immer lieben werde. Und Sie, Herr Graf, glaubten wirklich, diese unerhörte Scene sollte anders endigen? Sie glaubten wirklich und glauben vielleicht heute noch, daß es das letzte allmächtige Aufflammen der Liebe war in der bitteren Trennungsstunde, was mich an jenem Abend verhinderte, Ihre Hand von mir zu schleudern, den Kuß, den Sie mir zu geben wagten, nicht zu verweigern? Muß ich es wirklich sagen, auf die Gefahr hin, heute so wenig verstanden zu werden, wie damals? Nun wohl, auf diese Gefahr hin! Mir war ein Kuß der Liebe, der erste Kuß, heiliger, als dem Gläubigen die Hostie sein kann. So hätte ich den ersten Kuß gegeben, so hätte ich den ersten Kuß genommen; und weiter hatte ich nicht vergessen aus der Lehre von dem Abendmahl, daß, wer unwürdig zum Mahle des Herrn tritt, sich selber ißt und trinkt das Gericht! Das Gericht, hören Sie, Herr Graf, das Gericht! das allsogleich über den Verräther hereinbrechen müsse. Und als kein Blitzstrahl vom Himmel niederzuckte, als der Verräther nicht vor meinen Füßen zusammenbrach, als der Mond ruhig weiter schien und die Bäume über uns, als wäre das Unerhörte nicht geschehen, ihre Wiegenlieder weiter säuselten – da riß für mich der Vorhang, der mir mein Heiligstes verhüllt hatte, mitten durch; ich sah die Puppencomödie, die dahinter abgespielt wurde, und ich lachte, lachte, daß die Anderen herbeikamen und verwundert fragten, was es gäbe. Und, da wir von den Anderen sprechen, bemerke ich, daß wir vom rechten Wege abgekommen sind. Wunderlich! Ich kenne hier jeden Schritt, aber das Mondlicht läßt eben Alles anders erscheinen. Ach, jetzt sehe ich, wir haben uns zu weit rechts gehalten und werden zu hoch auf die Chaussée hinauskommen. Nun, von dort können wir glücklicherweise nicht mehr irren.

Hedwig sagte das in einem leichten Ton, der seltsam genug von dem abstach, in welchem sie zuletzt gesprochen. Der Graf rang vergeblich nach Worten. Die Unterredung hatte eine andere, eine ganz andere Wendung genommen, als er derselben hatte geben wollen. Nun war er zornig über sich selbst, und in demselben Augenblick war ihm Hedwig nie so anbetungswürdig, so begehrenswerth erschienen. Er mußte sich Gewalt anthun, daß er das schöne Wesen an seiner Seite nicht in seine Arme schloß, an seine Brust preßte und ihr sagte: Sprich, was du willst, demüthige mich, wie du willst, ich liebe dich dennoch, wie ich nie geliebt, nie geahnt habe, daß ich lieben könne. Und dort ein paar hundert Schritte die Chaussée hinab, die in dem Vollmondlicht hell schimmernd zwischen den dunklen Tannen lag, standen die Wagen; um die Wagen her ein paar Gestalten; die Gesellschaft war ohne Zweifel bereits angelangt. Die Unterredung war zu Ende. Sie durfte so nicht zu Ende sein; er sagte schnell:

Sie lachten, gnädige Frau, und gingen hin und gaben sich einem alten Mann, nicht für Gold und Macht und Rang – dessen sind Sie unfähig, ich weiß es wohl – aber, um sich an dem Verräther zu rächen und sich für Ihr ganzes Leben unglücklich zu machen.

Das ist zu viel! rief Hedwig! das ist schmachvoll! das ist eine Beleidigung!

Nein, gnädige Frau, keine Beleidigung, nur einfache, traurige Wahrheit, die mir in's Herz schneidet, so tief, daß ich sprechen mußte. Oder glauben Sie, ich würde nicht geschwiegen haben, hätte ich Sie so glücklich gefunden, wie ich Sie unglücklich gefunden, wie ich Sie unglücklich finde? Ja, gnädige Frau, das traurige Vorrecht, Sie besser zu kennen als andere Menschen, das werden Sie mir trotz alledem und alledem doch lassen müssen.

Ich hoffe Ihnen zu beweisen, daß, was Sie Ihr Herz zu nennen belieben, nichts ist, wie pure Eitelkeit, und das, was Sie mein Unglück nennen, nichts weiter ist, als das Unglück, das Ihnen begegnet ist, mich nicht unglücklich gemacht zu haben!

Möchten Sie mir das beweisen, gnädige Frau! sagte der Graf.

Was soll Ihnen Hedwig beweisen? fragte der Fürst, dessen scharfes Ohr die letzten Worte aufgefangen hatte.

Daß die gnädige Frau hier bei Nacht sich ebenso gut zurecht findet wie am hellen Tage, erwiederte der Graf. Sie ist mir eben den Beweis schuldig geblieben; wir wären sonst wohl zu gleicher Zeit mit den Herrschaften angelangt und brauchten jetzt nicht Durchlaucht wegen des Aufenthalts um Entschuldigung zu bitten.

Ich will nur wünschen, daß die Nachtluft unserer Gräfin nicht schadet, sagte der Fürst zu Stephanie gewendet, die bereits im Wagen saß.

O, die ganze Nacht möchte ich draußen bleiben! rief Stephanie, sich möglichst dicht in ihren weichen Mantel hüllend.

Stephanie übernahm es, die schweigsame Gesellschaft während der kurzen Rückfahrt zu unterhalten. Es war Alles so überaus reizend gewesen, so ganz nach ihrem Herzen: das herrliche Wetter, der wundervolle Park, das liebe Theehaus, die anmuthige Unterhaltung, und nun zuletzt die Romantik einer nächtlichen Promenade durch den mondscheindämmerigen Wald, während welcher sie Gelegenheit gehabt, in dem Doctor einen ebenso gescheidten wie unterrichteten Mann kennen zu lernen, zu dessen Acquisitum sie Durchlaucht nur Glück wünschen könne und der auch für sie ein rechter Trost sei. Mama sei schon besorgt gewesen. Sie wolle nun gleich morgen an die Mama schreiben, daß sie sich in diesem wie in jedem anderen Punkte vollkommen beruhigen dürfe. Sie habe sich Schloß Roda immer als einen reizenden Aufenthalt vorgestellt, aber es sei mehr als das, es sei ein Paradies.

Sie sind sehr gütig, liebe Gräfin, sagte der Fürst zerstreut. Sonst antwortete Niemand. Man legte den übrigen Theil des Weges schweigsam und, wie es schien, verstimmt zurück.

Auch in dem anderen Wagen hatten die beiden Insassen stumm neben einander gesessen.

Nur einmal hatte der Cavalier gesagt:

Ich glaube, Doctor, unsere Frau Gräfin ist eine kleine Schlange. Meinen Sie nicht auch?

Es fehlt ihr nur die Klugheit.

Bewahre! sagte der Cavalier lachend; in unserm Paradies brauchen die Schlangen nicht einmal klug zu sein.

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